- Wir sind die Generation Ahnungslos

Die Nacht liegt vor uns, so wie die drei Flaschen Biorotwein, 1,99 Euro pro Stück. Der Abend kann endlich beginnen. Wir trinken uns das Leben schön und unsere Mitmenschen schlau.…

Wir sind die Generation Ahnungslos

Die Nacht liegt vor uns, so wie die drei Flaschen Biorotwein, 1,99 Euro pro Stück. Der Abend kann endlich beginnen. Wir trinken uns das Leben schön und unsere Mitmenschen schlau. Darum geht’s schließlich. Einmal mehr alles zu vergessen und nicht weiter über den drögen Alltag nachzudenken. Dass der Alkohol bereits an der ersten Haltestelle leer ist, stellt sich als das kleinste Problem der neuen Unabhängigkeit heraus. Auch dafür ist eine schnelle Lösung gefunden.

Angekommen, der Pegel lässt nach – das darf nicht sein. Noch ein Bier beim Kiosk und alles stimmt. Wir hier. Irgendwie frei, als Studenten und mit den besten Freunden. Da ist Zukunft und Freiheit und Liebe. Wir sind glücklich. Ein paar Stunden, in denen wir nicht an das Studium, an den Jungen, der grade eine andere flachlegt, oder unsere nervenden Eltern denken müssen, liegen vor uns.

Diese paar Stunden gehören uns allein, allein der Gedanke daran erfüllt uns mit einer Intensität von Glück, die fast greifbar ist. Jawohl, unser Lebensstil ist so schmutzig und verwerflich wie alle mehr oder minder klammheimlich behaupten. Aber eigentlich weiß ich auch nicht, was mich glücklicher machen könnte als loszuziehen und mich in dunklen Clubs einem Tanz der Konventionslosigkeit hinzugeben.

Ich fühle mich in der etwas herunter gekommenen Lagerhallen-Atmosphäre, zwischen all den karierten Hemden, den bunten Turnschuhen und den Carhatt-Beanies, noch nicht ganz heimisch. Draußen ist es kalt, die Holzpaletten sind etwas nass, aber das ist doch vollkommen egal, es trägt schließlich irgendwie zum Stil des Ganzen bei.

Die gewollt kaputten Mädchen mit Septum, aschfahlen Gesichtern und dunklen, roten Lippen schauen durch mich hindurch. Zug an der Zigarette. Gauloises Rot, kurzes Nippen an der Mate. Wenn alles glatt läuft, reicht das Geld noch für ein weiteres Bier. Wenn nicht, dann musst ich mich so langsam auf die Suche nach weiteren Kontakte begeben. Wir frieren, aber bleiben sitzen. Hier und da ein Hallo, mehr oder weniger flüchtige Bekannte. Ich gucke im Minutentakt auf mein Handy, aufrichtige Leuten, die mich lieben, schenken mir dort Wärme – stelle ich mir vor.

Wir gehen zusammen auf’s Klo, es riecht bereits nach Kotze. An der Wand steht: „Rosen sind rot, Veilchen sind blau… Fick dich, du Nutte!“ Gefühlte tausend Fotos vor’m Spiegel, bis endlich eins passt. Instagram. #party #drunk #bestemenschen #biseshellist. Hauptsache die 151 Follower wissen, was ich für ein exzessives Partyleben führe.

Es gibt drei goldene Regeln, an die mich zu halten versuche. Erstens: Ich nehme kein Heroin. Zweitens: Ich darf nicht schwanger werden. Drittens: Ich sollte nichts bei irgendwelchen Typen vergessen. Und wenn’s geht, dann achte ich darauf, keine betrunkenen Nachrichten zu schreiben. Wenigstens die ersten beiden Regeln habe ich noch nicht gebrochen und wenn ich mich zumindest an die halte, ist der Kater am nächsten Tag definitiv nur halb so erniedrigend.

Drinnen ist es laut, warm und stickig. Mittlerweile nüchterne ich aus und finde den Großteil der Musik nur noch beschissen, ich bin müde und brauche noch etwas was zu trinken. Eigentlich wollen wir doch nur mit jemandem Händchen halten und uns nicht gleich auf fremde Matratzen werfen und zwölf Minuten aufeinander herum rutschen.

Denn so warm die Betten nachts auch sind, morgens frieren wir umso mehr und fühlen uns nicht nur schlecht, sondern jämmerlich. Doch ich frage mich, ob mein Befinden besser wäre, wenn ich heute alleine zu Hause schlafen würde. Goethe schrieb bereits: „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt; Glücklich allein ist die Seele, die liebt.“ Also verschenken wir uns und fragen uns danach, warum sich niemand verliebt – bloß keine feste Bindung eingehen. Wir könnten schließlich so einiges verpassen.

Am Ende wollen wir alles und riskieren gar nichts. Die Ahnungslosigkeit nimmt uns in jeder Situation gefangen. Wollen wir Liebe oder ficken? Wollen wir Party oder kuscheln? Wollen wir studieren oder mit den besten Freunden durch die Welt reisen? Wollen wir erfolgreich sein oder auch etwas dafür tun?

Und wenn uns dann auffällt, das nichts davon jemals so funktionieren wird, wie wir uns das vorstellen, ist es bereits zu spät. Das Unbekannte zieht uns an und in letzter Zeit auch öfters aus. Das ist auch okay, denke ich, solange ich mich nicht in all den Möglichkeiten verrenne und immer wieder zurückfinde – zwar beschädigt, aber lebendig. Möglicherweise sind wir mit unseren 18 Jahren auch noch zu sehr „naives Mädchen, das grade Abi gemacht hat“ und zu wenig „umwerfende Studentin, die ihr Leben im Griff hat“.

Wir predigen die Autonomie, doch folgen der Heteronomie. Aber wie sollen wir denn Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, was wir wirklich wollen? Zur Vernunft kommen, aber unvernünftig sein, sollten wir! Verantwortung für uns, aber auch unsere Freunde tragen, sollten wir! Nicht die Last der Welt, sondern kurze Röcke tragen, sollten wir!

Das Problem an solchen Selbstfindungstrips ist, dass uns draußen, auf den nassen Holzpaletten oder drinnen, inmitten der tanzenden Menschen, erst klar wird, dass unser Herz irgendwo ist, wo unser Körper nicht ist. Und dann gestehen wir uns endlich ein, dass wir für die paar Stunden vielleicht doch nicht alles vergessen können und dass wir das Glück überall finden können – nur nicht an diesem Ort.

Die Nacht liegt jetzt zerbrochen vor meinen Füßen, aber Gaffatape, etwas Spucke und drei Flaschen Wein werden das nächste Woche schon wieder fixen können. Dann trinken wir uns das Leben wieder schön und unsere Mitmenschen schlau. Darum geht’s schließlich. Einmal mehr alles zu vergessen und nicht weiter über den drögen Alltag nachzudenken. Und vielleicht weiß ich dann ja endlich, was ich wirklich will.

Mister Spex

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