Entfernen und blockieren:

Entfernen und blockieren - Wenn du mir die Freundschaft über Facebook kündigst, bist du einfach nur ein Arschloch

Weiß noch jemand, wie verdammt unangenehm es in Zeiten ohne Facebook & Co., also früher, gewesen ist, beste Freundschaften zu beenden? Für jene, die sich kaum an ein Leben ohne…
Entfernen und blockieren

Wenn du mir die Freundschaft über Facebook kündigst, bist du einfach nur ein Arschloch

Weiß noch jemand, wie verdammt unangenehm es in Zeiten ohne Facebook & Co., also früher, gewesen ist, beste Freundschaften zu beenden? Für jene, die sich kaum an ein Leben ohne soziale Netzwerke erinnern können, hier ein kleiner Erinnerungsschub: Man rief die betreffende Person an und machte ein Treffen aus. In einem Café. Oder in der Lieblingsbar. Oder eben gerade nicht in der Lieblingsbar, um den Ort der Freude nicht negativ zu konditionieren. Erinnerung ist schließlich ein fragiles Konzept.

Man traf sich dann und beendete die Freundschaft vis-à-vis. So mit anschauen und so, ihr wisst schon. Ja, dazu gehört natürlich etwas Mut. Und ja, es ist wahrscheinlich immer unangenehm, dem Gegenüber persönlich ins Gesicht zu sagen, dass man sich nun distanzieren möchte und ab dem jetzigen Moment keinen Wert mehr auf die Gesellschaft des anderen legt.

Vor allem dann, wenn man jahrelang unzertrennlich jeden Scheiß miteinander gelebt und erlebt hat und jetzt erklären muss, warum man nun getrennte Wege gehen möchte. Gründe dafür gibt es zahlreich: Sex mit dem Partner des anderen, Sex mit mehreren Partnern des anderen und natürlich vieles mehr.

Da saß einem nun ein Mensch gegenüber, den man über Jahre geschätzt, mit dem man viel Zeit verbracht und Gedanken geteilt hat. Höchstwahrscheinlich wurde man bei einem solchen Treffen Zeuge verschiedener Emotionen, wie Trauer, Enttäuschung oder Wut. Tränen flossen, böse Begriffe fielen, man lag sich schluchzend in den Armen und wünschte sich alles Gute für die Zukunft.

Dank Facebook kann man sich das Leben dies betreffend nun ungemein erleichtern: Stichwort Button „Freund/in entfernen“. Schwups. Weg. Erledigt. Emotionen Fehlanzeige. Falls man zu der eher zart besaiteten Abteilung gehören sollte, die mit dramatischen persönlichen Nachrichten als Reaktion auf das unsanfte Ende der besten Freundschaft nicht so gut klar kommt, kein Problem: Einfach mit „Blockieren“ einstellen, dass der andere einen in den Weiten von Facebook nicht mehr finden kann und man wird auf ewig seine Ruhe haben und auch nicht zu dem vollzogenen Schritt des „Entaddens“ Stellung nehmen müssen.

Bis vor kurzem war ich wirklich der festen Überzeugung gewesen, dass mir so etwas niemals passieren würde. Ich bin nämlich reif und besonnen und meine besten Freunde sind natürlich genauso reif und besonnen wie ich, sonst wären sie nicht meine besten Freunde, versteht sich. Bis vor kurzem war ich der festen Überzeugung gewesen, dass meine Freunde niemals Facebook nutzen würde, um ihren Standpunkt deutlich zu machen und ihre Bedürfnisse durchzusetzen.

Bis vor kurzem war ich der festen Überzeugung gewesen, dass zwischenmenschliche Beziehungen auch in Zeiten der Beschleunigung und der sozialen Netzwerke einen realen, fühlbaren Wert besitzen. Bis ich letzten Sommer von der Hochzeit einer Freundin in meine Wohnung in Wien zurückgekommen war und festgestellt habe, dass sie mich noch am Tag meiner Abreise aus Facebook entfernt hatte.

Ich kannte sie schon seit zwölf Jahren. Ich hatte sie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht gesehen, den Weg von 900 Kilometer in den Norden von Deutschland aber trotz Geldmangels gerne in Kauf genommen, um am angeblich wichtigsten Tag in ihrem Leben dabei sein zu können. Eingeladen hatte sie mich per Facebook, ins Ausland telefonieren ist schließlich teuer, auch wenn es um eine Hochzeit geht.

Da sie mir versichert hatte, dass ich auf der ausklappbaren Couch in ihrem Wohnzimmer übernachten könne, war ich doch etwas verwundert, als sie mir am Abend vor ihrer Hochzeit eröffnete, dass ich mir die 120 mal 200 Zentimeter große Liegefläche mit drei Typen teilen sollte, die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte.

Ich meine, ich bin ja nicht unsozial, unnötig anspruchsvoll oder ähnliches, eine Isomatte hätte mir schon auch gereicht und wenn ich von dieser Platznot vor meiner Ankunft in Kenntnis gesetzt worden wäre, hätte ich mir auch meine beschissene Isomatte mitgenommen und mich auf ein freies Stück Boden verzogen und die Klappe gehalten.

Aber dem war nicht so und somit saß ich abends in einem kleinen Dorf, ohne weitere Übernachtungsmöglichkeiten, fest und versuchte mit den drei Typen klarzukommen, von denen sich einer bestimmt tagelang nicht geduscht hatte – wovon ich ausgegangen war, weil er sich während seines Monologs über Nachhaltigkeit mehrmals seine fettigen, ungewaschenen Strähnen aus dem Gesicht gestrichen hat.

Als ich meiner Freundin am Tag der Abreise und nach einer Nacht ohne Schlaf meinen Unmut verbal deutlich machte, indem ich ihr ganz direkt ins Gesicht sagte, wie scheiße ich ihr Verhalten finden würde, meinte sie nur, dass ich mich in den letzten Jahren verändert hätte und wir bestimmt irgendwann mal wieder voneinander hören werden.

Verändert? Nein ich hatte schon vor Jahren keinen Bock darauf gehabt, mich an ungewaschene Möchtegern-Hippies zu kuscheln. Voneinander hören? Damit meinte sie wohl, dass sie mich aus Facebook und Skype entfernen wird. Ich für meinen Teil saß ein paar Stunden später auf dem Weg nach Wien verwirrt auf meinem Sitzplatz im ICE – der mich eine unverschämte Summe gekostet hatte – und dachte darüber nach, wie man die Freundschaft wieder kitten könnte.

Zuhause angekommen starrte ich dann zunächst eine Weile fassungslos in den Bildschirm meines Notebooks, auf ihr Profilbild und auf das „Freund/in hinzufügen“, bis mich eine Welle der Erleichterung überkam. Nach zwölf Jahren emotionaler Auseinandersetzungen und Streitereien nun endlich ein glattes Ende.

Sie hatte mit meinem Exfreund gevögelt und ich hatte ihr verziehen. Sie hatte einen mit mir geplanten und bezahlten Urlaub platzen lassen – um mit ihrem neuen Freund zu vögeln, und ich bin allein gefahren und habe ihr verziehen.

Damals hatten wir noch kein Facebook. Damals haben wir uns getroffen, geredet, argumentiert, gestritten und uns schließlich wieder vertragen. Damals sind wir auf ein Bier und einen Jägermeister gegangen und haben uns gern gehabt. Damals, als sie mit meinem Freund geschlafen hat, saßen wir eben etwas länger zusammen, um zu reden. Damals, wenn wir schon Facebook gehabt hätten, ich hätte sie nicht gelöscht. Ganz sicher nicht.

Ich schaue immer noch auf ihr Bild, „Freund/in hinzufügen“ und auf einmal denke ich mir, ganz oder gar nicht und spüre, wie sich in mir all die aufgestaute Wut bündelt, die seit langem in mir brodelt und raus will, verliere jegliche Reife und Besonnenheit, klicke auf „Blockieren“ und mache damit für alle Zeit unmöglich, dass sie mich finden kann. Nie wieder. Ganz sicher.

Foto: Moni Haworth

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