Klicks klauen Glück - Klicks klauen Glück – Der junge Krieg gegen Facebook

Ruby Karp ist 13 Jahre alt, lebt in New York City und verkündet auf Mashable, dass Facebook, das momentan größte soziale Netzwerk der Welt, bei ihren Altersgenossen längst nicht mehr…
Klicks klauen Glück

Klicks klauen Glück – Der junge Krieg gegen Facebook

Ruby Karp ist 13 Jahre alt, lebt in New York City und verkündet auf Mashable, dass Facebook, das momentan größte soziale Netzwerk der Welt, bei ihren Altersgenossen längst nicht mehr in ist. „Ich bin 13 und keiner meiner Freunde nutzt Facebook“, erklärt sie öffentlich. Fast 50.000 Mal wird der Artikel weltweit geteilt. Daraufhin tritt Adora Svitak, zwei Jahre älter und Autorin von bereits drei Büchern, auf den Plan und erläutert, warum ihre jugendliche Vorrednerin keine Ahnung hat. „Ich bin 15 und alle meine Freunde nutzen Facebook!“ Und Todd Wasserman, Social-Media- und Wirtschaftsexperte, prophezeit Mark Zuckerbergs Imperium gar ein trauriges und unbedeutendes Ende wie dem zuletzt durch Akquisitionen und Relaunches in die Schlagzeilen geratene Internetkonzern Yahoo!. Das ist der aktuelle Stand des Diskurses.

Man könnte meinen, dass das nur ein paar persönliche Meinungen, Kommentare und Visionen sind. Facebook zu verteufeln und den baldigen Untergang zu weihen, das war selten so beliebt und publikumsfördernd wie heute. Man will nicht mit und kann nicht ohne. Das scheint nach all den Jahren zur traurigen Wahrheit geworden zu sein. Zahlen lügen nicht. Die Menge der Nutzer nimmt zu, von 1,1 Milliarden zu 1,15 Milliarden innerhalb eines Quartals, aber vorzugsweise der über 45-Jährigen. Sprich, Mütter und auch deren Mütter finden endlich den Weg zu Facebook und können die bei der Wirtschaft sonst so beliebte Zielgruppe der 18- bis 29-Jährigen mit Spamlinks, Einladungen zu Kaffeekränzchen und Nacktbadebilder aus deren Kindheit drangsalieren.

Facebook ist zu dem Ort geworden, den man aus Gewohnheit aufsucht, aber der einem mehr Lebenszeit nimmt als Lebensfreude gibt. Beim Öffnen des Browser tippen wir unbewusst, fast schon zwanghaft, das “f” ein, und die blauweiße Seite mit den mehr oder minder bekannten Gesichtern poppt auf. Wenn wir einen Dienst, sei es Spotify oder eines dieser neuen StartUps mit unaussprechlichem Namen, nutzen wollen, loggen wir uns aus Faulheit via Facebook ein. Dahin ist sie, unsere Unabhängigkeit, unsere Entscheidung, die Gewohnheit hat Oberhand gewonnen und uns diese Freiheit zurückholen, das können wir nicht – und wollen wir auch nicht.

Dabei schätzen wir doch sonst unsere Privatsphäre. Wir empören uns (und mehr auch nicht) über den NSA-Edward-Snowden-PRISM-Tempora-USA-Skandal, nutzen Snapchat, um private Eindrücke temporär zu verschicken, und schützen unsere Twitter-Accounts als wären wir eine Unterorganisation des britischen Geheimdienstes.

Die Kunst ist es nicht mehr, popkulturellen Mashup wiederzukäuen und auf der Timeline auszuspucken, wie das 365. Video eines Kätzchens im Drachenkostüm auf Entenjagd oder tagesaktuelle Memes mit Insiderwitzpotential, sondern gerade auf diese leichte Kost zu verzichten. Es ist einfach, sich durch Imgur zu klicken und die Bilder dort zu klauen. Es ist auch nicht schwer, die Banalität des Alltags in Worte wiederzugeben und auf Aufmerksamkeit zu hoffen. Dieser Trend ist längst vorbei und verursacht nur noch Fremdscham sowie diese überhebliche Befriedigung, die sonst nur Sendungen auf RTL II hervorrufen. Auf Cringe von Imgur zeigt sich zum Beispiel wunderbar wie peinlich heute die Updates sind, die gestern noch Standard waren. Wenn jemandem nach „Selfcringe“ ist, dann sollte er sich einmal durch die eigene Chronik und die frühen Jahre klicken und lustvoll in Scham vergehen, die sich wohltuend im Körper ausbreitet.

Der Narzissmus, der uns damals ritt und auch noch heute reitet, ist Ruby, der 13-Jährigen ohne Facebook-Freunde, noch nicht ganz klar. Und auch die Alltagserleichterung durch die Veranstaltungen, Mailfunktion und Gruppen versteht sie nicht. Ihre ältere Generationsgenossin hingegen hat es durchschaut und für sich zu nutzen gelernt, ohne dabei auf wertvolle Zeit für Tumblr, Instagram und Co. zu verzichten. Ob diese wiederum besonders wertvoll genutzt ist, darf angezweifelt werden. Mehrere Selbstportraits an einem Tag zu veröffentlichen, das kann einfach nicht glücklich machen. Oder?

Forscher fanden heraus (mit dieser Phrase kann man eigentlich immer alles argumentieren), dass sogenannte “Selfies” wenig dazu beitragen, dass man sich selbst besser fühlt. Ganz im Gegenteil. Wer mehr postet, der hat ein geringeres soziales Leben. Die Frage ist, in welcher Abhängigkeit das stattfindet. Es ist zu einfach, zu behaupten, aufgrund der Schnappschüsse von sich selbst, nehme der Grad an einem mitmenschlichen Dasein ab. Viel wahrscheinlicher ist es, dass man nur deswegen so viel postet, weil man gar keines hast. Die digitale Selbstbeweihräucherung hat denselben Stellenwert wie die Selbstbeweihräucherung im analogen Alltag – wer nur von sich selbst spricht, hat scheinbar nicht anderes zusagen.

Ein weiterer Punkt, der Facebook an Relevanz verlieren lässt, ist die Menge an Mitteilungen von Firmen und Marken, die uns geradezu überschwemmen. Ursprünglich als soziales Netzwerk gedacht, in dem es um Beziehungen zwischen Freunden, Bekannten und Kollegen geht, ist es zu einem Sammelsurium von Nachrichten und Werbung geworden. So peinlich einem auch die Gebete der hochreligiösen Gastfamilie aus den Staaten sind, so gern ist man doch darüber informiert, welche Schicksalsschläge, ob positiv oder negativ, ihnen über die Jahre hinweg passieren – doch das hohe Level an Spam verschluckt auch diese letzten Brocken sozialer Inhalte.

Werber nennen es Content-Marketing. Sie schaffen relevante Inhalte, bespielen Kanäle und zahlen zur Not drauf, um auch wirklich im Newsfeed der relevanten Zielgruppe zu landen und nicht von ihr übersehen zu werden. Der Inhalt mag sogar zu den angegeben Interessen gehören und trotzdem widerspricht es der ursprünglichen Idee des Newsfeeds. Der Idee von Facebook. Der Idee, Personen zu verbinden und es einem zu erleichtern, alle Updates der Liebsten und Bekannten auf einen Blick zu haben. Ist das vielleicht auch der Grund, warum Status-Updates und Selfies nur noch peinlich sind? Wie soll eine persönliche Mitteilung, ein Erlebnis, ein Insider-Witz, ein schlecht beleuchtetes Fotos des Alltags mit den professionellen, oder zumindest den viralen, lustigen Fotos der professionellen Seiten, auch mithalten können? Wie wollen wir das Soziale in dieses soziale Netzwerk zurückbringen? Oder uns zumindest aus der Schlinge eben dieser befreien?

Lösungsansätze gibt es viele, aber so richtig mag nichts zum mentalen Wundermittel avancieren. Die pure Besuchszeit auf Facebook zu reduzieren, das wäre ein Anfang. Das einst freiwillig gegebene Like auf Seiten zu entfernen, wäre der nächste Schritt. Lieber allein als in schlechter Gesellschaft. Lieber ein leerer Newsfeed als nur Müll, der einen kostbare Lebenszeit kostet. Oder wenigstens, wie etwa bei Twitter, Freundeslisten erstellen und sich nur noch diese anzeigen lassen. Bei der Anzahl von unterschiedlichen Gesichtern doch ein bisschen zu aufwendig, aber definitiv eine Möglichkeit. Adora hat für sich herausgefunden, dass sie glücklicher ist, wenn sich nur noch auf wesentliche Funktionen konzentriert. Wie etwa Nachrichten schreiben oder an Events teilnehmen. Und Ruby möchte erst gar nicht mit Facebook anfangen. Ach, wenn es doch so einfach wäre…

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Jack & Jones

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