Lach doch mal! - Ständig schlecht drauf zu sein, ist ein Menschenrecht, das ich gerne nutze

Ich bin kein besonders freundlicher Mensch und bin es soweit ich denken kann auch nie wirklich gewesen. “¨Schon in der Schule wurde ich teilweise wegen meines fiesen Blicks gemieden, was…
Lach doch mal!

Ständig schlecht drauf zu sein, ist ein Menschenrecht, das ich gerne nutze

Ich bin kein besonders freundlicher Mensch und bin es soweit ich denken kann auch nie wirklich gewesen. “¨Schon in der Schule wurde ich teilweise wegen meines fiesen Blicks gemieden, was nicht heißt, dass ich keine Freunde hatte, nur Leute die ich nicht kannte, konnten sich Sympathie meinerseits nun mal abschminken.

Eine Ärztin hat mal mit kritischem Blick auf mich herabschauend, in einem Tonfall, der meine Anwesenheit offensichtlich komplett ignorierte, zu meiner Mutter gesagt: „Ihre Tochter ist ein zu sehr ernstes Kind!” Schon damals war mir geheuchelte Freundlichkeit zu wider.

Heute gehöre ich zu der Sorte Menschen, die dem Kontrolleur in der Bahn wortlos und mit einem vernichtenden Blick der Gleichgültigkeit ihr Ticket reichen und weder ein “Bitte” oder “Danke” in Erwägung ziehen. Oft kommt es vor, dass Leute mich mit diesem Lari-Fari-Spruch an die Schulter tätschelnd anzufeuern versuchen: „Hey lach doch mal.“ Gequältes Lächeln. „Na das sieht doch gleich viel schöner aus.“ Ja und jetzt verschwinde endlich, es fängt schon an weh zu tun!

Es ist nicht so, dass ich permanent schlecht gelaunt bin, ganz im Gegenteil sogar. Unter meinen Freunden bin ich bekannt dafür, stets für einen Lacher zu sorgen und finde das klappt auch ganz gut. Ich bin der Meister der Situationskomik, wenn man, ohne narzisstisch zu wirken, überhaupt so glänzend über sich sprechen darf.

Ausgeglichen bin ich nur leider ganz und gar nicht. Tränen gibt es so ziemlich immer, vor Lachen, vor Wut oder aus Trauer. Ich springe von einem Extrem ins andere und Leute nennen mich anstrengend. Bücher wie “Gesetz der Anziehung”, “Bestellungen beim Universum” oder “Wie finde ich des Lebens Sinn” geben eine Anleitung darüber, wie man durch bewusst positives Denken zu einem erfüllteren glücklicheren Menschen wird.

Die Autoren dozieren darin beispielsweise von notwendig umgewandelter Grammatik, wie die Idee anstatt „Morgen werde ich die Präsentation nicht verhauen“ zu sagen „Morgen, bei der Präsentation, wird alles gut laufen!“ Es geht darum, dass unser Unterbewusstsein die Verneinung nicht verarbeiten kann und zwangsläufig auf das gegenteilige Ziel hinarbeitet.

Das klassische Beispiel zur Veranschaulichung, ist das Pendant zu autonomen Training: “Denken sie nun nicht an einen Eisbären”. Wie der Protagonist in Steven Kings “Kinder des Zorns”, habe ich mit aller Kraft versucht meinen Geist zu versperren. Vergeblich. Ich dachte zwangsläufig an den grimmigen, durchs ewige Eis stampfenden Arktisbewohner. An dieser Theorie ist somit vorerst tatsächlich etwas dran.

Weil mir aber ein allmorgendliches rituelles Selbstgespräch, dessen Inhalt aus „Ich schaffe das!“ und dessen mehrmalige Wiederholung, unterstützt durch den latent aufdringlichen Geruch eines Lavendelräucherstäbchens, noch nicht wirklich meinen Glauben an selbsterfüllende Prophezeiung festigen konnte, habe ich weiterhin heiter Leute, die mich versehentlich in der Bahn anrempeln, angezischt und meine schlechte Laune leidenschaftlich, fast schon feierlich, ausgelebt.

Bis mir ein Freund – ein pauschal freundlich und den Leuten unaufhörlich „Guten Tag!“ wünschender Mensch- ein Buch empfahl, das sich auf wissenschaftlicher und physikalischer Ebene mit diesem Thema auseinandersetzt. Frei von jeglicher Spiritualität wird nachvollziehbar erklärt, dass und wie wir in der Lage sind, durch unseren Willen buchstäblich Berge zu versetzen.

Ich werde keinen Vortrag darüber halten und Interessierten selbstverständlich die Spannung nicht nehmen, aber ich denke das Ende kann ich verraten: Der Mensch ist autonom! Als kleine Anekdote dazu muss ich erwähnen, dass genau diesen Satz mir letztes Wochenende ein Typ, den ich im Suff auf einer Party kennengelernt hatte, voll penetrant ins Ohr gebrüllt hat: „Du bist autonom!”

Auch wenn ich nicht sagen würde, dass ich mich nach unzähliger Literatur und endlosen WG-Küchengesprächen zu einem vollständig bewusst positiv denkendem Menschen entwickelt habe, muss ich sagen dass ich wenigstens einen Willen dazu entwickele – und das ist doch schon mal eine Menge wert.

Das aber beinahe einschneidendste Erlebnis, das sich auf mein Verhalten gegenüber meinen Mitmenschen ausgeübt hat, war der letzte nass-kalte Sonntag in meinem sympathisch grauen Dortmund. Als ich die künstlerisch verzierten Nachkriegsgebäude auf der öffentlichen Mülltonne, bekannt als Nordstädter Bürgersteig, verkatert entlang flanierte, kreuzte ich den Weg einer betagten, vom Alter geschrumpften Dame.

Mit ihrem pastell-pinken typischen Oma-Anorak, marschierte sie, den Verkehr vollkommen missachtend ,quer über die Straße. Im ersten Augenblick dachte ich mir, auch wenn man das über Senioren nicht sagen soll: „Ganz niedlich, die Kleine!” Doch ich sollte gleich darauf eines Besseren belehrt werden.

Denn schon als sie den Bordstein erreichte und mit ihren fancy Gummischlappen am Bürgersteig hängen blieb, fluchte sie plötzlich in einem Tonfall, der selbst dem schlimmsten Kneipenschläger nicht gestanden hätte. Entsetzt schaute ich sie an. Die Alte setzte noch einen drauf und rotzte mit angewidertem, wütendem Blick direkt vor mir auf den Boden.

Dass ich eines Tages nicht so ein verbittertes einsames Fräulein mit einer grabestiefen Zornesfalte werden möchte, hat mir diese Show auf jeden Fall bewusst werden lassen. Ein gepflegter Zynismus an der einen oder anderen Stelle muss schon noch sein und ist und bleibt einfach meistens sehr witzig.

Andererseits bin ich jetzt gerne bereit, der Kassiererin morgens beim Bäcker oder der anscheinend chronisch genervten Empfangsdame beim Arzt, ein Lächeln zu schenken und einen schönen Tag zu wünschen. Es wird mich aller Meinung nach länger jung aussehen lassen und mir meinen weiteren Werdegang leichter gestalten.

Falls das alles mir dann eines Tages den Spaß am aktiv schlecht gelaunt sein dann doch nicht ersetzen kann, werde ich einfach allem einen so ironischen Beigeschmack hinzugeben, dass mein Gegenüber vielleicht verwirrt, mein Lächeln aber auf jeden von Herzen kommen wird.

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