Gegengedanken: Trolle adé! - Ist es endlich Zeit, die Kommentare im Internet komplett abzustellen?

Mit ihren Artikeln „Hass im Netz – Ich bin der Troll“ und „Lassen Sie uns diskutieren“ haben die Onlineauftritte von bekannten Zeitungen eine alte Diskussion neu angestoßen: Darf man Trollen…
Gegengedanken: Trolle adé!

Ist es endlich Zeit, die Kommentare im Internet komplett abzustellen?

Mit ihren Artikeln „Hass im Netz – Ich bin der Troll“ und „Lassen Sie uns diskutieren“ haben die Onlineauftritte von bekannten Zeitungen eine alte Diskussion neu angestoßen: Darf man Trollen im Netz eine Bühne der Selbstdarstellung bieten – oder sollten wir die Kommentarfunktionen von Webseiten am besten ganz abschaffen, weil dort eh jegliche Hoffnung verloren ist? Leni und Marcel stellen sich diesem Streit heute in der neuen Ausgabe von Gegengedanken.

Leni: „Trolle haben sich ihren Namen nicht umsonst so hart erarbeitet“

Internet ohne Trolle, das ist wie Pommes ohne Ketchup, wie Sex ohne Schweiß, wie Kanye ohne Kanye. Das Eine funktioniert nicht ohne das Andere und wenn doch, dann fehlt die Würze. Es gibt wohl kaum ein Thema, worüber bei geheimen Bloggersektentreffs öfter diskutiert wird, während man an überzuckerten Cupcakes knabbert.

Und oft stehe ich dazwischen und kann mich nicht entscheiden, welche Position ich denn eigentlich vertreten möchte. Natürlich tun mir die teilweise noch minderjährigen Mädchen und Jungs leid, die einfach nicht weiterwissen, wenn ihnen zum 37. Mal eine fiese Frage auf Ask.fm gestellt wird oder auf dem Blog kommentiert wurde, ihr linkes Ohrläppchen sähe ja wirklich total mega seltsam aus.

Aber deshalb gleich die Kommentare abschaffen? Ich weiß ja nicht. Selbst die „Großen“ haben sich nicht selten mit der Frage beschäftigt und darüber diskutiert, ob man nur noch Facebook-Kommentare zulassen oder die Kommentarfunktion moderieren sollte. Alles gute Ansätze – aber trotzdem: Trolle haben sich ihren Namen doch nicht umsonst so hart erarbeitet. Sie finden Wege und Mittel, um auch diese Schranken zu umgehen. Oft verpackt in passiv-aggressive Kommetare, die man sehr wohl persönlich nehmen kann, obwohl sie so formuliert sind, als wäre alles nur gut gemeint. Gern angefangen mit: „Ist nicht böse gemeint, aaaaber“¦“

Und dieses aber kann einen manchmal in so ein tiefes Loch reißen, dass man nur noch wie ein Häufchen Elend unter dem Küchentisch kauern und nie wieder in diese böse, große Welt zurückkehren möchte. Eigentlich. Denn in Wirklichkeit ist alles halb so schlimm – und das kapiert man spätestens in dem Moment, wenn man die eigene Eitelkeit aus- und das Köpfchen einschaltet.

Es reicht, sich eine Sekunde lang darüber Gedanken zu machen, was diese Menschen bewegt. Und plötzlich ist statt der Sehnsucht nach dem eigenen Schneckenhaus nur noch dieses Mitleid im Raum – den armen, traurigen Menschen gegenüber, die ihre 24 Stunden täglich nicht voll auskosten, sondern darauf verschwenden, ihre fiese Buchstabensuppe in die Weiten des WWW zu schießen.

Dort sieht sie nämlich keiner. Sie verstecken sich hinter Pseudonymen, verschwommenen Profilfotos und IP-Adressen, während die meisten von ihnen never-ever (ever, ever) dem Mumm hätten, ihre Meinung persönlich mitzuteilen. Und Cochones zu haben – das wiederum gehört zum Bloggen auf jeden Fall dazu. Wer sich den knapp zwei Millionen Besuchern präsentiert, muss eben damit rechnen, dass es den ein oder anderen gibt, dem die eigenen Schuhe nicht gefallen, der Text zu lang ist oder die Bilder zu bunt.

Aber sobald man ihnen das Wort verbietet, stößt man all die anderen vor den Kopf, die auf einen Austausch in Augenhöhe aus sind, vielleicht auch das ein oder andere nette Wort dalassen oder konstruktive Kritik abliefern wollen. Schließlich fange ich ja nicht gleich an, alle Hunde zu hassen, nur weil mich mal ein harmloser Welpe angeknurrt hat, oder?

Blogs sind deshalb so beliebt geworden, weil sie die Medien demokratisiert haben – und da fange ich doch nicht an, den Kommentar-Hitler zu spielen, weil ein kleiner Hater schlecht geschlafen hat. Recht machen kann man es ihnen eh nicht, wie ich das ein oder andere Mal festgestellt habe. Und wenn alles Friede, Freude, Eierkuchen wäre, wäre es ja auch nur halb so lustig. Manchmal geht das Eine eben nicht ohne das Andere – und wenn die Trolle schon nicht für die nötige Würze sorgen, dann wenigstens für ein Schmunzeln zwischendurch. Und für unendlich viele Klicks, die sie generieren. Vielleicht sollten wir uns ja bei Gelegenheit bedanken?

Marcel: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“

Ihr wisst, dass ich euch liebe. Wirklich. Jeden Einzelnen von euch. Seit Jahren. Ihr habt AMY&PINK zu dem gemacht, was es heute ist. Mit jedem einzelnen Klick, mit jedem einzelnen Share, mit jeder einzelnen Meinung. Aber trotzdem würde ich dem ein oder anderen von euch am liebsten links und rechts eine mitgeben, wenn er das Kommentarfeld mal wieder dazu benutzt, um sein gescheitertes Leben zu kompensieren.

Ich schreibe einen epischen Text, direkt aus meinem Herzen, mit einem legendären Anfang, hautnahen Erlebnissen, einer wahnsinnig guten Schlussfolgerung und oben drauf gibt’s noch eine gekonnte Rückführung. Und was kommt zurück? „Im dritten Absatz fehlt ein H.“ Sonst nichts. Nichts darüber, ob euch dieser Text irgendwas gebracht hat, berührt hat, aufgebracht hat. Nein. „Im dritten Absatz fehlt ein H.“

Diese Kommentare sind noch viel schlimmer als jedes „Arschloch“, „Hurensohn“ oder „Schwuchtel“. Getoppt werden sie nur noch von „Alt“, „Langweilig“ und „Gähn“. Am besten sind jedoch Menschen, die jedes Thema dazu verwenden, um irgendwie auf ihre eigenen Hassobjekte hinzudeuten. Dass die Juden doch alle vergast gehören, dass die Muslime doch alle zurück in die Türkei geschossen werden sollen, dass Russland das beste Land der Welt ist und wir uns schon bald alle vor Putin verneigen werden.

Traurig denke ich dabei an die Anfangszeiten der deutschen Blogosphäre zurück. Und immer, wenn ich darüber spreche, höre ich mich an wie ein alter Mann. Um uns zu vernetzen, blieb uns nichts anderes übrig, als bei anderen Bloggern zu kommentieren, der gute erste Eindruck zählte. Wer Unsinn schrieb, der wurde ignoriert und konnte seinen digitalen Ruhm vergessen.

Ich liebte die Kommentare. Jeder war etwas ganz Besonderes. Von einem Menschen geschrieben, den man respektierte. Oder schon bald zu seinen Freunden zählen würde. Mit der Hochzeit der sozialen Netzwerke und der Verbreitung des Internets jenseits der Außenseiter, stürmten allerdings schon bald die ersten Trolle auf unsere Seite – und es wurden immer mehr.

Seit Jahren lese ich die Kommentare auf unserer Seite nicht mehr wirklich. Mir sind Meinungen von Menschen in der echten Welt schon ziemlich egal – warum sollte ich mich dann von wildfremden Menschen im Internet belabern lassen? Ich war schon sehr oft davor, die Kommentare auf AMY&PINK zu schließen, weil es einfach nichts mehr brachte. Aber Freunde und Kollegen waren sich sicher: Ohne Kommentare kein Meinungsaustausch, ohne Meinungsaustausch keine Klicks, ohne Klicks keine Reichweite, ohne Reichweite kein Geld. Das ist der Teufelskreis des Internets. Und wir sind ein Teil davon.

Ich würde gerne einmal testen, wie es wohl wäre, wenn gleichzeitig alle Webseiten ihre Kommentare schließen würden. Blogs, Facebook, YouTube – und auch Twitter. Würde sich das digitale Klima zum Besseren verändern? Oder wäre der Meinungs­supergau vorprogrammiert? Alle sprechen immer von Zensur, sobald man einen ätzenden Kommentar löscht – aber eigentlich will ich doch nur in Ruhe mein Ding durchziehen, ohne dass mir gelangweilte Hauptschulabbrecher den Tag vermiesen.

Ihr wisst, dass ich euch liebe. Wirklich. Jeden Einzelnen von euch. Aber wenn ich die Wahl hätte zwischen einer wild gestikulierenden Masse an dummen Plappermäulern, zwischen der sich hier und dort eine hilfreiche Meinung verbirgt, oder einer friedlichen Wand der Stille – ich würde mich wohl für die Wand entscheiden. Zehn Jahre idiotische Gegenstimmen mitsamt Rechtschreibfehlern, Themaverfehlungen und Hetzereien sind genug für mich. Ganz nach dem Motto „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“.

Fotos: Sandy Kim
Urban Outfitters

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere spannende Neuigkeiten über Games zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Farfetch

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

6 Kommentare

Strellson