- Fleischlose Kunst – Ein Leben ohne Werte?

In knapp einem Monat ist es soweit, wenn sich die Menschen an ihrem einzigen Ruhetag der Woche aus dem Sofa erheben, um sich in ihrem Wahllokal fünf Minuten Zeit zu…

Fleischlose Kunst – Ein Leben ohne Werte?

In knapp einem Monat ist es soweit, wenn sich die Menschen an ihrem einzigen Ruhetag der Woche aus dem Sofa erheben, um sich in ihrem Wahllokal fünf Minuten Zeit zu nehmen, mit zwei Kreuzen über die führenden politischen Kräfte der nächsten vier Jahre zu entscheiden. Vorab gilt es für die Parteien, den immer wiederkehrenden Wettkampf zu bestreiten, bei dem es darum geht, die ungeteilte Aufmerksamkeit durch möglichst ausgeklügelte Strategien in allen möglichen Formen und Farben auf sich zu lenken, um dadurch jeden einzelnen Wähler für sich zu gewinnen. Logisch.

So treten in kürzester Zeit die fragwürdigsten Pressemitteilungen und zum Teil denkwürdigsten Programmpläne ans Licht. Wie auch dieser Tage, an denen Pofalla die NSA-Affäre für beendet erklärt, Steinbrück als Spitzel der Stasi bezichtigt wird und Die Grünen für einen Veggie-Day in den deutschen Kantinen plädieren. Ohne politische Floskeln anbringen zu wollen – de facto handelt es sich um Paradebeispiele, dennoch steckt hinter manchem Beispiel eine wichtige Botschaft für unsere Gesellschaft.

Die ewige Diskussion

Erst neulich saß ich zusammen mit meinem Chef in der Mittagspause in einer kleinen Pizzeria, die sich aufgrund nächster Nähe und günstiger Angebote für einen schnellen Verzehr anbot und wählte, ohne große Entscheidungsgefälle die Speisekarte zu studieren, die Nummer eins, da sich eben nur diese, als einziges vegetarisches Gericht darauf finden ließ. Mein Chef hingegen arbeitete sich durch die Spalten über Schwein, Rind und Fisch und riet mir unterdessen etwas Richtiges zu bestellen, da wir ja schließlich noch einen langen Arbeitstag vor uns hätten. Und da war wieder dieser Moment, dem ich seit geraumer Zeit aus einem automatisiertem Schutzmechanismus heraus versuche zu entfliehen, aber in dem ich trotzdem sagte: „Ich esse kein Fleisch.“ Denn ab dann verläuft jedes Gespräch darüber, immer wieder gleich.

1. Die fehlenden Nährstoffe: „Ohne Fleisch fehlt einem doch was“, bekomme ich oft zu hören und werde gefragt, wie ich denn meinen Eisenwert oder Vitaminhaushalt ausgleiche, um meine körperlichen Konditionen bei Laune zu halten. Die Kette kann sicherlich noch unendlich lang weitergeführt werden, aber muss sie das überhaupt, wenn es mir damit gut geht?

2. Der Trendsetter: „Ich mach da gar nicht erst mit“, ist das kaum zu überhörende zweite Argument, dass gleich dem ersten hinterher geworfen wird. Irgend jemand kam daher, hat fleischlose Kunst für gut befunden und nun müssen alle mitziehen und sich an der neuesten Mode ausprobieren, wird behauptet.

Aber geht es überhaupt darum? Der Mensch kann auch ohne Fleisch ganz gut leben und das ist wissenschaftlich bewiesen, da kann der Gedanke mit Jäger und Sammler noch so schön aussehen. Ich weiß, fleischlos hin oder her, ich bin kein besserer Mensch, dennoch kann ich meinen persönlichen Beitrag für eine zukunftsorientierte Umwelt leisten. Das kann jeder andere auch. Sei es durch vegane Produkte wie Seife, Make Up oder Bekleidung, doch anscheinend kennt sich fast niemand damit aus, wird behauptet.

Die weiße Weste

Schließlich wird dann nach den Missetaten der Menschen gesucht, die sich nur im geringsten darüber äußern, ganz ohne voreingenommen zu sein. Schon allein die Entscheidung des fleischlosen Lebens sorgt oft für Widerspruch, wo sonst keiner kommt. Ich rauche nicht. Okay. Ich trinke nicht. Ach so. Ich dusche gerne nackt. Ähm, ja. Warum wird nur diese Entscheidung so dermaßen verkannt, dass sie einem Trend gleich kommt? Warum wird nicht geurteilt, statt zu verurteilen? Warum kann sich nicht jeder, so ernähren wie er will? Mit Fleisch. Oder ohne. Ganz egal. Nur die Toleranz ist hierzulande kaum da.

Während einige sich ein Steak in der Pfanne zubereiten, wird bei anderen die Möhre angebraten. Klingt jetzt wie ein absonderlicher Vergleich, aber das Prinzip ist ganz einfach und es funktioniert. Ich bin satt, glücklich und kann ohne das Stück Fleisch als Zusatz leben. Dennoch wird gerne die Gefühlswelt einer Karotte aufgestellt. Es könnte sie schmerzen, wenn ich in sie beiße. Und auch dieser Gedanke ist möglich. Und wir müssen lernen ihn zu tolerieren. Ohne uns zu derangieren.

Der globale Vergleich

Es erscheint mir noch nicht mal die Tradition oder Angewohnheit als das grundlegende Problem, sondern vielmehr noch das fehlende Verständnis oder der Wille, sich mit Ernährung bewusst zu befassen. Es gibt genügend Länder, die stets als Beispiel grausamer Tierquälerei dienen und in dem Fluss beziehungsweise Frust der Argumentation vorgeschoben werden, um von unserer Lebensmittelindustrie abzulenken. Daran ist ja auch nichts falsch, so machen es Länder wie Japan mit illegalem Walfang oder China mit illegalem Tiermissbrauch oft genug in den Medien vor.

In Deutschland wird da am wenigsten genörgelt, schließlich können wir ja unsere Schuld viel schneller rein waschen, indem wir mal ab und zu ein Bioei im Supermarkt unseres Vertrauens kaufen. Dann ist das Thema abgetan und wir können mit dem Konsum von billigem Hackfleisch weitermachen. Ohne zu pauschalisieren.

Konsum im Überfluss

Inzwischen leben über 800.000 Veganer und rund 7 Millionen Vegetarier in Deutschland, die Tendenz steigt kontinuierlich. Und das ist ein Trend, der für unsere Gesellschaft mittlerweile unverzichtbar geworden ist. Obschon sich auf unserer Welt alles bietet, wir auf nichts verzichten müssen und zu dem greifen können, worauf wir Lust haben, schließt sich vielleicht gerade deswegen die Frage nach dem Überfluss an der eigentlich doch so unscheinbaren Debatte nicht aus, denn es ist alles in unserer Konsumgesellschaft mittlerweile zu einer begrenzten Ressource geworden. Auch Tiere.

Eine moderne Gesellschaft wie unsere heutige, hat das bisweilen größte Mitspracherecht in Europa und übt den meisten Einfluss auf globale Geschehen aus. Warum sitze ich also mit meinem Chef in einer Pizzeria und führe nebensächliche Diskussionen darüber, ob es meinem Körperhaushalt an Vitaminen mangelt, wenn sich diese eine Thematik, neben all den anderen, unlängst zu einer fortschreitenden Kulturtheorie des 21. Jahrhunderts formiert hat? Diese Frage stelle ich mir manchmal. Nur so.

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9 Kommentare

  • Ich versuche mich tatsächlich auch seit einigen Wochen fleischlos zu ernähren. Klappt nicht immer, aber immer öfter.

  • Armin Hempel

    Ich bin jetzt seit einem halben Jahr Vegetarier und musste bestimmt schon fünf Mal diskutieren. Die anderen knapp 400 Mahlzeiten, die ich in der Zeit zu mir genommen habe, liefen aber komplett diskussionsfrei ab. Gerade im gebildeten Teil der Großstadt ist es meines Erachtens kein Problem mehr, sich vegetarisch zu ernähren. Danke für die Zahl, dass es in Deutschland schon 10 Prozent Vegetarier sind, ermutigt.

  • Vielen Dank! Du sprichst mir aus der Seele!

  • Ich bin “Draußen-Vegetarier”…wenn ich also irgendwo Essen gehe (sprich: wenn ich weiß das Fleisch stammt aus Massentierhaltung), dann verzichte ich darauf. Seither ist stundenlanges studieren der Speisekarte tatsächlich überflüssig, da man nie mehr als 2-3 vegetarische Gerichte findet (außer natürlich in veganen/vegetarischen Restaurants). Für zu Hause kaufe ich mir ab und an mal ein Stück Demeter-Fleisch oder eine Wiener im Bioladen – etwa alle 3-4 Wochen. Diskutieren musste ich bisher kaum. Man kritisiert mein Vorgehen nicht, sondern fragt viel mehr nach den Gründen. Dennoch ist das Thema schwierig, da sich manche Gesprächspartner in ihrem Verhalten (Fleisch zu konsumieren) dann angeprangert fühlen und versuchen sich zu rechtfertigen.
    Blöde Sprüche oder komische Fragen kommen interessanterweise viel häufiger, wenn ich sagen, dass ich aktuell keinen Alkohol trinke.

  • Stefan

    Ein angenehm undogmatischer, sachlicher Artikel, danke dafür! :) Beim Link auf die wissenschaftliche Beweislage, hätte ich mir nur Publikationen aus Fachjournalen oder zumindest ein Review mit Verweisen auf selbige gewünscht.

    Die Infoseite des Vegetarier-Bundes krankt leider daran, dass die Recherche per Definition nicht ergebnisoffen und objektiv geführt wird (und auch nicht werden muss, ist ja eine Infoseite). Sie ist aber deshalb nicht wissenschaftlich und führt auch nur Belege aus unwissenschaftlichen Veröffentlichungen an.

  • Nina

    Liebe Leidensgenossin,

    ich lebe seit über 15 Jahren vegetarisch. Nein, auch kein Fisch oder Hühnchen. Wenn mich jemand fragt warum, sage ich, dass ich in meiner jetzigen Lebenssituation kein Tier für meinen Konsum töten könnte und ein Metzger soll das auch nicht für mich übernehmen. Ich sehe das ein bisschen so, wie mit dem Öko-Strom: Nicht labern, machen. Früher habe ich mich mit Beilagen zufrieden gegeben, mittlerweile werde ich sauer, wenn es beim Catering nicht ein vegetarisches Essen gibt und sage das auch.

    “Aber Käse, Käse isst Du doch? Gott sei Dank! Ich dachte schon, Du seist Veganer! Die gehen ja gar nicht.”
    Dann sage ich, dass ich die vegane Lebensweise für die einzig richtige halte, sie mir aber zu anstrengend und teuer ist.

    Schön auch:
    “Warum trägst Du dann Lederschuhe?”
    Weil ich ein Modepüppchen bin, die Sachen lange halten und schön altern. Außerdem: Lieber ein bisschen ändern, als gar nix.

    “Ich esse auch nur ganz wenig Fleisch und wenn, dann Bio!”
    Erzähl´s Deinem Frisör!

    In diesem Zusammenhang empfehle ich das lustige Veggie-Bingo:
    http://www.vebu.de/tiere-a-ethik/spiele/877-veggie-bingo

    Gute Grüße,
    Nina

  • Ich bin jetzt zwei Jahre Vegetarier und habe es nicht einen Moment bereut. Im Gegenteil: meine Speisekarte hat sich durch viele Dinge, die ich vorher nicht kannte oder nicht probierte, deutlich erweitert. Die Diskussionen allerdings beliben und erschreckenderweise gibt es immer noch Restaurants, auf deren Karte es keine vegetarischen Gericht gibt. Ausserdem auch immer wieder gerne genommen folgende Frage: “… aber Fisch isst du doch, oder?”. It’s still a long way to go.

  • Nachdem sich alle an meinem Nicht-Fleisch-Konsum gewöhnt haben, bekomme ich eigentlich fast gar keine “dummen” Kommentare mehr bezüglich des Vegetarierseins. Ich meine, wozu auch: es ist inzwischen recht gängig.

  • Doubi

    Schöner Artikel. Seit einem Jahr essen meine Kinder (freiwillig) und ich kein Fleisch und Fisch mehr- mein Mann muss sich aber um seine Fleischmahlzeiten selber kümmern ;-). Nach den anfänglichen Erklärungsversuchen meinerseits, sind es heute meist die Anderen, die glauben erklären zu müssen, warum sie noch immer Fleisch essen / “nur ganz selten; wenn, dann Bio; immer weniger…”
    Ich bedaure nur, nicht schon früher auf Fleisch verzichtet zu haben und versuche immer mehr Milchprodukte in meinem Leben durch andere leckere Dingen zu ersetzen. Insgesamt empfinde ich das Nichtfleischessen nicht als Verzicht, mein Speiseplan ist heute wunderbar vielfältig, aromatisch und abwechslungsreich.

ASOS