Die traurige Wahrheit - Studieren ist Mord!

Foto: Merlin Bronques Sonntagabend, Tatort-Zeit. Ab jetzt also auch in Erfurt. Man mag über den ersten Fall des neuen Ermittlerduos denken, was man will, darüber soll es hier nämlich eigentlich…
Die traurige Wahrheit

Studieren ist Mord!

Das Fräulein von Scuderi
Foto: Merlin Bronques

Sonntagabend, Tatort-Zeit. Ab jetzt also auch in Erfurt. Man mag über den ersten Fall des neuen Ermittlerduos denken, was man will, darüber soll es hier nämlich eigentlich auch gar nicht gehen. Denn viel spannender als das, was sich da vor der Kamera abgespielt hat, ist doch eigentlich das Thema, um das sich die Episode vom vergangenen Wochenende drehte.

Zunächst aber doch ein kleiner Schwenk auf den Kern der Handlung: Eine Leiche wird gefunden – so beginnen in der Regel die meisten Tatort-Folgen. Doch was anfangs noch nach einem Sexualverbrechen aussieht, entpuppt sich schließlich als Krimi innerhalb des Universitätsmilieus. Es geht also um Studenten. Studenten, die zwischen Bachelor, Master und Karrieredruck zu Aufputschmitteln greifen, um mit der Geschwindigkeit des Getriebes, in dem sie täglich rotieren, mithalten zu können. Leistungssteigernde Drogen oder rauschhafte Disziplinierung, wenn man es so nennen will.

Was dieser Tatort vielleicht eher oberflächlich veranschaulicht haben mag, trifft in der Realität auf einen ziemlich wunden Punkt unserer Gesellschaft. Leistung steht schon lange vor Entfaltung, schlichtes Funktionieren vor Wissen. Das betrifft längst nicht mehr nur noch die Berufswelt, sondern hat sich inzwischen auch im akademischen System eingenistet. Klingt polemisch? Soll es auch!

Ich selbst würde mich absolut nicht als Person beschreiben, die grundsätzlich davor zurückschreckt, sich wirklich einmal auf den Hosenboden zu setzen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Von nichts kommt nun einmal nichts. Ein Sprichwort, in dem doch so viel Wahrheit steckt. Ich gammele nicht seit unendlichen Semestern in meinem Studium herum, sondern habe, ganz im Gegenteil, brav zu Ende studiert, innerhalb der Regelstudienzeit, und die Uni definitiv nicht nur als Pflichtprogramm angesehen. Warum sonst, sollte ich inzwischen promovieren. Doch das nur am Rande.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Glücklicherweise habe ich einer der letzten Studentengenerationen angehört, die sich noch über ein Magisterstudium freuen durften. Lernen im Sinne der alten Schule sozusagen. Du belegst Kurse, die dich wirklich interessieren, schreibst Hausarbeiten statt Klausuren und bist bei allem, was du tust, irgendwie immer selbst für dich und dein Vorankommen verantwortlich. Das mag manchmal anstrengend sein, manchmal Überwindung kosten und sicherlich auch mal in eine Sackgasse führen, aber es stärkt und formt dich am Ende irgendwie charakterlich.

Davon bleibt allerdings nichts mehr viel übrig, wenn du dich auf einmal in einem Bildungssystem wieder findest, das zunehmend an amerikanische Ideale angepasst ist. Modulzettel, Referate, Klausuren, Credit Points. Das ganze Studium fokussiert in einer so kurzen Zeitspanne wie möglich abhaken und am besten noch drei bis vier Praktika dazwischen schieben.

So sieht die Realität inzwischen aus. Willkommen Bachelor-Master-System. Du sollst Erfolg haben, bevor du überhaupt deinen Abschluss in der Tasche hast. Und wenn du wirklich gut bist, kannst du für deine Abschlussarbeit direkt mit einem Unternehmen zusammenarbeiten. Versteht mich nicht falsch, es ist nicht unbedingt verkehrt, in der großen, chaotischen Jobwelt schon früh irgendwo einen Fuß in der Tür zu haben.

Das Problem ist aber Folgendes: Der Begriff des Studierens entspricht längst nicht mehr seinem ursprünglichen Sinn, nämlich einem Forschen, um sich geistig, und ja, auch menschlich, weiterzubilden. Studenten fehlt es heute schlichtweg an Zeit, um sich inhaltlich mit den Dingen im Detail zu befassen. Lernen erfolgt nicht mehr um des Selbstwillens, sondern eher, um gute Prüfungsergebnisse zu enthalten.

Wissen wird zur toten Masse, in die Köpfe geprügelt, für die nächste Klausur, wobei es von vornherein dazu verdammt ist, kurz darauf ins Nichts zu verpuffen. So etwas mag in den vollgestopften Hörsälen einer Jura-, BWL- und meinetwegen auch Medizinvorlesung unumgänglich sein.

Doch scheitert es spätestens an einer Geistes- oder Kulturwissenschaft. Adornos kritische Theorie ist ein komplexes Gedankenkonstrukt, dass nicht einmal eben schnell mit einem Multiple-Choice Test abgehakt werden kann. Filmwissenschaft lebt davon, dass man die zahlreichen Filme, über die man spricht, in der Regel auch gesehen hat, statt sich den Inhalt nur durch die Zusammenfassung auf Wikipedia zu Gemüte geführt zu haben.

Gleiches gilt übrigens für die Philosophie nach Heidegger, Schopenhauer und Co. Es kommt in all diesen Themen auf die Auseinandersetzung mit dem Stoff an und nicht nur die bloße (grobe) Kenntnis. Wo 1968 noch mit Überzeugung demonstriert wurde, herrscht heute nur noch bloße Anpassung.

Und überhaupt, was bedeutet diese permanente Forderung nach Leistung überhaupt menschlich für all die inzwischen ja doch ziemlich jungen, angehenden Akademiker? Dank G8 sind manche von ihnen noch nicht einmal volljährig, wenn sie mit dem Studium beginnen. Gerade einmal bereit für betreutes Autofahren heißt es auch schon: „Tschüss, Mami und Papi, ich zieh’ dann mal aus in die Welt.“

Und da sitzen sie dann, in fremden Städten, weder Freunde noch Familie greifbar, mit einem Studium, das ihre gesamte Zeit verschlingt. Doch wer permanent lernt, Praktika absolviert und dabei gleichzeitig immer darum kämpft, sich nicht von den anderen die Butter vom Brot nehmen zu lassen, der studiert am Ende wahrscheinlich ziemlich einsam vor sich hin.

Doch es ist keine Utopie, dass man auch als freier Mensch studieren kann, der neben Lernen und Co. die nötige Zeit findet, um seine Freunde zu treffen oder Hobbys nachzugehen. Fragt einmal eure Eltern. Wenn sie studiert haben, werden sie euch bestimmt erzählen, dass ihre Studentenzeit mit die schönste in ihrem Leben war.

Und wahrscheinlich werden sie über die gegenwärtigen Unistrukturen nur den Kopf schütteln können. So, wie es jedenfalls jetzt an den deutschen Hochschulen aussieht, kann es nicht weitergehen! Bildung ist kein Wettbewerb, in dem sich nach dem Start alles nur noch um das Ziel dreht. Es zählt der Weg, das also, was dazwischen liegt.

Wenn wir uns selbst eine Institution basteln, die statt individuell denkender, selbstständiger Menschen nur charakterlich halbfertige Workaholics ausspuckt, frisst sich das akademische System am Ende selbst. Vielleicht täte unser Bildungsministerium gut daran, sich darüber noch einmal ihre Gedanken zu machen. Schließlich jonglieren sie damit mit ihrer eigenen Zukunft.

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18 Kommentare

  • Stimmt total! Toller Artikel!

  • Sandra

    Schöner Artikel, danke.

    “Bildung ist kein Wettbewerb, …”
    Das sollte ich mir zur Zeit ein bisschen häufiger vor Augen halten.

  • Martin

    gelungener Artikel volle Zustimmung …

  • Richard

    Was ein Irrglaube!

    Dieser Artikel stellt es so dar, als ob wir alle studieren müssten: Falsch!

    Jeder von euch Lesern hat doch die Wahl ob er studieren will oder nicht.
    Wer zwingt euch denn dazu? Wieso müsst ihr euch Wissen an Universitäten aneignen?
    “WER nimmt mich denn ohne Universitätsabschluss” höre ich euch gerade jammern.
    Aber wieso ist dieser “WER” denn verantwortlich. Du, lieber Leser, bist verantwortlich für deine Zukunft. Wenn du daran glaubst, dass dich nur “WER” einstellt, wenn du einen Universitätsabschluss hast, dann hör auf zu heulen und studiere in dem Wissen, dass es Deine Entscheidung ist! Studiere wozu Du Dich berufen fühlst. Nicht irgendwas mit Medien, weil es gerade IN ist, oder irgendwas mit Wirtschaft, weil du vom großen Geld träumst.

    Beruf kommt doch von Berufung. Findet diese uns der Erfolg wird sich einstellen.

    • Lukas Schreiber

      @RIchard:
      Es geht doch in Frau Sodanos Artikel nicht darum, ob wir studieren müssen oder nicht! Es geht um die gegenwärtigen Studienbedingungen! Wir müssen in einem kaum durchdachten und überhastet beschlossenen Bachelor-Master-System angelsächsischer Prägung studieren, obwohl unser deutsches Universitätsmodell aus vollkommen anderen Strukturen stammt, nämlich aus jenen des Humboldtschen Bildungsideals und eines studium generales aus dem frühen 19. Jahrhundert.
      Natürlich hat sich unsere Welt seit dem 19. Jahrhundert vollkommen verändert. Dennoch muss man leider feststellen, dass die Bologna-Reformen (auch liebevoll studium bolognese genannt) in Deutschland auf ein kaum kompatibles Bildungssystem (und nicht nur Hochschulsystem!) aufgepfropft wurden.

      Ich denke Sie sollten sich erst einmal mit der Problematik, die in Frau Sodanos Artikel beschrieben wird, auseinandersetzen!

  • Theo W. A.

    Die Autorin hat offensichtlich keine Ahnung von Rechtschreibung und Interpunktion, hantiert mit falschen Konklusionen und will derzeit promovieren? Wegen solcher Gestalten ist ein Uni-Abschluss, egal ob Magister, Diplom oder Master, nichts mehr wert.
    Schmeiß den Jutebeutel weg und les mal ein Buch, anstatt das bloß zu behaupten.

  • Jana

    „Und LIES mal ein Buch.“ Klugscheißer.

  • Ly Nx

    Richard,

    man muss sicher nicht studieren nur ob man dann später einen guten Job bekommt, der auch gut bezahlt wird das steht auf einem anderen Blatt nicht war :)

  • Linsensuppen-Lover

    Größtenteils stimme ich zu, vor allem da ich selbst als BWLer erfahren durfte, wie das Bachelor- und Mastersystem funktioniert. Kleine Korrektur jedoch zum Thema Freizeit: Man hat während des Semesters sehr wohl genug Freizeit, um Dingen nachzugehen, die einem Spaß bereiten. Das Problem sind jedoch die eigentlichen Benotungen, die meist nur auf Klausurnoten basieren. Daran sollte schlussendlich auch gearbeitet werden.

    Und um auf Richard einzugehen: Es soll auch Personen geben, die ein Studium gewählt haben, weil es sie allgemein interessiert und die versuchen, möglichst viel mitzunehmen (an Wissen, Erfahrung, etc.). Solchen Leuten sollte es doch wohl ermöglicht werden, sich auf sinnvolle Weise weiterzubilden, anstatt zu sagen “da musst Du halt durch”… Oder?

  • Gibt es an den amerikanischen Elite-Unis Bachelor- und Masterstudien?

  • Gül

    Hervorragender Artikel, dem ich in jedem Punkt nur zustimmen kann. Mir graut es jetzt schon vor den ganzen Klausuren und ich studiere gerade einmal seit einem Monat -.-

  • Peter

    Toller Artikel, und jeder Schreiberling der hier seinen Senf dazugegeben hat, hat in gewisser Weise Recht. Klar müssen wir nicht studieren, wäre jedoch angebracht wenn einen die Fachrichtung ohnehin interessiert und man das Maximum an Ausbildung in diesem Bereich haben möchte. Sicherlich ist unter dem Semester (zumindest bei mir als BWLer im 5. Semester) auch mal Freizeit zu Genüge da, was ich auch sehr genieße. Im Allgemeinen hat die Autorin allerdings Recht, dass Studieren zu sehr als Wettbewerb angesehen wird. Ich persönlich wollte auch studieren, weil mein Vater immerzu von dieser Zeit schwärmte. Die Negativentwicklung die mit der Bologna-Reform kam ist sicherlich zu großem Teil Schuld, dass Studieren nicht mehr das selbe ist, aber ich persönlich denke jeder kann denoch en Stück weit selbst sein Studieum lenken und muss dementsprechend nicht auf Teufel komm raus sein Studium in Regelstudienzeit beenden. 1-2 Semester mehr sind wirklich kein Beinbruch und helfen den meisten Leuten wirklich sehr in schwierigen Phasen den Kopf über Wasser zu halten und vielmehr – sein Leben und das Studium trotz gegenwärtiger Leistungsanforderungen dennoch in vollen Zügen zu genießen.

  • Peter Paul Tschaikner

    super Artikel…. der neue Film “ALPHABETH”, von Wagenhofer bringt es auf den Punkt.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2017686/Alphabet—wenn-nur-noch-Leistung-zaehlt?ipad=true

  • anonymousignotus

    Auch wenn die Thematik ihre Berechtigung findet…
    …selbstdarstellung der autorin ohne jeglichen wirklich neuen input bzw. knackpunkt, der einen wirklich einmal zum grübeln bringt.

Tally Weijl