Ein Aufschrei - Stefan und mein erster Blowjob

Stefan war ein überaus höflicher Junge. Jedenfalls zu der Zeit, als er zu uns an die Schule kam. Seine Eltern hatten ihn vor einigen Jahren aus Weißrussland nach Deutschland geschleppt…
Ein Aufschrei

Stefan und mein erster Blowjob

Stefan war ein überaus höflicher Junge. Jedenfalls zu der Zeit, als er zu uns an die Schule kam. Seine Eltern hatten ihn vor einigen Jahren aus Weißrussland nach Deutschland geschleppt und seinen Namen geändert, in der 2. Klasse war er ruhig. Und nett. Und hatte diesen lustigen Akzent, über den wir manchmal lachten. Er lachte mit. Wir waren alle Freunde. Wie sehr man als gehirnamputierte Dreikäsehochs eben Freunde seine konnte.

Ein paar Jahre später war Stefan nicht mehr so nett. Ich war bereits im Gymnasium, er hielt es mit Ach und Krach auf der Hauptschule aus. Ab und zu traf sich der Überbleibsel der Gruppe in einem kleinen Park, der von riesigen Plattenbauten umzäunt war. Wir hörten immer mal wieder Geschichten von Stefan. Witzige. Und angsteinflößende. Und kriminelle. Manchmal hatte ich Mitleid mit ihm. Er hatte immer noch diesen Akzent.

Ich war 12, als meine damals beste Freundin Dana und ich an einem der letzten Tage der Herbstferien auf Stefan und ein paar seiner Freunde trafen. Sie saßen auf einer Bank im Park und tranken Bier und eine nicht identifizierbare, seltsam riechende Brühe aus einer alten Lidl-Cola-Flasche. Er hatte eine schwarze Lederjacke an, die so billig und durchlässig anmutete, dass ich mich davor widerte. Und ihm gleichzeitig eine Decke bringen wollte.

Wir tranken ein wenig mit, und wie immer schoben die Jungs das Gespräch allmählich auf das Thema Sex. Ob ich schon mal jemandem einen geblasen hätte. Ich lachte. Dana lachte. Alle lachten. „Na?“ Dana guckte mich an, ich wusste, dass sie schon weiter war als ich, behauptete sie, und weil ich eines dieser langweiligen verwöhnten Strebermädchen war, die aus Scham nicht einmal die BRAVO laßen, sagte ich: „Na klar!“

Dass mich Stefan kichernd gegen den Zaun drückte, weiß ich schon gar nicht mehr so genau, dass er seine Hose und die Boxershort herunter zog verschwimmt genauso wie das Geräusch des Kondoms, das er von seinem Kumpel in die Hand gedrückt bekommen hatte. „Du sollst ja von der Schlampe kein AIDS bekommen!“ Alle lachten. Niemand drückte mich auf die Knie. Ich tat es freiwillig. Nur meinen Mund, den öffnete ich nicht.

„Mann, stell’ dich nicht so an!“ sagte Dana. Ich guckte zur ihr hoch. Sie lächelte so gütig und hoffnungsvoll wie es nur eine beste Freundin konnte. Also öffnete ich die Lippen. Und meine Zähne. An Stefans Penis kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur noch an den Geruch dieser ekligen Latexwurst. Daran, dass mir mein Speichel das Atmen erschwerte, daran, dass ich Angst hatte, dass jemand vorbei kommt und mich hier beobachtet.

Nach zehn Minuten hörte ich Stefan plötzlich lachen, er drückte mich von ihm weg. Dass er bei mir nicht kommen kann, sagte er. Dass ich es nicht drauf hätte. Alle lachten. Dass ich erst mal üben sollte, bevor ich mich noch mal an seinen Schwanz wagte. Dana lachte. Er zog sich die Hose wieder hoch, setzte sich auf die Bank und zündete sich eine Zigarette an. Eine ältere Dame lief mit ihrem Dackel den Weg entlang.

Ich kategorisierte diesen Vorfall nicht in die Schublade Vergewaltigung ein. In der darauffolgenden Nacht weinte ich nicht, ich lag nur wach. Und machte mir Vorwürfe. Warum Stefan nicht kam. Ob es meine Schuld war. Ob ich meine Lippen nicht eng genug auf seinen Schwanz gedrückte hatte. Hätte ich mehr mit der Hand arbeiten sollen? Lag es an der Kälte? Am Kondom? Daran, dass uns die anderen dabei zusahen?

Auf Twitter geht es heute genau um diese Arten von alltäglichen sexuellen Übergriffen. Die noch nicht so sehr an das Wort Vergewaltigung heranreichen, um am nächsten Tag mit einem fetten Foto von dir in der BILD abgedruckt zu werden, aber deine Welt körperlich und gedanklich ins Wanken bringen. Der Passant, der dich verfolgt, der Sportlehrer, der dir zwischen die Beine greift, der Opa, der dich anders als andere Opas anguckt.

Unter dem Tag #aufschrei, der seinen Ursprung im Stern-Bericht der Autorin Laura Himmelreich über den FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle hat, der ihr bei einem Gespräch an einer Bar zu nahe kam, schreiben mutige Menschen über sexuelle Übergriffe und Annäherungen im normalen Leben. Auch die kleinen. Ganz wie vor einigen Wochen in Indien, soll nun auch Deutschland für dieses Thema sensibilisiert werden.

Stefan habe ich nach diesem Tag nur noch ein paar Mal gesehen. Ich habe gehört, dass er irgendwann eine Freundin hatte und mit ihr in den Süden Deutschlands gezogen ist. Er ist weder ausgerissen noch hat ihn die Polizei erwischt. So wie ich es mir eigentlich gewünscht hätte. Vielleicht. Und selbst, wenn ich heute einen Jungen treffe und er mich mit nach Hause nimmt, denke ich an diesen kalten Tag im Oktober zurück und an Stefan. Und daran, was ich bei ihm wohl falsch gemacht habe. Daran, es diesmal besser zu machen. Denn ich hatte geübt.

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