- Kioskkritik – Geister, Geld, Geschichten

Ab und zu nehmen wir uns die Zeit und blättern in kleinen und großen Geschichten, schnuppern am Papier, wissen Print zu schätzen, und hoffen, dass zumindest die herausragenden Exemplare dieser…

Kioskkritik – Geister, Geld, Geschichten

Ab und zu nehmen wir uns die Zeit und blättern in kleinen und großen Geschichten, schnuppern am Papier, wissen Print zu schätzen, und hoffen, dass zumindest die herausragenden Exemplare dieser scheinbar alten Welt überleben werden. Deswegen picken wir uns jede Woche einige besondere Schmuckstücke heraus, studieren sie ganz tief und lassen unsere Gedanken noch einmal Revue passieren.

NEON

NEON – Oktober 2013

Worum geht’s? Die NEON aus München ist die BRAVO der Bummelstudenten. Es geht immer noch um Stars, ums Aussehen und ums Ficken, aber jetzt lauten die Überschriften nicht mehr “Tokio Hotel – So sind sie wirklich!”, “Das beste Make-Up für die Schule” oder “Kann ich durch Petting schwanger werden?”, sondern “Helene Hegemann – Vier Jahre bekifft Nietsche lesen”, “Marie isst so viel wie Helmut Kohl. Sie sieht nur nicht danach aus” und “In Plüschkartoffeln – Nüchtern und nachmittags mit einem Fremden schlafen” Alle zwei Jahre wiederholen sich die Themen Liebe, Freundschaft und Geld.

Bester Artikel? Dass die NEON gerne Themen aus VICE klaut, ist allgemein bekannt. Die Fotoserie über Selbstbefriedigung überrascht deswegen niemanden. Es gibt Brüste und ein paar Schamhaare zu sehen, dazu Bildunterschriften wie “Alixe masturbiert in ihrer Wohnung in Berlin-Friedrichshain, Stefan erzählt seiner Freundin, wenn er onaniert hat” und “Emily steht in Gedanken auf Shades-of-Grey-Sex”. Dass Menschen ihre Geschlechtsteile drücken, um zum Orgasmus zu kommen, und ab und zu Hilfsmittel nutzen, darf auch nicht gerade als neue wissenschaftliche Entdeckung gezählt werden. Aber Texte übers Wichsen sind immer noch besser als das Titelthema “Jetzt sind wir dran” mit Leuten, die niemand kennt.

Schlechtester Artikel? “Ohne mich!” lautet die Meinung von Alard von Kittlitz, der demokratische Wahlen als Zeitverschwendung ansieht und glaubt, dass seine zwei Kreuzchen eh keine Auswirkung haben. Ob das Unsinn ist oder nicht, sei einmal dahin gestellt, aber alle paar Jahre denkt ein ganzer Haufen angehender Journalisten, dass er uns seine Meinung übers Wählen um die Ohren hauen muss. Wen soll man wählen, wie soll man wählen, warum soll man wählen, soll man überhaupt wählen? Ein gefundenes Fressen also für Leute, die einen Redaktionsschluss vor sich haben und sich auf ein Thema stürzen, das von allen Seiten immer wieder besprungen werden kann.

VICE

VICE – Volume 9 Number 9

Worum geht’s? VICE ist nicht mehr nur ein Magazin für Drogenopfer und Nacktwütige, die Marke von Suroosh Alvi, Shane Smith, und Gavin McInnes ist heute eine globales Netzwerk aus Agenturen und Verlagen, in alle Herren Länder pumpen sie ihre alternativen Artikel über Krieg, Sex und Jugend. Leider war die Zeitschrift, von der alles aus ging, früher noch krasser und unkonventioneller, heute merkt man ihr regelrecht an, dass sie sich dem Druck von Investoren und Werbepartnern beugen muss.

Bester Artikel? In einem Dorf in Bolivien finden regelmäßig Geistervergewaltigungen junger Frauen statt. Was bedeutet: Notgeile Männer stürmen nachts in Häuser, setzen ihre Opfer, Frauen und Kinder, mit Sprays, die normalerweise zur Betäubung von Kühen eingesetzt werden, außer Gefecht – und vergehen sich an ihren Körpern. Die hautnahe Dokumentation ist ein typischer Text für VICE, der die schnell zusammengeschmissenen Artikel über vermeintlich aktuelle Themen auf deren Webseite um Lichtjahre übertrifft.

Schlechtester Artikel? Das Problem mit den Artikel der VICE ist, dass sich alle Überschriften ziemlich interessant anhören. “Kambodschas vorpubertäre Spinnenjäger”, “Schwedens Scheiß-Klärschlamm-Debatte”, “Ein neunjähriger rumänischer Muskelprotz und sein stocksaurer Vater”. Aber trotzdem bin ich zu faul, sie zu lesen. Leider weiß ich nicht, ob das nur mir so geht, oder ob das ein generelles Problem ist, weil die Themen einfach so stark an unseren tagtäglichen Leben vorbei gehen, dass wir nach dem Konsum dieser Texte auch nicht viel klüger sind.

Kinfolk

Kinfolk – Volume Eight

Worum geht’s? Kinfolk ist teuer. Um die 25 Euro muss man in ausgewählten Buchläden der Metropolen auf den Tisch blättern, wenn man die Bibel der schönen Dinge mit nach Hause oder ins nächste Café nehmen will. Doch es lohnt sich. Besonders bei Volume Eight, die nicht die aktuellste Ausgabe ist, aber subjektiv gesehen die beste: Denn es geht um Japan. Und darum, wie toll das Land der aufgehenden Sonne doch ist. Abseits von Klischees und Touristenschauplätzen.

Bester Artikel? Die rund 140 Seiten strotzen nur so von inspirierenden Ideen, Fotos und Texten. Klar, wer davor die VICE gelesen hat, der wird sich fragen, wo das Blut, wo das Koks, wo der Sex geblieben ist, aber Kinfolk ist Elite, Kinfolk ist Niveau, Kinfolk ist Grazie. Es geht um Kirschblütenmacarons mit schwarzem Sesam, um japanische Sprichwörter für ein besseres Leben, um die Wasabiernte. Eine Reise durch ein alternatives Japan, ohne Kawaii, ohne Ganguro, ohne Harajuku.

Schlechtester Artikel? Kinfolk lässt sich nicht in einzelne Artikel sezieren. Die Geschichten sind wie das Leben, das wir uns alle wünschen. Ruhig, besonders, mit schnelleren Herzschlägen bei Erfahrungen, die uns besonders viel geben. Am liebsten würde ich mir Kinfolk einverleiben, jede Faser dieses Heftes absorbieren und dadurch ein besserer Mensch werden. Es ist ein helles Wunder in einer Welt voller gehetzter Monster, die uns laut und bunt brüllend ihre mutierten Zirkustiere gegen Geld zuwerfen. Kinfolk ist ein wahrer Segen.

Etsy

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Topman

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5 Kommentare

  • neue elite

    das ist alles immer noch besser als neue elite

  • Evy Heart

    Die Neon hat qualitativ in den letzten Jahren extrem nachgelassen. Früher war es mal spannend, mittlerweile geht es häufig um Selbstdarstellung. Daran ändert auch das neue Layout nichts, mit dem ich nicht klarkomme. Schade – früher war die Neon mal cool, mittlerweile… es fehlt an Humor. Der Redaktion ist die Selbstironie abhanden gekommen :-(

  • Pruß

    Könnt ihr mal wieder euren Namen und das Logo zurück ändern? Dast sieht und hört sich ja Furchtbar an. Ich dachte anfangs ich spinne, dass ich so ne dumme Tussi Hipster Seite geliked hätt, die täglich Instagrambilder von Hemden und Unterteilen postet, als ich in meiner FB Wall euer Logo sah… Ihr wart mal echt cool.

  • Kinfolk kannte ich bis jetzt nicht… aber allein das Cover sieht sehr vielversprechend aus!

    Minimalistisch bedeutet für mich Elite, Niveau und… äh, Grazie!!
    Das sollten die von Neon auch mal checken,
    mit ihren vollgepackten Titelseiten, die sowieso nix aussagen!

    SX!

ONLY