Generation Anti-Happy-End - Tinder & Co. haben uns den Traum von der großen Liebe gestohlen

Es ist einer dieser typischen Donnerstagabende, als ich mich nach der überaus anstrengenden Arbeit mit meiner an der einen Seite etwas zu braunen Tiefkühlpizza aus dem billigen Supermarkt von gegenüber…
Generation Anti-Happy-End

Tinder & Co. haben uns den Traum von der großen Liebe gestohlen

Es ist einer dieser typischen Donnerstagabende, als ich mich nach der überaus anstrengenden Arbeit mit meiner an der einen Seite etwas zu braunen Tiefkühlpizza aus dem billigen Supermarkt von gegenüber neben meine Mitbewohnerin aufs Sofa setze, das mit der Pizza ist halb so schlimm – als Student lebt man schließlich nur von Luft und Liebe.

Da Letzteres in dieser Wohnung aktuell wohl nur in Form vom Schnurren der Katze vorhanden ist, sitzt meine Mitbewohnerin seit einer Stunde vor dem Fernseher, das Kissen umschlungen wie einen potentiellen Partner, und sieht sich auf dem wohl liebsten Privatsender der Deutschen “Doctor’s Diary” an – Gretchen Haase in ihrem erbittertem Kampf um die große Liebe.

Wobei hier jedem halbwegs intelligenten und aufmerksamen Menschen nach maximal fünf Minuten klar ist, mit wem die moderne Version einer hoffnungslosen, blonden Romantikerin am Ende zusammen sein wird, ohne an dieser Stelle nun eure absolute Lieblingsserie spoilern zu wollen, Jugendschwarm und die große Liebe ihrer Träume: Marc Meier. Genau. Der.

Das einzig Realistische an der Serie ist wohl nur, dass sich die weiblich wohlgeformte Hauptdarstellerin zu jedem erdenklichen Zeitpunkt mit Schokolade tröstet. Pünktlich zum nächsten Werbeblock meldet sich das Smartphone mit lauten Tönen zu Wort, eine kurze, maximal drei Seiten lange, SMS, ja es gibt noch Leute die SMS schreiben, einer Freundin darüber, wie grausam ihr wohl hundertstes Date mit einer Onlinebekanntschaft war. Nie wieder würde sie so etwas machen. Das ist eine glatte Lüge.

Dank unzähligen Apps wie Tinder, Lovoo und Co. geht das Stalken, Liken und Treffen im Jahr 2014 so schnell wie noch nie. Dabei denken wir nur noch selten an die überaus schwierigen Zeiten zurück, in denen man eine Facebook-Freundschaftsanfrage an eine Person, die man nicht direkt kannte oder zu den eigenen Freunden zählte, sogar noch mehr als recht begründen musste bzw. sich erst einmal in ein bis zwei Nachrichten vorstellte, um nicht als der totale Creep verschrien zu werden.

Inzwischen reichen also ein bis fünf mehr oder weniger freizügige Bilder, ein kurzer, müder Blick und eine schicksalshafte Wischbewegung aus, um zu entscheiden, wer ein potentieller Partner, für nur eine Nacht oder womöglich etwas länger, wäre. „Willkommen im Kaufhaus – Welches unserer vielfältigen Modelle hat ihnen denn am meisten zugesagt?“

Unsere überaus verwöhnte und undankbare Generation hat wohl das ambivalenteste Verhältnis zur Liebe, das man sich vorstellen kann. Einerseits träumen wir alle, ohne Ausnahme, von diesem einen, ganz besonderen Menschen und wollen die große Liebe, diese eine, die für immer oder zumindest bis zum selbstverursachten Lungenkrebs anhält.

Andererseits konsumieren wir einander, suchen immer nach der besten Option, wenn nicht alle Punkte auf der inneren Checkliste stimmen, sodass unser Leben wie geplant weiterläuft. Kein Kurzstopp in Love-City, um den Plan neu zu schreiben, ziehen wir weiter, wischen wieder nach links, bis uns der nächste potentielle Traumpartner auf dem kleinen Display anlächelt. Wer auch nur ansatzweise schwierig erscheint, wird gelöscht. So etwas können wir gerade wirklich nicht gebrauchen.

Um die Enttäuschung nach dem nächsten gescheiterten Date zu überwinden, trifft man sich dann freitags zum Kino, ein Muss in einer solchen Situation, natürlich der neueste Film von Schweiger oder Schweighöfer, Kerle die selbst keine Rollenvorbilder sind, was die ewige und große Liebe betrifft, erzählen einem in der gefühlt hundertsten Version der selben Story, wie groß und mächtig dieses Gefühl doch sei und dass man auch jeden Mist bauen darf, denn die große Liebe verzeiht einem das schon.

In der kalten und überaus unfairen Realität, auch bekannt als die echte Welt, gilt selbst heutzutage eben nicht das gütige Motto “Das Zimmermädchen und der Millionär”, sondern eine frostige Wahrheit namens “Der Adel heiratet immer in den gleichen Kreisen”, auch wenn wir allesamt seit William und Waity Katie vom märchenhaften Happy End träumen dürfen.

So laufen wir weiter durch die Gegend, auf der Suche nach etwas, dass man nicht wie ein paar billige Schuhe im Schlussverkauf finden kann, nicht auf Knopfdruck mit dem Prince Charming vom grell leuchtenden Werbeplakat auf der anderen Seite der Straße bestellen kann. Nicht, dass wir kein Happy End wollten, wir haben nur teilweise verlernt, wie man eines bekommt.

So verlangen wir vollstes und zweifelsfreies Vertrauen, lassen uns aber gleichzeitig unser eigenes in den Anderen nehmen, von Statusanzeigen – wer, wann, wo zuletzt online war, unsere Nachricht gelesen, aber (noch) nicht beantwortet hat. Wir wollen den Kontrollverlust, das Ungewisse, vermeiden, bei einem Gefühl, das jedoch genau diese Dinge mit sich bringt.

Und wenn wir mal ehrlich sind, ist es doch das, was wir wollen, jemanden treffen und das Gefühl zu haben, nicht mehr Herr oder Herrin unserer selbst zu sein, den ganzen Tag grinsend wie ein Honigkuchenpferd durch die Stadt laufen, von pfeifenden Vögeln und herunter fallenden Rosen umgeben, alles rosa und süß und frei und hoffnungsvoll. Wie schön!

Vielleicht ist es also mal wieder an der Zeit, die an Dramatik übersteigerte Komödie im Kino oder Zuhause in der DVD-Packung, das Smartphone und die App voll mit hübschen Männern und Frauen, und allem, was womöglich dazwischen liegt, in der vorgewärmten Hosentasche zu lassen, bis man es dann braucht, um sich die Nummer vom netten Kerl aus der Getränkeabteilung des Supermarktes oder der Bar, den man vorher natürlich nicht googlen konnte, zu speichern.

Denn seien wir doch alle an dieser Stelle mal ehrlich: Es ist doch auch viel schöner, auf die Frage „Und wo habt ihr euch kennen gelernt..?“ mit einer wahren Geschichte zu antworten. Und nicht mit einer, die man sich erträumt hat. Dann muss man auch nicht mehr die Donnerstagabende mit seiner soapguckenden Mitbewohnerin und der schnurrenden Katze verbringen.

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Jack & Jones

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17 Kommentare

  • Ulrich

    Wir sind die Diebe.

  • Kathrin

    Nancy Schabernack😄😉

  • Teresa

    Traurig aber wahr

  • Marlene

    Sarah Ri Carina Grillo :D

  • Kathi

    leider so… Tanja Salzsäuler

  • Markus

    Sehr gute ironisch, leicht zynische Analyse. Weiter so!

  • Jasmin

    Lisa Bra Zorana Vučenović Julsche Blablablub Victoria Dernjač

  • Luisa

    So true…

  • Bruce

    Unsere “Konsumgesellschaft”, sind wir auch Gegenstände? Vergessen wir auch wie man richtig miteinander umgeht?

  • Victoria

    🙈

  • Alsooooo… wer sagt den, dass in Tinder und Co liebe inclusive ist? Es ist lediglich ein “tool” das zwei Menschen es erleichtern soll sich zu begenen. Was man daraus macht, liegt doch bei jedem selbst. Sicher ein wenig oberflächlich anhand von einigen Bildern zu entscheiden…aber wenn man jemanden auf der Straße trifft, hat man ja auch noch nicht mit ihm geredet bevor man mit ihm redet :-) So gesehen kann man sich immernoch mit einem treffen und alles rosa und so…

    Wo habt ihr euch kennengelern? Wir waren beide rotze voll in dieser Bar, ich bin mit ihm mit (nachdem wir auf der Tanzfläche ein wenig rumgemacht haben) , danach fand ich ihn erst mal nicht so toll, aber irgendwan hats dann doch zwischen uns gefunkt…. klingt viel besser du hast recht! :-) :-) hahahahahaha

  • Janosch

    Ich weiß nicht mit was für Typen sich die Autorin mal über Tinder eingelassen hat.
    Aber eigentlich sollte man doch mit einem 2 TagesChat klar machen können, ob einem der Fremde am Ende der App-Leitung zusagt oder nicht.

    Ein kompletter Reinfall kann das doch überhaupt nicht werden.

    Zumindest hatte ich noch keine Frau dabei, die mir rein gar nicht zugesagt hat.
    Aber vielleicht tindere ich auch einfach kritischer..

    Wenn ich ehrlich bin, habe ich noch nie so “viele” verschiedene Frauen in einem so kurzen Zeitraum kennengelernt.
    Es kam zwar nie zum Sex (auch wenn ich mir das gewünscht hätte), aber es kam immerhin zu der Ausschüttung von Endorphinen.

    Ob diese App mehr kann, liegt ganz allein an euch.
    Ich bin auch für echt Liebesgeschichten. Aber zur Zeit bin ich auch mit dieser digitalen Notlösung bedient.

    Die Autorin ist 22? Glaubt sie denn wirklich, dass sie jetzt schon ihre große Liebe findet?

    ://Dem Freundeskreis zu verklickern, dass man sich über Tinder kennegelernt hat is dennoch suspekt.
    Ich hätte meine große Liebe auch lieber mit meinem Pferd von ihrer Kutsche gerettet, bevor sie in die “Clayton”-Schlucht gestürtzt wäre.

  • tina

    wer sowas wie tinder etc nutzt tut mir echt nur leid.

NA-KD