Ein Leben in der Blase - Die Bubble-Freunde

Als ich nach Berlin kam, fast sieben Jahre ist das jetzt her, da war ich nach kurzer Zeit in vielen verschiedenen Freundeskreisen mit vielen verschiedenen Menschen mit vielen verschiedenen Berufungen.…
Ein Leben in der Blase

Die Bubble-Freunde

Als ich nach Berlin kam, fast sieben Jahre ist das jetzt her, da war ich nach kurzer Zeit in vielen verschiedenen Freundeskreisen mit vielen verschiedenen Menschen mit vielen verschiedenen Berufungen. Die einen studierten Verpackungsdesign, die einen waren bei der Bundeswehr, die einen arbeiteten in einem Elektronikmarkt, die einen gingen in eine katholische Mädchenschule, die einen hingen in einem Internetcafé herum, die einen schnitten Haare, die einen machten eine Ausbildung.

Meine sozialen Kontakte bestanden aus allerlei bunter Haufen, die allerlei verschiedene Meinungen hatten und Ansichten vertraten und Erfahrungen vorbringen konnten. In ihrer Mitte herrschte ein reger Austausch etlicher Informationen, und nicht selten lagen wir uns in den Haaren, aufgrund kontroverser Standpunkte. „Also ich sehe das anders!“ war ein oft verwendeter Ausdruck, wir lachten, uns stritten und einigten uns. Oder auch nicht. Schön war das. Bildend war das. Wichtig war das.

Bei vielen Bekanntschaften war es jedoch schwierig, tiefgreifende Bindungen einzugehen, dafür fehlte oft die Zeit. Und die Muse. Da waren die Freunde aus der Arbeit, die Freunde aus der Berufsschule, die Freunde meiner Freundin, die Freunde von StudiVZ, die Freunde, bei denen ich mich immer fragte, wie sie überhaupt meine Freunde geworden sind, aber sie waren da, und das hatte seine Vorteile. Aus mannigfachen Gründen. Und jeder von ihnen brachte neue Freunde mit. So viele Menschen.

Nach und nach fing ich an, mich auf immer weniger Personen zu konzentrieren. Schließlich war ich schon immer jemand, der abzählbarere Beziehungen, aber dafür intimere, bevorzugte. Also fielen sie nach und nach weg. Die Verpackungsdesigner, die Bundeswehrler, die Studenten, die Elektronikmarktverkäufer, die Schüler, die Friseure, die Internetcafé-Besitzer.

Es war ein schleichender Prozess, den ich nur halbwegs bewusst in Gang setzte. Doch irgendwann, da waren sie einfach fort. Ich begegnete ihnen nicht mehr zufällig in der U-Bahn, Facebook filterte ihre Gesichter und Wünsche und Sorgen aus, ihre Handynummern wurden gelöscht, die Erinnerungen an sie verblassten, ihre Feiern fanden ohne mich statt.

Stattdessen warf mich das Schreiben ins Internet in eine Berliner Welt voller MacBooks, iPhones und Café-Meetings am Nachmittag. Heute bin ich umgeben von kreativen Leuten, die allesamt in PR-Agenturen arbeiten, Social-Media-Manager sind, Coder, Blogger. Sie unterhalten sich über Startups und Betriebssysteme und Steve Jobs und Advertorials und Samples und Follower und W-Lan und Pressereisen und Brands und Programmiersprachen und Macs und WordPress und die NSA.

Ich treffe meine Bubble-Freunde auf Promopartys, die von Kleidungsherstellern oder Technikkonzernen oder Brauereien veranstaltet werden, es gibt dort alles umsonst, rein kommt nur, wer auf der Liste steht. Irgendwann begann man, die Menschen auszusortieren, die eben nicht auf diesen Listen standen. Ein Leben in der Blase, die man selbst aufrecht erhält.

Heute gibt es niemanden mehr in meinem Umkreis, der nicht auch in dieser digitalen Traumwelt existiert, in diesem kleinen Universum aus Medien und Reichweite und Relevanz. Wenn ich in den letzten Jahren Geschlechtsverkehr hatte, dann mit Agenturmädchen, mit Bloggerinnen und Besitzerinnen eines iPhones, denen Twitter mehr bedeutete als alle weltlichen Sorgen und Probleme und Gefahren zusammen genommen. Orgasmus schön und gut, aber erst mal Instagram checken.

An ruhigen Nachmittagen sitze ich dann da und ich frage mich, ob es so gut ist, für mich, für mein Weltbild, für meine Reife, für einen kompletteren Geist, immer nur die Meinungen zu hören, die ich auch selbst vertrete. Immer nur die Konflikte vor Augen zu haben, die mich auch selbst beschäftigen. Immer nur die Orte zu besuchen, die ich auch selbst besuche.

Ich liebe meine Freunde. Und meine Feinde. Und alle, die dazwischen liegen. Wirklich. Aber je mehr Jahre vergehen, in denen ich in dieser Blase einer vernetzten Gesellschaft verweile, in dieser komfortablen Zone, desto lauter ruft irgendwas in mir nach anderen Stimmen. Noch lauter. Immer lauter. Nach Standpunkten, die sich so jenseits meines Daseins befinden, dass sie mich fast in der Luft zerreissen, aber dennoch mehr inspirieren als jeder Einheitsbrei, der hier so vor sich geht.

Aber Beschwerden machen keinen Sinn, schließlich geht es mir gut, uns geht es allen gut, hier, in dieser friedvollen Blase, auch wenn ab und zu der EdgeRank sinkt und das Wifi spinnt und der Torrent hakt. Andere Menschen haben richtige Probleme – und ich sitze hier und protestiere gegen eine Realität, die ich mir selbst zuzuschreiben habe. Und die besser ist als viele andere. Egal ob subjektiv oder objektiv. Doch manchmal vermisse ich diese Zeit. Damals. Als ich nach Berlin kam.

Forever 21

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere aktuelle Neuigkeiten über das Leben zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

NA-KD

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

4 Kommentare

  • “Orgasmus schön und gut, aber erst mal Instagram checken.”- Danke für diesen Satz.

    Schön das du wieder persönlicher schreibst. Moag I.
    Und jetzt husch an die Spree und Joggerinnen hinterher rennen!

  • Folgender Kommentar bringt dir nicht mehr Vielfalt im Freundeskreis, im Beruf ist das aber möglich. Als Journalist. Und als Blogger garantiert auch. Aber dennoch ist es einer der Unterschiede zwischen Journalisten und Bloggern. Ich sehe seit wenigen Monaten die Seite des Lokaljournalisten und muss sagen, alleine durch die Termine vom Landwirt bis zum Schuldirektor, von der AfD bis zur Linkspartei, von der Kindertagesstätte bis zum Marktführer im Bogensporthandel, erlebt man viel mehr und kommt viel eher aus der Filterblase raus. Als hyperlokaler Blogger war ich zwar auch auf Terminen, aber hab definitiv weniger Vielfalt erlebt.

  • W. Lan

    Unterhalten sich über W-Lans? Echt?