- Tumblr ist doch nur für depressive, kleine Mädchen

Das Ganze fing damit an, dass meine kleine Schwester zu mir kam, mir ihr Handy ins Gesicht hielt und verstört grinsend sagte: „Guck mal, die kennst du doch.“ Ja, die…

Tumblr ist doch nur für depressive, kleine Mädchen

Das Ganze fing damit an, dass meine kleine Schwester zu mir kam, mir ihr Handy ins Gesicht hielt und verstört grinsend sagte: „Guck mal, die kennst du doch.“ Ja, die kannte ich, das war meine Freundin, die hatte anscheinend einen Blog, cool. Und auf dem Blog beschrieb sie gerade in aller Ausführlichkeit ihre Depressionen. Geil.

Sie scherte um sich herum eine ganze Community, die allesamt ihre Leben scheiße fanden und deswegen irgendwie alle bewiesen krank waren. Und deswegen waren sie besonders stark, weil sie zwar allesamt irgendwie am verrecken und kurz vorm Tod waren, aber immer noch atmeten. Ich gab meiner Schwester das Mobiltelefon zurück und sagte ihr, sie soll mich in Ruhe mit dem Scheiß lassen. Ruhe hatte ich dann von ihr, aber nicht mehr von meinem Kopf.

Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich es, also alles, verstehen wollte. Warum die Leute, die sich mit mir am Tag davor noch untern Tisch gesoffen haben, mir von ihrem Traum, Polizist zu werden erzählt, mich über Emanzipation in Russland aufgeklärt haben – ihr ganzes Leben eigentlich hassen, sich selbst auch, und eigentlich auch alle anderen. Wieso rede ich dann mit denen über unsere Zukunft?

Wenn die eh nichts von dieser Gesellschaft, den Menschen, der Jugend, der Liebe halten und am liebsten einfach verschwinden würden – natürlich nachdem sie sich schon selbst zerstört haben – die 100 Methoden von „Klinge schärfen“ bis zu „Neuen Drogen“ weigere ich mich an dieser Stelle aufzuzählen – wieso setzten sich diese Menschen dann zu mir an den Tisch und fragen, ob ich mit Kotzen komme?

Wo ist der Sinn daran, allen auf einer imaginären Platform ihr tiefstes Inneres zu verraten – das so düster sei – und über so etwas nicht nach Jahren bei 'nem Joint abends mit Blick auf die 7. Wiederholung von “How I Met Your Mother” reden zu können? Ist es einfach cool, so etwas von sich und der Welt zu sagen? Ist das Yolo? Ein oberflächlich gutes Leben zu leben, aber in Wirklichkeit nicht atmen zu können. „Die Luft ist Blei“, lese ich dort. „Jeder Schnitt tut weh, doch erinnert mich daran zu leben, denn Glück kann man nicht kaufen, aber Klingen schon, wenn ich recht bedenke, hätte ich viel tiefer schneiden sollen – so nah war ich dem Tod noch nie.“

Ist es unccol, seine Tage auf diesem Planeten irgendwie doch ganz geil zu finden, oder – scheiß drauf – so ein verdammt durchschnittliches Dasein zu führen, mit mal einem Hoch und einem Tief – und dann geht’s wieder von vorne los? Wie absurd ist es, sich nicht positiv, sondern durchweg negativ darzustellen?

Um es kurz zu fassen: Meine Schwester hat mich dann mal mit gefälschtem Namen auf Tumblr angemeldet. Ich fand's klasse. Vier Tage später folgte ich 164 Blogs. Die Hälfte davon waren Pornos, die andere Hälfte „Foodporn“ – also auch Pornos. Nur mit Essen. Nach einer Woche wurde es dann ernst.

Was würde wohl passieren, wenn ich statt „yummie“ oder „delicious“, „iwantyounakednow“ oder „naked“ oder „baked“ mal mehr sowas wie „teenager“, „destroyed“, „thin“, „cry“ oder ähnliches eingebe? Das Ganze funktioniert natürlich auch auf Deutsch, aber wie wir alle wissen, ist Englisch um eines cooler.

Das Ergebnis war relativ das, was ich erwartet hatte. „fuck7ha7bi7ch“ – ich verstand das als „fuck – that – bitch“ – postete Zitate über tränenüberströmten Gesichtern, Haare von hinten, aufgeschnittenen Armen, alles schwarz weiß und alle ungefähr mit derselben Mitteilung: Mein Leben ist das Schlimmste von ALLEN. Ich werde von allen gemobbt, alle meine Verwandten sind gestorben (ganz langsam) und ich musste zugucken, ich bin fett und magersüchtig , Bulimie hab ich auch und Edward Cullen, mit dem ich eigentlich schon verlobt war, hat sich dann doch für Bella entschieden. Fuck. Scheiß. Leben.

Während eine Nachricht nach der anderen ihren Selbstmord ankündigt („I'm fine – mein Arm ist wie ein Tagebuch… denn jede Narbe erinnert mich an ein Kapitel meines Lebens“, “I'm lost“, “I hate me too“, “Get me out of here“, “Two fingers in the throat – coughing up my problems“, “it just hurts, thats all“) – daneben übrigens GIFs von “˜ner Menge Varianten, sich umzubringen – frag ich mich nur eine Sache: Warum und für wen zur Hölle macht sie das?

Anscheinend soll man sich ihr Leid ja ansehen, vielleicht würde es ihr besser gehen, wenn ein Typ seinen Korb zurückziehen würde, vielleicht will sie ihren Freunden und ihrem Umfeld zeigen, dass sie mehr Liebe und Zuwendung braucht? Will sie einfach die Eltern provozieren? Oder ist dieses Mädchen wirklich kurz vor dem Zusammenbruch, ihrem Selbstmord oder irgendeine sich ewig dahin ziehende Depression? Und ist das der letzte Weg, wie sie glaubt, Hilfe finden zu können?

Das Problem hierbei ist, wäre ich ein Arzt, könnte ich einfach nicht sagen, welche dieser 1000 Teenager, die ihren Selbstmord am laufenden Band auf Tumblr ankündigen, gerade in einer schwierigen Phase der Pubertät stecken, rebellieren, Aufmerksamkeit wollen, oder wer von ihnen wirklich Hilfe braucht. Ich werde fast sentimental bei dem Gedanken, dass diejenigen, deren letzte Hoffnung wirklich Tumblr gewesen ist, keinen Zuspruch oder Hilfe finden, weil die ganzen aufmerksamskeitgeilen Präsentierschlampen die meisten Likes einheimsen.

Ich finde dann noch „feeling1infinite“ – die als Mädchen in Erinnerung bleiben möchte, das nur lächelt, jedem die Sonne in den Tag bringen konnte: Nur nicht sich selbst. Sie ist dreizehn. Dann noch der komische, anscheind depressive Typ mit Brille und Justin-Bieber-Friese, vierzehn. Dann noch die ebenfalls selbstmordgefährdete Jessica, die gerne high wird, weil die Welt so langsam ist. Sechszehn. Dann hätten wir da noch die diagnostiziere bipolare Depressive, Typ 2, bulimische und anorexische „Disorderd for life“ – die die meiste Zeit ihres Lebens hasst.

Sarah, die gerade Brüste bekommt, hat just in diesem Augenblick den tiefen Sinn einer Depression erkannt („wie ein Krieg“) und ein Mädchen namens „einfachsterben“ wäre theoretisch schon längst tot – wenn sie nicht noch atmen würde. Der Suizid ist fest bis ins kleinste Detail geplant, ihr Leben für nutzlos erklärt hat sie allem Anschein nach bereits Im Alter von neun.

Ich finde mich in Diskussionen über meine Freundin wieder, die krank ist – richtig krank. Sie steckt in einer Klinik und kommt da auch so schnell nicht wieder raus. Meine Nachmittage verbringe ich ab jetzt damit, mich mit fremden Kindern darüber zu streiten, welche Krankheit nun die schlimmste von allen ist, welche Selbstmordmethode die schmerzfreiste, wer es eigentlich ernst meint und wer nicht. Und eigentlich wünsche ich mir nur eins: Dass mir meine Schwester niemals ihr Handy gegeben hätte und ich nicht mit einer weiteren wichtigen Erkenntnis gesegnet wurde: Tumblr ist nur für depressive, kleine Mädchen.

s.Oliver

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Topman

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8 Kommentare

  • julia

    Finde ich ziemlich verallgemeinernd und intolerant

  • Cxaxukluth

    Wirklich ? Ich finde es ziemlich passend.

    Wer wirklich Probleme hat, der tritt das wohl kaum derartig inflationär auf sozialen Medien breit. Eher das Gegenteil ist der Fall.

  • helen

    ich bin ganz erstaunt, wie toll du deinem unwissen mit einem quäntchen intoleranz sogar noch mehr ausdruck verliehen hast. dieser artikel hat der welt gefehlt! all die doofen, doofen teenagermädchen, die wirklich depressionen oder eine persönlichkeitsstörung – und niemanden zum reden haben außer menschen im internet, werden dank dir morgen früh aufwachen und sagen ”wow, war ich blöd! entweder bin ich jetzt gesund oder geh mal zum arzt, tumblr ist doch nur was für depressive kleine mädchen!”.
    über das ”diagnostiziere bipolare Depressive, Typ 2, bulimische und anorexische” Mädchen macht man sich nicht lustig. sowas ist schrecklich, schäm dich.

    • Cxaxukluth

      Über die macht sich auch niemand lustig. Die haben Probleme, bei denen ihnen geholfen werden muss, das stellt auch niemand in Abrede.

      Über was man sich aber sehr wohl lustig machen kann, das sind die ganzen möchtegern-Emos die es als eine Aufgabe sehen ihr Aufmerksamkeitsbedürfnis damit aufzupolieren, obwohl sie keinerlei Probleme in dieser Hinsicht haben.

    • marina

      es geht auch nicht darum, sich lustig zu machen sondern darum dass das bipolar depressive mädchen damit online angibt. dabei gibt es absolut keinen grund, mit depressionen anzugeben. viele dieser mädchen aber wollen online beweisen dass ihre depressionen die aller schlimmsten sind, es ihnen von allen am schlechtesten geht und sie wirklich selbstmord begehen wollen, nicht wie die anderen.
      hast du schonmal depressive menschen kennengelernt? ich schon. in meinem freundeskreis verheimlichen sie es eher vor der masse und schämen sich dafür als es herauszuposaunen für mehr aufmerksamkeit und mitleid.

  • caro

    ich denke nicht, dass die autorin hier irgendwelche menschen mit echten problemen angreifen möchte, jeder der ein bisschen einblick in diese tumblrcommnunity hat,merkt dass da ein großteil einfach nur auf den depressionen-sind-cool-zug aufspringt…diejenigen die menschen mit echten problemen angreifen,sind diese ganzen 10-jährigen “mein-leben-ist-so-schrecklich”-mädchen ,indem sie diese krankheiten lächerlich machen..schöner artikel,das gleiche denke ich nämlich auch jeden tag,wenn ich auf tumblr einfach nur witzige bilder rebloggen will :)

  • Leni

    Eigentlich stimmt es, was dort steht.. Es ist einfach zu viel geworden. Ich kann die meisten “Posts” schon gar nicht mehr ernst nehmen (oder gar bemitleiden), weil irgendwie jeder “depressiv” ist.
    Ich denke auch, dass jemand der wirklich sehr krank ist und keinen Ausweg mehr sieht etwas besseres zutun hat, als jedem sein Leid zu klagen.

  • senora undostres

    achje, das ist doch aber kein spezifisches tumblr-phänomen. und auch nix neues. um 2000 herum hatten wir das in foren, dann kam myspace und die ersten blog-systeme (heilige scheiße, myblog! im deutschsprachigen raum vermutlich _DIE_ keimzelle für individualpathetische ana-mia-poesie und gelebte rasierklingen-ästhetik). natürlich sind es heute mehr als früher. 2000 haben halt noch viele ihr pubertätsbedingten weltverstimmungen in tagebücher und auf klowände (haha, herr von matt, so finden wir doch noch zusammen) geschrieben. blogsoftware ließ für laien weniger individualisierungsmöglichkeiten, internet war noch nicht so allgegenwärtig (vor allem war’s teuer!) wie heute, digitalkameras waren entweder scheiße oder unerschwinglich. alles anders heute, bessere verfügbarkeit für die masse, und vor allem: feedback, selbstbestätigung, evaluation, ohne das risiko, von dem menschen, neben dem man am nächsten tag wieder in der schule sitzt, ausgelacht zu werden.
    worauf wollte ich hinaus? auch egal.

    wer ernsthaft krank ist, stellt sowas vermutlich nicht ins internet. wer vollumfänglich gesund ist wohl auch nicht.

Topman