- WhatsApp ist schlecht für mein Ego

Mit dem Siegeszug der kleinen, nahezu kostenlosen Nachrichtendienste auf unseren Smartphones häufen sich die Abgesänge auf Facebook, Twitter und die restlichen sozialen Netzwerke im Allgemeinen – in Scharen würden sie…

WhatsApp ist schlecht für mein Ego

WhatsApp

Mit dem Siegeszug der kleinen, nahezu kostenlosen Nachrichtendienste auf unseren Smartphones häufen sich die Abgesänge auf Facebook, Twitter und die restlichen sozialen Netzwerke im Allgemeinen – in Scharen würden sie davon laufen, die jungen, hippen Leute. Die Zielgruppe, auf die es ankommt. Egal ob LINE, WhatsApp oder Snapchat – die Zukunft unserer Kommunikation liegt in den kleinen, viereckigen Bildschirmen unserer Handys. Doch ich, als junger, hipper Mensch, sehe das anders.

Um das gleich einmal am Anfang klarzustellen: WhatsApp ist super. Wirklich. Nichts für SMS oder MMS ausgeben zu müssen und zusätzlich die Möglichkeit haben, unter vorgegaukeltem Datenschutz seinen Freunden das betrunkene Gruppenfoto zu schicken oder mit den Eltern Smileyrätsel auszutauschen. Und dann auch noch gratis darüber nachdenken dürfen, warum der Typ von gestern Nacht nicht antwortet, obwohl er online war. Perfekte zielgerichtete Kommunikation.

Nur manchmal habe ich gar kein Ziel. Oder anders gesagt: keinen Zielansprechpartner. Wenn ich mit meiner besten Freundin das nächste Treffen ausmachen will oder klären möchte, mit wem ich wann am Wochenende was geplant habe, schreibe ich die Leute direkt an. Klar. Das hat man schließlich schon mit 13 bei ICQ verstanden. Das Tolle am Internet ist aber doch, dass man gar nicht immer DEN Zielempfänger braucht oder brauchen möchte.

Vielleicht will man manchmal einfach nur einen Push fürs Ego mit ganz geringem Aufwand. Sich selbst präsentieren und dafür auch noch gelobt werden: Ich habe gerade die Torte des Jahrtausends gebacken? Meine Frisur sieht endlich wieder nach lebendiger Mensch aus? Guckt mal, wen ich auf der Party abgeleckt habe? Dann möchte ich verdammt nochmal Komplimente dafür.

Und zwar nicht, weil ich meiner Mutter extra das Foto der Schwarzwälder Kirschtorte schicke, ihr zeige, wie gut ich ihr Rezept angewendet habe und sie zwangsweise darauf antworten muss: „Hast du gut gebacken, Kindchen…“ Sondern, weil Leute meinen Beitrag sehen und sich denken: „Ey, sieht wirklich lecker aus, ich zeig’ das mal öffentlich.“

Oder auch, man weiß ja nie, weil im Kopf des alten, nervigen Klassenkameraden, den ich nur noch als Matschgesicht kenne, womöglich so tolle Gedankengänge ablaufen wie: „Die Olle hat so ein viel cooleres Leben als ich, ich will die eigentlich gar nicht mehr in meinem Newsfeed, aber ich brauche halt ihre Kontakte. Like ich das doch mal!“ Wie gut das doch tut!

Und wenn man den kleinen Push fürs noch kleinere Ego gerade zufällig mal nicht nötig hat, weil man im realen Leben genug betätschelt wird, dann benötigt man vielleicht lieber die Hilfe von irgendwem. Nicht ganz konkret fürs Möbeltragen, sondern, weil man einen Job sucht, eine Mitfahrgelegenheit – oder vielleicht auch eine Wohnung.

So dringend und so gerne, dass einem die lausigen Handykontakte nicht ausreichen und man es am liebsten in die Welt hinaus brüllen würde. Da den eigenen Schreien aus dem vierten Stock aber keiner Aufmerksamkeit schenkt und die Zettel an der Ampel höchstens von einem pinkelnden Hund beachtet werden, schreibt man seinen Wunsch halt in ein soziales Netzwerk. Und kann dann auch noch beobachten, welche Freunde einen für wichtig genug halten, um den Hilferuf zu teilen. Prima.

Apropos beobachten: Hat schon mal jemand darüber nachgedacht, wie man sich ohne soziale Netzwerke den weniger wichtigen Teilen des eigenen Dunstkreises widmen soll? Den Urlaubsbekannten, ehemaligen Kollegen und Schulfreunden? Mit denen man unmöglich auf täglicher, wöchentlicher Basis den Kontakt halten kann und will, wo man sich dann aber doch mal freut, dass die dumme Pute von einst vorzeitig schwanger geworden ist?

Und wie kann man sonst mit derartiger Leichtigkeit das Leben anderer erstalken? Ob das dünne Mädchen aus der Uni mittlerweile auch mal etwas anderes isst als ihre drei Gürkchen zum Mittag? Oder ob der heiße Heinz zur Party kommt? Den hatte man doch mal ganz casual geaddet – aber so direkt fragen? Never ever, hinterher erwartet der Schnösel noch irgendetwas von einem. Und wie lustig es doch ist, dass Franzi ebenfalls auf „Teilnehmen“ geklickt hat… die hatten doch mal was miteinander.

Eventuell ist man im Netz auch einfach viel besser in diesem so gepriesenen Networking als bei lausigen Cocktailpartys, wo einem außer Wetter, Kleidung und Häppchen keine Themen einfallen. Leute übers Internet kennenlernen ist schon fast nicht mehr gruselig. Fast. Und Kontakte übers Internet wiederfinden ist ja sowieso kein Ding. Handynummern ändern sich, aber Namen? Da muss man schon einen hohen Hochzeitskleid-Verschleiß haben, um nicht aufgespürt zu werden…

Ob man dann all das ganz altmodisch bei Facebook, hip-arrogant bei Twitter, als Sack Reis bei Google+, vernetzend bei XING, fotolastig bei Instagram, myspacig bei Tumblr, mütterlich-haushälterisch bei Pinterest oder in seinem miefigen Geek-Forum macht, ist doch im Endeffekt scheißegal. Aber nur über WhatsApp, die Zukunft unserer Kommunikation? An 80 Leute sein Essen schicken, ist ganz schön mühsam. Und das neue Profilbild bemerkt da auch keine Sau…

Foto: Merlin Bronques

ASOS

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere spannende Neuigkeiten über Internet zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Guess

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

3 Kommentare

  • TrendSocke

    Natürlich wird WhatsApp nicht Facebook verdrängen, aber die Plattformen zu vergleichen ist doch schon sinnlos. Facebook nutzt der Durchschnittsuser gewollt öffentlich, WhatsApp privat(er). Beides erfüllt ganz bequem elementare Sehnsüchte: Facebook die Selbstdarstellung und WhatsApp die Kommunikation. Leider pervertiert es diese auch, aber das ist schließlich der Preis den wir alle zu zahlen bereit sind. Und solange WhatsApp nicht zum Netzwerk, oder Facebook zum (ähnlich simplen) Messengerdienst wird, werden sie uns in friedlicher Koexistenz weiter ruinieren.

  • Max

    Broadcast Funktion von whatsapp für eigenes Mitteilungsbedürfnis…ist doch ideal. Stalken verliert seinen Reiz, ich schaue mir lieber die kuratierten Leben der Hippster auf Instagram an als reale Menschen.

  • Schöner Artikel Ines, sagt der Typ aus dem oben verlinkten Artikel ;) Ist auf jeden Fall was dran. Bin mal gespannt, wie viele Netzwerk-Elemente noch eingebaut werden. Grüße aus Taipei, Markus