Demokratisch, sicher, frei - Eure Probleme in Deutschland sind doch allesamt lächerlich

Foto: Meltem Toprak Ja, ja, ich weiß. Es ist ziemlich schwierig, eine genaue Messlatte und angemessene Kriterien zu finden, mit denen man politische und gesellschaftliche Herausforderungen zweier Länder fair und…
Demokratisch, sicher, frei

Eure Probleme in Deutschland sind doch allesamt lächerlich


Foto: Meltem Toprak

Ja, ja, ich weiß. Es ist ziemlich schwierig, eine genaue Messlatte und angemessene Kriterien zu finden, mit denen man politische und gesellschaftliche Herausforderungen zweier Länder fair und objektiv miteinander vergleichen kann. Und es mag auch absurd und realitätsfern klingen, wenn ich folgendes behaupte: Deutschen Probleme sind einfach keine Probleme.

Aber vorweg: Als Deutsch-Türkin kann ich in meinem Kopf diesen seltsamen Tick nicht abschalten. Egal ob in Deutschland oder in der Türkei, ständig vergleiche ich alles mit jedem – immer und überall. Die Menschen, das Essen, das Trinken, das Wetter, die Stimmung, die Politiker, die Steuern, die Gehälter, den Preis von 1 Kilogramm Rindfleisch und die Partyszene.

Dieser Tick hat sich, seitdem ich in Istanbul lebe, schon zu einem Zwang entwickelt, geboren und aufgewachsen bin ich nämlich in Deutschland. 26 Jahre auf deutschem Boden, zu einem Spottpreis eine tolle Bildung genossen, Tag und Nacht sicher über die Straße gelaufen, musste nicht beim Einkaufen einen Bogen um bewaffnete Polizisten machen, wurde niemals in Fernzügen von Soldaten kontrolliert, musste mich nie vor Bären oder Wölfen fürchten – oder Terroristen, die jeden Moment von den Bergen herunter kommen könnten. Keinen einzigen Moment ernsthafte Ängste über Arbeitslosigkeit und eine unsichere Zukunft pflegen müssen. Ja, ich hatte in Deutschland ein sicheres, wohlhabendes Leben, wie das so ist, in einem demokratischen, freien, reichen Land.

So. Als Journalistin verfolge ich deutsche und türkische Medien natürlich täglich intensiv. Fernsehen, Print, Radio, Internet. Egal ob Mainstream oder soziale Medien. Ich lese Artikel, Beiträge, Reportagen, Kolumnen, Analysen von jungen, alten, armen, wohlhabenden, konservativen, linken, religiösen und homosexuellen Türken und auch Deutschen.

Der Super-Minister Gabriel möchte sich die Mittwochnachmittage frei halten – für seine Tochter, um sie von der Kindertagesstätte abzuholen. “Darf ein Minister das?”, heißt es in unzähligen Kolumnen und Kommentaren in den deutschen Medien. Süß fand ich das. Da kümmert sich ein Spitzenpolitiker um sein Kind. In der Türkei haben sich auch drei Minister um ihre Kinder gekümmert.

Seitdem im Schlafzimmer vom Sohn des ehemaligen türkischen Innenministers Güler unzählige Banknoten und eine Geldzählmaschine gefunden wurden, und der größte Korruptionsskandal in der türkischen Geschichte ins Rollen gebracht wurde, wird der Ministersohn zusammen mit zwei weiteren in Schutz genommen. Der Ministerpräsident persönlich entlässt und versetzt die zuständigen Staatsanwälte und Polizeichefs, die die Ermittlungen führen. “Darf ein Ministerpräsident das?”

So, dann wurde in Deutschland eine Debatte über eine 32-Stunden-Woche augelöst.”Weniger Arbeit, mehr Familie.” Heute, beim Mittagessen, beschwerten sich meine türkischen Kollegen, dass den Arbeitgebern eine 50-Stunden-Woche nicht ausreicht. Sie müssen aufgrund des starken Verkehrs in Istanbul teilweise eine zweistündige Hin- und eine zweistündige Rückfahrt ins Büro in Kauf nehmen, um dann mehrmals die Woche bis 21 Uhr zu arbeiten und ab und an auch ihre Wochenenden zugunsten ihres Berufes zu opfern.

Wie viel verdienen die angehenden Anwältinnen wohl so im Durchschnitt? Als Referendare umgerechnet um die 300 Euro, als Anwälte beginnen sie mit einem Gehalt von gerade einmal 800 Euro. Oh, und das in einer Stadt wie Istanbul, in dem die Lebenshaltungskosten höher als in Berlin sind. Zeitgleich lese ich von der Berliner Medienbranche als Hölle.

Werden homosexuelle Menschen in der deutschen Gesellschaft anerkannt? Räumt der deutsche Staat ihnen die gleichen Rechte zu wie Heterosexuellen? Sicher, Schwule und Lesben werden in Deutschland diskriminiert, so gleichberechtigt, wie sie es sich vielleicht wünschen, sind sie gesellschaftlich und politisch noch lange nicht.

In der Türkei findet man als Homosexueller kaum einen Job, man wird von den Verwandten verfolgt, einige Schwule werden sogar Opfer von Gewaltverbrechen – durch Mitglieder ihrer eigenen Familie. Aber bevor man hier von Rechten für Homosexuelle sprechen darf, ist es nicht einmal möglich, 14-jährige Mädchen vor einer Zwangsehe zu schützen. Am Wochenende wurde eine Kindsbraut tot aufgefunden, nachdem sie ein lebloses Kind gebar. Selbstmord oder Hinrichtung? Wieder ein junges Leben endgültig ausgelöscht, ohne dass es je eine Chance auf ein gutes hatte.

Ach, und da lese ich in den Nachrichten von der Hamburger Polizeigewalt gegen deutsche Bürger. Im Sommer letzten Jahres sind während der Gezi-Park-Proteste sechs junge Menschen umgekommen, Tausende wurden schwer verletzt, Hunderte tragen noch heute die Schäden. Die Gezi-Park-Opfer wurden von ihrem demokratisch gewählten Ministerpräsidenten persönlich als Terroristen deklariert.

Was aber wäre Deutschland ohne eine von Angst gesteuerte Migrationsdebatte. Dieses Jahr: Angst vor Armutsmigration aus Rumänien und Bulgarien. Und wieder wird heftig in der Politik und in den Medien diskutiert. Die Türkei hat bisher über 600.000 Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Kein einziger negativer öffentlicher Kommentar. In Zeiten, in denen die türkischen Bürger nicht wissen, was auf sie wirtschaftlich und politisch zukommen wird. Für einen Euro müssen sie heute drei Türkische Lira bezahlen.

Auch die Türken haben Angst. Angst vor den nächsten Wahlen im März, Angst vor ihrer Zukunft, Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor ihrer Regierung. Angst vor weiteren jungen Opfern. Aber sie leben weiter, wirtschaften weiter, hören nicht auf, zu arbeiten, sie gehen immer wieder auf die Straße. Um zu kämpfen, für ein sicheres, reiches, freies und demokratisches Land. Ohne großartige Probleme. Wie Deutschland eben.

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4 Kommentare

  • Rüdiger

    Teils ganz vernünftiger Artikel. Aber: Du hast schon selber gemerkt, wo das Problem dieses Artikels liegt; nämlich im ersten Satz. Dieser ganze Versuch der Vergleichs ist ein Problem. Probleme, Sorgen, Ängste usw. sind subjektiv. Für den einen ist ein Problem, was für den anderen normal ist. Du vergleicht zwei verschiedene Kulturen mit komplett anderer Geschichte. Wieso sollte es da auf einmal die Möglichkeit zum Vergleich geben? Und ja, ich sehe in Deutschland viele Probleme. Politisch wie gesellschaftlich – und das ist meine subjektive Erkenntnis. Was jedoch in jedem Land dieser Welt schlecht ist: Der Stolz auf sein Land. Patriotismus gehört in den Abfall!

  • Könnte sein, dass du mit deiner Meinung auf grobe Unsachgemäßheiten stößt. Viele Leute sind irre in Deutschland und voller Ängst.

    Wenn man nicht wertschätzt, was man (hier) hat, und dass das wertvoll ist, gerät man leicht auf Abwege und auf den falschen Dampfer. Die aktuellen Konflikte in Hamburg verdeutlichen das. Was man dem anderen vorwirft, in diesem Fall dem Staat, ist man selber – anti-demokratisch, intolerant, ängstlich.

    Doch nicht nur uns in Deutschland geht es besser als jemals zu vor. Der ganzen Welt geht es so. Gestern die Meldung, dass Indien die Kinderlähmung beiegt hat. Während in Deutschland die Impfgegner immer mehr hysterischen Zufall bekommen.

    Darfste bloß keinem erzählen. Du darfst nicht sagen, dass es gar nicht so schlecht aussieht, wie viele es gern hätten! Dann wirst du angefeindet und gehasst. So sind die hier.

  • Rüdiger

    Also zu deiner Antwort:

    1. Du vergleichst zwei Demokratien? Gut, aber weißt du wie viele Formen der Demokratie es gibt? Und dann wird diese auch noch unterschiedlich interpretiert, angewandt und verwaltet. Und in deinem Artikel vergleichst du ja faktisch nicht nur politische Gegensätze sondern auch ganz klar in der Gesellschaft verankerte Grundlinien (Homophobie zum Beispiel wird doch erst aus der Gesellschaft heraus zum Politikum).

    2. Dann geh mal mir deiner subjektiven Meinung zu den “Vernachlässigten” bzw. zu den Verlierern unseres Systems in DE und frag Sie, ob es Ihnen gut geht. Ich arbeite tagtäglich mit den Verlierern der Gesellschaft, den Ausgegrenzten, und sehe wie viele Probleme dort anzugehen sind. Denen hilfst du mit deiner subjektiven Meinung bestimmt nicht. Die wollen, dass es Ihnen (!) besser geht – und das ist völlig legitim. Da ist es doch egal ob du es subjektiv beuurteilst, dass es anderswo noch schlechter ist. Wem du damit aus dem Herzen sprichst ist der deutschen Mittelschicht. Die leben den “deutschen Traum” im Reihenhaus mit geleastem Wagen und wollen bloß nicht – um nichts in der Welt – dass es Ihnen so schlecht geht wie den Verlierern hier oder den Verlierern in der Türkei. Abgrenzung ist das Stichwort. Denen machst du Mut, im Sinne von: Hier in Deutschland ist alles gut, bloß keine Migranten, bloß keine faulen Arbeitslosen – wenigstens geht es den Deutschen gut. Verdammt, jedes Land muss sich ständig reformieren. Es nützt niemandem etwas, zu schauen wi es noch schlechter ist. Ich wette du könntest den Vergleich auch zwischen der Türkei und Somalia ziehen – wer dann wohl als “Gewinner” hervorgeht. Müssen sich die Menschen in der Türkei dann auch zurücknehmen und das zu schätzen wissen, was sie haben, nur weil es in Somalia noch ärmere Menschen gibt? Nein oder? Und generell nützen selbst regionale Vergleiche nichts (z.B. Bayern mit Hamburg). Es gilt VOR ORT die SItuation ALLER Menschen zu verbessern, und das stetig. Nur darauf zu schauen, dass es immer schlechter geht, bringt niemanden weiter. Viel eher belässt er es beim Status Quo und lebt halt so sein Leben. Egal ob toll oder nicht so toll. Man lebt ja trotzdem im tollen, reichen Deutscland.

    3. Die Demokratie zu schätzen wissen? Meinst du diese Demokratie in der nur noch multinationale Unternehmen das Sagen haben? Diese Demokratie in der Banken machen können, was Sie wollen? Diese Demokrate in der Kriege für Öl und Gas geführt werden? Diese Demokratie die zwangsläufig IMMER Verlierer produziert, diese stigmatisiert und verwaltet? Diese Demokratie in der die Polizei gezielt Migranten kontrolliert und abschiebt? Diese Demokratie in der Merkel lächelt und die tolle Marktwirtschaft lobt? In der viele Millionen Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen leben und nichts können, außer weiterzuarbeiten? Diese tolle Demokratie in der eine reiche Minderheit den Rest manipuliert? Diese Demikratie meinst du? Schön, aber wir können ja froh sein, dass uns die Polizisten nicht abknallen, oder? Nein, wir chieben lieber ab und lassen die Menschen anderswo verrecken. Chapeau!

  • Rüdiger

    Ich zitiere dich nochmal. Du konntest im tollen Deutschland also “[…]zu einem Spottpreis eine tolle Bildung geniessen, Tag und Nacht sicher über die Straße laufen, musste nicht beim Einkaufen einen Bogen um bewaffnete Polizisten machen, wurde niemals in Fernzügen von Soldaten kontrolliert[…]”.

    Ganz toll. Dann bist du wohl in ganz vernünftigen Verhältnissen aufgewachsen. Es gibt allerdings auch hier eine große Anzahl an Menschen, die diesen “Luxus” nicht in Anspruch nehmen können. Und es gibt Gegenden in denen du von der Polizei kontrolliert wirst, aufgrund deines Aussehens. Da hast du ja mal Glück gehabt.