Wen soll ich wählen? - Wen soll ich wählen? – Die junge Politikverdrossenheit

Er sieht angestrengt aus, Peer Steinbrück, 66 Jahre alt und ehemaliger Ministerpräsident. Vor der hellblauen Kulisse möchte er gegen die Frau aus „Teflon“, Angela Merkel, punkten. In seinem schwarzen Anzug…
Wen soll ich wählen?

Wen soll ich wählen? – Die junge Politikverdrossenheit

Er sieht angestrengt aus, Peer Steinbrück, 66 Jahre alt und ehemaliger Ministerpräsident. Vor der hellblauen Kulisse möchte er gegen die Frau aus „Teflon“, Angela Merkel, punkten. In seinem schwarzen Anzug und der gestreiften Krawatte. Schweiß perlt auf seiner Stirn. Ob er lächeln soll oder nicht, das scheint ihm schwer zu fallen. Vielleicht ernst gucken – aber wäre das nicht wieder unsympathisch, würde unentschlossene, potentielle Wähler, und damit Stimmen, vergraulen? Er schießt, seine Worte prallen an der Kanzlerin ab, jetzt greift ihn auch noch Stefan Raab unverhofft von der Seite an, irgendwas mit Oliver Khan, Haltung und König von Schottland. Dann sind die 90 Minuten TV-Duell plötzlich vorbei. Und, sind wir jetzt schlauer? Womöglich ein bisschen?

Während sich Anhänger, Spender und Menschen, die einfach nur gerne auf Twitter in nicht vorhandener Rechtschreibung, über Dinge philosophieren, die gerade das aktuelle Geschehen prägen, und von denen sie eigentlich gar keine Ahnung haben, liege ich auf dem frisch bezogenen Bett meines neuen WG-Zimmers in einer Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg, trinke Orangensaft aus der Flasche und versuche konzentriert hinzuhören, wirklich, um mir eine Meinung zu bilden und womöglich eine Lösung für ein Dilemma zu finden, das innerhalb der nächsten drei Wochen schlicht nicht mehr vorhanden sein sollte: Ich weiß nicht, wen ich wählen soll. Oder was. Oder ob ich überhaupt wählen gehe.

Politik, das könnte so einfach sein. Wir entscheiden uns für Menschen, die unsere Meinungen vertreten, und schicken sie ganz nach oben, damit sie dort in unserem Interesse agieren. In den Bundestag. Oder ins Europäische Parlament. Oder vielleicht auch nur ins Dorfrathaus um die Ecke, damit sie den Funkmast verbieten, der mir und meinen Nutztieren Kopfschmerzen bereiten. Weil ich mir das einrede oder letztens in einer vermeintlichen Fachzeitschrift gelesen habe. Aber so einfach ist das nicht.

Aus Erfahrung, und ohne ins Milieu der Stammtischreden abdriften zu wollen, weiß ich, dass Politiker vor der Wahl vieles versprechen, was sie nicht halten können. Oft können sie gar nicht anders. Durch Koalitionen, Kompromisse oder eine sich verändernde Wirtschaftslage bleibt vieles von den guten Vorsätzen auf der Strecke. Und darauf angesprochen, in einigen Jahren, sind viele Faktoren schuld, nur nicht sie selbst, aber das ist irrelevant, denn dann stehen schon wieder die nächsten im Alter fortgeschrittenen Anzugträger auf den Bühnen und vor den Mikrofonen – und dann geht alles wieder von vorne los.

Wer kann da eine zunehmende Politikverdrossenheit, die vor allem unter jungen Menschen wütet, verübeln? Vieles ändert sich eh nicht. Da mal ein paar Steuern runter, da mal ein paar rauf. Mehr Ausgaben hier, mehr Einnahmen dort. Ein treuer Blick nach Amerika, ein verängstigter nach Europa. Und Programme, die wirklich etwas verändern wollten, verwandelten sich zunehmend in Katastrophen, die schnell wieder beseitigt oder weiterhin permanent von der Bevölkerung abgelehnt werden. Studiengebühren. Hartz IV. Rauchverbot.

Und dann sitze ich da und überlege mir: Für wen soll ich mich entscheiden? Die beiden großen Parteien scheinen mir wie zwei gestrandete Wale. Nicht zu übersehen, aber größtenteils bewegungsunfähig. Die Grünen sind zu grün, die FDP zu gelb, die Linke zu… DDR? Eigentlich würde ich ja die Piraten wählen, aber was als rebellische Technikpartei begann, scheint mir heute nichts weiter als ein Korb voller ewiger Streithammel, die keine Geschichte, keine Erfahrung und keine klare Linie besitzen und von einem brisanten Unterthema zum nächsten hüpfen, ohne eine Gelegenheit auszulassen, sich dabei in aller Öffentlichkeit zu blamieren.

“Kriminelle Ausländer raus!”, ruft mir die NPD zu. Angewidert laufe ich in die nächstgelegene U-Bahnstation, der Herbst kommt, ich ziehe mir die Jacke zu. Und während ich so zwischen türkischen Familien, spanischen Touristen und deutschen Bauarbeitern gen Weinmeisterstraße tingele, ertappe ich mich dabei, wie ich über den Satz nachdenke und ihn gar nicht so falsch finde.

Wenn ich in Japan einen Jugendlichen im Bahnhof krankenhausreif prügle, am besten noch mit ein paar deutschen Freunden, dann würde ich auch damit rechnen, dass ich aus dem Land verwiesen werden würde. Und sie auch. Für immer. Ich schüttle die Logik aus mir heraus. Möchte ich wirklich mit Altgestrigen sympathisieren, nur weil ich einen Einfall nachvollziehen kann? Schnell wieder an Anne Frank denken. Und an die Bücherverbrennung. Und an Kinder, die in einem aussichtslosen Krieg verheizt wurden. Puh, gerade noch einmal gut gegangen.

Tatsächlich bin ich manchmal etwas neidisch auf all meine Freunde und Kollegen, die sich ganz klar mit einer Partei identifizieren können. Haben die einfach länger darüber nachgedacht? Oder nicht lange genug? Befinden sie sich womöglich in einer anderen Lebensposition als ich, in der abweichende Werte zählen? Spitzensteuersatz, Kitaplätze, Mindestlohn? Würde ein Grundeinkommen nicht einfach nur die 0-Grenze nach oben drücken? Und müssen sich Frauen wirklich durch eine Quote in Konzerne zwängen? Haben die das überhaupt nötig?

Womöglich sollte ich bei meiner Wahl ganz auf meine persönlichen Bedürfnisse eingehen anstatt an andere zu denken. Ich bin 29 Jahre alt, männlich, deutscher Staatsbürger, selbstständig. Mir geht es finanziell weder schlecht noch besonders gut, ich bin im Internet zu Hause und habe weder Kinder noch Pflegefälle in meiner Familie. Noch nicht. Soll ich an die Zukunft denken? Oder an das hier und jetzt? Womöglich beides? Gibt es eine Partei, die sich nur für 29-jährige deutsche, selbstständige Männer einsetzt?

Ich fühle mich überfordert durch all die leeren Versprechungen, die mir durch Zeitungen, Fernsehen und Internet um die Ohren gehauen werden. Eigentlich will ich doch nur den Weltfrieden. Und dass alle Menschen etwas zu essen haben. Und ein Zuhause. Und dass die NSA aufhört, meine Mails zu lesen. Oh, das ist ein Punkt. Vielleicht doch die Piraten? Aber möchte das die SPD nicht auch? Und die Grünen? Darf ich das überhaupt fordern, wenn es doch so viele wichtigere Probleme da draußen gibt? Stichwort Syrien? Kann ich nicht Obama abwählen?

Ich sitze in einem Café in Berlin-Mitte und gucke den gut angezogenen Brillenträgern dabei zu, wie sie angestrengt in die Tasten ihrer MacBooks hauen. Neben mir stehen eine Tasse heißer Kaffee und ein Glas Wasser, ich bestellte noch ein warmes Croissant mit Schinken und Käse. Das kommt gleich. Es ist Donnerstag Nachmittag. Wer am Donnerstag Nachmittag in einem Café in Berlin-Mitte sitzen, Kaffee und Wasser trinken und ein warmes Croissant mit Schinken und Käse essen kann, und dessen einziges Problem ein teilweise langsames W-Lan ist, dem kann es nicht so schlecht gehen. Darf ich meine Stimme verschenken? Oder noch besser: Verkaufen?

Vielleicht sollte ich ja einfach nach dem Geld gehen. So machen das doch die meisten. Welche Partei spült am meisten Bares auf mein Bankkonto? Mir ganz persönlich. Auf kurze und auf lange Sicht. An Frauen, Kinder, Alte, Arme, Schüler, Studenten denken? Nein. Ich sollte an mich denken. An Marcel. An den Marcel, der am Donnerstag Nachmittag in einem Café in Berlin-Mitte sitzt, Kaffee, Wasser und Gebäck verschlingt und sonst auch keine Probleme hat. „Gib Geld!“, fordere ich! Aber irgendwie fühlt sich das auch nicht richtig an. Nicht an Frauen, Kinder, Alte, Arme, Schüler und Studenten zu denken.

Um wählen zu gehen, muss man also entweder ziemlich egoistisch sein. Oder gutmütig. Oder naiv. Denn selbst wenn ich mich für die perfekte Marcel-Partei entscheide, wer weiß, ob sich auch nur irgendeine meiner persönlichen Forderungen erfüllen wird? Oder sich das politische Klima gar in einen Sturm verwandeln wird, der sich genau über meinem Kopf entlädt? Hätte ich vielleicht doch in die Politik gehen sollen, damit ich mir alles so zurecht legen kann, wie ich es gerne hätte? Aber dann wäre ich auch nicht mehr der Marcel im Café.

„Sie haben es in der Hand, Sie allein entscheiden über die Zukunft!“, erzählt mir der Kanzlerkandidat und reißt mich aus meinen Gedanken, als das TV-Duell zu Ende ist. Ich möchte ihm glauben. Wie ich einem Waschmittel glauben möchte, dass es meine T-Shirts weißer als weiß wäscht. Obwohl das ja auch schon wieder ein bisschen diskriminierend ist. Und so schwer es Peer Steinbrück in diesen Augenblicken auch hat, eine Sorge muss er zumindest nicht mit sich herum tragen. Und zwar die Frage, wen er wählen wird.

Foto: Felix O
Strellson

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Jack & Jones

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17 Kommentare

  • Ines

    Super Artikel! Finde es toll, in welche Richtung sich euer Magazin entwickelt!

  • Anna

    Ein sehr feiner Artikel und aus dem Herzen gesprochen!!

  • Fabian

    Schicker Artikel!
    und super Entwicklung, die das Magazin macht…

  • Der Artikel ist sehr gut geschrieben… Allerdings greift der Titel in die falsche Richtung. Ganz offensichtlich gibt es KEINE Politikverdrossenheit. Das zeigen allein weit über 170000 Tweets zum TV “Duell”… Was es gibt, ist eine PolitikERverdrossenheit…

  • Geti

    Ich glaube dieser Artikel beantwortet den Ursprung der Politikverdrossenheit sehr gut… Netzwerker sind nicht unbedingt Politiker. Stereotype zu bilden während meine welche vermeiden möchte ist übrigens auch nicht die feine Art.

    Wer sich mehr mit Orangensaft und W-Lan beschäftigt als mit Politik, wird halt auch mehr Ahnung davon haben.

    Die Interessen der Bürger hat die deutsche Politik immer nur am Rande interessiert. Egal welche Partei.

  • Benedikt

    Danke! Das ist NEUE ELITE wie sie sich am besten entwickeln kann.

  • Konrad

    Der inhaltliche Wechsel von Amy&Pink zu NEUE ELITE ist euch wirklich gelungen. Die Beiträge sind sehr lesenswert. Weiter so! Ihr seit auf einem guten Weg!

  • Lora

    Super Artikel! Habe genau das gleiche Problem, leider.

  • Peter

    Super Artikel! Habe genau das gleiche Problem, leider.

  • Joninho

    Guter Artikel? Seh ich nicht. Fällt unter die Kategorie Tagebucheintrag. Folglich der Öffentlichkeit nicht zuträglich und eines politischen Artikels nicht würdig. Was unterm Strich an handfestem, informierenden oder anstößigem hängenbleibt ist die Selbstüberzeugung: Hier ist sich jemand nicht zu Schade seine Schulterzuckende Gleichgültigkeit TROTZ offener Augen zur Schau zu stellen und sich dann auch noch angesichts der Kommentare “guter Artikel!” und “Weiter so” unter der Flagge der “Neuen Elite” zu Sonnen und seinesgleichen eine Bestätigung zu liefern.
    Das ist wirklich der einzige Erkenntnisgewinn den dieser Artikel bringt: Marcel wird auch nach dem 22.September noch in einem Cafe in Berlin-Mitte sitzen und seine “Eindrücke” mit uns teilen.
    Ich und jeder der sonst noch Zeit seines Lebens damit verschwendet hat sollte sich entweder im Nachhinein schämen und sich gefälligst schleunigst informieren und positionieren oder das eigene Desinteresse akzeptieren und in Zukunft politische Artikel generell ignorieren. Denn selbst die stumme Stimme der Nicht-Interessierten hat mehr Aussagekraft und Macht als dieser Artikel.

    • Max

      Sehe ich genau so. Der Autor dieses Artikels sitzt einsam in seinem Elfenbeinturm und denk ziemlich an der Realität vorbei. Der Artikel kritisiert, dass man mit seiner Stimme nicht bewirken kann, weil alles leere Versprechen sind ?? … bla bla. Genau DAS ist Politik und das ist die Realität, die niemals anders war. Würdest du als Politiker im Wahlkampf sagen: “Liebe Bürger, wir wollen dieses und jenes erreichen. Allerdings sind wir nicht ganz sicher und wollen auch nichts 100 % versprechen. Aber wir werden es versuchen.” Diejenigen, die noch vor ein paar Monaten den Jungelkönig gewählt haben, wählen nun den BundeskanzlerIn. Die Welt ist viel zu komplex, als dass es immer so einfach wäre, wie manche sich das vorstellen. Unterschwellig wird hier gefordert, dass es für jeden eine maßgeschneiderte Partei gibt, die dann auch gefälligst alle Versprechen perfekt umsetzt?! Ziemlich naiv …

      An alle die sich bemüßigt fühlen etwas über Politik oder Wirtschaft zu schreiben: Beschäftigt Euch erst einmal ausgiebig mit der Materien und danach habt ihr möglicherweise genügend Einblick etwas Sinnvolles zu schreiben. Das hier ist einfach billiges “ich denk mal bisschen nach und schreibe oberflächliches Geschwafel im alternativen Stil”

  • Martin

    Schon bei der Vereidigung von Ministern fängt es an:
    “…zum Nutzen des deutschen Volkes – um Schaden abzuwenden, so wahr mir Gott helfe.”

    Warum nicht einfach: “Ich verspreche… – großes Ehrenwort!” ???

    Unter Kindern gilt das doch auch!

  • Phil

    Schön zu lesen. Artikel macht sich gut, um mal einen Anstoß über die eigene politische Selbstreflexion zu geben. Er erfasst nunmal die Gedanken der unentschlossenen Wähler sehr gut. Mehr aber auch nicht.

  • Vera Schrader

    Finde die steigende Politikverdrossenheit sehr bedenklich.
    Ganz ehrlich hätte ich nicht erwartet in dem Ausmaß.
    Finde den Artikel aber echt super!
    So kann man sicher mehr Jugendliche erreichen.
    Ob die es dann lesen, oder die Wahlberechtigten in diesem “Altersbereich” auch hingehen…naja ist ne andere Frage.
    Mindestens wird so etwas für die Bildung und gegen die Politikverdrossenheit unternommen.
    Wer kurz und informativ etwas gegen die Verdrossenheit lesen möchte:
    http://www.nur-nachrichten.de/Bundestagswahl

Puma