Gegengedanken - ist Tinder die Zukunft des Datings oder die letzte Rettung für verzweifelte Psychopathen?

Wer etwas auf sich hält, der sucht seine große Liebe heute nicht mehr auf Partys, Festivals oder Rundreisen, sondern durch Tinder, der kleinen App. Gesichter solange in die richtige Richtung…
Gegengedanken

ist Tinder die Zukunft des Datings oder die letzte Rettung für verzweifelte Psychopathen?

Wer etwas auf sich hält, der sucht seine große Liebe heute nicht mehr auf Partys, Festivals oder Rundreisen, sondern durch Tinder, der kleinen App. Gesichter solange in die richtige Richtung wischen, bis es zum ersten Kuss kommt, heißt die Devise. Doch ist Tinder wirklich die Zukunft des Datings – oder doch eher die letzte Rettung für verzweifelte Psychopathen? Leni und Marcel diskutieren in ihrer Rubrik “Gegengedanken” auch an diesem Mittwoch wieder heiß und innig.

Ich hatte mal einen Exfreund – und wie es für Exfreunde seiner Art (ein Wort: Musiker) so üblich ist, war er ein richtiger Arsch mit einem winzigen… Ego – und noch weniger Gewissen. Woher ich das weiß? Nun ja, zum Glück ist Berlin auch nur ein kleines Dorf, in dem jeder jeden kennt – und so bieb mir die frohe Botschaft über seine pickelige, 19-jährige Affäre beim besten Willen nicht erspart, genauso wenig wie die Details des romantischen Zusammentreffens der beiden Turteltauben: Tinder. What else.

Ich habe keine Ahnung, welche Synapsen ihren Einsatz verpasst haben und wo mein südländisches Temperament an dem Tag abgeblieben ist, aber statt Britney-reif auszuticken, habe ich nur mit den Schultern gezuckt und mir die App runter geladen. Okay, Letzteres habe ich mir nur ausgedacht. Fakt ist aber: Was er kann, kann ich schon lange. Und wie der Zufall es so wollte, wurde ich kurze Zeit später gebeten, Dating-Apps zu testen, um später bei der „Ins Netz gegangen“-Diskussion im Basecamp darüber zu sprechen.

Verändert sich die Liebe durch das Internet? Spielen echte Gefühle überhaupt noch eine Rolle? Oder werden wir zur Massenware, die nach links zu den Losern oder nach rechts in die engere Auswahl wandert? Wir sind ja hier unter uns, also kann ich es euch verraten: Trotz großer Klappe werde ich zum schüchternen Häufchen Elend, wenn es ums Flirten geht.

Ich kann mir schöne Augen schminken, dem Typen an der Bar aber keine schönen Augen machen. Ich kann meine Meinung lautstark vertreten, bekomme aber kein Wort raus, wenn ich jemanden richtig toll finde. Und ich war absolut dagegen, mich auf Tinder, Happn & Co. zu präsentieren, obwohl mein komplettes Leben fast nur im Internet stattfindet.

Aber hey, was tut man nicht alles für die Wissenschaft? Zwei, drei Klicks, Foto hochgeladen, angemeldet, fertig. Und wisst ihr was? Es war überhaupt nicht schlimm. Weil man das Ganze nicht zu ernst nehmen darf. Weil man nicht mit dem Vorhaben, seine große Liebe zu finden, aufs Herzchen klickt oder nach rechts wischt. Weil man auch da eines Besseren belehrt werden kann, wie die ein oder andere Geschichte beweist. Weil das Argument, man würde zur Billigware, schon bei dem Gedanken hinkt, weil beide zustimmen müssen und somit wissen, worauf sie sich da einlassen.

Und weil man im allerschlimmsten Fall mit der besten Freundin beim Späti um die Ecke sitzt, ihr das Handy in die Hand drückt und sie die nächsten fünf Typen aussuchen lässt, nur um zu sehen, ob es ein Match war. Strike! Yeah! Next Level! Es ist nur ein Spiel, das keinem – mit einem gesunden Menschenverstand – wehtut.

Und während wir da Tränen lachend mit dem Handy in der Hand sitzen, wie Teenies auf dem Schulhof kichern und sie laut „neeeeeee DER doch nicht!“ schreit, setzt sich ein Unbekannter zu uns, holt sein Handy raus und grinst uns an, als hätte er seine verschollen geglaubten Geschwister mitten in der Wüste wiederentdeckt: „Ooah ihr seid ja auch auf Tinder! Mal sehen, ob wir uns finden!“ – aber bevor er sich ins Partyleben verabschiedet, dürfen wir noch sein neues Profilfoto schießen und ihm viel Glück bei der Suche wünschen.

Wer weiß, vielleicht begegnet ihm die große Liebe online. Vielleicht bei der nächsten Party. Vielleicht auch beides, wie wir uns eben gerade. Sicher ist aber: meine Vorurteile habe ich abgelegt und tatsächlich nette Leute kennengelernt. Eine einzige schmierige Nachricht bekommen, die aber so lustig-dämlich war, dass ich es „Willy“ echt nicht übel nehmen konnte.

Zählen wir mal zusammen: Schlechte Erfahrungen: Null. Lachanfälle: gefühlt tausend. Nach links gewischt: den Typen mit dem eingeölten Modelbody, den mit einem romantischen Zitat über seinem Gesicht und den Exfreund, der mich irgendwann vom Bildschirm aus angrinste – für den hieß es nämlich: Game Over!

Die traurige Wahrheit ist doch, dass nur zwei verschiedene Arten von Menschen Datingapps nutzen: Diejenigen, die mit ihren Freunden aus Spaß einige Male nach links und rechts wischen, weil sie es, kicher, kicher, total lustig finden, und am nächsten Tag schon wieder vergessen haben, dass sie Tinder überhaupt installiert haben. Und die anderen, die so verzweifelt sind, dass sie nicht nur im echten Leben niemanden aufreißen können, sondern auch auf allen anderen sozialen Plattformen versagt haben.

Wenn euch schon auf Facebook, Twitter und Instagram, all die Jahre lang, niemand wirklich so gut fand, dass er oder sie euch angeschrieben und zu einem baldigen Treffen gebeten hat, warum, um aller Welt, glaubt ihr dann, dass ihr gerade durch einen als Liebesapp getarnten digitalen Swingerclub den nächsten Stich landet?

Was mich den Kopf schütteln lässt, ist nicht etwa die Oberflächlichkeit, mit der da interessante Charaktere ins digitale Nirvana gewischt werden, weil auch nur irgendein Detail nicht stimmt, sondern dass man dummen Leuten heutzutage auf dumme Art und Weise einen Rahmen bieten muss, damit sie sich überhaupt ineinander verknallen können.

Wir leben in einer Zeit, in der Idioten zu jeder Tätigkeit eine App herunterladen können, weil sie zu beschränkt sind, ihr Leben alleine in den Griff zu bekommen. Hier eine Jogaapp, weil euch die YouTube-Suche anscheinend zu umständlich ist. Hier eine Rezepteapp, weil die Kochbücher eurer Mutter zu schwer sind. Hier eine Wetterapp, weil ihr zu faul seid, aus dem Fenster zu gucken. Hier eine Kalenderapp, weil ihr vergessen habt, dass nach Mittwoch Donnerstag kommt.

Und jetzt eben die Flut an Fickapps, weil die digitale Generation ohne die zugehörige App nicht einmal mehr weiß, für wen sie die Beine breitmachen sollen – und für wen eben nicht. Die sozial verkrüppelt sind und sich sogar beim ersten Date lieber WhatsApp-Nachrichten schicken, anstatt mit den dazugehörigen Organen zu interagieren, nämlich Mund und Ohren.

Grindr habe ich noch verstanden. Homo- oder bisexuelle Menschen suchen im Umkreis von ein paar 100 Metern jemanden, dem sie das Loch stopfen können. Hallo, poppen, ciao. Bravo! Aber Tinder, Happn & Co. verlagern peinliches Kennenlernen einfach nur ins Internet. „Ach, du stehst auf Bäume?“ „Ja… schon..“ „Aha.. und, was machst du so?“ „Öhm… Baum…?“

Tinder ist, als würde man minderbemittelte Lebensgescheiterte in einen großen, roten Kreis setzen und ihnen sagen: So, jetzt dürft ihr Liebi Liebi, Knutschi Knutschi und Ficki Ficki machen. Alle versuchen noch schnell zu klatschen und dann geht’s auch schon los. „Genau, dein Penis muss in die Vagina von der Tanja, geeenau, ja, gut machst du das, Thorsten, sehr gut! Das gibt gleich ein Fleißbildchen in deine Geschlechtsverkehrsmappe!“ Kurzes Klatschen, wieder einen Tag überlebt. Danke, iPhone!

Über Generationen hat es unsere Spezies geschafft, sich allein fortzupflanzen, sich womöglich sogar zu verlieben, und heute, auf der momentanen Spitze der Evolution, da brauchen wir plötzlich allerlei Apps, um morgens überhaupt die Haustür zu finden und nicht acht Stunden lang gegen eine Wand laufen, während wir auf unserem Handy Gesichter nach links und rechts wischen. Siri, wie wasche ich meine Kleidung? Siri, wie verhungere ich nicht? Siri, wie bekomme ich jemanden dazu, sich an meinem Penis zu reiben?

Wenn ihr jemanden kennen lernen wollt, dann geht mit euren Freunden auf eine gute Hausparty, zeigt euch von eurer besten Seite und kommt mit jemandem ins Gespräch. Aber versteckt euch nicht ständig hinter eurem Handy, wie so Psychopathen, die sich für supermodern halten, aber im Grunde einfach nur keine Ahnung haben, wie das Leben außerhalb ihres Screens funktioniert, und sogar eine App dafür brauchen, um nicht auszusterben. Eine schöne neue Zukunft habt ihr uns da eingebrockt.

Puma

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere spannende Neuigkeiten über Games zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Strellson

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

18 Kommentare

Superdry