Fünf Jahre Berlin - Die Stadt des Stillstands

Seit fünf Jahren lebe ich nun in Berlin. Und ich habe alles gemacht, was ich hier anstellen könnte, ohne Gefahr zu laufen, mein Leben nachhaltig zu zerstören. Ich wanderte sonntags…
Fünf Jahre Berlin

Die Stadt des Stillstands

Seit fünf Jahren lebe ich nun in Berlin. Und ich habe alles gemacht, was ich hier anstellen könnte, ohne Gefahr zu laufen, mein Leben nachhaltig zu zerstören. Ich wanderte sonntags bei strahlendem Sonnenschein über den Flohmarkt im Mauerpark, nur um mich über die Touristen aufzuregen, während ich mich selbst wie einer fühlte. Ich glitt unter vorher im Wohnzimmer bei Freunden gezogenen Drogen durch die Clubs und Betten des Molochs, um am Ende auf einer Schaukel den Sonnenaufgang zu beobachten. Ich habe großartige Menschen getroffen, geküsst, verloren.

Doch die zahlreichen Erlebnisse, Begegnungen und Geschichten, die ich in dieser riesigen Stadt erleben durfte, täuschen nicht über das Gefühl hinweg, das ich habe, wenn ich heute die überfüllte Kastanienallee entlang laufe, im Chalet die Leben der leer dreinguckenden Tanzenden im Alkoholrausch streife, den Duft der U-Bahn einatme, die Stimmen, Geräusche, Eindrücke. Dass sich Berlin in diesen fünf Jahren kein bisschen verändert hat. Die Stadt und ihre Bewohner stehen still, sind vielleicht schon längst tot. Und wissen es nur noch nicht.

Es kann noch so viel an der Spree gebaut werden, es können noch so viele Clubs geschlossen und an anderer Stelle wieder eröffnet werden, es können noch so viele Kunstausstellungen und Pop-Up-Stores und Veganer-Restaurants und Startup-Kopien und Graffiti-Wände und MacBook-Cafés besucht, fotografiert und wieder vergessen werden. Berlin leidet an einer eingefrorenen Kreativität, die von ihren Impulsgebern in einem Tiefschlaf gehalten wird. Auf dass die Freiheit gleich Ewigkeit und die Gesellschaft gleich Elite bleibt.

Auf meinen Reisen durch die Stadt treffe ich überall auf dieselben Gesichter, Charaktere, verewigt auf und in verschiedenen Personen, höre die immer gleichen Geschichten. Ich bin gefangen in einem Universum, das von Veränderung predigt, aber nach Stagnation dürstet. Das von Stereotypen bevölkert wird, die einst als lebensmutige Individuen in die brodelnde Metropole zogen und sich der Gleichschaltung nicht entziehen konnten. Denen ich dabei zusehen musste, ohne etwas dagegen tun zu können. Ich schrie sie an und sie starrten still zurück.

Nicht das Koks, nicht das Bier, nicht der Sex und nicht die Musik vergehen sich hier an deiner Lebenskraft, es sind die atemlosen Ruinen eines Ortes, der schon so viel über sich ergehen hat lassen müssen, dass er müde geworden ist. Träge. Geräuschlos. Durch die hohen Altbauwohnungen, vorbei an bemaltem Schutt, über die langen Alleen bis hinein in die zitternden Nachtbunker tönen deine Schritte, deine Worte, deine Schreie, die an der nächsten Straßenecke wieder verhallen. Ungehört von einem faulenden Kollektiv an Kopien.

Kein Tag verging, an dem ich meine Wahlheimat nicht als einen Ort des Friedens und der Kunst verteidigte, ihn für seine Toleranz und seine Möglichkeiten lobte. Ihn liebte, weil er meinem Geist und meinem Körper Dinge zuteil werden ließ, die keine andere Stadt hätte bieten können. Aber ich habe ihn längst durchschaut, kann seine Versuche, mich in seine wärmende Tiefe zu reißen, nur noch müde lächelnd kommentieren, abwinken. Seit fünf Jahren lebe ich nun in Berlin. Und ich spüre, dass es Zeit wird, langsam Lebewohl zu sagen. Womöglich für immer.

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24 Kommentare

  • YTL

    Vielleicht weil du gerade aus einer noch krankeren Stadt wiedergekommen bist?

  • ANNA

    das ist doch nur die eintönigkeit des zuviels.

    mein gedanke, kürzerer dümmerer text.
    http://blinkblink-blinkblink.blogspot.de/2012/10/berlin-black-and-white.html

    vielleicht bist du einfach in der falschen ecke gelandet.

  • Fips Asmussen

    Vergiss es, so geht es jedem, der plötzlich zu langsam, zu alt, zu müde und zu gleichförmig geworden ist, um in einer nie ankommenden Stadt anzukommen. Take it easy und zieh nach Spandau.

  • Bist Du eigentlich Schwabe?

  • Frank

    “Wohin auch immer wir reisen, wir suchen, wovon wir träumten, und finden doch stets nur uns selbst.” (Günter Kunert)

  • Micha

    Man kann nicht zweimal 20 sein.

  • Cihan

    Du hast vielleicht eine viel zu hohe Erwartungshaltung. Das was du erwartest, kann nur passieren, wenn man die die Hälfte der Einwohner der Stadt alle fünf Jahre gegen welche aus einer anderen ganz anderen Kultur austauschen würde.

  • Björn

    Lokale Änderung verändern nicht dich selbst!

    Wem die Stadt zu gemütlich, gefällig oder sonstwie träge und innovationslos vorkommt,
    müsste das gleiche womöglich ebenso über sich sagen.

    Wenn alles nur eine “wilde” Zwischenstation deiner Biografie sein soll,
    dann zieh weiter und suche dein Glück anderswo – anstatt es bei dir selbst zu suchen.

    Keine Ahnung wie man sich als Zugezogener fühlt, aber Stillstand lässt nur du allein zu.

    Wenn es tatsächlich soweit kommen sollte:
    Gute Reise, Berlin dreht sich derweil weiter.

  • dasmiau

    So die Nase voll von Berlin? Ich glaube, Tokio hat dir den Kopf verdreht :)

    Das was du beschreibst kann auf die ganze Welt treffen. Jeder Ort kann irgendwann langweilig werden. Davor kannst du nicht fliehen. Aber anscheinend ist Berlin einfach nicht zu deinem “Zuhause” geworden. Hast nicht die richtigen Menschen, nicht die “Richtige” kennengelernt. Vielleicht findest du die ja woanders. Viel Glück!

  • DAS IST DIREKT VOR MEINEM BÜRO!

  • Dennis

    Dann mal ab nach Hamburg mit Dir – und endlich ankommen!

  • Mieze

    Berlin ist ein Mythos… eine Religion, die nur so lange existiert wie man an sie glaubt.

  • me

    schön geschrieben. ich empfinde berlin genauso. ich habe vorher in london gelebt und da ist ein ganz andere vibe. hier möchten alle cool und individuell sein, sind aber alle gleich und strahlen distanzierte kühle aus. genau deswegen finde ich fehlt der stadt das flair, die wärme, und das “zuhause und aufgehoben” fühlen wie ich es in anderen städten erlebt habe. das kreative, worum berlin immer so gehypt wird, rennt hier mehr unter dem deckmantel – schaut her, ich bin noch cooler und kreativer als der andere. und die andere seite sind die ganzen zugezogenen “dorfleute” ( ich komme selber von dort, aber ich bin dort weggezogen um eben eine bunte mischung an menschen zu treffen, mit anderen lebenstilen) die dann mit ihren kinderwägen und altbackenem lebenstil, orte wie friedrichshain und prenzlauer berg unpackbar machen. natürlich gibt es an jedem ort gute und schlechte sachen und berlin hat natürlich auch seine guten seiten, und nette leute trifft man ja überall:)

  • me

    trotzdem wäre berlin ein wirklich “coolerer” ort wenn die menschen hier etwas offener, herzlicher und authentischer wären. ( und die ganzen familien dann doch lieber aufs land ziehen würden. danke :D )

  • Unausgewichen

    Ich finde du hast das gut geschrieben aber triffst nicht ganz den Kern der Sache. Berlin ist nicht tot, es wird misshandelt von den Leuten die in dieser Stadt leben und der momentanen Generation, die sich auf genau das konzentriert, was du beschreibst: Drogen, Exzess, Scheiss-Auf-Morgen-Art.
    Alle reden sich ein das sei ok so. Nebenbei machen sie alles richtig. Ein bisschen studieren. Was kann daran falsch sein? Doch die Wahrheit ist, dass so keine Entwicklung stattfindet, kein Fortschritt, nichts. Weil man eben als solch partysüchtiger Idiot Ideale und Lebenseinstellungen vertritt, die einen im Leben nicht weiterbringen. Irgendwo im kleinen Gehirn dieser Leute ist dann der Glaube, dass sie irgendwann nochmal Rockstars werden, oder wegen der Scheisse, die sie erleben und ausleben berühmt werden. Weil sie dumm genug sind dem leisen Pfeiffen, der durch die Stadt reist zu glauben. Der grössere restliche Teil im Gehirn besteht aus Angst. Weil sie merken, dass sie nichts sind und nichts werden und der Zug langsam abfährt. Das Highlight bleibt dann für immer ein Hipster-Foto in der Vice, welches man stolz den Freunden zeigt.
    Berlins Problem war schon immer der Mangel und Untergang an Qualität neben immer stärker zunehmender Quantität. Die dort lebenden Menschen vermitteln sich gegenseitig Richtlinien, an die sie in jungen Jahren glauben, die banal und falsch sind und in Rest-Deutschland nicht zählen. Sehr wohl aber im Mikrokosmos Berlin. Solange du jung bist.

    “Nicht das Koks, nicht das Bier, nicht der Sex und nicht die Musik vergehen sich hier an deiner Lebenskraft..” – Doch. Genau das ist es. Nicht der Konsum dieser Dinge, sondern die Bereitschaft und das Denken genau das machen zu müssen, vergehen sich an der Lebenskraft.

  • me

    ich muss wirklich nochmal sagen, was das für ein schöner text ist. und ich finde es einfach blöd wenn leute ständig alles kritisieren was marcel sagt. es ist als ob die nur auf einen neuen artikel von ihm warten um dann wieder den “besserwisser” und kritiker zu spielen. warum kann man nicht einfach mal jemandem seine meinung lassen, ohne sie zu kritisieren, niederzumachen, zu verhöhnen? seid nicht ihr genau diesselben leute, die links sind und toleranz predigen und sich offene kosmopolitaner nennen?
    jeder hat eben andere eindrücke und meinungen zum leben. und das sind eben die gefühle und eindrücke die marcel im moment von dem ort hat, wo er viele jahre verbracht hat. menschen haben es echt verlernt anderen einfach nur zuzuhören.
    und an alle die immer alles besser wissen und kommentieren noch ein rat von mir: macht doch selber mal einen blog, da könnt ihr dann eure tollen und natürlich immer richtigen, moralisch korrekten meinungen der welt kundtun. danke.

  • ju

    diese berlinmüdigkeit hat jeder mal. das geht vorbei.

  • Bisaz

    Ein wirklich schön formulierter Text.

    Ich habe Berlin vor sieben Jahren verlassen. Das Stück Heimat, das es für mich noch darstellt, ist etwas Museumartiges.
    Es ist sehr schwer, mit seinen Gefühlen umzugehen, wenn sich so viele Menschen um einen herum von dieser Stadt anziehen lassen. Ich versuche bei jedem Besuch, das aus Ihren Augen zu sehen. Ich versuche, wieder ein Gefühl für die Stadt zu entwickeln.

    Ich finde gut, dass Berlin so ist, wie es ist. Meine Familie wird immer da sein. Einige meiner Freunde auch. Und das sind die Gründe, warum ich jederzeit wiederkehren werde.

    Aber letztendlich gibt es nur eins, das ich mittlerweile mehr und mehr spüre: Ich bin fertig mit Berlin. Und ich will nie wieder zurück.

  • Stefan

    Dieser Stillstand ist doch genau das, was so viele (Wahl-)Berliner wollen: Berlin soll genauso bleiben wie es ist.

  • dingPong

    @Marcel: Bitte mehr von diesen Texten! Bitte erkläre den Leuten, dass ihre Freunde, Eltern, Verwandten oder Bekannten diese Stadt nach ihrem Zuzug aufgekauft, Kreative rausgeklagt und langweilige Glas- und Betonpaläste hingebaut haben. Dann bleiben die nächsten Generationen vielleicht in ihren langweiligen (Klein-)Städten. ;-)

  • Schade veröffentlicht ihr hier nicht öfters solche Texte! Nicht die Tittenbilder die ihr hier ständig zeigt sind rebellisch, sondern solche Texte, die dem Meinungsmainstream diametral gegenüberstehen ^^

  • Claire

    Ja, bitte hau hier ab, Endlich mal gute Nachrichten auf dieser Kackseite!! Noch besser wärs, wenn du deine ganze “Redaktion” gleich mit einpackst. Ab nach München oder so, die stehen doch auf so was wie ihr macht.

  • schwein

    das eigentliche phaenomen ist doch der bruch der sukulturellen welle berlin.jede szene hat an einem bestimmten punkt die tendenz zur optimierung.und optimierung bedeutet stillstand.der zustand der optimierung ist ein gesellschaftlicher prozess der ein anderes klientel kollektiv anzieht.dieser prozess nimmt seit jahren zu.die entscheidung nach berlin zu ziehen wird von jahr zu jahr einfacher..
    es ist sicherer, und spaetestens als 3 tage wach in jeder dorfdisko lief,das attribut “aus berlin”jeden standart house dj schmueckte war schien jedem idioten in der ganzen welt klar dass man nur nach berlin zu ziehen brauchte und damit automatisch cool war.nur haben die leute im nachahmen der ganzen geschichte nicht verstanden dass man frueher fuer ne roehrenhose eine aufs maul bekommen konnte von den selben leuten die heute eine tragen.einfach dass uebliche muster..man kann sich in die nessel setzen und einen sound spielen der sich fuer jeden langweiler nach nem gewitter anhoert oder man frisst eben die reste die einer lanegst vergangene kultur fuer jemanden hinterlassen hat..dass neue berlin ist schon lang an einer anderen ecke am spriessen und scheisst auf eure wunderschoenen stuckwohnungen mit suedbalkon.nur werden alle wieder die nase ruempfen ueber sein aufkommen.bis diese bewegung ausreichend legitimation erhalten hat um vom letzten dorfdepp einfach imitiert zu werden.und sich ihre akteure zugrunde gerichtetet haben oder was neues gestartet haben.es ist einfach 80 15 5.

NA-KD