Dear Diary - Der Tag, an dem ich mich in ein wildes, spuckendes Monster verwandelte

Während andere das Glück suchen, oft mit aller Gewalt und Macht, die ihnen zur Verfügung steht, und es am Ende womöglich sogar finden, in Form von Geld oder Liebe oder…
Dear Diary

Der Tag, an dem ich mich in ein wildes, spuckendes Monster verwandelte

Während andere das Glück suchen, oft mit aller Gewalt und Macht, die ihnen zur Verfügung steht, und es am Ende womöglich sogar finden, in Form von Geld oder Liebe oder Freiheit, hege ich eine Tradition der mentalen Destruktion, eine sich alle paar Jahre wiederholende Verwüstung jeglichen Aufbaus, eine fast schon leidenschaftliche Hingabe, mein Leben, und das von anderen, zu erschweren. In einer Welt, in der man mir zwei Wege aufzeigt, und sicher sein kann, dass ich den falschen wähle.

Dann hebe ich mit meinen Gedanken in Sphären ab, die jenseits von Gut und Böse sind, ich ertränke mich in einem Meer aus falschem Stolz und unlogischen Prioritäten und erdichtetem Hass, werde von Minute zu Minute wütender und hässlicher und abscheulicher. Alles dreht sich nur noch um mich, gefälligst, und wer mir keinen Gehorsam schenkt, der möge ein Ausmaß des Leides erfahren, das er nie zuvor auch nur für möglich gehalten hätte, ich stachle mich selbst an, ja, ja, ja.

Es dauert nicht lange, bis sich meine trügerischen Emotionen manifestieren und ich mich selbst in eine tickende Zeitbombe verwandelt habe, die nur auf den richtigen Zeitpunkt wartet, zu explodieren, vorzugsweise direkt in den Händen eines Menschen, der sich in kürzester Zeit zu einem imposanten Begleiter gemausert hat und so durch und durch gut ist, dass ich nicht damit umgehen kann, denn ich bin ein Arschloch, das oft nur das Schlechte sieht, und wenn es nichts Schlechtes gibt, dann beginne ich mich unglaublich zu langweilen und verwandle mich in ein wandelndes, spuckendes, wild um mich schlagendes Monster, das weder Grenzen noch Verstand noch Nachsicht mehr kennt und die Realität, egal wie laut, egal wie nah, bewusst ignoriert.

Dann stütze ich mich auf Tatsachen, die keine sind, und poche auf Meinungen, deren Architektur als unhaltbar gelten, ich prügle verbal auf mein Opfer ein, das alles wollte, außer mich zu verletzen, und donnere und brülle und schmettere so hart und ehrlos wie nur irgendwie möglich. Die Stimme, die tief in mir wohnt und von Anfang an gellt, ob ich denn vollkommen verrückt geworden sei, die lasse ich in meinem pumpenden Hass absaufen, ich bin Gott und du hast mir gar nichts zu sagen!

Mit nur einem Moment Einsicht könnte ich diesem Sturm des gekränkten Egoismus ein jähes Ende bereiten, nur einmal verstummen, nur einmal nicken, nur einmal zusammensinken, doch jedes Widerwort verstehe ich als erneute Herausforderung, ich kann nicht mehr aufhören, ich bin in Rage, mein Fieber kocht über, jetzt werde ich eklig, Geifer ebnet sich seinen Weg und schießt aus mir heraus. Jetzt will ich lediglich blind verletzen und die Quelle eines lodernden Flammenmeeres werden.

Wie eine laut zuckende Maschinenpistole feuere ich eine als Wahrheit verkleidete Lüge nach der anderen auf den vor mir stehenden Körper ab, jede von ihnen geschmiedet in einem wirren, traurigen Kopf, der fast schon fanatisch versucht, sich in den Mittelpunkt des Universums zu rücken, obwohl er getrost ignoriert werden kann, in allen Aspekten, in allen Zeiten.

Ich denke nicht mehr an die Konsequenzen, an die Zukunft, an einen Weg zurück, die Brücken, die mir gelassen wurden, schleudere ich rotäugig hinfort, die Stimme in mir, die noch vor einigen Minuten versucht hat, mich doch noch irgendwie zu beruhigen, die ist verstummt, ich habe sie hingerichtet, aus mir schießen anarchisch Blitze, mein Gegenüber, das nur das Beste für mich wollte, guckt mich an, hält mich am Arm fest, ich reiße mich weg, türme mich noch einmal auf und vergehe dann in einer Wolke aus Zerstörung, ich sehe tränende Augen und dann wird alles schwarz und ruhig. Ist das das Ende?

Als ich wieder zu mir komme, finde ich mich auf meinem Schlachtfeld wieder, leer, verwüstet. Der Triumph meiner Wahl, nicht einmal einzustecken und wieder zur Vernunft zu kommen, ist eine kalte, eisige Welt, in der nur ich liege, ich höre keine Stimmen mehr, die mich zurückhalten, die andere Person ist fort, ich habe sie nicht nur vertrieben, sondern lachend zu Grunde gerichtet, begeistert dem Erdboden gleichgemacht, aus purer Ignoranz jeder zu überschreitenden Grenze. Ich bin allein.

Von den Dämonen, die mich dazu angetrieben haben, mein Glück ein weiteres Mal zu bombardieren, fehlt jede Spur. Jetzt erfüllt mich nur noch Reue, doch wenn man erst einmal bereut, dann ist alles zu spät, das weiß sogar ich, das weiß jeder. Also stehe ich auf, schüttle mir den Dreck von den Klamotten und gehe weiter, mit der einzigen Hoffnung, dass ich das nächste Mal den richtigen Weg wählen werde. Einen, der mich nicht in ein wandelndes, spuckendes, wild um mich schlagendes Monster verwandelt, das weder Grenzen noch Verstand noch Nachsicht mehr kennt. Sondern sein Glück zu schätzen weiß.

Foto: Sandy Kim
Superdry

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