Demonstrationen in Deutschland - Demonstrationen in Deutschland – Gegen NSA, Überwachung und sowieso

Ausreden, warum nicht viele Menschen zur Demonstration in Folge des Überwachungsskandals nach Berlin gekommen waren, gab es reichlich. Die Sonne schien zu hell. Die Veranstalter verfehlten das Thema. Die hiesige…
Demonstrationen in Deutschland

Demonstrationen in Deutschland – Gegen NSA, Überwachung und sowieso

Ausreden, warum nicht viele Menschen zur Demonstration in Folge des Überwachungsskandals nach Berlin gekommen waren, gab es reichlich. Die Sonne schien zu hell. Die Veranstalter verfehlten das Thema. Die hiesige Bevölkerung feierte viel lieber den 60. Jahrestag des Endes des Koreakrieges. Vielleicht. Hauptsache die Festlichkeiten fanden an einem kühlen See in der Umgebung und mit reichlich Eis, Bier und Sonnencreme statt.

Um die 2000 Besucher waren am vergangenen Samstag zum Heinrichplatz im Szenebezirk Kreuzberg gepilgert, um dort gemeinsam mit der Piratenpartei, den Grünen und einigen sich unter Aluhüten versteckenden Verschwörungstheoretikern gegen die amerikanische National Security Agency und ihre Pläne, die gesamte Weltbevölkerung systematisch auszuspähen, zu demonstrieren. Jedenfalls dachten wir, dass es darum geht.

Es muss um die 90 Grad Celsius im Schatten sein, als wir am frühen Nachmittag an der Kreuzung nahe des Kottbusser Tors ankommen. Ein großer offener Wagen voller bunter Plakate, grinsender Love-Parade-Nostalgiker und kostenlosem Rebellionsmerchandising versperrt die Straße, ein paar Polizisten regeln lautstark den Verkehr. Um uns herum: Viele schwitzende Gesichter und einige “V wie Vendetta”-Masken. Die ebenfalls vor Schweiß glänzen.

Anscheinend sind wir genau zum richtigen Zeitpunkt eingetroffen, jedenfalls greift ein junger Mann mit langen Haaren, schwarzer Sonnenbrille und hellem Edward-Snowden-T-Shirt zum Mikrofon und begrüßt die in mehrerlei Hinsicht brodelnde Menge. Er erzählt Dinge, die wir bereits aus den Medien wissen, keine Ahnung, ich höre ihm nicht richtig zu, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, korrekt zu transpirieren. „Das ist Stefan Aumueller“, höre ich von hinten.

Die Menge klatscht und jubelt, als er fertig ist, „Jetzt geht es los“, denke ich mir, gleich marschieren wir alle zum Reichstag und Angela Merkel wird vor lauter Schreck die Amis aus dem Land vertreiben, Bradley Manning persönlich aus dem Gefängnis befreien und öffentlich erklären, dass wir alle selbstständige Bürger sind, Datenschutz das höchste Gut ist, Stasi 2.0 keine Realität sein darf. Dann wird sie sich zum Zeichen des Vertrauens die Klamotten vom Leib reißen und jodelnd in Menge hüpfen. Mit kaltem Eistee in ihren Brüsten. Fehlanzeige.

Ein beleibter Pirat mit Cowboyhut greift zum Gerät, danach ein schlaksiger Herr, ihm folgt eine amerikanische Bürgerrechtlerin. Sie meint es nicht böse, aber sie spricht eine gute viertel Stunde lang über die beängstigend weitläufige Geschichte ihres Heimatlandes, den kalten Krieg und dass nicht jeder Amerikaner ein Idiot ist. Die Menge stöhnt auf. Ein kleines Kind weint. Ich gucke die Eltern böse an. Wie sie es wagen können, trotz dieser Hitze und der lauten Musik ihre Sprösslinge mit zu zerren. Sie gucken nur verdutzt zurück. Datenschutz ist eben wichtiger als die Gesundheit.

Der junge Mann mit den langen Haaren, der schwarzen Sonnenbrille und dem hellen Edward-Snowden-T-Shirt ist wieder an der Reihe. Dass wir jetzt einen 10-minütigen Audiobeitrag hören. Und dann würden wir auch los gehen. Die Menge buht, „Wir gehen jetzt los!“, ruft einer der Verschwörungstheoretiker. Kurze Beratung mit den Love-Parade-Nostalgikern. Jaja, wir gehen jetzt los. Die Menge jubelt. Ein Mann schwenkt hastig seine Die-Linke-Fahne, die daneben stehende Frau hält Bücher in die Luft. Vermutlich passend zum Thema, so genau schaue ich nicht hin.

Ohnehin habe ich das Gefühl, dass der ein oder andere hier, ob zu Wort gekommen oder auch nicht, den Sinn dieser Veranstaltung nicht so ganz begriffen hat. Schließlich waren die meisten Menschen hierher gekommen, um der deutschen Bundesregierung, und der Welt, zu zeigen, dass sie sich nicht von den USA ausspionieren lassen wollten. Und um andere zu ermutigen, dem ebenfalls Ausdruck zu verleihen. Weder wollten sie Werbung von Randparteien sehen noch einen ausschweifenden Geschichtsunterricht hören und schon gar keine Venezuela-Solidaritätsnoten über sich ergehen lassen. Mein Kopf tut weh.

Der offene Wagen beginnt dumpfe elektronische Töne von sich zu geben und überrollt beim Wenden gut ein Drittel der laut schnaufenden Demonstranten. Dann geht es auch schon los. Ich knipse noch ein paar Fotos, wir lassen uns langsam nach hinten fallen. Ob wir da jetzt noch wirklich mitlatschen wollen, fragt meine Begleitung. Bestimmt schüttle ich den Kopf. Während sich pflichtwidrige Eltern, schwitzende Piraten und die amerikanische Labertasche den Weg ins Herz von Berlin bahnen, schieben wir unsere nassen Körper zum nächsten U-Bahnhof, um den restlichen Tag mit eisgekühlten Getränken auf dem Balkon zu verbringen. Irgendwer muss immerhin den 60. Jahrestag des Endes des Koreakrieges feiern. Macht ja schließlich sonst keiner. â—¼

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2 Kommentare

  • Yucca

    Richtig so. Ich empfinde ähnliche Wut angesichts dessen was nicht nur die NSA da abzieht, und was unsere Herrscher anscheinend billigen in der Hoffnung, die Technologie selbst mal zu nutzen. Allerdings: Demonstrationen gegen antidemokratische Institutionen im Ausland… ich fürchte, die Wirkung ist gleich null.

  • Tabita

    Na, dann war dir das Thema wohl auch nicht wichtig genug. Am 31.08. sind wieder Proteste angemeldet. Ich denke mal, dass es dir diesmal nicht zu heiß werden dürfte?! Besser ich geh zu einer schlecht gemachten Demo als nur daheim bisschen herumzunörgeln…