- Berlin Art Week – Kunst macht mich wütend!

Ich stehe vor der nächsten Wand. Sie ist groß und hell und weitgehend leer, nur zwei eingerahmte Bilder hängen an ihr. Konzentriert gucke ich sie mir an. Darauf zu sehen,…

Berlin Art Week – Kunst macht mich wütend!

Ich stehe vor der nächsten Wand. Sie ist groß und hell und weitgehend leer, nur zwei eingerahmte Bilder hängen an ihr. Konzentriert gucke ich sie mir an. Darauf zu sehen, sind ein paar kleine Strichmännchen, sie stehen nur so da, glotzen zurück, in der Ecke eine Sonne, am Boden etwas Gras, alles schwarz und weiß. Das daneben bietet auch nicht viel mehr abenteuerliche Erfahrungen. Die Galeriebesitzerin sitzt gelangweilt auf einem Holzstuhl und tippt auf ihrem iPad herum. Um mich herum schwirren Kenner, Gönner und Käufer herum. Und ich möchte einfach nur schreien. Kunst macht mich wütend!

Am Wochenende waren Julia und ich auf der Art Week in Berlin. Große und kleine Galerien in der ganzen Stadt bieten Einlass, mit nur einem relativ günstigen Ticket, in eine abartige Welt, die vielen sonst womöglich verborgen bleibt. Also fuhren wir zur art berlin contemporary, zu den Opernwerkstätten, in die Kunst-Werke, in den Hamburger Bahnhof. Dazwischen etwas Kaffee. Und meine Wut, ganz tief in mir drin, wurde immer stärker.

Ich sah alles. Felsbrocken auf dem Boden. Fettgebilde neben den Säulen. Fäuste an Stricken. Zeitungsausschnitte hinter Glas. Gehirne auf dem Tisch. Ausgedruckte Memes auf Pappe. Ich watete durch ein Meer aus Justin-Bieber-Postern und als ich aufblickte, holte ein Typ einem anderen in einem alten Farbfernseher einen runter. Am liebsten hätte ich mir den nächsten galant herumstolzierenden Kunstliebhaber geschnappt und ihn angebrüllt: „Was soll ich empfinden, was soll ich denken, was, verdammt noch mal, wollt ihr mir damit sagen?! Aaaaaaaaaaahhhhhhhhhh!!“

„Du musst für dich selbst herausfinden, was dir die Kunst vermitteln soll“, meint Julia, als wir zur nächsten Galerie irgendwo in Berlin-Mitte spazieren. „Keiner kann dir vorschreiben, wie du dich zu fühlen hast.“ In diesem Augenblick fühle ich mich dumm. Einfach nur dumm. Weil vor jedem Gemälde, vor jeder Installation, vor jeder Skulptur jemand mit jemandem anderen steht, und sie reden über das, was sie da sehen. Sie diskutieren, sie loben, sie kritisieren.

Was sich der Künstler bei dieser Farbwahl gedacht hat. Was bei diesem Material, was bei diesem Blickwinkel. Während hinter mir eine regelrechte Blutorgie mit toten Tieren, frischem Gemüse und in weiß gekleidete und von einem halbtoten dicken Österreicher diktierte junge Menschen stattfindet, stehe ich vor einem Bild mit Strichmännchen. Um die 2.000 Euro kostet es. Ob es mir das wert wäre, wenn ich es jetzt von der Wand reiße und damit so lange Galeristen, Kreative und Sammler verprügle, bis mir einer eine Antwort auf meine Frage geben kann. „Was?“

Ich liebe die Kunstwelt. Ich liebe diese gut angezogenen Menschen, die besser gekleidet sind als jeder Fashion-Week-Besucher. Ich liebe die großen, hellen Gebäude, die irgendwann einmal Bahnhöfe, Werkstätten oder Fabriken waren und die heute als Parallelwelt zu einer von Krieg, Hass und Armut zerrütteten Welt dienen. Ich liebe die großformatigen Zeitschriften und die alten Bücher und den atmenden Rotwein und das intellektuelle Gerede und die absurden Preise und die mit Jutebeuteln bewaffneten Mädchen, die sonntags allein durch Galerien streifen und geradezu vor ungestümer Introversion und einer daraus resultierenden Studenten-Kreuzberg-Altbau-Wohnungsgemeinschaft-Gregor-Schwellenbach-Geklimper-Roman-Biowein-Gespräche-bei-Nacht-Sexualität strotzen. Nur das, worum sich das eigentlich alles dreht, und zwar die Kunst an sich, die verschließt sich mir.

Dann fühle ich mich wie ein BILD-lesender RTL-Gucker, der sonntags irgendwas mit Ausländerhass wählt und Kinderschändern bevorzugt die Eier wegreißen würde, aber nachts, wenn seine runzlige Frau schläft, zu Fotos seiner minderjährigen Nichte onaniert. Wer die Kunst nicht schätzt, der verwandelt sich in einen Fast-Food-fressenden, Salat wegwerfenden Stammtischproleten mit Windows-PC zu Hause. Das ist doch alles Arzi-Farzi. Lieber Fußball gucken als ins Museum, lieber Fett als Karotten, lieber Bier als Wein, lieber Fotzen als Musen. Für Kunst zu dämlich, fürs Schöne zu konventionell.

Doch es gibt Lichtblicke. An Wasserfarbengemälden husche ich vorbei, Wachsfiguren lasse ich links liegen, Räume ohne Sinn und Verstand durchwandere ich, aber sie geben mir nichts, das ist in Ordnung. Dafür mag ich plakative Fotografien. Das wusste ich aber schon vorher. Ich liebe es, Menschen dabei zu beobachten wie sie Kunst beobachten. Ich nehme die Schwingungen einer Welt auf, die so absurd und schön gleichzeitig ist, die leidet und hofft, deren Schnitte zwischen Armut und Reichtum hart sind. Ich mag es, mich über dämliche Kunst aufzuregen, ob der mich verarschen will, gebe ich dann gern von mir, 2000 Euro für den Scheiß, frage ich mich selbst, dass ich das schon im Kindergarten besser konnte, protze ich.

Dass es darum gar nicht geht, das ist mir bewusst, das weiß ich selbst, aber es ist mir egal. Ich lache mit und über Kunst und den ganzen Schund, der sich als solche verkauft und es deswegen auch gleichzeitig ist. Ich rede mir selbst ein, dass mir Strichmännchen, Österreicher und Justin Bieber nichts geben, aber allein die Tatsache, dass ich immer noch an das zurückdenke, was ich an diesem Wochenende gesehen habe, straft mich Lügen.

Kunst macht mich wütend. Diese Wirkung kann nicht jeder von sich behaupten. Und selbst wenn mich 99 von 100 Dingen wütend machen, die ich erblicke, sie fluten dennoch meine Gedanken, sie geben mir Energie, sie wecken Erinnerungen und Freude und… ganz viel Hass. Und die wenigen Perlen, die sich an mich schmiegen, die verfolge ich, die stalke ich, über die möchte ich alles wissen. Warum, frage ich mich dann. Wie, frage ich mich. Wo, frage ich mich. Und ganz besonders frage ich mich: Was, um Gottes Willen, willst du mir eigentlich damit sagen?

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11 Kommentare

  • fremder scham

    FREMDSCHAM! dann geh doch einfach nicht hin, kein ding.

  • “Dann fühle ich mich wie ein BILD-lesender RTL-Gucker” – kommt auch ungefähr hin.

    Kunst kann auch einfach nur Emotionen in dir auslösen. Kennst du das Gefühl, welches dich manchmal einholt, wenn du dich an verstorbene Großeltern etc erinnerst? Das kann man nicht beschrieben. Es ist ein Gefühl, oder ein Geruch. Oder die naive Sicht auf eine Stadt als Kind. Eine fremde Stadt fühlt sich ganz anders an, als eine in der man schon lange lebt. Und nicht nur weil man alles kennt… dieses unerfahrene “Gefühl” ist schwer zu beschrieben… und Kunst löst ab und zu solche Dinge aus. Wenn du genau das empfinden würdest, was der künstler ausdrücken will, wäre das schon ein glücksgriff… manchmal muss man nicht DIE Message verstehen sondern in dieses Gefühl eintauchen.

  • Armin

    Robert: “Kunst kann auch einfach nur Emotionen in dir auslösen. ”
    ja… sagt er doch: ” Ich rede mir selbst ein, dass mir Strichmännchen, Österreicher und Justin Bieber nichts geben, aber allein die Tatsache, dass ich immer noch an das zurückdenke, was ich an diesem Wochenende gesehen habe, straft mich Lügen. Kunst macht mich wütend. Diese Wirkung kann nicht jeder von sich behaupten.”

    (Pseudo) Künstler weisen einen oft darauf hin, dass man beim Betrachten der Kunst seine ganz subjektiven Gefühle empfinden soll. Dass es aber durchaus Leute gibt die dabei gar nichts empfinden oder das Ganze einfach nur blödsinnig finden ist ausgeschlossen, dann ist diese Person einfach zu doof.

    • Eva D.

      Ich würde nicht sagen, dass die Person doof ist. Sie sollte nur nicht aus Hipstergründen über Kunst schreiben. Die Kunst sollte sich endlich mal gegen euch zur Wehr setzen!

  • Armin, guter Einwand! Genau das ist ja schon ein Erfolg. Er denkt immer noch darüber nach. So erging es mir auch. Allerdings sollten die Sachen einem zu weiteren Gedanken inspirieren als nur “das war alles doof”. Wenn es die Sicht auf die Welt verändert in irgendeiner Form, war es ja schon ein kleiner Erfolg.

  • Frank Stronach

    Seiten wie dieser Müllhaufen machen mich wütend! Erstmal werde ich von einem verfickten Facebookoverlay bedrängt und dann muss ich dieses geistige Ejakulat lesen. Wobei es eigentlich nur beim Versuch geblieben ist, bei der Hälfte musste ich schon kotzen gehen!

    Dann geh doch nicht hin! Wie kann der Betreiber einer Seite, welche zu 99% mit wertlosem Hippstermüll gefüllt ist sich überhaupt anmaßen über Kunst zu reden? Ja! Vermutlich war das alles beschissen dort. Ja! Du wusstest vorher bescheid und Ja! Dein dummes Gesülze lässt dich auf ein deutlich niedrigeres Niveau sinken als sämtliche Bild/RTL Konsumenten.

    Neue Elite? Wohl eher Leidmedium!

  • Fritta

    Tolles Thema!
    Dem Autor würde ich mehr zutrauen, als die Wut über das eigene Nichtverstehen. Keine tiefer gehenden Gedanken, keine Analyse.Nicht mal ein normativer Angriff auf die bigotte Art und oberflächliche Weise, des postmoderenen Bildungsbürgers (bzw. dessen Kinder), die Kunst fürs Eigenmarketing zu missbrauchen.

  • Hein Fartmann

    Über den Autor: “Momentan arbeitet er im Berliner Bezirk Neukölln und widmet sich dort […] gestrandeten Künstlern …”
    so so … “hiphip” hurra!

  • Flüchtlingsdrama. Ein Besuch einer Ausstellung des 5. Fotofestivals MA-LU-HD. | TakeYourApple

    […] Man darf ja eh nichts berühren. (Ähnlich, aber sehr viel radikaler sieht es Marcel Winatschek in seinem Beitrag bei NEUE ELITE. Aber bevor ihr alles glaubt was da steht: Lest erst einmal hier […]

  • Anna

    Danke Frank. Jeder der sich näher mit der Kunst beschäftigt und es sich nicht einfach nur aus unerfindlichen Gründen auf die Fahne schreibt weiß das alles was sich unter dem Namen Art Fair versteckt so gut wie nie etwas anderes als ein Kunst Supermarkt ist der niemand anderem dient als Galeristen, Kunstsammlern und Leuten die sich Wichtig tun. Willst du gute Kunst sehen dann geh nicht auf eine Kunst Messe, willkommen zum 1×1 der Kunst. Der Kunstmarkt hat mehr mit business zu tun als mit Kunst und vielleicht sind diese Strichmännchen und andere Absurditäten einfach nur die Art und Weise des Künstlers zu sagen “Fickt euer Geld wenn ihr meint mich so hypen zu müssen und euch Kunstliebhaber auf den Wimpel sticken wollt dann bezahlt ihr eben 2000Euro”. Alle Künstler die dort ausgestellt werden haben es schon geschafft irgendwie auf sich aufmerksam zu machen und haben nun Galeristen die entscheiden welche Werke sie dort ausstellen. Wenn du dich also über was beschweren möchtest dann bitte darüber wie der Kunstmarkt agiert und wie es sein kann das utopische Summen für Bilder ausgegeben werden es aber keinen interessiert junge Künstler zu unterstützen, weil das kein gutes “Geschäft” wäre.
    Es ist nun einmal schlicht und einfach so dass nicht jede Kunst jeden Menschen anspricht und genau wie in der Musik gibt es mehr Scheiß als man sehen/hören möchte, aber die Kunst an Hand eines Events zu verallgemeinern das eh nur dem Kommerz und nicht der Kunst und dem Ideenreichtum gewidmet ist halte ich für unprofessionell und peinlich. Schlaf das nächste mal ne Nacht drüber bevor du deinem Ärger so öffentlich kund tust.

Superdry