Montagsmonolog - Essen ist besser als Sex

Essen hat mich nie so wirklich interessiert. Weder gutes noch schnelles noch vieles. Als ich in der Grundschule war, gab es ein Wurstbrot und einen Apfel in der Pause –…
Montagsmonolog

Essen ist besser als Sex

Essen hat mich nie so wirklich interessiert. Weder gutes noch schnelles noch vieles. Als ich in der Grundschule war, gab es ein Wurstbrot und einen Apfel in der Pause – und ich war zufrieden. Zu Hause machte meine Mutter dann Linseneintopf oder Fischstäbchen oder Pilzgeschnetzeltes – und ich war zufrieden. Wenn ich mit meinen Freunden draußen herum tollte, rannten wir zum Lidl um die Ecke, um uns falsche Fanta in Dosen zu kaufen – und ich war zufrieden.

Wenn ich heute wachliege oder schlafe oder mich an den primären und sekundären Geschlechtsteilen williger Agenturmädchen vergehe, dann denke ich an Essen. Fette Baconburger, mit extra Erdnusssauce. Gebratene Eiernudeln, mit doppelt Fleisch. Triefende Thunfischpizza, mit Käse im Rand. Ich lebe, um zu essen – nicht andersherum. Und das sieht man auch.

Natürlich habe ich es schon mit diversen Diäten versucht. Und natürlich halte ich mich für viel klüger als alle Brigitte-Leser mit ihren idiotischen Abnehmplänen. Ich weiß: Es geht nur um Kalorien und Kohlenhydrate. Je weniger Nudeln, Reis oder Brot ich essen würde, desto schneller würde ich wieder meinen drahtigen Körper zurück bekommen, den ich um die 20 hatte.

[pullquote]Brüste und Bacon, diese beiden Gedanken sind zu meinen besten Freunden geworden.[/pullquote]

Tatsächlich weißt du, dass alles vorbei ist, wenn du anfängst, dir auf deine eigenen Fotos, auf denen du noch nicht wie eine krankhaft fette Karikatur von dir selbst wirktest, einen runterzuholen. Brüste und Bacon, diese beiden Gedanken sind zu meinen besten Freunden geworden. Brüste und Bacon, Brüste und Bacon, Brüste und Bacon.

Natürlich wäre es, theoretisch jedenfalls, nicht schwer, den Rettungsring, den ich mir seit einigen Jahren angespart habe, schnell und effektiv wieder zu verlieren. Willenskraft nennt man das nämlich. Wie schwer kann es denn schon sein, sich ein Fahrrad, Laufschuhe und eine Mitgliedschaft im örtlichen McFit, die man dann auch nutzt, zu besorgen? Eben.

Ich habe keine Abneigung gegen Sport, wirklich. Früher fuhren und rannten und hüpften wir draußen herum, als hätte uns jemand den Fernseher und das dazugehörige Super Nintendo für immer weggenommen. Wir spielten Fußball und schwammen im Baggerweiher und radelten von einem Kaff ins nächste. Für uns war das kein Sport, sondern Leben. Ein tolles Leben.

[pullquote]Wenn du fett bist, dann bin ich der Mond – und jetzt knabbere weiter an deinem Matcha-Smoothie.[/pullquote]

Heute ist Sport ein Lifestyle von Menschen, die mir zuwider sind, die mich mit ihrer Detox-Scheiße und ihren Running-Gruppen und ihren Tracking-Devices ankotzen. Die Selbstoptimierer, die Fitnessgurus, die Muckibudenwichser, die Spaß dabei haben, wenn sie drei Stunden durch den Wald rennen und dabei motivierende Worte von Menschen, die genauso ätzend sind wie sie, hören.

Sport scheint zu einem elitären Lebensstil von Arschlöchern geworden zu sein. Startup-Schmierlappen, die den Erfolg im Blick haben und ihr Dasein in Quoten, Zahlen und Karrierechancen unterteilen. Sie bewegen sich nicht, weil sie Spaß daran haben, sondern weil ihr Körper eine Maschine ist, der funktionieren muss und ihnen gefälligst eine bessere Zukunft besorgen soll.

Hätten meine Freunde früher herum geheult, dass sie zu fett seien, ich hätte die Welt nicht mehr verstanden. Heute jammert jeder, egal ob männlich oder weiblich. Selbst die längsten Modeblogger-Bohnenstangen, deren flacher Bauch der Star jedes amateurhaften Fotos ist. Wenn du fett bist, dann bin ich der Mond – und jetzt knabbere weiter an deinem Matcha-Smoothie.

[pullquote]Fett ist mein Kokain.[/pullquote]

Brüste und Bacon, Brüste und Bacon, Brüste und Bacon. Fett ist mein Kokain. Das wäre kein Problem, wenn Fett genauso illegal wäre wie die Droge. Dann würde ich nämlich nicht heran kommen, weil ich zu sehr Loser bin, um mir selbst Rauschmittel zu besorgen. „Hey, do you have Koks?“ „Ne, ich verkauf’ hier nur Schnittblumen – und jetzt hau ab!“

Je älter ich werde, desto wahnsinniger und terroristischer giert mein Körper nach Kalorien. Das Leben ist kurz, denke ich mir. Natürlich könnte ich mich jetzt zwei Jahre lang nur von Salat und leichtem Fisch ernähren. Aber was ist, wenn ich nach einem Jahr und 364 Tagen vom Bus überfahren werde und mein letzter Gedanke Ofenkäse ist?

Jeder dünne Hirni mit ironischer Kappe und brandneuem Fixie im Hintergrund postet Süßkartoffelpommes auf Instagram und Facebook und Snapchat, lecker, lecker, lecker, direkt aus Mitte oder Kreuzberg oder Friedrichshain. Niemals hast du seit Jahren Kartoffeln geschmeckt, möchte ich rufen, während ich ihn mit der einen Hand würge und ihm mit der anderen das Essen klaue.

[pullquote]Andere laufen Marathons, ich fühle mich schon wie ein Gewinner, wenn ich nur die halbe Packung Nussecken in mich hinein gestopft habe.[/pullquote]

Wie machen das nur diese gesellschaftlich hochwertigen Geldscheißer, die sich zum Brunch mit ihren Stiftungsfotzen treffen und dabei zwei Fischeier und eine Prise Karottenpüree zu sich nehmen – natürlich nicht, ohne die Hälfte davon übrig zu lassen? Müssen die nicht ständig in sich hinein brüllen, nur um sich nicht nackt auf eine Sushi-Platte zu stürzen?

Andere laufen Marathons, ich fühle mich schon wie ein Gewinner, wenn ich nur die halbe Packung Nussecken in mich hinein gestopft habe. Kein Wunder, dass Healthyhuren McDonald’s am liebsten abschaffen würden. Wenn sie keinen Dreifach-Cheeseburger ablecken können, dann soll das gefälligst auch niemand sonst dürfen – klingt doch logisch.

Einmal musste ich kotzen, nachdem ich mir bei Burger King Chicken Wings und einen Double Steakhouse geholt hatte. Seitdem bin ich nicht mehr zu Burger King gegangen. Vielleicht sollte ich systematisch alles vergiften, was ich liebe, bis nur noch Sellerie und Tofu übrigen bleiben – womöglich heilt mich das von meinem Fettfetischismus.

[pullquote]Warum sind Hunde glücklich? Weil sie nicht wissen, wie ein Baconburger schmeckt.[/pullquote]

Was macht also ein fetter Selbstliebhaber wie ich, der seine Wohnung am liebsten mit Schnitzeln tapezieren und dämlich grinsende Jogger in die Hecke schubsen würde? Ich weiß es nicht. Ich wünsche mir die Zeit zurück, in der mir Essen egal war. In der ich für Sex zum Vegetarier wurde, ohne darüber nachzudenken. In der ich noch nicht zählte, wie viele Tiere wohl zerrissen werden mussten, damit ich einen Tag länger leben konnte, um noch mehr von ihnen genüsslich zu verspeisen.

Essen hat mich nie so wirklich interessiert. Ich war zufrieden mit meinem Wurstbrot und der kopierten Fanta. Vielleicht brauche ich jemanden, der mich füttert und darauf achtet, was ich mir in den Mund stecke. Wie bei einem Kleinkind. Oder bei einem Rentner. Oder bei einem Hund. Warum sind Hunde glücklich? Weil sie nicht wissen, wie ein Baconburger schmeckt.

Während ihr also mit eurer Jogging-App trackt, dass ihr gerade durch halb Deutschland gelaufen seid, nur um dann “Netter Vormittagslauf, Zwinker-Smiley” in das Statusfeld zu tippen, sitze ich mit einer Schüssel Cornflakes mit Vollmilch und extra Honig hier und versuche herauszufinden, wie ich mit meinem Fett Schluss machen kann, ohne mich zu bewegen.

Sollte ich morgen sterben, dann weint nicht um mich, meine Freunde, denn ich habe doppelt belegte Salamipizza gegessen, während ihr die besten Jahre eures Lebens im überteuerten, veganen Café um die Ecke verbracht habt. Fenchel-Zitronen-Suppe, my ass. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss überprüfen, ob ich meinen Penis noch von oben sehen kann…

Foto: LastNightsParty

NA-KD

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3 Kommentare

  • Brüste und Bacon, was braucht man mehr?

  • Carsten

    Sehr netter, sehr wahrer, bisschen ekliger, aber dafür sehr lustiger Artikel.
    Erschreckend, wie sehr man sich darin selbst erkennt …. und doch auch irgendwo “schön” ;)

  • Esra

    O mein Gott, wie geil ist bitte dieser Text?? Wie lustig und wie traurig zugleich??
    Ich kenne leider ein paar deiner Gedankengänge, hihi „wie ich mit meinem Fett Schluss machen kann, ohne mich zu bewegen“ :DD
    Und ich liebe es, wie du herrlich böse sein kannst! Endlich nennt jemand die Dinge beim Namen ;)
    Danke!
    lg
    Esra