Montagsmonolog - Wer sich auf das neue Netzwerk Ello verlässt, der ist verlassen

Die Passwörter wirken wie eine Aneinanderreihung von beliebigen Begriffen. Soldiers-round-life zum Beispiel. Oder house-found-species. Oder country-give-flower. Wer eines erwischt, der darf sich bald willkommen heißen im neuesten Hype des Internets.…
Montagsmonolog

Wer sich auf das neue Netzwerk Ello verlässt, der ist verlassen

Ello

Die Passwörter wirken wie eine Aneinanderreihung von beliebigen Begriffen. Soldiers-round-life zum Beispiel. Oder house-found-species. Oder country-give-flower. Wer eines erwischt, der darf sich bald willkommen heißen im neuesten Hype des Internets. Facebook ist nämlich (mal wieder) out, sagen zumindest die selbsternannten Experten, Social-Media-Manager und Twitter-Prominenten. Das Netzwerk der Zukunft heißt Ello – und das sieht aus wie ein schlechtes Tumblr-Theme.

Seit einem halben Jahr ist Ello nun online. Das interessierte aber bislang kaum jemanden, bis das Netz in der vergangenen Woche von einer Einladungswelle überflutet wurde, mit der keiner so recht etwas anzufangen wusste. Erst als sich die ersten Mutigen dort registrierten und ein paar Mitläufer hinein zerrten, wurden auch die Medien darauf aufmerksam.

„Nacktbilder und Pseudonyme sind erlaubt. Werbung? Fehlanzeige! Das soziale Netzwerk Ello positioniert sich gerade recht erfolgreich als Alternative zum durchregulierten Facebook“, begeisterte sich Ole Reißmann auf SPIEGEL ONLINE. „Facebook erlaubt nur echte Namen. Für die schwul-lesbische Community ist das ein Grund, nach Alternativen zu suchen. Eine davon ist Ello. Dort sollen sich aktuell Zehntausende neue Nutzer anmelden“, schreibt Hakan Tanriverdi auf Süddeutsche.de.

Tatsächlich berichtet Betabeat, dass sich pro Stunde 27.000 neue Nutzer bei Ello anmelden. Tendenz steigend. Das Problem an der Sache ist allerdings, dass sich nur die wenigsten von ihnen wirklich mit der Hintergrundgeschichte des momentan noch werbefreien und sichtlich offenen Netzwerks auseinander gesetzt haben. So bemängelt zum Beispiel Andy Baio, ein früherer Mitarbeiter von Kickstarter, dass die Firma hinter Ello 435.000 US-Dollar Wagniskapital erhalten habe.

„Venture-Kapitalisten geben das Geld nicht aus purem Wohlwollen”, schreibt Baio. Normalerweise sei das Ziel bei solch einer Annahme die sogenannte Exit-Strategie, also der baldige gewinnbringende Verkauf. Damit dieser Gewinn möglichst hoch ausfalle, setzen viele Dienste darauf, in kurzer Zeit so viele Nutzerdaten wie möglich zu sammeln und sie letztendlich zu Geld zu machen. Es wäre natürlich mehr als ironisch, wenn Ello in einem Jahr von Facebook aufgekauft werden würde.

Wir spüren alle, dass die natürliche Lebenszeit von Facebook dank einer neuen Dimension von Kapital künstlich in die Länge gezogen wird. Das Internet ist eine ständige Aneinanderreihung von kleinen und großen Veränderungen – von allen Seiten. Stillstand ist hinderlich. Konzerne, die sich am Erfolg festkrallen, stören den digitalen Lauf der Dinge. Nach MySpace kam StudiVZ, nach StudiVZ kam Facebook, nach Facebook kommt… Ello?

Amerikanische Firmen sehen uns nicht mehr als Menschen, sondern als wandelnde Nutzerdaten, die sie zu Geld machen können. Wie Schafe treiben sie uns von einem Netzwerk zum nächsten. Haben sich genügend Instrumentalisierte mit Profilfoto bei einer Seite angemeldet, wird diese schlichtweg aufgekauft – auf einer anderen Weide bringen wir schließlich keinen Gewinn.

Der plötzliche Erfolg von Ello bringt eine tragische Wahrheit ans Licht: Dass das Internet schon lange nicht mehr uns gehört. Anstatt Freiheit suchen wir Alternativen. Unsere Köpfe wurden über Jahre hinweg dazu trainiert, zu vergessen, dass wir auch selbst etwas Großartiges in diesem Netz erschaffen können, weit weg von aufgepumpten Netzwerken und Konzernen. Die Devise lautet: Willst du mit deinen Freunden etwas erleben, dann mach das gefälligst auf der Seite eines Unternehmens. Anders geht es nicht.

Doch das ist schlichtweg gelogen. Natürlich geht das anders. Das ging jahrelang anders. Anstatt euch für ein bisschen kostenlosen Webspace und einen mehr oder minder schön gestalteten Rahmen ausnehmen zu lassen, dreht den Spieß doch einfach um! Setzt euch für ein paar Euro im Monat einen eigenen Blog auf, zum Beispiel durch Angebote wie WordPress, Ghost oder Jekyll. Dank internationaler Standards könnt ihr euch spielend leicht mit den Seiten eurer Freunde verbinden und ein gemeinsames Netzwerk aufbauen, ohne dass ihr von Dritten abhängig seid.

Wenn ihr euch immer nur von einem Konzern zum nächsten rettet, ohne über die wirklichen Alternativen nachzudenken, dann resultiert daraus in einigen Jahren ein trostloses Netz, in dem Bevormundung groß und der eigene Wille klein geschrieben wird. Schließlich können Angebote wie Facebook, Tumblr & Co. selbst bestimmen, was ihr wann teilt – und wer das Geteilte überhaupt zu sehen bekommt. Und ihr lasst das zu – aus purer Bequemlichkeit.

Natürlich seid ihr die Ersten, die sich darüber aufregen, wenn Facebook mal wieder die Timeline anders gestaltet oder die dortige Filterfunktion besonders hart zu euch ist. Aber anstatt diese Energie lieber darin zu investieren, etwas Neues zu kreieren, meckert ihr eher ein paar Tage, eröffnet am besten noch einige “Wir wollen die alte Timeline zurück!”-Seiten mitsamt 62 Fans und gebt euch letztendlich damit zufrieden, dass ihr komplett ignoriert werdet. Das ist doch irgendwie armselig.

Was die Zukunft für Ello bereit hält, das weiß keiner so genau. Vielleicht zeigt es in ein paar Monaten sein wahres Gesicht, vielleicht wird es verkauft, vielleicht wird es einfach nur vergessen – vielleicht wird es ja sogar großartig. Aber bevor ihr euch allzu viele Hoffnungen darauf macht, dass dieses neue Netzwerk eure digitale Erlösung bereit hält, atmet einen Augenblick kurz durch, schaut aus dem Fenster und fragt euch dann, ob es wirklich keinen anderen Weg gibt, um euch ein aufregenderes, spaßigeres und erfüllenderes Leben im Internet zu ermöglichen. Die ehrliche Antwort darauf wird euch überraschen.

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7 Kommentare

  • Die Aneinandereihung der Wörter sind der Invite-Code, keine Passwörter, das wäre echt fatal.

    Ob es “das” nächse Netzwerk ist, wage ich zu bezweifeln. Eher geht es weg von den Netzwerken. FB wird, wie richtig erwähnt, künstlich am Leben erhalten, Google+ hat praktisch zu Beginn schon keine Aufmerksamkeit bekommen und tumblr, sowie twitter führen (zumindest in Deutschland) ein Nischendasein.

    Die Selbstorganisation von Netzwerkwilligen durch Blogs oder Blogdienste halte ich allerdings ebenso utopisch, wie Ello als Facebook-Nachfolger. Eher gibt es noch mehr Whatsapp-Gruppen…

  • Robert

    Warum die Passwörter so aussehen, liegt wahrscheinlich an diesem Comic: http://xkcd.com/936/

  • Oliver

    Bitte verwechselt hier nicht Passwörter mit Invite-Codes! Die Invite-Codes sind in der Tat 3 aneinander gereihte Begriffe, welche aber lediglich der ERSTEN Person, die sie benutzt, dazu dienen, sich überhaupt einen Account im Netzwerk anzulegen. Nach dem Einlösen des Codes ist er wertlos. Mit einem solchen Code darf man sich dann auf http://ello.co/join einen normalen Account mit eigenem (beliebig komplexen) Passwort erstellen.

  • Der Ello-Angriff auf Facebook : pressekompass

    […] sich auf das neue Netzwerk ELLO verlasse, sei verlassen, meint Marcel Winatschek der Gründer von “AMY&PINK”. “Amerikanische Firmen sehen uns nicht mehr als Menschen, sondern als wandelnde Nutzerdaten, […]

  • Ein GROSSARTIGER Artikel mit einer absolut richtigen Schlussfolgerung! Danke!

  • Mitesh

    Veradardoxe veradarnum e, mnceoxamnalu ja, hazar u mi arit horinelov.Es gitem vor Kanadajum es, du el mtqovs ancar poste grelu zhamanak, bajc de qe kardalov karote parz erevum a, tak chto -pora domoj:)))

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