- Gegen Sexismus in der Werbung

Werbung an sich ist nicht nur eine Zurschaustellung von Produkten oder Dienstleistungen, sondern oft auch eine Kompression veralteter Geschlechtsstereotypen. Jungs spielen lieber mit Modellautos als mit Puppen, außerdem mögen sie…

Gegen Sexismus in der Werbung

Werbung an sich ist nicht nur eine Zurschaustellung von Produkten oder Dienstleistungen, sondern oft auch eine Kompression veralteter Geschlechtsstereotypen. Jungs spielen lieber mit Modellautos als mit Puppen, außerdem mögen sie blau eher als rosa – und umgekehrt. Und nach Überraschungseiern für Mädchen und nach Geschlecht getrennten Fleischwaren bringt nun Chio Chips auf den Markt, deren Geschmacksrichtungen genau auf Männer und “Mädels” abgestimmt sind und am optimalsten auch nur von der jeweiligen Gruppe gekauft werden sollten – wenn es nach der Verpackung geht.

Mehrere feministische Organisationen und die Initiatorinnen von #Aufschrei haben jetzt zu einer gemeinsamen Demonstration gegen diese Art von Werbung aufgerufen, die am Sonntag, den 1. September, am Brandenburger Tor in Berlin stattfinden soll. Unter dem Motto “Vielfalt ist Schönheit” wollen sie dabei ihre Wut auf “Sex sells” zum Ausdruck bringen.

Organisiert wird die Kundgebung von Pinkstinks, die zusammen mit Terre des Femmes, dem Bundesverband der Frauennotrufe und 23 weiteren Organisationen eine Petition an den Deutschen Werberat gegen Sexismus in der Werbung anführt. “Wir haben Axe-Astronauten, die ‘den Verkehr regeln’ genauso satt wie ‘sexy’ Nordsee-Frischfisch”, schimpft Pinkstinks-Vorsitzende Dr. Stevie Schmiedel: “Außenwerbung vermittelt Kindern Geschlechtsstereotype, die nicht mehr zeitgemäß sind und Frauen und Männer auf ihr Äußeres reduzieren.”

Und weiter: „Jedes fünfte Kind in Deutschland zeigt Symptome einer Essstörung, während sexistische und jedes normale Körpermaß negierende Werbung weiter zunehmen. Dass Frauen stets verfügbar sein sollen, lernen Kinder heute bereits beim Blick auf die H&M-Dessous-Werbung an der Straßenecke. Proteste gegen sexistische Werbung weist der Werberat in der Regel mit dem Verweis auf „Ironie“ ab. Doch Kinder kennen keine Ironie.” Die Demonstration wird unter anderem von Tocotronic und der Berliner Rapperin Sookee unterstützt.

Hallo, Stevie. Was genau wollt ihr mit der Demonstration bewegen?

Die Demonstration soll eine öffentliche Diskussion generieren: Finden wir es okay, dass auf Leuchtwerbeflächen für Flatrate-Bordelle geworben wird und sich diese Werbung nicht von der H&M-Dessous-Werbung unterscheidet? Wie hängen steigende Zahlen an Essstörungen und selbstverletzenden Verhalten bei Teenagern mit einem Anstieg an „Sex sells“ zusammen? Warum haben wir nach wie vor so hohe Zahlen an häuslicher und sexualisierter Gewalt?

Was hat das Zeigen von Frauen in Unterwäsche mit ständiger Verfügbarkeit zu tun?

Wir haben nichts gegen tolle Dessous. Sie sind zu manchen Jahreszeiten in der Stadt nur so überrepräsentiert, als wäre eine Frau in Unterwäsche an sich Dekoration. Vor allem, wenn sie lasziv in die Kamera schaut und makellos dünn und glatt ist. Ein David Beckham ist in Unterwäsche nie verfügbar. Er schaut einen an, als würde er sagen: „Wenn du nett bist, Baby, hast du vielleicht eine Chance.“ Frauen suggerieren ganz klar: „Du willst es doch auch?“ Das ist der Unterschied, auf den wir hinweisen.

Was erreichen Marken, wenn sie sich für sexistische Werbung entscheiden?

Bei 5000 Anzeigen, die wir täglich sehen, fällt sexistische Werbung am ehesten auf. Was sie erreicht hat? Dass sie niemanden mehr stört und sie die meisten für akzeptabel halten. Die Zusammenhänge mit unseren Geschlechterrollenbildern sieht kaum jemand, das wäre auch uncool. Kinder jedoch stellen die Fragen, die wir uns nicht zutrauen. „Mama – wieso hat die fast nackte Frau dort keinen Kopf?“ Die Antwort wäre: „Weil du den ja später auch nicht brauchst, Süße, sondern nur den Körper. Hauptsache, der stimmt.“

Sookee

Sookee, wie würde für dich die perfekte Werbewelt aussehen?

Ich bin kein Fan von kapitalistischer Selbstverständlichkeit und deswegen habe ich keine Lust, mir von findigen Werbeagenturen irgendwelchen Schnickschnack, der angeblichen mein Leben verbessert, aufquatschen zu lassen. Nichtsdestotrotz werde ich gerne unterhalten, mag kreativen Umgang mit Sprache, Zitaten, Wortspielen. Bewerbt Materielles, Ideelles, aber lügt mich nicht voll! Macht nicht, dass ich mir hässlich und unvollständig vorkomme. Lasst Falten, Speckrollen und Narben da, wo sie sind und photoshoppt mir keine Illusionen herbei. Das ist unanständig.

Du beschäftigst dich mit Frauenbildern, Sexismus und Homophobie im Hip Hop. Hat sich dort deiner Meinung nach in den letzten Jahren eine generelle Öffnung gegenüber starken Frauen und homosexuellen Menschen ergeben?

Hip Hop hat die letzten zehn, zwölf Jahre in Deutschland recht einheitlich funktioniert. Seitdem sich die Kulturindustrie auf Schockmomente, Tabubrüche und Kultfiguren gestürzt hat, gab es einen großen Hype um Gangsta- und Battlerap. Damit einhergehend waren Homophobie und Sexismus auf dem besten Weg zur Normalisierung. Inzwischen differenziert sich das Gesamtbild ein bisschen.

Dumme Mackerscheiße mit Schwanzvergleich und Frauenhass ist zwar nach wie vor existent und wird naiv als Kunst, Performance oder Ironie verkauft, aber es gibt vereinzelt Artists, die Lust haben, sich ein bisschen fortschrittlicher durchs Leben und über die Bühne zu bewegen. Aus den USA kommen jetzt auch mittlerweile gay-friendly oder geoutete Artists in die Playlists der Clubs. In UK gibt’s eine Menge unfassbar guter weiblicher MCs, die hoffentlich auch ihren Weg in den Mainstream schaffen, um möglichst viele Ohren zu erreichen. Es geht bei diesem Thema viel um Sichtbarkeit.

Warum glaubst du, dass sich auch heute noch viele Mädchen und Frauen freiwillig in alte Rollenverteilungen begeben und überholte Klischees bedienen, sich manchmal sogar direkt gegen Feminismus zu stellen, anstatt sich für moderne Umstände einzusetzen?

Viele Frauen haben Sexismus sehr stark verinnerlicht. Gewohnheit bedeutet Sicherheit, auch wenn der Radius manchmal etwas kleiner ausfällt. Nicht alle Menschen wollen in die weite Welt ziehen, oder wenigstens mit ihren Nachbarinnen und Nachbarn ein Käffchen trinken und herausfinden, mit wem wohne ich da eigentlich Wand an Wand.

Ich kann mir auch denken, dass einige Frauen keine Kraft haben für die Auseinandersetzungen mit ihren Freunden, Männern, Vätern, Kollegen, wenn sie sich plötzlich mit profeministischen Positionen befassen. Vielleicht sind sie von ihnen in irgendeiner Weise abhängig und sehen unterbewusst ihre wirtschaftliche, private, berufliche, soziale Existenz bedroht, wenn sie widersprechen.

In vielen Fällen haben Frauen aber einfach nur vom Kapitalismus und Patriarchat gelernt, dass man besser sein muss als andere, um Anerkennung zu kriegen, quasi als Gegenentwurf zu Solidarität. Wenn da eine sexuell aktive Frau ist, kann ich mit dem Finger auf sie zeigen und sagen: “Seht her, das ist eine Schlampe!” Das impliziert in einer rape culture, dass ich ehrenhaft und sittsam bin. Kein Vater, kein Mann, kein Freund muss sich für mich schämen. Wenn da eine politicsh denkende Frau ist, die für feministische Themen steht, kann ich mit dem Finger auf sie zeigen und sagen: “Seht her, das ist eine Emanze!” Das impliziert in einer anti-emanzipatorischen Gesellschaft, dass ich keine Forderungen stelle und nicht für die Umverteilung von Ressourcen und Sichtbarkeit bin. Wie bequem.

Mister Spex

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9 Kommentare

  • Vulgerius

    “Pinkstinks” ist ein witziger Name für eine Kampagne gegen Sexismus. Wurden da keine Namensrechte von Hygieneprodukte für Frauen oder von Pornos verletzt?

  • Helen

    Die Werbung American Apparel rects finde ich sexischer als die Werbung Emporio Armani oben.

  • fingolf

    Die American-Apparel-Werbung seh ich dank Werbeblocker gar nicht, aber super als Randbegleitung zum Artikel find ich auch schon den Link auf die Vollzeitblogger-Geschichte, der mit der zufällig blonden, schlanken, schönen, wohlproportionierten Frau illustriert ist.
    Und sie trägt einen äußerst gutaussehenden Ausschnitt.
    Wobei das Bild von LastNightsParty.com stibitzt und der Copyright-Hinweis abgeschnitten wurde, wenn man einer 5-Sekunden-Recherche glauben darf. Aber vielleicht auch nur irgendein Stockphoto.
    Sie scheint aber auch wirklich hübsche Brüste zu haben.
    Ist dafür aber jetzt genauso Kritik angebracht (wie sie unter dem betreffenden Artikel auch zu finden ist)? Und wo soll man wohl die Grenzen zum verachtungswürdigen Sexismus ziehen?
    Ihr Dekolleté ist halt richtig toll und ich würde mich gerne näher damit beschäftigen.

  • Erwin

    optimalsten^^

  • Tipps zum Wochenende – Demos, Töne, Jubiläen | Leben | NEUE ELITE

    […] Los geht’s um 15 Uhr am Brandenburger Tor. Ein Interview mit der Veranstalterin könnt ihr hier […]

  • Absurd, dass neben dem Artikel eine Anzeige von »American Apparel« mit den nackten Brüsten einer Frau zu sehen ist.

  • TIPPS ZUM WOCHENENDE × DEMOS, TÖNE, JUBILÄEN × LEBEN × AMY&PINK

    […] Los geht’s um 15 Uhr am Brandenburger Tor. Ein Interview mit der Veranstalterin könnt ihr hier […]

  • Peter P.

    .. gab es nicht eine Anzeige mit David Beckham in Unterwäsche? ;)

    Eine Demo die keiner braucht von Frauen, die niemand vögeln will. Mädels ihr tut mir leid!

  • kd123

    die brigitte hat es doch vorgemacht – ein halbes jahr lang normale frauen und die verkäufe sanken.
    das heißt, bei allem aufgerege über dünne models – ihr alle wollt sie selber.
    warum ???

    Weil sich die ganze Welt nur darum dreht und besonders Mode. Mode ist das mittel zum Zweck.

    weil männer wie frauen dem IDEAL – welches Models darstellen näher sein wollen.
    Ich kaufe also dieses Kleid und ich erhasche etwas von dem Gefühl auf dem Werbebild. Ich bin einwenig wie das Model welches dort in den Sonnenuntergang schaut, Arm in Arm mit ihrem tollen Freund und mit diesem schönen Kleid.

ASOS