Das echte Leben in der Hauptstadt - Wenn du in Berlin nicht feierst, kokst und vögelst, dann zieh’ gefälligst wieder weg!

Es ist einer dieser typischen Freitagabende in Berlin. Also einer von denen, an denen du zu Hause herum hängst und auf die Anrufe von Leuten wartest, die sich nur zum…
Das echte Leben in der Hauptstadt

Wenn du in Berlin nicht feierst, kokst und vögelst, dann zieh’ gefälligst wieder weg!

Es ist einer dieser typischen Freitagabende in Berlin. Also einer von denen, an denen du zu Hause herum hängst und auf die Anrufe von Leuten wartest, die sich nur zum Feiern bei dir melden. Weil du nun mal die Person bist, die alle Türsteher und Dealer dieser Stadt beim Namen kennt und bei manchen sogar weißt, wie ihre Kinder heißen und wo sie an ihren freien Tagen frühstücken gehen.

Du hast den Plan, wo heute die beste Party steigt und wo's das beste Koks zu kaufen gibt. Weil du die Woche damit verbracht hast, nach all diesen Dingen zu suchen, während deine sogenannten Freunde ihren sogenannten Jobs nachgingen. Und deshalb bist du wichtig. Du hängst also zu Hause herum, wartest auf die Anrufe von Leuten, die sich nur zum Feiern bei dir melden und legst dir im Kopf drei Outfits zurecht.

Ein Outfit für's Prince Charles, eines für den Fall, dass du drei Tage nicht nach Hause kommst, und eines, das gerade so okay ist, um noch schnell nebenan Gras zu kaufen. Im Prinzip sehen sie alle gleich aus. Dein Lieblingsshirt ist dreckig, natürlich, weil du von Montag bis Freitag schon so mit dem Wochenende beschäftigt warst, dass deine Wäsche, dein Geschirr und mit der Zeit auch deine Würde einfach liegen geblieben sind. So geht das, seit du in Berlin wohnst, und manchmal fragst du dich, ob das schon alles war, ob das jetzt echt dein Leben ist oder ob du nur die Fantasie lebst, du weißt schon, ob du nun eine von denen bist, vor der man dich als Kind immer gewarnt hat.

Ich spiele das Spiel jetzt seit fünf Jahren. Fünf Jahre Berlin, fünf Jahre die immer gleichen Wochenenden, nur dass der Freundeskreis ständig wechselt und hier ein Club schließt und dort wieder neu auf macht. Ich bin eines von den coolen Kids, glaube ich, eine von denen, die man um ihren Stammplatz auf der Gästeliste beneidet und darum, dass sie einen Fick drauf gibt, wie sie nach dem Feiern aussieht, und der auch egal ist, dass in ihrem Bett mittlerweile mehr Kerben sind als es Holz gibt.

Ich bin eines von den coolen Kids und damit auch wie jeder, der in Berlin etwas von sich hält. Ich mag das, Individualismus ist eh tot, nur manchmal habe ich halt keinen Bock drauf, und dann ziehe ich alleine los, es lebe der Individualismus. Ich will raus aus dem Klischee, hinein in das nächste.

Mit dem neuen Track von Alle Farben auf den Ohren und zwei Flaschen Bier im Beutel ziehe ich los, Partytram M10, nächster Halt: Warschauer Straße. Bei den Dealern auf dem Technostrich kaufe ich Gras für 'nen Zehner, lasse mich ein bisschen antatschen, das ist da irgendwie so üblich, die Medien berichteten. Keine zwei Meter kann man gehen, ohne mit „Mäuschen“ oder „Baby“ angequatscht zu werden, und ich frage mich, ob die Dealer so überhaupt etwas los werden, ich meine, bei Leuten, die noch nie etwas gekauft haben.

Mein Weg führt mich auf die Modersohnbrücke, die natürlich voller Leute ist, aber irgendwie kann man hier gut zusammen allein sein. Ich drehe mir einen Joint, und während ich ihn rauche, schaue ich auf die Bahngleise hinunter. Die Brücke schwingt bei jedem Auto, das darüber fährt, und es fühlt sich ein bisschen an wie betrunken sein.

Den Sonnenuntergang, wegen dem alle gekommen sind, nehme ich gar nicht richtig wahr. Irgendwann setzt der Fressflash ein, ihr kennt das ja, ich brauche jetzt dringend Schokolade und ‘nen Döner, mir eigentlich egal, Hauptsache Essen, und so lande ich in der Simon-Dach-Straße und stopfe mir Pizza für 2,50 Euro in den Rachen, von irgendwo her hört man Marteria singen oder Casper oder irgendeinen anderen dieser total überbewerteten Rapper, die hier wahrscheinlich auch immer ihre Pizza kaufen, immer dann, wenn keiner guckt.

Die Luft riecht nach Wasserpfeife, das ist hier so, erst wenn man wieder weiter nach unten kommt, mehr auf den Technostrich, wird der Geruch zu Gras. Und später in der Nacht kommt dann die Kotze dazu, die Kotze der Touristen, die zum ersten Mal Mexikaner trinken und sich MDMA einwerfen, weil man's halt so macht, und dann erzählen sie jedem, wie geil Berlin doch ist und dass sie unbedingt ins Berghain wollen, während sie letzten Endes dann doch nur im Matrix landen.

Das Matrix, das ist ein mindestens genauso sagenumworbener Ort wie das Berghain. Jeder weiß wie es dort ist, obwohl er noch nie drin war, aber die Partys, die sind immer scheiße, genau wie die im Berghain immer geil sind und sowieso, in Clubs, in die echt jeder kann, da geht man sowieso nicht rein, wenn man Berliner ist und zu den coolen Kids gehört, und irgendwie reizt mich das gerade, also schnell noch 'nen Wodka gekauft und ein Gramm Speed gezogen, was echt kacke ist, ehrlich Leute, kauft nicht auf dem Technostrich, die zocken euch nur ab da. Über die Warschauer Brücke zu gehen, ist jetzt fast unmöglich, überall sind Menschen, viel zu viele Menschen.

Jemand sagt „Das ist Berlin!“ und mir kommt ein bisschen Kotze hoch, das ist vielleicht dein Berlin, aber nicht meins, echt nicht, oder vielleicht doch? Ich drängle mich vorbei, einmal links, Treppe runter, noch mal rechts. Hier ist es also, dieses Matrix. Die Schlange vor dem Club ist lang, das Publikum eine Mischung aus überstylten Mädchen in High Heels und Jungs, die das erstbeste T-Shirt aus dem Schrank gezogen und noch keinen Bartwuchs haben. Durch die offenen Türen dringen dumpf die Beats, ich stehe trotz Schlange keine zehn Minuten an, das ist neu. Die Türsteher hier kenne ich nicht, Taschenkontrolle, Ausweis zeigen, kritischer Blick, „Du darfst rein!“, als sei das hier etwas Besonderes.

Drinnen stehen halbnackte Mädchen in einem Käfig und fassen sich gegenseitig an. Vor ihnen eine Gruppe Jungs, die den Mädchen laut grölend schmutzige Dinge zurufen. Also, ich glaube, dass es schmutzige Dinge sind, denn sie sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe, doch schön klingt sie nicht.

Ich gehe zur Bar und bestelle mir zwei Drinks, bezahle aber nur einen, das ist hier so „bei den Ladys“, sagt man mir. Bevor ich den ersten hinunter stürzen kann, werden sechs verschiedene Songs angespielt, immer einmal bis zum ersten Refrain, doch nie länger als 'ne Minute. Sind wohl die Charts, denn jeder außer mir kann sie mitsingen, und tanzen, verdammt, tanzen können die hier auch, nur hat es was von einem Softerotikfilm.

Ich bin gerade beim zweiten Drink, als mich ein Typ anspricht, deutlich jünger als ich, und ich habe keine Ahnung, was er sagt, aber mir ist langweilig, also schiebe ich ihm die Zunge in den Hals und er findet das voll okay. Wir knutschen noch so fünf, sechs Minuten weiter, dann nehme ich ihn an der Hand und ziehe ihn aus dem Club. Sein Englisch ist so mittel, zumindest hab ich verstanden, dass er in einer dieser schäbigen Jugendherbergen in der Warschauer Straße wohnt.

Also gehen wir zu ihm und ficken, und der Sex ist auch so mittel und irgendwann morgens stehe ich auf und ziehe mich an, verschwinde ohne „Tschüß“ zu sagen, laufe über die völlig leere Brücke, kaufe in der S-Bahn-Station noch ein trockenes Croissant und Kaffee, während im Radio leise „Schwarz zu Blau“ spielt und fahre zurück in meinen Kiez. Vielleicht sind meine Freitagabende typisch und auch trostlos, aber hey, ich habe mein Berlin echt lieber als eures.

Nadine Kroll: Stellungswechsel

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