Das Internet macht mich kaputt - Die Tage, an denen ich offline war, waren die beste Tage meines Lebens

Der Tag, an dem mir das Internet zu viel wurde, war ein Sonntag. Ich verdiene nicht nur seit knapp acht Jahren mein Geld mit dem Internet, ich lasse es auch…
Das Internet macht mich kaputt

Die Tage, an denen ich offline war, waren die beste Tage meines Lebens

Der Tag, an dem mir das Internet zu viel wurde, war ein Sonntag. Ich verdiene nicht nur seit knapp acht Jahren mein Geld mit dem Internet, ich lasse es auch an meinem Leben teilhaben. Den Hochs, den Tiefs, den Beziehungen und Trennungen, den Freundschaften, den Depressionen. Das Internet, das ist mein Kapital, beruflich wie privat. Dem Internet hab ich schon den ein oder anderen coolen Job zu verdanken und unzählige Bekanntschaften, die ich nicht mehr missen will. Das Internet hat mich nach vorne gebracht – es hat mich jedoch auch zurück gelassen.

Das Internet konfrontiert mich nämlich nicht nur mit den schönen Dingen des Lebens, sondern auch mit meinen Ängsten. Wie Haien. Oder Ablehnung. Und die zu umschiffen, ist hier viel schwerer als im sogenannten “echten Leben”. Im echten Leben gehst du einfach weg, wenn dir etwas nicht passt. Oder darauf zu, wenn du dafür bereit bist. Im Internet ist beides schwierig.

Weil jeder an deiner Flucht teilhaben kann. Oder der Konfrontation. An Dingen, die du nicht unbedingt teilen willst, weil sie zu privat für dich sind. Viel persönlicher als das, was du sonst von dir preisgibst. Dinge, die man missverstehen kann, wenn man nicht involviert ist – ihr kennt das bestimmt von den sogenannten “Tweefs” unter Prominenten oder Facebook-Pärchen, die sich gerade getrennt haben und ihren Streit nun für alle zugänglich im Netz austragen müssen.

Im Internet, da bist du immer präsent. Mit allen Vorzügen und Besonderheiten, aber auch mit deinen Makeln und Fehlern. Manchen bist du dir bewusst, die anderen finden andere für dich. Personen, die du mit dem, was du im Internet tust, an dich rankommen lässt, ob du willst oder nicht, denn das Internet, das ist dein Kapital – und wenn es dein Kapital sein soll, dann musst du immer präsent sein.

Du musst deinen Facebook-Account pflegen, beruflich wie privat, deinen Blog täglich updaten, den Tumblr mit neuen Fotos und Geschichten füllen und auf Twitter deine Gedanken teilen. Das ist das, was die Welt von dir sieht. Deine Freunde, Fans und Neider und der zukünftige Chef. Du brauchst die Klicks, denn davon kommt dein Geld.

Versteht mich nicht falsch – ich liebe meinen Job. Ich habe im Internet meine Erfüllung gefunden. Ich habe die Präsenz und die Möglichkeit, hier meine Gedanken nahezu ungefiltert in die Welt zu posaunen. Ich liebe den Austausch, den uns das Internet bietet und sogar die fiesen Kommentare, die man hier manchmal an den Kopf bekommt. Aber manchmal wird es mir einfach zu viel. Weil ich mich all dem nicht entziehen kann.

Das Internet, das folgt mir bis ins heimische Bett. Oft beantworte ich bis tief in die Nacht E-Mails, lese auf Twitter die Geschichten meiner Freunde nach und rege mich über Diskussionen auf. Nebenbei ploppen tausend Chatfenster auf, hier eine neue iMessage, da eine Nachricht bei WhatsApp oder Threema – und alles schreit danach, beantwortet zu werden. Und zwar sofort.

Das ist der Druck, wenn du immer online bist – und jeder sehen kann, dass du immer online bist. Ich kenne mehrere Beziehungen und Freundschaften, die in die Brüche gegangen sind, weil eine Nachricht nicht in der selbstgesetzen Frist beantwortet wurde. Und ihr kennt sie bestimmt auch, diese Nachrichten, die sagen: “Warum schreibst du nicht zurück? Du warst doch seit meiner Nachricht fünf bis zehn mal online! Und für Twitter war ja auch noch Zeit!” Online sein bedeutet Stress.

Der Tag, an dem mir das Internet endgültig zu viel wurde, war ein Sonntag. Und an diesem Sonntag habe ich kurzerhand das Internet aus meinem Leben gelöscht. Zumindest für ein paar Tage. Ich habe meinen Facebook-Account dicht gemacht. Das Twitter-Profil geschlossen. Kein Foto für Instagram gemacht. Den Blog nicht geupdatet. Sämtliche Messenger deinstalliert, das E-Mail-Programm ausgemacht und mein Handy in den Flugmodus geschaltet. Kein Kontakt zur “Außenwelt”. Und das, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Ich wollte einfach mal nicht online sein. Einmal nicht erreichbar.

Ich wollte Zeit für mich. Und die habe ich bekommen. Zeit, in der ich Serien schauen, Burger essen und Bücher lesen konnte, ohne ständig von Notifications gestört zu werden. Und der drastische Schritt war dazu nötig. Ich kann nämlich eigentlich nicht ohne das Netz. Wenn es da ist und mit ihm die ganzen tollen Apps auf meinem Handy, dann nutze ich es auch. Mehr als einen Tag habe ich noch nie im Flugmodus geschafft. Die Welt “da draußen” ist für mich zu interessant. Ich muss wissen, was da los ist. Bei meinen Freunden und Bekannten, bei meinen liebsten Bloggern, auf Twitter und bei YouTube. Und ich muss mich selbst mitteilen. Immerhin ist das mein Job. Und somit auch mein Leben.

Ich war nur knapp drei Tage ohne all das, doch es hat mir verdammt gut getan. Und ich wäre nicht so zurück gekommen, wenn da nicht dieser Job wäre. Ein Job, der mich voranbringt, aber auch zurück ins Internet wirft – doch in diesem lebe ich nun mal. Und arbeite.

Und jetzt komme ich langsam wieder. Ich habe mich durch fast 2.000 E-Mails gewühlt, den Spam von guten Nachrichten getrennt. Mir WhatsApp wieder geladen und nach und nach die ganzen Mitteilungen, die sich während meiner kurzen Abwesenheit angestaut haben, so gut es ging beantwortet – es ist übrigens erstaunlich, welche Leute sich ganz plötzlich bei dir melden und fragen, ob alles okay ist, wenn du mal für ein paar Tage komplett von der Bildfläche verschwindest, doch das ist ein ganz anderes Kapitel. Und heute komme ich zurück zu Twitter – nicht, weil ich sonderlich vermisst habe zu lesen, was da steht, sondern für den Job. Und weil mein Mitteilungsbedürfnis sich doch ein wenig danach sehnt, endlich wieder vom Internet befriedigt zu werden – aber sagt das bitte keinem.

Vom Rest des Netzes werde ich noch eine Weile Abstand halten. Die kleine Auszeit tut uns nämlich gut. Mir und auch dem Internet. Es muss nicht immer wissen, was ich denke, woran ich arbeite und was ich esse. Im echten Leben erzählt man ja auch nicht alles. Und ich, ich muss nicht alles wissen, was das Internet so treibt. Irgendwann will ich natürlich ganz zurück. Das Netz ist mein Zuhause geworden, beruflich wie privat – aber manchmal braucht man einfach Urlaub.

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5 Kommentare

  • Der Twitter-Link zur Dame ist kaputt.

    “Das ist der Druck, wenn du immer online bist – und jeder sehen kann, dass du immer online bist. Ich kenne mehrere Beziehungen und Freundschaften, die in die Brüche gegangen sind, weil eine Nachricht nicht in der selbstgesetzen Frist beantwortet wurde. Und ihr kennt sie bestimmt auch, diese Nachrichten, die sagen: “Warum schreibst du nicht zurück? Du warst doch seit meiner Nachricht fünf bis zehn mal online! Und für Twitter war ja auch noch Zeit!“ Online sein bedeutet Stress.”
    Nach Schlaf-hygiene brauchen wir wohl einen Guide für Online-Hygiene. :)

  • Anita

    Ich kann das gut nachvollziehen und möchte Dir gern meine aktuelle Lektüre “Der Circle” von Dave Eggers ans Herz legen. Ein erschreckend realistischer Roman über das Internet, Privatsphäre und die Entwicklung, die wir hoffentlich nicht durchmachen werden.

  • Fabian

    Das mit “Internet bedeutet Stress” sehe ich ähnlich. Online sein hat sich zu einer solchen Selbstverständlichkeit entwickelt, dass man sich manchmal die Frage stellt, wie das vor 15 oder 20 Jahren alles “mit dem Leben” gänzlich ohne Internet funktioniert hat. Streikt heutzutage die Internetverbindung, bin ich sofort gestresst, mache meinem Provider Druck und grübel insgeheim Dinge wie “Oh Gott, womit beschäftige ich mich denn nun?”. Das “Über-alles-informiert-sein” des WWWs hat zwar Vorteile, ist aber auch einfach wahnsinnig anstrengend. Warum muss man “alles wissen”, oft auch jeden Quatsch? Das hat doch bis vor einigen Jahrzehnten auch ohne gut geklappt. Von daher finde ich den Begriff “Online” bzw. “Internet-Hygiene” von Robert sehr passend. Sich mal eine Auszeit vom Facebooken, Twittern, Whatsappen etc. zu geben, kann unglaublich entspannen. Und das Beziehungen durch Sätze wie “Aber du warst doch online, warum kam keine Antwort?” unruhige Momente/Zeiten erleben, kann ich mir gut vorstellen. Aber so ist das leider heutzutage, in Zeiten der Dauerverfügbarkeit und digitalen Abhängigkeit. Das Bedenkliche daran: Der Zustand wird sich weiter steigern, auch durch Datenuhren und -brillen. Irgendwann kommen dann die Datenkontaktlinsen oder -chips unter der Haut. Klingt übertrieben? Folgende Ausgabe des “Elektrischen Reporters” beweist doch eindrucksvoll das Gegenteil: http://www.elektrischer-reporter.de/phase3/archiv_tags/Cyborgs

    Lassen wir uns überraschen, wohin uns das alles noch führt. Eine gesunde Portion Skepsis sollte man dem Ganzen aber (trotz der Begeisterung für die technologischen Fortschritte) unbedingt entgegenbringen.

  • Conny

    Im ansatz richtig. Jetzt noch n jobwechsel in die analoge welt und dann hast du auch keinen stress mehr mit dem netz, da es ab dann privat ist. Das ist ein seehr alter und bewährter tipp: privat und beruf trennen :) – n dj will auch nicht den ganzen tag beschallung. N koch nich immer kochen und n arzt nich immer menschen reparieren…

  • Hogan Hirnschl

    Gaudsch gelaber, aber halt nid ganz des was i für richtig halt. I finds schaad, dass des Inerned so viel Zeit frischd. Naja, do kannsch nix moche gell.

Forever 21