- Geständnisse eines Essgestörten

Um es auf den Punkt zu bringen und um zu vermeiden, dass ihr schon nach dem ersten hypotaktischen Satz auf die halbnackte American-Apparell-Werbung am Rand klickt: Ich bin essgestört. So,…

Geständnisse eines Essgestörten

Um es auf den Punkt zu bringen und um zu vermeiden, dass ihr schon nach dem ersten hypotaktischen Satz auf die halbnackte American-Apparell-Werbung am Rand klickt: Ich bin essgestört. So, jetzt dürft ihr klicken! Dass das prinzipiell erst mal wenig von Interesse ist und ihr es auch sicher alle hasst, wenn andere mit ihren Problemen hausieren gehen, weiß ich – und das ist auch meine Meinung. Es ist mir aber auch egal, denn das möchte ich gar nicht.

Ich möchte euch hier nicht meine Geschichte erzählen oder büchsenweise Mitleid ernten, sondern mir ist etwas in unserer Zeit aufgefallen, das Menschen mit einem Hintergrund wie dem meinen einfach furchtbar auf die Nerven geht, das uns vielleicht auch die Tränen ins Auge drücken kann, aber uns auf jeden Fall immer motivieren würde, irgendwelchen meinungslosen H&M-Hipster-Ungeheuern bei Gelegenheit zu erzählen, womit ihr da spielt. Ihr, da draußen, vor euren schneeweißen MacBooks.

Magersucht ist ein großes Thema, immer noch, seit Jahren. Und es ist allgegenwärtiger denn je zuvor, eine Modeerscheinung, wie es auch mal Fettes Brot war. Oder Beyblade. Man bekommt es, packt es aus, freut sich eine Woche lang und verschenkt es dann gönnerhaft an seine vor Geifer triefenden Freunde oder lässt es in einer vollgestopften Schublade vergammeln.

Das ist aber nicht so. Stellt euch eher vor, nicht nur eure kleine Schwester hätte jetzt immer noch das Tokio-Hotel Plakat von damals in ihrem Zimmer hängen, nein, auch dein Cousin, dein Vater und deine Oma! Das Problem ist nur, die hängen das nicht nur einfach auf, sondern die lassen sich auch noch ein passendes Tattoo stechen. Soll heißen: Da kommt was und geht nicht so einfach mit ein bischen Spucke wieder weg.

Und ja, es stimmt, dass davon nicht nur immer mehr Mädchen betroffen sind, sondern auch immer mehr Jungs – so wie ich. Jeder fünfte Anorektiker, damit ihr jetzt auch mal wisst, wie das eigentlich heißt, denn die Krankheit nennt man Anorexia Nervosa, ist jetzt schon ein Junge. Vor ein paar Jahren war es noch jeder Zehnte.

Wir stellen also einhellig fest: Da gibt es ein Problem. Alle wollen gerne dünn sein. Mmhh, juckt mich jetzt aber nicht. Ich kann euch auch genau sagen, warum es euch nicht juckt! Ihr seht zwar ab und zu irgendein Schockfoto oder meckert über Models, die man lieber nicht zu Hause auspacken möchte, aber wenn ihr euch umschaut, in eurer Wohnung oder in eurer Stadt, stellt ihr unbewusst fest, dass das ja gar kein so großes Problem sein kann, denn alle, die ihr seht, sind tendenziell dick. Oder auch fett.

Wir Deutschen sind nämlich ein dickes Volk, um genau zu sein, das dickste europäische Völklein überhaupt. Die Sachsen und Bayern führen da natürlich und die Berliner sind das Schlusslicht. Ist ja auch klar, als „ich mach was mit Design und Fotografie“ bleibt einem ja auch nichts anderes übrig, als dünn zu sein, denn von viel mehr als Gras kann man sich ja nicht ernähren.

Jetzt fragt ihr euch vielleicht, was das jetzt mit den Dünnen zu tun hat, schließlich habe ich euch ja gerade beruhigt, denn Deutschland ist ja nun doch nicht vom plötzlichen Hungertod bedroht. Auch das möchte ich euch erklären, denn darauf will ich hinaus. Das Problem sind nämlich nicht die paar Magersüchtigen, sondern was auch noch so alles ansteigt. Denn alle anderen Essstörungen nehmen auch zu, sie fallen nur nicht so auf, weil wir sie mit unseren Bäuchen gut verstecken. Wen interessiert da schon, ob das jetzt noch mein Bauch oder schon deiner ist.

Die häufigste Essstörung ist dann auch keine, die mit Dünnsein zu tun hat, sondern eine, die man hat, wenn man dünn sein will, aber daran scheitert. Binge-Eating. Das bedeutet zum Beispiel: Susi ließt gerne Zeitschriften, die Tipps zum Abnehmen geben. So etwas liegt sicherlich auch irgendwo bei euch herum. Und sie ist begeistert. Außerdem findet sie sowieso, dass sie ruhig noch zwei Kilo abnehmen könnte, dann wäre sie wieder bei einem BMI von 18 – und das ist ja wirklich okay. Denn untergewichtig ist man schließlich erst ab 17.

Sie macht also eine Diät, ganz nach dem Willen der Zeitung, und stellt ihr gesamtes Essverhalten um. Dummerweise hält sie das nicht durch und bekommt eine riesige Fressattacke. Sie stopft jetzt Unmengen in sich hinein und wird nach der vierten Völlerei in einem Monat auch langsam depressiv, denn sie merkt, wie sie langsam zu- statt abnimmt. Ihr gesamter Plan ist damit umsonst, alles im Eimer, nur bekommt sie das alles jetzt auch nicht mehr weg, denn da sind ja noch die Depressionen, die sie zwingen, sich zu beherrschen und die Diät weiter durchzuziehen.

Das allein betrifft ungefähr 2 bis 3 Prozent aller westlichen Menschen. Und das nur, weil wir einen Wahn haben, schlank zu sein. Das Kranke und Gefährliche ist also nicht gleich dünn zu sein, sondern es zerstört Menschen genauso unter dem Zwang zu stehen, dünn sein zu wollen, auch wenn sie es nicht sind. Wir haben aber noch gar nicht davon geredet, dass Susi jetzt eine tolle Idee hat, denn sie kotzt immer nach ihren Fressattacken – und endlich nimmt sie wieder ab! Nur kommt jetzt auch noch Rotes mit raus, obwohl sie doch gar keine rote Beete gegessen hat.

Ob Bulimie (Ess-Brech-Sucht), Binge-Eating, Anorexie oder Adipositas (Fettsucht). All das ist krank und zerstört Persönlichkeiten, Familien und die Gesellschaft. Und die wiederum bedankt sich, indem sie immer mehr Menschen Mut macht, es auch mal auszuprobieren. Das alles sind außerdem Süchte, wie es ihr Name netterweise verrät. Es geht also nicht nur um ein Problem mit dem Essen, sondern im Kopf passiert noch viel mehr, eben zum Beispiel Depressionen.

Und das ist es, was mir so zum Hals raushängt. Dass wir Europäer und die Amerikaner, zwei so wichtigtuerische Fleckchen Erde, die in die ganze Welt hinaus fahren, um zu erzählen, wie toll wir sind, obwohl wir im eigentlich Kern unglaublich krank sind. Denn es gibt nur noch dick und dünn. Das heißt wiederum: Zu dick oder zu dünn. Und schlussendlich gibt es noch diejenigen, die dick sind und dünn sein wollen und die, die kaum noch zu erkennen sind, aber doch so gern Brüste hätten.

Aber wir lassen uns davon nicht beirren, finden die Models in den Zeitungen weiter ganz „normal“, lästern über den Bauch einer Mutter, erzählen allen, wie wohl wir uns mit uns selbst fühlen, weil wir ja ach so individuell sind, aber dann steigen wir trotzdem auf die Waage und der Zeiger sticht uns direkt ins Herz. Ich bin essgestört. Und ihr dürft jetzt ruhig auf die halbnackte American-Apparel-Werbung am Rand klicken!

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