Fashion Week Berlin - Die Jeder-fühlt-sich-wichtig-Woche

Wenn ihr gerade in Bottrop-Kirchhellen, Lindau oder im Jugendknast herum sitzt und traurig vor euch hinweint, weil ihr gerade nicht bei der Fashion Week in Berlin seid, dann kann ich…
Fashion Week Berlin

Die Jeder-fühlt-sich-wichtig-Woche

Wenn ihr gerade in Bottrop-Kirchhellen, Lindau oder im Jugendknast herum sitzt und traurig vor euch hinweint, weil ihr gerade nicht bei der Fashion Week in Berlin seid, dann kann ich euch hiermit offiziell beruhigen und euch aus tiefstem Herzen sagen: Glück gehabt. Und ich weiß wovon ich spreche, schließlich haben mich irgendwelche Idioten in den letzten fünf Jahren immer wieder auf diverse Veranstaltungen eben dieser geschliffen.

Denn die Wahrheit ist: Obwohl hier tausende und abertausende von Leuten herum springen, möchte eigentlich gar niemand wirklich hier sein. Die Designer sind genervt, weil wieder nur “Unter uns”-Statisten in den ersten Reihen ihrer Shows sitzen. Die sind wiederum genervt, weil sie keiner fotografiert. Die Models sind genervt, weil sie sich nicht nackt aufs Buffet werfen dürfen. Die Agenturangestellten sind genervt, weil sie Überstunden machen müssen. Die Eventmanager sind genervt, weil sich jeder Honk für die Inkarnation von Rudolph Moshammer hält.

Die Aussteller sind genervt, weil sie den ganzen Tag lang stehen und lächeln müssen. Die Journalisten sind genervt, weil sie nur Interviews mit Modebloggern bekommen haben. Die wiederum sind genervt, weil’s draußen schneit. Und ich bin genervt, weil ich nicht zu Hause liegen und mich mit Kroketten und Brokkoli in Sahnesauce vollstopfen kann, während ich in Unterwäsche “Adventure Time” und “Regular Show” gucke.

In der Regel gilt: Umso unwichtiger du bist und umso wichtiger du dich aufspielst umso mehr Spaß hast du dort. Denn wurde dir als kleiner Blogspot-User erst einmal deine Einladung zu einer noch so irrelevanten Laufstegshow geschickt, zerreisst es dir irgendwo tief in deinem schön geschminkten, baden-württembergischen Köpfchen den Draht, der dich auf dem Teppich bleiben lässt, und du ziehst mit einer voll coolen Sonnenbrille und der neuesten H&M-Collection los, um in der Hauptstadt plötzlich so zu tun, als wärst du Anna Wintours persönlicher Botschafter.

Und auf der Stelle fällt dir alles wieder ein, was du in den Facebook-Gruppen gelernt hast, um auch ja die dir verdiente Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dass du am besten die ganze Zeit vor dem weißen Zelt abhängst, damit sich irgendein mitleidiger Street-Style-Fotograf deiner erbarmt. Dass du die über die Straßen gezogenen Goodie-Bags ineinander stapelst, um auch ja keine Deodorantprobe zu verpassen. Dass du jede Begebenheit in kleine Notizblöcke notierst, weil deine 52 Follower schon sehnsüchtig auf exklusive Neuigkeiten aus Berlin warten.

Von weitem betrachtet ist die Fashion Week sowieso nichts anderes, als ein konstruierter aufgeblähter Grund, um der Modebranche eine Existenzberechtigung zu liefern. Und das jedes halbe Jahr aufs Neue. Würden Magazine und Blogs nicht über die Designer berichten, würde sich niemand für eben diese interessieren, womit die Werbekunden weniger Geld in die Fashion Week investieren würden, was wiederum die Magazine und Blogs in finanzielle Nöte bringen würde. Alles läuft also nur glatt, wenn sich alle schön an den kommerziellen Händchen halten.

Ob du da mitspielen willst oder nicht, bleibt dir manchmal zwar nicht unbedingt selbst überlassen, aber sollte sich keiner dieser hippen Berliner Modevertreter für dich und das, was du so in deiner Freizeit oder deinem Beruf machst, interessieren, dann sei froh, dass du nicht in der Arschkälte von einem verschneiten Hinterhof zum nächsten watscheln, dich auf öden Promopartys mit billigem Sekt sorglos trinken und ständig zu allem und jedem nett sein musst. Sondern dich stattdessen zu Hause mit Kroketten und Brokkoli in Sahnesauce vollstopfen kannst, während du in Unterwäsche “Adventure Time” und “Regular Show” guckst. Jeder, der gerade auf der Fashion Week sein muss, beneidet dich. Versprochen.

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