Montagsmonolog - Menschen, die einem ständig erzählen, wie man’s besser macht, können gar nichts

Im Februar 2002 bekamen wir zu Hause zum ersten Mal Internet. Ein 56k-Modem, ungefähr so langsam wie ihr, wenn ihr um 5 Uhr morgens nach einer miesen Bauernparty, die ihr…
Montagsmonolog

Menschen, die einem ständig erzählen, wie man’s besser macht, können gar nichts

Im Februar 2002 bekamen wir zu Hause zum ersten Mal Internet. Ein 56k-Modem, ungefähr so langsam wie ihr, wenn ihr um 5 Uhr morgens nach einer miesen Bauernparty, die ihr nur überlebt habt, weil ihr literweise Billigfusel in euch hinein geschüttet habt, versucht, in die Richtung eures Bettes zu kriechen und dabei nicht an eurer eigenen Kotze zu ersticken.

Da ich schon immer eher Produzent als Konsument war, von was auch immer, jedenfalls habe ich mir das immer so eingeredet, begann ich noch im selben Monat, eine eigene Homepage in dieses Netz zu bekommen, was damals einfach nur ein paar in Microsoft Word zusammen geklöppelte Seiten über mich und meine mehr oder minder hübschen Freunde waren.

Dort plauderte ich für deine große Schwester und den alles besteigenden Hund von der anderen Straßenseite sorgenfrei darüber, wen wir am Nachmittag in “Super Smash Bros.” verprügelten, welche Fanta denn nun am besten schmeckte und ob sich ein Mädchen aus der Parallelklasse an die viel zu große linke Brust fassen ließ.

Warum ich euch diese aufgebrühte, uralte Nostalgiescheiße erzähle? Weil das bedeutet, dass ich nun seit 13 Jahren blogge. Länger also, als so mancher Schulschwänzer von euch existiert. Ich habe unzählige Blogger kommen und gehen sehen. Manche davon waren talentiert, viele davon sind allerdings zurecht Automechaniker geworden. Oder tot.

Und trotzdem, also, obwohl ich mein halbes Leben lang idiotische Gedanken und lustige Dinge ins Internet schreibe, bin ich umringt von Leuten, die mir tagein tagaus, auf unterschiedlichste Art und Weise, erzählen wollen, wie ich es besser machen kann. Oder nein, kann ist nicht richtig, besser machen soll. Denn das sind oft keine Vorschläge, sondern Befehle.

AMY&PINK zieht sie alle an. Dass ich zu viel schreiben würde, dass ich zu wenig schreiben würde. Dass ich niveauvoller schreiben solle, dass ich noch krasser schreiben solle. Dass ich zu viele Brüste posten würde, dass ich zu wenige Brüste posten würde. Und ich sitze nur da, und denke mir: Warum zum Teufel erzählt ihr mir das?

Ich bin tatsächlich ein sehr experimentierfreudiger Mensch. Und das ist nicht positiv gemeint. Im Grunde möchte ich damit das pochende Gefühl beschreiben, bei dem mir ständig eine kleine Stimme im Kopf entgegen brüllt, ich würde etwas verpassen, wenn ich mein komplettes Leben nicht sofort umwerfe. Also, wirklich, jetzt, sofort!

Daraus resultiert, dass ich ständig neue Ideen ausprobiere, die keiner so richtig nachvollziehen kann, die in meinem kranken Hirn aber unendlich Sinn machen. Heute ist AMY&PINK ein Magazin, morgen ein privater Blog, Heute ist AMY&PINK auf Deutsch, morgen auf Englisch. Heute schlägt AMY&PINK allen mitten ins Gesicht, morgen gibt es AMY&PINK nicht mehr.

Es ist ein ewiges Hin und Her, das am besten mit dem Einschlafen zu vergleichen ist. Einmal links herum, einmal rechts herum, bis man endlich die perfekte Position gefunden hat, um direkt ins Traumland katapultiert zu werden. Ich versuche den richtigen Platz zu finden. Für mich. Und für das, was ich liebe. Und am Ende komme ich doch wieder dort an, wo ich angefangen habe.

Was das alles zu bedeuten hat? Dass ich alle eure dämlichen, neunmalklugen Vorschläge über die Jahre hinweg ausprobiert habe. Und wisst ihr was? Jeder einzelne davon war ein Schuss in den sprichwörtlichen Ofen. Fehlversuche, gescheiterte Erfahrungen, abgebrochene Projekte. Ich meine, wer schießt schon in Öfen…?

Das Fazit: Wenn ihr einen Blog habt, einen YouTube-Kanal oder auch nur einen Schrebergarten, den ihr liebt und hegt und pflegt, und ständig kommen Menschen vorbei, die euch erzählen, wie ihr’s besser machen sollt, dann seid zwar offen für Kritik, aber denkt euch gleichzeitig: Und wer genau bist du jetzt eigentlich?

Ihr seid dort, wo ihr jetzt seid, weil ihr Liebe, Schweiß und Blut in eure digitalen oder auch analogen Babys gesteckt habt, Tag und Nacht, sieben Tage die Woche, oft in Momenten, in denen ihr soziale Bindungen hättet eingehen sollen. Aber ihr habt euch für dieses Projekt entschieden, Prioritäten gesetzt, Opfer gebracht. Und wofür?

Dass euch irgendwelche daher gelaufenen AfD-Wähler, Müllblogger oder Twitterer mit 12 Followern erzählen wollen, wie man’s besser macht? Denn die als Frage getarnte Antwort darauf ist ganz einfach: Woher wollt ihr das denn bitte wissen? Wenn ihr das nämlich wüsstet, dann wärt ihr jetzt an meiner Stelle – und nicht Bauarbeiter.

Im Februar 2002 bekamen wir zu Hause zum ersten Mal Internet. Seitdem hat sich vieles geändert, aber ein Traum, der blieb gleich: Dass ich meine Meinung, meine Liebe und meinen Hass aus vollster Leidenschaft für immer in die weite Welt schreien kann, um etwas zu verändern. Und wenn ihr so seid wie ich, dann macht gefälligst weiter – und lasst euch nicht von dahergelaufenen Nichtskönnern verunsichern. Das hält uns nur auf. Euch. Und mich auch.

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