Gegengedanken - Ist das Dschungelcamp eine Dummenorgie oder die letzte Bastion des guten Fernsehens?

Morgen beginnt einmal mehr eine zweiwöchige Reise durch die Abgründe vermeintlich prominenter Menschen. Seit über einer Dekade ist “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!” auf RTL ein…
Gegengedanken

Ist das Dschungelcamp eine Dummenorgie oder die letzte Bastion des guten Fernsehens?

Morgen beginnt einmal mehr eine zweiwöchige Reise durch die Abgründe vermeintlich prominenter Menschen. Seit über einer Dekade ist “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!” auf RTL ein Garant für Traumquoten, ein Ereignis, bei dem Arbeitslose, Automechaniker und Akademiker gleichermaßen mitfiebern. Also haben sich Marcel und Leni die einzige Frage gestellt, die in den nächsten 14 Tagen wirklich von Bedeutung ist: Dschungelcamp gucken, ja oder nein?

Je mehr ich das deutsche Privatfernsehen hasse, wegen seiner aus aller Welt zusammen geklauten Formate, wegen seiner nichtvorhandenen, richtungsweisenden Persönlichkeiten, wegen der Art und Weise, wie es Menschen auf peinlichste Art und Weise vorführt, desto mehr liebe ich das Dschungelcamp. Und das, obwohl all diese Punkte hier gebündelt und konzentriert werden.

Zwei Wochen im Jahr scheint Deutschland kein anderes Thema zu kennen als das mehrerer ausrangierter Prominenter, die für ein wenig Ruhm und Geld alles zu machen scheinen, Hauptsache Rampenlicht, Hauptsache Zuschauer, Hauptsache die letzte Chance auf eine Daseinsberechtigung auf diesem grausamen Planeten. Sein oder nicht nicht sein.

“Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!” lässt mich eine temporäre Euphorie verspüren, die ich sonst vergeblich im Leben suche. Feuer und Flamme sein, für einige Tage, bis das Nichts einen wieder einholt – uns alle. Warum ist der eine so gemein und der andere so nett, wie echt ist die eine und wie falsch ist die andere, wen liebe ich, wen hasse ich, wer ist mir egal?

Mir geht es nicht um Känguruhoden, Maden und Spinnen, obwohl ich weiß, wie wichtig sie für das Gesamtpaket dieses sozialen Experiments sind, meine Passion gilt dem Zwischenmenschlichen, der konzentrierten Feriencamperfahrung, dem Hass, der Verzweiflung, ja, auch der Liebe und dem Sex und der ständigen Gratwanderung zwischen öffentlicher Wahrnehmung und eigenem Empfinden. Jeder Blick, jede Bewegung, jede Unabsichtlichkeit kann diesen einen Menschen für immer aus der Gesellschaft verbannen, mit Gejohle, mit Leidenschaft, und manchmal auch Recht.

In den ersten Tagen sind sich alle Teilnehmer bewusst, dass Millionen Augen sie anstarren, während sie sprechen und handeln, aber schnell bröckelt die Fassade, die Worte des Managers sind vergessen, jetzt zählt nur noch das Hier und Jetzt, und wenn mir diese Schlampe zwei Hängematten weiter den wenigen Reis vor der Nase wegfrisst, dann soll sie gefälligst dafür büßen, brennen, leiden. Die Zuschauer lachen, RTL lacht, ich lache. Oh mein Gott, wie ich lache… Dafür komme ich in die Hölle, oder?

Dumme Menschen sehen dummen Menschen geifernd dabei zu, wie sie ihre Würde gegen Geld tauschen und hoffen, als Gewinner aus einem Spiel ohne Sieger hervorzugehen. Doch ich fühle mich erhaben, klüger, besser, weil ich weiß, dass Sonja Zietlow und Daniel Hartwich eine Sendung moderieren, die so voller Metaebenen steckt, dass ihre Anzahl nicht mehr greifbar ist. Gespickt mit aktueller Satire und lebendigen Ereignissen und einer Wahrheit, von der man nie genau weiß, wie wahr sie denn nun wirklich ist.

Hier geht es nicht um die immer gleichen Ekelprüfungen, die Brüste unter dem künstlichen Wasserfall oder die Kandidaten in der grünen Arena, “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!” ist der wahrhaftige Spiegel einer Gesellschaft, die so verdorben und ekelerregend und notgeil ist, dass sie selbst das Bewusstsein darüber nicht mehr retten kann.

RTL hat sich mit den Senderechten dieser Show in eine ewig währende Institution verwandelt, die glaubt, der intelligenzlosen Bevölkerung Scheiße als Gold verkaufen zu können, wie sie es bereits mit “Deutschland sucht den Superstar”, “Bauer sucht Frau” und “Schwiegertochter gesucht” macht, ohne bemerkt zu haben, dass sie nicht mehr über, sondern mitten in dieser IQ-Hölle steht – ohne eine Chance auf Entkommen, ohne die Möglichkeit, sich selbst zu erlösen.

Von mir aus könnte RTL die restlichen 50 Wochen ohne das Dschungelcamp ein Testbild senden. Aber sobald das erste „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ über die Bäume hinweg fegt, da bin ich gefangen, ich, der sich für erhaben und klüger und besser hält, doch im Grunde nur ein weiterer Kopf in der schwitzenden und sabbernden Menge ist, der sich an Leid und Angst und am besten Blut und Geschlechtsteilen ergötzt. RTL und ich, wir stecken knietief in der Scheiße – und umarmen uns.

Je mehr ich das deutsche Privatfernsehen hasse, wegen seiner aus aller Welt zusammen geklauten Formate, wegen seiner nichtvorhandenen richtungsweisenden Persönlichkeiten, wegen der Art und Weise, wie es Menschen auf peinlichste Art und Weise vorführt, desto mehr liebe ich das Dschungelcamp. Weil es mir erfolgreich vorgaukelt, dass ich besser bin als alle anderen.

Leni

Je mehr ich mein fernsehloses Privateben liebe, desto mehr hasse ich das Dschungelcamp. Das ausrangierte TV-Gerät steht in der Küche und dient als Rahmen für all die analog (so richtig mit Stift und Papier!) gemachten Postkarten. Und obwohl ich für diese schwarze Kiste einmal die Hälfte meines Monatslohns hingeblättert habe, gab ich nach einem halbherzigen Wiederbelebungsversuch auf – weil ich einfach nichts vermisse, was das Fernsehen zu bieten hat.

“Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!” lässt mich eine innere Leere verspüren, gepaart mit einem kurzen Augenverdrehen über das ganze Gefake, das schon im Namen anfängt: Star? Wer? So weltfremd mag ich aber gar nicht sein und schaue mir kurz die offizielle Pressemitteilung an: Ex-Boygroup-Sänger, Ex-Topmodel-Juror, Ex-DSDS-Sternchen, Ex-Bachelorette-Kandidat. Alles klar. Viel Vergangenheit fürs angeblich aktuelle Format, nicht? Und trotzdem klebt ganz Deutschland vor der Glotze, als würde man in paradiesischen Zuständen, die wir hier zu haben scheinen, etwas Verdorbenes zum Ausgleich suchen. Irgendwie pervers.

Um ehrlich zu sein, habe ich auch gar keine Lust, mich über all die Känguruhoden, Maden und Spinnen, über die hinterhältigen Aktionen der Kandidaten und ihre gespielten Gefühlsausbrüche zu echauffieren. Jedem, der auch nur einen Hauch von Intelligenz besitzt, dürfte klar sein, dass alles pure Berechnung, Geldmacherei und Show ist. Und – was machen wir uns eigentlich vor – all die nackten Tatsachen wurden schon vor dem Einzug ins Camp von jeder Seite beleuchtet und in Szene gesetzt. Ich habe einfach nur keine Lust, mir den Kram anzusehen.

Ich ekele mich nicht vor den schleimigen Prüfungen, sondern den Abgründen, die sich in dieser Show auftun. Mir machen nicht die Spinnen Angst, sondern die Quoten dieser Sendung und die damit offengelegten Vorlieben der Menschen um mich herum. Und meine Abneigung den überall kriechenden Insekten gegenüber ist längst nicht so stark wie die gegen das gespielte Zwischenmenschliche, welches längst in ellenlangen Skripten festgehalten wurde.

„Ach, stell dich nicht so an, ist doch nur Spaß!“, wurde mir letztens gesagt. Und obwohl ich sonst für jeden Quatsch zu haben bin, kann ich hier einfach nicht mitlachen. Nein, das Dschungelcamp ist weder unterhaltend noch spannend. Es ist eine Satire, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, das stimmt. Aber die Hauptakteure sind nicht all die Ex-Titelträger, die keiner mehr braucht, sondern die, die zu Hause vor den Fernsehern hocken und die Nachfrage nach diesen Formaten steigern – während intelligente, gut gemachte Filme und Serien aus dem Programm fliegen, weil sie sich angeblich nicht für die Masse eignen.

Je mehr ich mein fernsehloses Privateben liebe, desto mehr hasse ich das Dschungelcamp. Wobei hassen vielleicht das falsche Wort ist. Ich ekele mich vor einer Gesellschaft, die sich am Versagen anderer aufgeilt, nur um gekonnt dem Blick des eigenen Spiegelbildes auszuweichen. Wer etwas wirklich Widerliches sehen möchte, kann ja einfach mal die Nachrichten gucken.

Boko Haram haben letztens ein komplettes Dorf ausgelöscht und in Paris wurden 12 Menschen massakriert. Waren aber keine Kameras in den Bäumen versteckt, also auch nicht so spannend, hm? Naja, einen Plan B habe ich aber immer noch, wenn ich Unterhaltung suche: das eigene Leben. Mit Prüfungen, Freude, Ekel, Tränen, Belohnungen und all dem Gefühlskram. Nur ohne Skript und Kameras.

Foto: RTL
Topman

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