Kioskkritik - Kioskkritik – Mädchen, Mythos, Mitbewohner

Während DER SPIEGEL mit seiner Zeitungsdebatte namens “2020” beweisen will, dass Print noch gar nicht so leblos sind wie alle Twitter-Nutzer, Blogspot-Leuchten und Facebook-Süchtigen behaupten, haben wir uns zum Neuköllner…
Kioskkritik

Kioskkritik – Mädchen, Mythos, Mitbewohner

Während DER SPIEGEL mit seiner Zeitungsdebatte namens “2020” beweisen will, dass Print noch gar nicht so leblos sind wie alle Twitter-Nutzer, Blogspot-Leuchten und Facebook-Süchtigen behaupten, haben wir uns zum Neuköllner Kiosk unseres Vertrauens geschlichen und drei Bündel toter Bäume gekauft. Um den hiesigen Redaktionen einen Gefallen zu tun. Um die nationale Wirtschaft anzukurbeln. Und um zu zeigen, dass der rotschwarze Journalismusgigant aus Hamburg womöglich gar nicht so unrecht hat.

Spex

Spex – September 2013

Worum geht’s? Spex ist die Zeitschrift für alle Musikliebhaber, die sich von den Tücken und Niveaufallen ihrer Leidenschaft nicht hinters Licht führen lassen. In der aktuellen Ausgabe geht es darum, dass Casper kein Mensch ist, sondern ein Held, ein Mythos, jemand, der seiner Zunft wieder eine Daseinsberechtigung gegeben hat. Und dass es der mittlerweile 30-jährige Extertaler nur auf die Titelseite geschafft hat, weil sein Blog auf Spex.de läuft. Oder andersherum.

Bester Artikel? Die Rezension von Sofia Coppolas neuem Film “The Bling Ring” mit “Harry Potter”-Star Emma Watson, verfasst von Esther Buss, zeigt, dass Filmberichte weder öde noch überheblich sein müssen. Der Text überfliegt gespielte Handlung, wohl situierte Umwelt und künstlerische Gedanken und endet mit einem knackigen Interview mit der Regisseurin. Dieses hat das letztwöchige ZEITmagazin zwar besser hinbekommen – aber man kann schließlich nicht alles haben.

Schlechtester Artikel? Im Interview mit Daniel Gerhardt versuchen die Arctic Monkeys zu retten, was noch zu retten ist. Die sich in die Überflüssigkeit gespielte britische Indie-Rock-Band, die in unserer Jugend durch Songs wie “The View from the Afternoon”, “I Bet You Look Good on the Dancefloor” und “When the Sun Goes Down” auffiel, und zwar zurecht, kann nicht akzeptieren, dass ihre Haltbarkeit längst abgelaufen ist. Deswegen hetzen sie von einem Festival mit 2007er-Lineup zum nächsten und landen als Zombies einer überholten Generation in angesehen Musikzeitschriften. Warum, das weiß keiner so genau.

ZEIT Campus

ZEIT Campus – September / Oktober 2013

Worum geht’s? Nachdem letzten Monat studentische Rebellionsbrüste auf der Titelseite des Studentenmagazins aus dem Repertoire der ZEIT prangten, versucht die bessere NEON diesmal alles, um wieder seriös und hilfreich zu wirken. Anna Bordel und Caterina Lobenstein beschäftigen sich unter anderem mit der einzigen Frage, die angehende Hochschüler neben “Wo kann ich günstig feiern?” und “Mit wem kann ich schlafen?” noch so stellen: “Wo kann ich wohnen?” ZEIT Campus gibt Tipps zur WG-Suche, zu Vermietern, zu Preisen. Und wer sich über Annas Nachnamen lustig macht, der darf gleich zurück ins Kinderzimmer ziehen.

Bester Artikel? Veronika Widmann hat sich durch die Biografien von halbstarken Möchtegernhelden wie Miley Cyrus, Justin Bieber und Daniel Küblböck gewühlt und niedergeschrieben, welche Textstellen ihr am meisten zugesagt haben. Das allein würde ihr wohl kaum eine Pulitzer-Preis-Nominierung einbringen, doch die Entscheidung, eineinhalb Seiten des zweiseitigen Artikels mit einem überdimensional großen Katzenbaby zu dekorieren, ist nun einmal mehr wert als wochenlange Recherchen über Themen wie Bafög, Tante-Emma-Läden und Bon Jovi. Das weiß doch jeder!

Schlechtester Artikel? Simon Hurtz will uns mit seinem Fünf-Schritte-Plan namens “Alles muss raus: Welche Methoden mir geholfen haben, mein Leben zu entrümpeln” weismachen, dass Studenten über genügend finanzielle Mittel verfügen, um Besitztümer zu spenden, anstatt sie zu verkaufen. Und das nur, weil er nicht so ganz mit Menschen und Momox klar kommt. Währenddessen klagen ein paar Seiten zuvor Kommilitonen über Zinsen, Schulden und Mieten. Naja.

Mädchen

Mädchen – 14. August 2013

Worum geht’s? Mädchen bietet das perfekte Angebot für weibliche Mitmenschen, die für Wendy zu alt und für “Fifty Shades of Grey” zu jung sind. Im Titelthema dreht sich alles um günstige Gesichtskosmetik und Schönheitspflege. Lippenstifte, Lidschatten, Nagellacke – kostensparend kann auch toll sein. “Make-up unter 5 Euro” steht ganz unter dem Motto des “jüngsten Frauenmagazins Deutschlands“: “You only live once”.

Bester Artikel? In der Mitte der 74-Seiten umfassenden Zeitschrift gibt es ein Din-A4 großes Poster der Surferin Sally Fitzgibbons zu sehen, das man heraustrennen und an die Wand heften kann. Es versprüht einen Hauch von Sommer und Freiheit und man fragt sich, ob es für einen selbst bereits zu spät ist, diese erfrischende Sportart noch zu erlernen.

Schlechtester Artikel? Keiner. Egal ob der Fotoroman “One Surf – Two Worlds”, in der sich Austauschschülerin Lena am Strand in Südafrika gleich in zwei süße Boys verliebt, der mitreißende Tagebucheintrag von Kathrina namens “Ich darf den ganzen Tag reiten!” oder der spannende Tatsachenbericht “Ich habe vier Schläger gestoppt” der 16-jährigen Paulina – jeder Zentimeter in Mädchen ist bunt und prall gefüllt mit hochsensiblen Recherchen, die die Süddeutsche Zeitung vor Neid erblassen lassen. Lediglich die Werbung zum Film “One Direction – This Is Us” auf Seite 15 hätte ein wenig zurückhaltender ausfallen können.

Mister Spex

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