- Likes machen unglücklich

Es gibt nicht viele Blogbeiträge, die mir auch ein Jahr später noch im Gedächtnis herum geistern, die mich beschäftigen und bei denen ich mich ärgere, warum sie nicht Wirklichkeit geworden…

Likes machen unglücklich

Es gibt nicht viele Blogbeiträge, die mir auch ein Jahr später noch im Gedächtnis herum geistern, die mich beschäftigen und bei denen ich mich ärgere, warum sie nicht Wirklichkeit geworden sind. Johnnys “2013: Das Web zurückerobern“ ist so einer, er prangert darin an, dass Facebook, Twitter und Tumblr das Web kaputt gemacht haben, dass Gedanken in reißenden Timelines untergehen, dass wir abhängig sind von den Entscheidungen einer Handvoll großer Firmen, dass wir keine Macht mehr besitzen, dass keine wirklichen Diskussionen mehr stattfinden, dass wir uns selbst überflüssig tippen.

Ein Götze dieser Generation des Internets ist der Like-Button von Facebook, er begleitet uns seit Jahren und hat sich von einem hilfreichen Werkzeug zur Verbreitung seiner eigenen Gedanken in ein Utensil der digitalen Knechtschaft verwandelt, eine Zahl, die dort prangt und uns verkündet, wie beliebt wir sind, wie viel unsere Meinungen wert sind, wie wichtig wir erscheinen, in einer Welt, in der jeder ständig durcheinander brüllt, um Aufmerksamkeit buhlt, du bist bedeutsam – oder unnötig.

Was im ersten Augenblick als eine gute Idee daher kommt, ein kurzer Like, eine kleine, nette Geste, ein optimistisches Zunicken von woanders, resultiert nach und nach in einer immer krasser werdenden Selbstzensur, was nicht bei der breiten Masse ankommt, das lässt du ungeschrieben, dafür verschwendest du keine Zeit mehr, lieber das Video, das bereits bei BuzzFeed rotierte, als ein kleiner Schatz, der womöglich nur dir und ein paar einsamen Eingeweihten den Tag versüßt.

Tatsächlich habe ich gemerkt, dass Likes nicht glücklich machen. Und dabei ist es irrelevant, ob gefühlt ganz Deutschland über deinen geistigen Erguss herfällt, 10.000 Likes, 30.000 Likes, 60.000 Likes – oder ob niemand klickt, nicht einmal aus Versehen, und dich die kleine, pixelige Null abwertend anglotzt. Ganz stumm, wie ein scheinbar unbesiegbarer Feind.

Denn Likes sind wie Geld oder Lob oder Sex – hast du viel, willst du mehr, du bist niemals zufrieden, warum nicht noch eins mehr, frage ich mich, kommt schon, einer geht noch, Hallo, warum ist jetzt Schluss, kommt schon! Und du sitzt da und fragst dich, was du falsch gemacht hast, warum nicht noch ein Like mehr, nur noch ein kleiner Like…

Und während du überlegst, ob du vielleicht noch ein wenig mehr wie BuzzFeed werden solltest, auf Erfolg und Optimierung und „Klick’, du Sau!“ getrimmt, prangt am anderen Ende der Seite diese Null, Zero, Nada, und du bist unglücklich, weil du auch nur eine Sekunde an einen Artikel verschwendest hast, den eh niemand interessiert, du bist wütend auf dich selbst.

Dieses Foto, dieses Video, dieser Text hat dich inspiriert, aber sonst niemanden, wie dumm du doch bist, wie töricht, Likes sind die Währung, die zählt, und hast du keine, dann stehst du auf der falschen Seite der Menschheit, null Likes, das ist die ultimative Verachtung einer Generation, die “First Kiss“-Videos mag und Politiksatire teilt und Hauptschüler auf YouTube guckt.

René´hat ihn jetzt verbannt, diesen blauweißen Scharfrichter, und dafür vier Gründe genannt. Er hätte keinen Mehrwert, er würde seinen Blog in eine Welt voller lustiger Bildchen und emotionaler Aufreger werfen, er würde zu einer Industrialisierung der Netzkultur führen, er verhindere das Potential von richtigen Diskussionen. Und er hat Recht.

Es wäre unvernünftig und naiv, die Macht der großen Netzwerke nicht zu nutzen, für sich selbst und seine Gedanken, ja, auch für seinen finanziellen Vorteil, aber der Rausch, in dem man sich suhlen darf, wenn viele Menschen stumm jubeln, indem sie auf eine kleine Fläche auf einem Bildschirm klicken, der hält nicht lange an, der offenbart sich als Fass ohne Boden, der schenkt dir Traurigkeit und Selbstzweifel, wenn deine falschen Erwartungen nicht erfüllt wurden.

Likes sind nicht echt. Ich möchte keine schlechten Gefühle mehr bekommen, wenn ich auf meinem eigenen Blog herum geistere und Artikel mit gerade mal ein paar Piktogrammdaumen nach oben zu Gesicht bekomme, obwohl ich wie immer einen kleinen Teil meiner Seele in sie gesteckt habe. Denn irgendwann hört man auf, diese verbalen Verlierer zu veröffentlichen – und lässt damit mehr und mehr seiner eigenen Persönlichkeit absterben.

Bloggen, von ganzem Herzen, das bedeutet, auch etwas zu schreiben, das niemandem sonst passt oder gefällt oder hilft, das bin ich und meine Vorstellung und mein Leben und womöglich auch meine Dummheit, das ist die Vielfalt, die jeder hier so dringend braucht und für die jeder kämpfen sollte. Immer. Und überall.

Der logische Schritt ist also, dass auch ich sowohl den Like- als auch den Twitter-Button entferne, das ist gut für mich und euren Datenschutz, aber voraussichtlich nicht für die Besucherzahlen, aber wie alles im Leben ist auch das ein Experiment, es gibt andere Wege, deswegen habe ich dort unten eine kleine Leiste eingebaut, die die Artikel auf AMY&PINK mit einem kleinen Klick in die Netzwerke dieser Erde pustet. Keine Ziffern, keine Daten, nur Liebe.

Ich weiß, wie das Internet funktioniert, und wie man viele Menschen in kurzer Zeit mobilisiert und dazu bringt, einen Artikel zu lesen, welche Begriffe man benutzen muss und wie zugänglich man agieren sollte. Die Kunst ist es, erfolgreich zu sein, ohne die offensichtlichen und einfachen Wege zu nutzen.

Man muss sich selbst treu bleiben und seinen eigenen Weg finden, ohne sich einer falschen Ideologie oder scheinheiligen Versprechungen hinzugeben. Und das mache ich hiermit. Mach’s gut, Like-Button – ich tausche dich ein, gegen die Freiheit, gegen den ersten Schritt, das Web endlich zurückzuholen. Wie schön das doch wäre.

Asics

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Guess

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7 Kommentare

    • Marcel

      Ja, darauf setzen ja viele: Hauptsache die Headline knallt, dann teilen’s die meisten, ohne überhaupt den Text zu lesen.

      Das stammt aus ‘nem Theme und ich hab’s ein wenig umgemodelt.

      • Das ist mir auch schön öfter aufgefallen. Besonders schön wenn Satire für bare Münze genommen wird und dann beim teilen derbelst rumgeflamed wird, wie XY doch der Z ist. Aber vermutlich auch ein normaler Prozess in der Überflutung von Nachrichten, Postings und sonstewas, dass du in deinen Newsstream, RSS-Feed, Mailfach, etc bekommst.

        Die Headline gefällt evtl meinen Freunden? Teilen. Lesen kann ich wenn eine Diskussion anfängt. Die ist auf Facebook meist eh eher “einfach” gehalten, da kann man sich immer noch rausreden wenn großer Schmarn drin steht.

        Ahh schad. Fand das nämlich relativ hübsch, da simple. ;)

        • Marcel

          Naja, geht mir ja selbst genauso. Ich muss zugeben, dass ich mindestens die Hälfte der Artikel, die ich teile, höchstens kurz angerissen habe. Meistens denke ich mir tatsächlich: Ja, klingt interessant, wird schon jemand zu schätzen wissen, diese schriftliche Arbeit. Wer weiß, wie das Internet ohne die halbherzigen Shares aussehen würde…

  • martin

    Hi Marcel, grundsätzlich guter Text, gute Gedanken. Aber eine Nachfrage habe ich, die mir in der Diskussion echt wichtig ist: Warum haust Du die Like-Button raus und lässt Share-Funktionen (wenn auch anders gecodet) drin? Geht es wirklich um den Like-Button als solches? Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dann einfach andere Buttons reinzunehmen – so frei nach dem Motto: ganz oder gar nicht die Monster füttern. Warum siehst Du das anders? Cheers, Martin

    • Marcel

      Mich hat tatsächlich am meisten diese kleine Zahl gestört, die immer wie ein unbarmherziger Kritiker am Seitenrand herum lungerte und alles, was ich von mir gab, bewertete. Irgendwann hatte ich das Gefühl, mich vor diesem Button rechtfertigen zu müssen. Und bevor ich nur noch Posts abliefere, die mindestens 100 Likes einfahren, und alles andere für mich behalte, habe ich lieber diese Zahl herausgeworfen.

      Ich weiß, dass du es ebenfalls falsch findest, dass sich immer mehr Blogger nur den Likes hingeben. Allerdings glaube ich, dass zu radikale Lösungen nicht sinnvoll sind, besonders nicht für die Leser. Ich will ja, dass meine Artikel geteilt werden, wenn sie jemandem gefallen oder aus der Seele sprechen. Aber ich will eben nicht mehr davon abhängig sein, besonders nicht von dieser kleinen Zahl.

      Mit dieser Funktionsweise können Besucher zwar immer noch meine Posts teilen, aber ich fühle mich weniger davon abhängig. Keine Ahnung, ob das die optimale Lösung ist, aber momentan fühle ich mich gut dabei. Und das zählt.

  • Und da isser wieder, der Like-Button bei A&P.
    Geht leider doch nicht ohne, ne?
    Bzw geht es schon ohne, aber auf Kosten des Traffics. Leider.

Puma