Von Berlin nach Tokio - Willkommen in deinem neuen Leben

Seitdem ich ein kleines Arschloch war, war es mein Traum, nach Japan zu ziehen. Nach Tokio. In die vibrierendste und bunteste Stadt der Welt. Da gab es für mich gar…
Von Berlin nach Tokio

Willkommen in deinem neuen Leben

Seitdem ich ein kleines Arschloch war, war es mein Traum, nach Japan zu ziehen. Nach Tokio. In die vibrierendste und bunteste Stadt der Welt. Da gab es für mich gar keinen Zweifel. Die ganze Nacht in irgendwelchen verrauchten Mangacafés abhängen und sich mit Videospielen und Bier die Zeit vertreiben. In Schuluniformen verpackten, dürren Mädchen in irgendwelchen geheimen Rockclubs über die Wange lecken. Sich selbst an den Neonschildern und Ramen-Restaurants und Einkaufscentern aufgeilen.

Und wisst ihr noch, als ich diesen höchst provokanten Artikel mit dem Titel “Ein Abschied – Berlin, du kannst mich mal!” verfasst habe, in dem ich im übertragenen Sinne “Adios, Bitches!” schreie und mit Sack und Pack zurück nach Japan ins Flugzeug gestiegen bin, um dort das nächste Jahr meines immer kürzer werdenden Lebens zu verbringen? Ja? Genau. Und jetzt sitze ich hier. In Tokio. Und ich denke mir: “Hm. Joah.”

Dieser Traum war seit Jahren, Epochen, so tief in mir verwurzelt, dass ich womöglich gar nicht über die Konsequenzen nachgedacht habe, die diese Entscheidung für mich bedeutet hat. Ein Jahr nach Japan ziehen. Mit fast 30 Jahren. Wenn ich nur Tokio gehört habe, schnitt ich mit meiner daraus resultierenden Latte Stahlwände auf und sabberte auf die neben mir liegenden AKB48-Fanzeitschriften, die ich mir vor ‘nem halben Jahr gekauft hatte, und von denen ich immer noch kein Wort verstand. Aber was will man da auch schon viel verstehen. Singende Mädchen in Bikinis eben.

Die geile Romantik erlischt, sobald man in seinem kleinen Apartment angekommen ist. Früher dachte ich: „Scheiß egal, kleine Butze, ich penn’ da doch eh nie drin, raus, raus, Party, Shibuya, ahhhhhhh! Bestes Leben ever!“ Heute denke ich mir: „Also für das Geld könnte ich mir ja ‘ne Dreizimmerwohnung in Kreuzberg mieten. Und ‘n paar schönere Möbel hätten’s auch getan. Gott, ist der Kühlschrank laut…“

Früher dachte ich: „Ich will auch ein japanischer Teenager sein, die retten doch eh alle mit ihren Riesenrobotern die Welt, während sie Hausarbeiten machen und Folge für Folge mit der süßen Rothaarigen anbandeln!“ Heute denke ich mir: „99% aller Leute hier verstehen kein Wort davon, was ich sage. Ich wollte meine Suppe HEISS, HEISS, nicht kalt, HOT, HOTTO, ATSUI! Fuck, ich werde hier elendig verhungern…“

Früher dachte ich: „Ist mir egal, was ihr alle macht, ich bin schon glücklich, wenn ich einfach im Starbucks in Harajuku sitze und diese laute, pralle Fashion-Musik-Welt einatme. Ganz tief einatme…!“ Heute denke ich mir: „Setzt sich keiner neben mich, weil ich Ausländer bin? Haben die Angst vor mir? STINKE ICH ETWA? Ich würde jetzt meinen rechten Hoden für ‘ne Mandel-Marzipan-Schnecke vom Zeit für Brot geben…“

Ich meine, ich bin jetzt 29 Jahre alt. Und ich fühle mich wie damals, als ich zum ersten Mal in Berlin angekommen bin. Sich wieder ‘nen komplett neuen Freundeskreis aufbauen? In ‘nem kleinen Loch vor sich hinvegetieren? Und wieso kosten die Äpfel hier fünf Euro?! Ach Kinder, womöglich bin ich einfach zu alt für diesen Scheiß. Womöglich sollte man sowas mit 18 machen. Und nicht erst jetzt. Das hier fühlt sich nicht an wie die unglaubliche Freiheit, sondern wie ein Exil. Und dass ich zu Hause gerade unglaublich viel verpasse.

Seitdem ich ein kleines Arschloch war, war es mein Traum, nach Japan zu ziehen. Nach Tokio. In die vibrierendste und bunteste Stadt der Welt. Da gab es für mich gar keinen Zweifel. Doch ich habe mir seit Jahren nicht mehr die Zeit genommen, ob das auch heute noch mein Traum ist. Oder ob sich meine Prioritäten geändert haben. Ob es richtig ist, in unregelmäßigen Abschnitten alles hinzuwerfen und von vorne zu beginnen.

Also sitze ich hier und male mir aus, was ich mit dem Geld, das ich hier zum Fenster rauswerfe, alles machen könnte. Mit den Menschen, die ich lieb gewonnen habe. Mit Äpfeln, die so günstig sind, weil es einfach nur beschissene Äpfel sind – und nicht in Früchte umlackierte Goldbarren. Tokio ist der Wahnsinn. Darüber gibt es keine Diskussion. Aber jede Stunde steigen die Zweifel in mir, dass das hier mein Platz für länger ist.

Werdet ihr hier etwa Zeuge des größten Spacken aller Zeiten? Er wirft alles hin, um nach zwei Tagen dumm herum zu heulen und nach seiner Mami zu rufen? Wird mein Foto demnächst im Lexikon neben den Begriffen “Ironie” und “Haha!” abgedruckt? Erst Berlin bis zum Abwinken dissen und dann reumütig und auf allen Vieren zurück kriechen wollen? Nene, so nicht mein Lieber! Du hast sie doch nicht alle…

Vielleicht sind das hier ja nur die ersten Züge des Heimwehs, die sich in mir austoben. Womöglich sitze ich in einigen Monaten oder gar Jahren hier, denke an diese Zeilen zurück und frage mich, wie ich so einen Unsinn nur auf digitales Papier bringen konnte. Möglicherweise verschlingt mich die Stadt schon bald mit Haut und Haar und die Liebe, die ich im letzten Sommer verspürt habe, kehrt zurück.

Vielleicht sitze ich aber auch schon in ein paar Tagen zurück im Flieger in die Heimat. Sehe das verballerte Geld als Investition in das Verständnis dafür, was mir wirklich wichtig ist und was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Gehe in die Geschichte als der undankbare Tokio-Verehrer ein, der die Chance hatte, hier sein Glück zu finden, und es für immer bereuen wird. Egal, was er auch macht.

Was ich auf jeden Fall gelernt habe: Ab und zu nachdenken. Auch über Dinge, sie so elementar in einem verwurzelt sind, dass sie vermutlich kein Update mehr benötigen. Nicht immer wie ein Vollidiot auf Pep hechelnd jeden Scheiß mitmachen, nur weil sich gerade die Möglichkeit dazu bietet. Ab und zu nachdenken. Mit dem Kopf und so. Tokio: Ja. Aber vielleicht nicht für ein ganzes Jahr. Vielleicht.

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