Stressig, nutzlos, unzufrieden - Das deutsche Bildungssystem macht Studenten krank

Foto: Merlin Bronques Viele reden derzeit über Bildung. Die Politik redet darüber, wie wichtig gut ausgebildete junge Menschen für die Zukunft Deutschlands sind. Richard David Precht und Hirnforscher Prof. Gerald…
Stressig, nutzlos, unzufrieden

Das deutsche Bildungssystem macht Studenten krank


Foto: Merlin Bronques

Viele reden derzeit über Bildung. Die Politik redet darüber, wie wichtig gut ausgebildete junge Menschen für die Zukunft Deutschlands sind. Richard David Precht und Hirnforscher Prof. Gerald Hüther reden gar über eine Bildungsrevolution – und werden dafür entweder gefeiert oder verlacht. Das sorgt wahrscheinlich für bessere Absatzzahlen ihrer Bücher, aber für eine wirkliche Änderung am Bildungssystem sorgt das nicht.

Ich bin selbst jemand, der unser Bildungssystem schon von diversen Seiten kennengelernt hat. Unter anderem habe ich an einer privaten Elite-Universität studiert – das Studium dort aber nach einem Jahr wieder abgebrochen – und habe mir nebenbei Vorlesungen an der staatlichen Uni angeschaut. Zudem war ich Stipendiat der Studienstiftung, gehörte also zur „Bildungselite“ dieses Landes.

Seit einem halben Jahr nehme ich meine Bildung nun selbst in die Hand – ich bin frei lernender Student. Ich habe mir Mentoren gesucht, die mir etwas beibringen. Außerdem lerne ich nicht nur theoretisch Dinge und lese Bücher, sondern versuche möglichst viele Dinge aktiv zu tun.

Dieser Beitrag soll wachrütteln, zur Diskussion anregen. Er soll ein Plädoyer sein. Ein Plädoyer für wirkliche Änderungen am System. Ein Plädoyer für mehr Selbstständigkeit der Studierenden. Und ein Plädoyer für mehr Geduld mit uns jungen Menschen in einer Welt, die immer mehr Möglichkeiten bietet.

Gebt uns Zeit!

Wenn ich ehrlich bin, treffe ich zu viele junge Menschen, die irgendwie unzufrieden sind. Junge Menschen, die sich von ihren Eltern oder der Gesellschaft unter Druck gesetzt fühlen. Ganz nach dem Motto: „Wenn Du schon Abi hast, dann musst Du jetzt auch studieren, mein Kind.“ Es sind verunsicherte, junge Menschen, die mehrmals den Studiengang wechseln oder die Ausbildung abbrechen.

Junge Menschen, die Studiengänge zu Ende studieren, die sie nicht interessieren oder die ihnen keinen Spaß machen. Das sind junge Menschen, die sich zum Teil mehrere Semester unglücklich durch ihr Studium quälen – nur um etwas „zu Ende zu bringen“ und einen Abschluss zu besitzen.

Was ich nicht verstehe: Warum erwarten wir beispielsweise von Abiturienten, dass sie direkt nach dem Abitur schon wissen, was sie studieren wollen? Wie sollen sie zu dieser Erkenntnis kommen, nachdem sie mehr als zwölf Jahre mit „Wissen“ vollgestopft wurden?

Nach der Schule bekommen wir die Zeit, vielleicht ein Auslandsjahr zu machen; danach noch maximal ein oder zwei Praktika. Dann sollten wir aber doch endlich Bescheid wissen, was wir nun mit unserem Leben anfangen wollen. Liebe Gesellschaft, liebe Eltern, so einfach ist das leider nicht.

Auch ich hätte natürlich liebend gerne direkt nach der Schule gewusst, was denn nun mein großes Ziel und der damit verbundene Beruf und Studiengang ist. Dennoch sind jetzt seit meinem Abitur schon mehr als drei Jahre vergangen – und ich fühle mich nun zum ersten Mal angekommen und im Reinen, mit dem was ich tue. Meine Suche wurde belohnt – auch wenn sie über drei Jahre gedauert hat.

Viele junge Menschen stürzen sich in den erstbesten Studiengang – weil sie ja irgendetwas anfangen müssen. Ständig werden wir ab dem 16. Lebensjahr gefragt, ob wir denn schon wüssten, was wir „mal machen wollen“. Dieser Druck, der nach oder auch schon während der Schule auf uns lastet, tut uns nicht gut, macht uns krank. Wenn wir nicht die Zeit bekommen, herauszufinden, was es ist, das uns antreibt, dann werden immer mehr junge Menschen nicht glücklich werden mit dem was sie tun.

Der Generationenkonflikt

Wir bekommen leider viel zu wenig Zeit, uns mit uns selbst und unseren inneren Motiven auseinanderzusetzen. Die Gesellschaft und unsere Eltern drücken uns lieber in irgendeine Richtung, anstatt uns die Freiheit zu lassen, wirklich herauszufinden, was denn das ist, was uns fasziniert; was der Beitrag ist, den wir zur Gesellschaft beitragen möchten. Ich kann das verstehen – es ist ein typischer Generationenkonflikt.

Mein Vater war froh und dankbar über das Privileg, Jura zu studieren. Er hat das Studium durchgezogen. Für unsere Generation dagegen ist es schon fast normal, dass wir studieren können. Wir haben viel mehr Möglichkeiten als die Generation unserer Eltern. Dadurch fällt es uns schwerer, uns zu entscheiden. Gleichzeitig suchen wir verstärkt nach Sinnhaftigkeit. Wir möchten nicht nur studieren, weil wir uns damit finanzielle Sicherheit und einen guten Job für später erhoffen. Wir möchten möglichst etwas studieren, das Sinn stiftet.

Unsere Eltern waren es gewohnt, direkt nach der Schule in die Ausbildung oder ins Studium zu wechseln. Die Sicherheit, einen Job zu finden, stand damals noch über allem. Unsere Generation dagegen gibt sich nicht mehr so leicht zufrieden. Wir wollen uns selbst verwirklichen. Wir sind anders. Wir haben das Recht uns zu emanzipieren – und uns die Zeit zu nehmen, unseren Weg zu finden.

Visionen und Ziele

Ich habe den Eindruck, dass sich immer weniger junge Menschen trauen, ihren Visionen zu folgen – und das zu studieren, was sie wirklich interessiert. Was brauchen wir jungen Menschen um herauszufinden, was wir wirklich wollen? Zeit, Geduld und Vertrauen.

Nach der Schule stehen uns scheinbar endlos viele Türen offen. Es gibt über 3.000 Ausbildungsberufe – und über 17.000 verschiedene Studiengänge – Tendenz steigend. Wie soll ich da nach einem kleinen Test im Berufsinformationszentrum wissen, was ich machen soll?

Um wirklich herauszufinden, was denn nun das ist, was mich bewegt, brauche ich mehr Zeit. Ein Orientierungstest im Internet, der mir sagt, dass Teamfähigkeit wohl eine Stärke von mir ist, hilft mir da zunächst nicht sonderlich weiter. Was bringen uns die besten Ausbildungen und Studiengänge, wenn die falschen Menschen in den falschen Ausbildungen oder falschen Studiengängen landen?

Das System krankt also schon beim Matching – also beim Zusammenbringen von Student und Studiengang – an einem Problem, das viel zu sehr vernachlässigt wurde: Wie finde ich als junger Mensch meine wirklichen Interessen, Talente und Potentiale heraus? Gelingt mir das, ist es zu meinem Traumstudium oder Traumberuf oft nicht mehr weit.

Studienwahl auf Basis von Schulnoten?

Die Auswahl des Studienfachs erfolgt oftmals auf Basis der Schulnoten. Das mag in manchen Fällen funktionieren. Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass es viel zu kurz greift und keine Abbildung der eigentlichen Potentiale und Talente einer Person ermöglicht. Die Auswahl eines Studienfachs auf Basis der durch die Schulnoten ermittelten Potentiale und Talente ist mehr als limitiert.

Glauben die Jobcenter und Berufsberatungen wirklich, dass ich mit BWL glücklich werde, wenn ich gut in Mathe war und mich einigermaßen gut ausdrücken kann? Wenn ich zurückschaue, kommt mir das wirklich sehr absurd vor.

Wie soll ich in der Schulzeit herausfinden, was meine Passion ist, wenn ich von vorne bis hinten mit Stoff zugeschüttet werde? Wo ist heute noch Platz in diesem System für das (spielerische) Entdecken unserer Potentiale und Talente? Wo sind die jungen kreativen Menschen, die für eine Vision brennen und etwas bewegen möchten? Ich treffe nicht mehr viele von ihnen.

Ich persönlich habe meine wirklichen Interessen und nur einige meiner Potentiale auf einer einjährigen Reise und mittlerweile über zehn verschiedenen Praktika und Jobs herausgefunden.

Stressig, nutzlos, unzufrieden

Was wir also brauchen, ist vor allem mehr Zeit. Persönliche Interessen treten in der Schule vermehrt zurück. Wir sollen ja alle möglichst das Gleiche lernen – „auf den gleichen Wissensstand gebracht werden“. Durch diese „Gleichschaltung“ müssen wir unsere wirklichen Interessen und Talente nach der Schulzeit erst wieder finden – oder entdecken.

Eine Wurzel allen Übels liegt in unserem Schulsystem. Doch das ist Gegenstand einer anderen Diskussion. Wir brauchen Zeit, um uns zu orientieren. Zeit zu reisen, Zeit uns mit uns und unserer Persönlichkeit auseinanderzusetzen – und dann hoffentlich auch unsere Interessen und das was uns antreibt wieder zu finden. Ansonsten ist das Studium stressig, nutzlos – und unzufrieden.

Liebe Eltern und liebe Gesellschaft, bitte gebt uns diese Zeit. Wir, liebe Generation, sollten umso mehr versuchen, uns zu emanzipieren und den Mut haben, uns auf eine Entdeckungsreise nach uns selbst und unserem Bildungsweg zu machen – es lohnt sich.

Guess

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12 Kommentare

  • Trendsocke

    Und warum genau fehlt jetzt die Zeit? Es gibt doch genug Leute die ihren Studiengang wechseln, weil sie erkennen dass er nichts für sie ist. Dass Eltern ihre Kinder nicht unterstützen, wenn sie vor lauter “Selbstfindung” erstmal ein paar Jahre faulenzen wollen, kann man ja wohl nachvollziehen.

    • Hey Trendsocke,

      ich möchte hier niemanden zum Faulenzen animieren – ganz und gar nicht.

      Was ich vor allem ausdrücken wollte ist, dass wir unter Druck gesetzt werden. Kaum sind wir aus der Schule raus sollen wir gefälligst wissen. was wir machen wollen. Wie soll das funktionieren?

      Genau da wollte ich einhaken – wir sollten jungen Menschen mehr Zeit geben sich auszuprobieren. Das jedoch lässt das Uni-System kaum zu. Vorbild ist da für mich z.B. Schottland: Dort kann ich ein Jahr verschiedene Kurse belegen und hineinschnuppern und kann mich dann auf das festlegen, was mich wirklich fasziniert. Ein solches Jahr würde sicherlich vielen gut tun und zudem die Rate an Studiengangwechslern und auch -abbrechern reduzieren. Und das ist nur eine Möglichkeit.

      Hoffe es ist jetzt ein wenig klarer.

  • Thilde

    Leider erliegt unsere Generation der Illusion, dass es reicht die richtige Wahl zu treffen um Glück zu finden, seine Interessen zu finden, Sinn zu finden. Und das verhindert vielleicht wirkliche Veränderung eines Bildungssystems. Zusätzlich macht es das Individuum, das scheitert die “richtige Wahl” zu treffen, unglücklich und schuldig. Die Idee, dass jeder das Beste aus seinem Leben machen kann, lässt den Menschen an seine Wahlmöglichkeiten ersticken. Renata Salecl dazu:

    http://www.youtube.com/watch?v=1bqMY82xzWo

    Mehr Zeit? Ist das auch nur mehr Zeit um sich unglücklich zu machen, weil man nicht das Beste aus dieser Zeit macht?
    Das Ideal der Selbstverwirklichung durch den Beruf und die Idee des “Berufes” ist ein größeres Problem, denke ich. Es wagen zu scheitern, Dinge auszuprobieren, und nicht der Beste zu sein – vielleicht muss dafür mehr Raum sein im Bildungssystem und in der Arbeitswelt.

    • Sebastian Meyer

      Hi Thilde, schöner Beitrag! Kann dir nur zustimmen.

    • Hey Thilde!

      Danke für Deinen Kommentar, da bin ich vollkommen bei Dir.

      Und ja – es braucht definitiv einfach mehr Raum einfach mehr Dinge auszuprobieren und auch mal zu scheitern.

      Eben eine “Kultur des Scheiterns” wie das schon oft gefordert wurde.

      Liebe Grüße!

      Ben

  • Elisabeth

    Tausende Schüler haben ein Problem damit wenn man zu ihnen sagt, dass die Schulnoten nichts wert sind und dass sie angeblich nicht alles ausdrücken! Schulnoten braucht man bei jeder Bewerbung und das Zeugnis ist wichtig. Wenn Jugendliche so etwas lesen DANN kommen sie (hier: http://www.unschulbar.net) auf Gedanken wie “Ach, jetzt kann ich meine Schulnoten auch verbrennen!” Danke!

  • Kathi

    Hey Ben,

    auch ich bin ein Teil dieser angesprochenen Generation, die du in deinem Artikel vermeintlich vertrittst. Doch ich und sicher auch viele Andere vertreten diese Meinung nicht. So extrem wie du es darstellst, stehen wir gar nicht unter Druck. Wir haben die Möglichkeit und auch die Freiheit zu tun was wir wollen nach der Schule (vorausgesetzt man hat bis dahin das 18. Lebensjahr erreicht). Ob das nun in Form eines FSJ, eines Auslandaufenthalt, eines BFD oder doch durch Minijobs und Praktika geschieht interessiert dabei niemanden. Unter Druck stehen die, die sich selber den Druck machen oder die, die auf Kosten ihrer Eltern leben. Wir haben alle Zeit und alle Möglichkeiten uns auszutesten. Dafür brauchen wir nur ein bisschen Willen und Mühe.
    Das was uns unter Druck setzt sind wir selber, indem wir uns an alte Denkmuster festklammern, wie ihr bereits feststelltet.

    LG
    Kathi

  • Hey Kathi!

    Na ich sage ja auch nicht, dass ich jeden aus unserer Generation vertrete. Das wäre ja auch super vermessen.

    Wenn Du keinen Druck hast und Dir auch keinen machst, dann freut mich das. Zu behaupten, dass “nur die unter Druck stehen, die sich Druck machen oder auf Kosten ihrer Eltern leben” finde ich aber ein bischen einseitig. Wenn Du so die Artikel der letzten Wochen auf UniSpiegel etc. verfolgt hast, dann ist es durchaus nicht unüblich, dass ein großer Teil der Generation Bachelor gestresst ist.

    Uns von den Denkmustern zu lösen ist da ein guter Schritt. Also machen wir das! =)

    Beste Grüße!

    Ben

  • lona

    eigentlich stressen nur die Artikel die uns erzählen wollen wie gestresst wir sind xD

  • Surftipps August 2014 | Geisteswirtschaft

    […] Das deutsche Bildungssystem macht Studenten krank – “Viele junge Menschen stürzen sich in den erstbesten Studiengang – weil sie ja irgendetwas anfangen müssen. Ständig werden wir ab dem 16. Lebensjahr gefragt, ob wir denn schon wüssten, was wir „mal machen wollen“. Dieser Druck, der nach oder auch schon während der Schule auf uns lastet, tut uns nicht gut, macht uns krank. Wenn wir nicht die Zeit bekommen, herauszufinden, was es ist, das uns antreibt, dann werden immer mehr junge Menschen nicht glücklich werden mit dem was sie tun.” […]

Superdry