Adieu, Tacheles - Seit heute Morgen wird geräumt

Wie die Berliner Zeitung berichtet, wird das städtische Urgestein Tacheles in Mitte seit heute Morgen endgültig geräumt. Der jahrelange und medienwirksame Kampf der Künstler gegen die Pläne der rechtmäßigen Inhaber…
Adieu, Tacheles

Seit heute Morgen wird geräumt

Wie die Berliner Zeitung berichtet, wird das städtische Urgestein Tacheles in Mitte seit heute Morgen endgültig geräumt. Der jahrelange und medienwirksame Kampf der Künstler gegen die Pläne der rechtmäßigen Inhaber hat damit ein bemitleidenswertes Ende gefunden. Großen Protest gab es dieses Mal nicht mehr, die Maler, Bastler und Musiker ziehen ins neue und billige Kunstmekka Neukölln.

Der zuständige Gerichtsvollzieher hatte seinen Auftritt um kurz nach 8 Uhr, etwa 30 bis 40 der im Haus noch verbliebenen Künstler packen noch immer ihre Sachen. Man hört Musik, aus den Fenstern fliegen Bierdeckel. Widerstand im künstlerischen Sinn. Auf dem Boden liegen hunderte Unterschriftenlisten, auf denen unzählige Menschen aus aller Welt für den Erhalt der Institution unterschrieben haben. Mich eingeschlossen.

Seit fünf Jahren bin ich in Berlin und seit fünf Jahren gehört das Tacheles zu meinem Stadtbild. Knapp drei Jahre lang habe ich keine paar Meter davon entfernt gearbeitet. Es musste hinhalten, wenn Freunde zu Besuch kamen und ich ihnen “die coole Seite” der Stadt zeigen wollte. Mit all den Streetarts und dem Pissegeruch und den betrunkenen Menschen, die sich in den Katakomben des riesigen Hauses verkrochen hatten.

Der Hass derer gilt ganz besonders dem regieregenden Bürgermeister von Berlin. „Das Tacheles ist weg, jetzt kann auch Wowereit weg“, meint ein Sprecher der Künstler. „Einen schönen Tag noch.“ Und ich kann ihn verstehen. Wowereit hätte hier ein Zeichen setzen können. Für die Kunst, mit der er sich so gern vor den Kameras und Mikrofonen der Regionalsender profiliert. Der Zug ist nun abgefahren.

Während sich die Überreste des Tacheles in einigen Tagen im Berliner Club “Cube” in der Rollbergstraße neu formieren werden, darf gespannt sein, was die HSH Nordbank, der rechtmäßige Eigentümer des Grundstücks in der Oranienburger Straße, mit eben diesem anfangen wird. Ein Parkhaus? Ein Hotel? Neue Wohnhäuser? Egal was es wird: Die Stadtmitte hat damit an Charme verloren, an Ecken, an Kanten.

Ich könnte jetzt zu weinen beginnen, zu meckern. Dass das nicht sein darf. Es mit dem Clubsterben in einen Zusammenhang bringen, mit den architektonischen Albträumen am Spreeufer, der Gentrifizierung, dass doch alles immer schlimmer und schlechter und steriler wird. Aber das werde ich nicht tun. Denn das hat doch eh keinen Sinn. Berlin kann sich selbst helfen? Ich bezweifle es immer mehr.

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