- Circus HalliGalli – Peer Steinbrück, der Spaßvogel

Ich lache. Nicht über, sondern mit einem Politiker. Was ist los mit mir? Peer Steinbrück ist eloquent, witzig, charmant, ein bisschen Arschloch, in der gestrigen Ausgabe von “Circus HalliGalli” auf…

Circus HalliGalli – Peer Steinbrück, der Spaßvogel

Ich lache. Nicht über, sondern mit einem Politiker. Was ist los mit mir? Peer Steinbrück ist eloquent, witzig, charmant, ein bisschen Arschloch, in der gestrigen Ausgabe von “Circus HalliGalli” auf ProSieben, der Nachfolgesendung von “neoParadise” aus Berlin. Dieser Abend hält gleich zwei Überraschungen für mich bereit: Dass ich mit Peer Steinbrück sympathisiere. Und dass ich Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf und Palina Rojinski wieder für mich entdecke. Und die Oma, die kein Blatt vor den Mund nimmt,´und deren Namen ich immer vergesse.

Deutschland diskutiert über einen Stinkefinger, während es vergisst, dass Politiker auch nur Menschen sind. Oder, am besten eben Menschen. Denn umso skandalfreier, emotionsloser und roboterhafter sich das Volk ihre Vertreter wünscht umso mehr beschwert es sich, dann am Ende, wenn alles schief gelaufen ist. Die Presse freut’s, die Stammtische auch, dem Land selbst, dem ist damit aber nicht geholfen.

Es zwingt die Obersten in ein Korsett des Funktionierens, des Es-allen-recht-machens, des quasi Unmöglichen. Kein Wunder, dass Kanzler und Vertreter oft zu Boden stürzen, weil sie sich in einem Netz aus Lügen, aus falschen Versprechungen, aus Skandalen verheddert haben. Mensch sein, das heißt eben auch: Gefühle zeigen. Und sie nicht zurück halten, bis man explodiert.

Ja, mir sind Politiker lieber, die mehr Mensch sind. Sie dürfen keine Bauernfänger sein, sie dürfen nicht hinterhältig sein, sie dürfen mich nicht an der Nase herum führen. Politiker müssen leiten. Mit klaren Meinungen. Mit Rückgrat. Ich habe nichts von jemandem, der irgendwie alles gleich gut und schlecht findet – und diese Ansicht am besten nach ein paar Wochen umdreht. Stillstand ist der Tod. Sagt man.

In einem nachgestellten TV-Duell nehmen die beiden Moderatoren Peer Steinbrück in die Mangel. Sie fragen ihn Unmögliches. Ob er Hashtags legalisieren möchte. Wer den besseren Swag hat: Barack Obama oder Wladimir Putin. Ob er sich die PlayStation 4 vorbestellt hat. Peer Steinbrück überspringt die Hürden mit einer sympathischen Leichtigkeit. Selbst Joko und Klaas scheinen beeindruckt von so viel Zungenfertigkeit zu sein. Wenn sie mit einem Auflaufen des Kanzlerkandidaten gerechnet hatten, wurden sie enttäuscht, Peer Steinbrück ist witzig, aber gefährlich, er zeigt sich offen, oft an Stellen, die andere lieber mit “Kein Kommentar” abwinken würden. Alles Kalkül?

Die Sendung an sich ist eine Abfolge von gelungenen Einlagen und interessanten Ideen. Der vermeintliche Aufstieg von der Nische in den Mainstream hat “Circus HalliGalli” nicht geschadet, fast merkt man nicht, welches Logo da oben rechts prangt. ProSieben, das ist eher die 2000. Sendung “TV Total” und durch Zielgruppenanalysen zurecht gezimmerte Spielshow als ein Theater, in der Olli Schulz Liegestützen inklusive sichtbarer Arschritze macht, nachdem er bei der großbrüstigen Palina abgeblitzt ist. Im Big-Brother-Haus. Kurz bevor Violetta Gräfin Tarnowska Bronner die Sicht auf eben diese Brüste verwehrt.

Peer Steinbrück wirkt zwischen all den kleinen Showeinlagen sichtlich entspannter als noch im TV-Duell. Da ein viel zu lautes Interview mit den Ärzten, dort eine Wählerbefragung um 5 Uhr morgens auf der Warschauer Brücke. Mit jungen Leuten, die Ärger mit ihren Müttern bekommen dürften. Im Hauptprogramm ein älterer Herr, der Macht beansprucht, aber der gleichzeitig auch den Eindruck vermittelt, dass er etwas ändern will. In diesem Land. Was schon viel zu viele vor ihm versucht haben. Und im Scheitern aufgegangen sind. Wird es mit ihm anders? Bekommt er dafür überhaupt die Chance?

Allein, dass ich lautstark über ihn, über seine Antworten, über die erstaunten Moderatoren, über die Kulisse, gelacht habe, obwohl ich es gar nicht wollte, gibt mir Hoffnung. Womöglich hat Peer Steinbrück eine Chance verdient. Und “Circus HalliGalli” auch. Vielleicht ist dieser Herbst der Herbst der neuen Möglichkeiten. Wir sollten sie nutzen. Und, liebe Oma, liebe Violetta, wenn du dich noch einmal vor die Kamera stellst, wenn Palina unter der Dusche steht, dann beweise ich, dass auch in mir ein kleiner Peer Steinbrück steckt, der Gefühle zeigen kann. Auch wenn diese eher einer Explosion ähneln dürften.

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2 Kommentare

  • Sophie

    Jetzt muss ich mal meinen Senf dazu geben, weil ich das ganz und gar nicht so sehe. Das komplette Gespräch wirkte, als ob es nach einem Drehbuch auswendig gelernt und dann nur noch “aufgeführt” wurde. Die Lacher saßen perfekt bei jeder kleinen Gelegenheit… erinnerte ein bisschen an die Lacher bei “Eine schrecklich nette Familie” – fast zu schnell im Einsatz und zu ausgelassen (was bei HalliGalli neuerdings öfters der Fall ist). Und Steinbrück war alles andere als authentisch: Er hat sich eine Zielgruppe definiert, die er an diesem Abend ansprechen und für die er an diesem Abend als Sympath auftreten möchte: Biertrinkend trotz Versprechen und als zweifacher und nun erfolgreicher, frecher Sitzenbleiber. Einfach unglaubwürdig. Ein paar Mal musste ich natürlich auch schmunzeln – dank guter Autoren.

    • Thomas

      Sehe es genauso wie Sophie. Aber wer erwartet denn von einem Autor, der sich in Neukölln mit “gestrandeten Künstlern” beschäftigt, dass er noch imstande ist Authentizität von Show zu unterscheiden? ;-) Cheers.