Feuer, Jubel, Bass - Feuer, Jubel, Bass – Ein Wochenende auf dem Melt!

Wer an diesem Freitag Abend über die hell erleuchteten und von überall her beschallten Ebenen von Ferropolis, der Stadt aus Eisen, wandelt, der wird mit Geschichten und Gesichtern bombardiert. Auf…
Feuer, Jubel, Bass

Feuer, Jubel, Bass – Ein Wochenende auf dem Melt!

Wer an diesem Freitag Abend über die hell erleuchteten und von überall her beschallten Ebenen von Ferropolis, der Stadt aus Eisen, wandelt, der wird mit Geschichten und Gesichtern bombardiert. Auf der linken Seite rennen hastig drei, als bunte Matrosen verkleidete, Niederländer vorbei, schnell, schnell zur Hauptbühne, auf der anderen liegt sich ein Pärchen in den Armen, sie kichert unentwegt, er ruft laut etwas von Freiheit und Techno und körperlicher Liebe. Und mitten auf dem Weg steht ein Mädchen, dessen Brüste nur durch ein paar bunte Aufkleber bedeckt sind. Es weint, ein paar Helfer ziehen es fort, plötzlich Feuer am Himmel, Jubel, Bass. Das Melt! Festival ist in vollem Gange, Tanzen bis zum Morgengrauen – wenn man es denn durchhält.

Als wir auf dem Campingplatz, der für Journalisten, Mitarbeiter und mehr oder minder wichtige Menschen reserviert ist, ankommen, liegt das musikalische und auch humane Feuerwerk der nahenden Nacht noch in weiter Ferne. Momentan ist es uns wichtiger, dass wir beim, an Herausforderungen nicht mangelnden, Zeltaufbau unter der prallen Sonne nicht einfach umfallen – und lächelnd liegen bleiben. Und dass wir unser Lager nicht gerade neben den Toiletten und den öffentlich einsehbaren Urinalen aufschlagen. Was sich als schwierig erweist. Ein Geruch von Ammoniak und dichteren Körperausscheidungen liegt des Öfteren in der Luft. Man gewöhnt sich daran. Etwas anderes bleibt einem kaum übrig.

25.000 feierwütige Besucher fanden ihren Weg am vergangenen Wochenende nach Gräfenhainichen, um auf der nahegelegenen Halbinsel, auf der früher Werkstätten, Energieversorgungseinrichtungen und Sozialanlagen des Tagebaues Golpa-Nord standen, ihren Alltagssorgen mit Musik, Alkohol und Drogen zu entfliehen. Internationale Bands wie Woodkid, Disclosure und Babyshambles hatten sich angekündigt, wer genügend Energie besitzt, wechselt unentwegt zwischen den verschiedenen Bühnen, schreit, als Azealia Banks ihre Hüften schwingt, tanzt, als Modeselektor den Strand mit Beats fluten, hüpft, als längst vergessene Boybands in der kleinsten Disco der Welt zu neuem Leben erwachen.

„Das war das für mich persönlich, und hoffentlich auch für die Besucher, entspannteste Melt! Festival aller Zeiten, mit einem ambitionierten Line-up, das als Statement für das Festival gelten könnte“, schätzt Stefan Lehmkuhl, künstlerischer Leiter, das jährlich stattfindende Großereignis ein. „Es war perfektes Wetter, die Bands alle pünktlich auf der Bühne und die tollen Menschen haben für eine euphorische Stimmung gesorgt. Es gab unzählige Melt!-Momente, die dieses Festival so besonders machten und mit Worten nicht zu beschreiben sind. Nur die, die vor Ort waren, kennen das “Melt! Gefühl”.“

An die ganz großen internationalen Festivals, Coachella, Burning Man oder auch Roskilde, reicht dieses ganz spezielle “Melt! Gefühl” zwar nicht heran, dafür überzeugt Ferropolis aber durch ein lockeres Hippiegefühl, eine perfekt ausgewählte Szenerie und das ganz objektiv gesehen schönste Publikum Europas. Mutige Modelscouts hätten hier leichtes Spiel gehabt – jung, gut gebaut und hübsch waren sie an diesem in mehrerlei Hinsicht überhitzten Ort allesamt. Bis zum Sonnenaufgang halten wir es an diesem ersten Abend nicht aus, um drei Uhr morgens ist bei uns Feierabend. Wir fühlen uns ein wenig schlecht, aber noch einen Schritt mehr, hätten uns unsere Beine nicht verziehen. Leise wird es in dieser Nacht nicht.

Am nächsten Tag sind wir mit ein paar Berlinern Bloggern unterwegs. Wir begleiten sie auf ihrem Weg zum Pressezentrum, ein kleiner Raum über der eigens von Philips gesponserten Bühne. Hier treffen sich Journalisten aus der ganzen Welt, es gibt kostenlose Kaltgetränke und zur freien Verfügung stehende Laptops, auf der anderen Seite des Raums zeigt ein großer Flachbildschirm das aktuelle Geschehen.

Nike ist 25 Jahre alt, schreibt für das Modeblog This Is Jane Wayne und arbeitet für einen deutschen Musiksender. Sie ist etwas im Stress, koordiniert Interviews mit Künstlern und schickt Redakteure herum. Sie wurde zwar eingeladen und musste für die Tickets nichts zahlen, doch dafür ist die Freizeit knapp und die Stimmung getrübt. Über das Melt! wird sie später schreiben: „Scheiße, ich werde alt. Und ich kann nicht's dagegen tun, ich Langweiler. Meine Liebe zum Melt! Festival ist wirklich groß. Trotzdem fällt mein Resümee wie folgt aus: Ich habe mich gehen lassen. Ich habe verlernt, drei Tage durch zu tanzen und den anstehenden Montag zu vergessen.“

Ein großer deutscher Lebensmittelhersteller hat Christine wiederum auf das Festival geschickt. Sie soll Backwaren unter den Besuchern verteilen. Also steht sie mit einem Pappschild im Weg der Massen. Darauf zu lesen ist: “Kekse gegen Küsschen”, eine herbei geeilte Kollegin hilft ihr bei der mehr oder minder spontanen Aktion. Aber ohne Zunge, der mitgereiste Freund steht schließlich wachsam daneben. „Dieses Jahr habe ich alles richtig gemacht“, erzählt uns die 27-jährige Redakteurin. „Ich habe mich auch der richtigen Begleitung angeschlossen, welche mich vor die Bühne mitschleppt und ich nicht im Campingplatz-Bermuda-Dreieck zwischen Dönerbude, Campingstuhl und Dixi Klo verloren ging.“

Weniger entspannt ist Julia. Während sie sonst dafür zuständig ist, dass mehr Leute nach Neuseeland und Schweden reisen, sitzt sie jetzt im VIP-Zelt, um einigen Bands für ihr Musikblog PonyDanceClyde Fragen zu stellen. Sizarr, Mykki Blanco, Charli XCX. Ein paar technische Schwierigkeiten machen ihr zu schaffen. Das iPhone ist voll, das Diktiergerät umständlich zu bedienen. Sie wird nach hinten in den Künstlerbereich gerufen, zumindest das Interview mit Sizarr läuft gut, die Jungs kennt sie noch aus ihrer Kindheit in Landau. Ein paar gemeinsame Fotos später steht die Band auf der großen Bühne in der Mitte des Geländes. Aufgabe erledigt, zurück ins Pressezentrum, der nächste Termin lässt nicht lange auf sich warten.

Von all diesem Trubel bekommt das lässig herum streunende Publikum wenig mit, die Leute stehen sich an Fressbuden die Beine in den Bauch, schwimmen eine Runde im Gremminer See oder tanzen unermüdlich auf dem “Sleepless Flore” zu peitschenden Takten und eingängigen Melodien. Das Wetter ist gut, ein paar Wolken sorgen ab und zu für die sehnlich erhoffte Abkühlung, dann wieder Sonne und pure Hitze. Die meisten Besucher haben bereits auf allzu viel Kleidung verzichtet. Uns läuft ein nackter junger Mann entgegen, dessen Genitalien lediglich von weißer Sonnencreme bedeckt sind. „Irgendwie muss ich mich ja schützen“, ruft er uns augenzwinkernd zu.

Die diesjährigen Bands überzeugen nur teilweise. Während ein paar Ausnahmen wie Woodkid, Azealia Banks und Disclosure für ausgelassene Stimmung sorgen, haben einige Künstler sichtlich Schwierigkeiten, die Hörer völlig in ihren Bann zu ziehen. „The Knife, Trentemöller und Modeselektor haben einen rabenschwarzen Tag erwischt“, bewertet Social-Media-Berater Thang die Auftritte. „Mount Kimbie, Claire und Siriusmo waren befriedigend, James Blake, MS MR und Sizarr schlicht zu langweilig.“ Kapellen wie Babyshambles oder Kettcar wollen nicht wirklich in den Rest des überwiegend elektronisch veranlagten Lineups passen. Sie wirken wie alternde Dinosaurier im Meer der bunten Farben und aufgeputschten Jugendlichen.

Überhaupt scheinen die Konsumenten der Tickets gar nicht primär wegen der musikalischen Darbietung auf das Melt! Festival gekommen zu sein. Bei einer Umfrage des Webportals MSN gaben lediglich 45 Prozent der befragten 2000 Personen an, dass sie sich wegen der Auftritte für ein Festival entscheiden würden. Der mehrheitliche Rest bevorzuge das Drumherum, also Sex und den Konsum von Alkohol und Drogen. 21 Prozent bekannten sich dazu, illegale Aufputschmittel auf Festivals zu nehmen oder genommen zu haben, über 25 Prozent gaben zu, mit einem Fremden geschlafen zu haben. Weitere 13 Prozent bestätigten die Teilnahme an einer Prügelei. Schlussendlich sagten 47 Prozent der Befragten aus, dass sie etwas getan hätten, dass sie “niemals außerhalb der Festivalumgebung erwägen würden zu tun.”

„Niveau und Kommerz-Festival Melt! vertragen sich ganz einfach nicht“, ist das Fazit von Georg, der für ein großes Softwareunternehmen arbeitet. „Aber das ist völlig okay, denn sobald man versucht, den Niveaulimbo zu verweigern, endet man stattdessen in der Spirale des Partytodes. Man regt sich die ganze Zeit über andere auf, anstelle sich auf Musik und Freunde zu konzentrieren, was ja eigentlich viel schöner wäre, oder? Aber hey, ich rufe hier nicht dazu auf, Gesichter 30 Minuten vor Festivalbeginn in Glitzer einzulegen oder behinderte Kackkostüme anzuziehen. Lasst die anderen Opfas Opfas sein, aber habt bitte Spaß dabei!“

Auch in der Samstag Nacht halten wir es nicht bis zum Morgenrot aus, um 4 Uhr morgens fahren wir mit dem Bus zurück zum Campingplatz. Kaputt, müde, mit dem Gedanken im Kopf, doch langsam alt zu werden, und der ständig währenden Frage, ob wir uns so eine Tortur im nächsten Jahr noch einmal antun sollten. In irgendeiner Art und Weise. Länger geht nicht, das weiche Kopfkissen und die stramme Luftmatratze werden zu unseren besten Freunden. Ohne die Einnahme von Betäubungsmitteln sind wir einfach im Nachteil, reden wir uns ein. Die Nacht ist kurz, der Körper verschwitzt, der Wunsch nach Ruhe und Entspannung groß. Unser Abenteuer namens “Melt! Festival” endet am Sonntag, um genau 12 Uhr, der kleine blaue Peugeot wird mit unseren Habseligkeiten vollgestopft, es folgt eine zweistündige Autofahrt zurück in die deutsche Hauptstadt, schnell noch zum Vietnamesen nebenan und dann schlafen, im eigenen Bett, eine Wohltat. Einen bleibenden Eindruck haben die vergangenen Tage nicht wirklich hinterlassen.

Das Melt! Festival ist temporäre Autonomie, körperliche Freizügigkeit und mentale Enthemmung. Wer sich eine goldene Eintrittskarte ins kapitalistische Hippieparadies geleistet hat, der darf zwischen gut aussehenden Menschen feiern, zu lauter Musik tanzen und sich von energievollen Geschichten inspirieren lassen. Wer kann, wirft sich kopfüber in die Quelle der ewigen Jugend, doch man muss sich bewusst sein, dass jeder Besuch an Bedeutung verliert. Wer mehr will, der sollte einmal über den nationalen Tellerrand gucken und sich trauen, mit seinen Freunden auch mal nach Großbritannien, in die Ukraine oder nach Amerika zu reisen, um sich nicht in der jährlichen Monotonie der immer selben Festivals zu verlieren.

Es sind die Menschen, die dieses Event am Leben erhalten. Die drei hastig vorbei rennenden, als bunte Matrosen verkleidete, Niederländer, das sich in den Armen liegende Pärchen, das unentwegt kichert und laut etwas von Freiheit und Techno und körperlicher Liebe ruft, das weinende Mädchen, dessen Brüste nur durch ein paar bunte Aufkleber bedeckt sind. Ohne sie wäre Ferropolis eine eiserne Geisterstadt, deren unendliches Potential an Spaß, Erlebnissen und Erinnerungen nutzlos versiegen würde. Plötzlich Feuer am Himmel, Jubel, Bass. Das Melt! Festival ist in vollem Gange, Tanzen bis zum Morgengrauen – wenn man es denn durchhält.

Guess

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