Neon Genesis Evangelion - Die Offenbarung

Jede Woche widme ich mich einem neuen Thema, das ich für die ultimative Offenbarung, meinen neuen exklusiven Lebensinhalt halte. Für das ich alle meine Möbel und Habseligkeiten verkaufen würde, womöglich…
Neon Genesis Evangelion

Die Offenbarung

Jede Woche widme ich mich einem neuen Thema, das ich für die ultimative Offenbarung, meinen neuen exklusiven Lebensinhalt halte. Für das ich alle meine Möbel und Habseligkeiten verkaufen würde, womöglich sogar meinen Körper, um es mir in einer kleinen Kiste am Straßenrand gemütlich zu machen und nur noch diese eine Sache zu unternehmen. Bis ich als der ultimative Profi in diesem Gebiet an Herzversagen sterbe. Glücklich.

Vor einiger Zeit war ich mir sicher, dass ich der ultimative “League of Legends“-Spieler werden müsste, um meinen Seelenfrieden zu finden und all die anderen Kinder in ihren Albträumen heimzusuchen. Dann dachte ich, während ich in der Badewanne saß, dass es endlich Zeit wird, die Welt vor dem Abmahnwahn zu retten. Mit Fair-Use-Initiativen und Aufklärung und Petitionen. Und außerdem wollte ich Sasha Grey ficken.

Seit einigen Tagen lebe ich allerdings nur noch für den einen Moment, in dem ich endlich mit einer billigen Flasche Rotwein und etwas Sushi im Bett liege, um mir ein paar Folgen “Neon Genesis Evangelion” reinziehen zu können. Die alte Staffel. Original mit Untertiteln. Nicht der HD-Scheiß, der die ganze Story von hinten nimmt und alles auf den Kopf stellt. Wofür ich Hideaki Anno verprügeln könnte.

Natürlich weiß jeder Mensch, der auch nur irgendeine popkulturell bezogene Daseinsberechtigung hat, um was es hier geht. Um ein paar psychisch gestörte Kinder, die gezwungen werden, in riesigen Kampfrobotern gegen die sogenannten Engel zu kämpfen, um die Erde vor der totalen Apokalypse zu beschützen. Im Hintergrund agieren geheime Konzerne, die NERV oder SEELE heißen, es dreht sich um Religion und Vaterkomplexe und Selbstmord und Kriegsschiffe und minderjährige Brüste und Verrat und Zimmerdecken und Freundschaft und intelligente Pinguine.

“Neon Genesis Evangelion” ist für mich der ultimative Anime. Und er erinnert mich daran, warum ich dieses Medium so geliebt, vergessen, wieder entdeckt habe. Gebannt sitze ich vor dem Bildschirm, die Singzikaden zirpen, die Sirenen heulen, der Boden explodiert. Ich habe Tränen in den Augen, wenn Asuka blutüberströmt in der Badewanne liegt. Mich überkommt ein Gefühl des unendlichen Glücks, wenn Misato die obligatorische Bierdose öffnet und diese ganz bestimmte Melodie einsetzt. Ich denke über das gerade Gesehene und Gehörte nach, wenn es ganz dunkel ist, über die Lügen und die Geheimnisse und das Verhalten von Shinji. Und Rei. Die Beziehungen. Das vorläufige Ende. Und alles was danach kommt.

Ich traue mich kaum die Rätsel zu lösen, die sich vor mir auftun, möchte die Konfessionen gar nicht hören, sondern zurück in den 24-Stunden-Supermarkt laufen, in der U-Bahn sitzen, aus dem Fenster auf die zahlreichen Lichter der Stadt blicken. “Neon Genesis Evangelion” versucht mich kontinuierlich zu brechen. Und es gelingt. Nur um mich einige Minuten später wieder in die vertrauten Arme zu schließen.

Was Hideaki Anno erschaffen hat, ist mehr als nur eine japanische Zeichentrickserie, die Merchandising in Spielhallen verhökert und ihre Protagonisten auf die Verpackungen von Instantnudelsuppen drucken lässt. Sie ist eine Offenbarung, die auf keine andere Art und Weise so emotional agieren könnte, wenn man alle Vorurteile fallen lässt und sich komplett davon gefangen nehmen lässt. Denn dann gibt es kein Zurück mehr.

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