Ein Abschied - Berlin, du kannst mich mal!

Tatsächlich hatte ich mir fest vorgenommen, bei meinem Abschied aus Berlin einen epischen, allumfassenden, ja, gar phänomenal reflektierenden und kritischen Artikel über die Hauptstadt zu verfassen. Einen Text, der alles…
Ein Abschied

Berlin, du kannst mich mal!

Tatsächlich hatte ich mir fest vorgenommen, bei meinem Abschied aus Berlin einen epischen, allumfassenden, ja, gar phänomenal reflektierenden und kritischen Artikel über die Hauptstadt zu verfassen. Einen Text, der alles wegbombt, was jemals über diese Metropole geschrieben wurde, jeden Song in den Schatten stellt, jedes Gedicht wie einen vergilbten Lidl-Einkaufszettel aussehen lässt.

Und jetzt liege ich hier, krank im Bett einer Freundin, während ich die richtigen Worte für dieses legendäre Résumé suche, und in mir leuchtet nur ein Gedanke auf: Dass ich gegen den Fernsehturm kotze, wenn ich auch nur noch einmal einen epischen, allumfassenden, ja, gar phänomenal reflektierenden und kritischen Artikel über Berlin lese. Denn ganz ehrlich: Berlin, du kannst mich mal!

Dass ich hier in den letzten fünf Jahren eine Achterbahnfahrt der Gefühle mitgemacht habe, dürfte jeder mitbekommen haben, der AMY&PINK länger als zwei Wochen liest. Das ging von verhunzten Beziehungen über nächtliche Regenbogentrips bis hin zu traumatischen Erkenntnisse, ich habe diese Stadt bis aufs Letzte gemolken und bin froh mit diesen Leuten in dieser Zeit an diesem Ort gewesen zu sein.

Mit wurde erst spät klar, dass niemand von uns hier das wahre Berlin entdeckt hatte. Und es auch gar nicht wollte. Wir lebten in einer Traumblase, voll von Hipsterflohmärkten, Fashion Weeks, After Hours, Agenturmenschen, Koksklos. Eine Welt, die von denen am Leben gehalten wird, die von weit weg in diese Stadt gekommen sind, und sich inmitten von Hundescheiße, Baustellen und Currywurstbuden ihre eigene Vision von einem Berlin aufgebaut haben, in denen MacBook-Besitzer am Dienstag Nachmittag vor dem Sankt Oberholz sitzen und neue soziale Netzwerke basteln.

Nichts, was wir hier vollbrachten, hatte auch nur irgendeinen Nutzen für die Stadt und die Menschen, hatte nichts mit der Geschichte einer zweigeteilten Legende zu tun, kann guten Gewissens als einzigartig bezeichnet werden. Wir werden in die Annalen von Berlin als Heuschrecken eingehen, die mit ihren iPhones minimal eingerichtete Loftbüros besetzten, Club Mate zum Leitungswasserersatz erklärten und unsere Seelen in Projekte investierten, die weder Mehrwert noch Ewigkeit besaßen. Social Media fraß unsere Ideale.

Viele, mit denen ich das Abenteuer Hauptstadt begonnen hatte, sind schon gar nicht mehr hier. Sind in andere Städte verschwunden, hielten nicht durch, konnten nichts mit “Arm, aber sexy” anfangen. Wieder andere gingen voll im Kreuzberger Kessel auf, fanden ihr Glück zwischen all den Altbauwohnungen und Spätis. Und ich stehe da und habe alles durchschaut und alles gesehen und bin gelangweilt.

Ich vögelte rothaarige Berlinerinnen ins neue Jahr und blondierte Musikbloggerinnen durch Plattenbauten, lernte die diversen Döner- und Köftebuden der Stadt nach meinem Kotzreiz zu unterscheiden und prügelte mich mit besoffenen Nazis am Ostbahnhof. Niemand kann mir mehr das Beten und das Ziehen und das Schreien und das Lächeln und den Sonnenaufgang nehmen. Doch die Party ist vorbei, die Stadt ist leer gefühlt.

Manchmal bin ich neidisch auf diejenigen, die hier ihr perfektes Glück gefunden haben. Die zunächst gegen den Puls dieser Straßen rebellierten und sich nun zu seinem Takt bewegen. Die hier ankamen und verzweifelten und verschluckt wurden. Aber so sehr ich es auch versuchte: Dieser dreckige, unheilige Ort konnte noch nie Besitz von mir ergreifen, die Faszination wich dem Glanzlosen. Es ist aus mit uns.

Und so kehre ich Berlin nun den Rücken. Ich zog lachend aus meiner Wohnung aus, ohne zurück zu schauen, werde Menschen vermissen, von denen ich weiß, dass sie den Verstand noch nicht verloren haben und ihren eigenen Weg gehen werden, und bin glücklich zu wissen, dass dieser Abschied nun unumgänglich, aber nicht für immer ist. Vielleicht komme ich ja zurück. Mit einer neuen Perspektive.

Meine Gedanken werden von einer eMail unterbrochen, die in diesem Moment in meinem Postfach landet. Eine Erinnerung der Fluggesellschaft, dass es in vier Tagen losgeht. Und ob ich an alles gedacht habe. Für meine Reise von Berlin nach Tokio. Und ich sitze da und bin frei und ich lächle. Weil ich keinen epischen, allumfassenden, ja, gar phänomenal reflektierenden und kritischen Artikel über die Hauptstadt geschrieben habe.

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NA-KD

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18 Kommentare

  • Naddl

    Nicht, dass Du in einem Jahr diesen Text mit “Suchen/Ersetzen” für Tokio postest!

    Du bist größer als Berlin und auf dass Deine Seele dahinten mehr gekitzelt wird als hier :) hdl.

  • Aenninger

    Das scheinbar glanzlose Berlin wird ohne Dich, dann doch noch ein wenig glanzloser! Aber kein Problem… Ich fresse, trinke und kotze in der Zeit Konfetti für Dich mit und wenn Du dann irgendwann wiederkommst, dann verspreche ich Dir hoch und heilig, dass sich nichts… Wirklich gar nichts verändert haben wird! Versprochen.

  • Benni

    All das, was du an Berlin so schrecklich findest, hast du übrigens mit dieser website immer wieder auf’s Neue mit gestärkt. Wie viele Hipster, Agenturkokes und Erstsemesterpartyfriedrichshainer ziehen sich Amy und Pink rein. Man kann es nicht zählen. Viel Spaß in Tokyo, und zerblogg denen bitte nicht auch noch ihre Stadt.

  • berlinique

    es wird genau das gleiche in tokyo werden, harajuku, love hotels ,karaoke, shibuya und dit janze wird glitzern und funkeln und nach ner weile anfangen zu ätzen- Berlin ist das was man draus macht und auch das afterhour fashion week mitte pop desaster hast du dir so zusammen gesucht und gebastelt um es zu leben. hättest auch was anderes draus machen können ,haste aber nicht. also weiter voll auf die 12 mit viel titten, blut und sperma und bass – jute reise

  • Superhorst

    GEIL! Die Schwaben verlassen Berlin und ziehen weiter! Endlich.

    ES sind ja die Magazine, wie Amy & Pink, die diese saufende Hipsterkultur in Berlin erst mal hochgeschrieben haben und jetzt nehmen diese Menschen endlich ihre Hornbrillen und machen sich davon.

    Schön. Schön. Schön.

    Möge Tokio dir kräftig in den Arsch treten, dir Spaß bringen und hoffentlich so viel Auskommen sichern, dass du den deutschen Hipstern erzählen kannst, Tokio wäre das nächste große Ding. Dann kommen die maulenden, selbstgerechten und immer sarkastischen Schwabenkinder alle zu dir nach Tokio.

    ABER warte mal! Da tun mir dann auch die BewohnerInnen von Tokio leid.

    Hmm. Anyway – hau rein – du Saftsack! Deine Seite hier ist trotzdem geil und ich hab Respekt vor deiner Arbeit.

  • ANNA

    ätschibätschi fällt mir dazu ein.

    (aber vorfreude auf die ergüsse über eine weitere kranke stadt)

  • Wenn du irgendwann doch mal echte Berliner und echtes Berlin jenseits der fancyness sehen willst, sag bescheid.
    Allet Jute!

  • Top reflexion. <3

    Ich wünsche dir alles, alles gute mein lieber!

  • Tokioooooo… deine Liebe!

  • Gee

    haha, na viel spass in Japan, ich gebe dir 1-2 Monate bis zu merkst, dass die meisten japaner sehr oberflächlich, dumm und rassistisch sind und alle anderen Völker als minderwertig ansehen. Ok, Tokyo ist riesig und Sushi schmeckt toll, auch sind asiatsiche Frauen meist ziemlich geil im Bett, doch ich Wette du wirst dich da noch viel schneller langweilen als unter den Becks und Speed möchtegern Hipstern in Berlin, es sei dem du lernst schnell fliessend japanisch zu sprechen (muss). Es gibt nur zwei wahre Orte, dein Hirn und dein Herz. Ist man da nicht zu Hause, wird man es nirgends auf der Welt sein. Wenn du aber unbedingt einen coolen Ort zum leben sucht, kann ich dir Sydney und Melbourne ans Herz legen, nicht ganz so teuer und stressig wie Tokyo und auch genug Asiabitches zum knallen.

  • Typ

    Komm bitte nicht wieder. Und nimm deine Freunde gleich mit.

  • ju

    home is where your friends are. egal wo.

  • mandelman

    schreibst du mal einen artikel über das berghain bzw die panorama bar?

  • rudie

    “Social Media fraß unsere Ideale.” Ist auf jeden Fall einer der schlausten Sätze, die ich in diesem Jahr bis jetzt gelesen habe.

  • Benedikt

    Danke Marcel dafür dass du uns daran erinnert hast das du auch großartig schreiben kannst und dafür dass ich mich jetzt wundere wie du es schaffst, so viel Wahrheit über Unwahrheiten zu vermitteln von denen AMY&PINK lebt.

  • VON BERLIN NACH TOKIO × WILLKOMMEN IN DEINEM NEUEN LEBEN × BACKSTAGE × AMY&PINK

    […] wisst ihr noch, als ich diesen höchst provokanten Artikel mit dem Titel “Ein Abschied – Berlin, du kannst mich mal!” verfasst habe, in dem ich im übertragenen Sinne “Adios, Bitches!” schreie und […]

  • Deniz

    Tschüss wa, kann ich jetzt deine Wohnung haben ?

s.Oliver