Marcel in Japan - Das Ende vom Anfang

Als die Startbahn immer schneller an mir vorbei zu rasen scheint und wir endgültig abheben, da habe ich Tränen in den Augen. Ich wusste, dass dieser Augenblick kommen würde, kommen…
Marcel in Japan

Das Ende vom Anfang

Als die Startbahn immer schneller an mir vorbei zu rasen scheint und wir endgültig abheben, da habe ich Tränen in den Augen. Ich wusste, dass dieser Augenblick kommen würde, kommen muss, aber ich habe ihn verdrängt, abgewiesen, nicht wahrhaben wollen. Immer und immer wieder. Meine Erinnerung gilt dem Moment, in dem ich hier ankam, in dem mir bewusst wurde, dass ich ein ganz neues Abenteuer erleben würde.

Drei Monate habe ich nun in Tokio gelebt. Habe großartige Menschen getroffen, habe die wundervollsten Dinge gesehen, gefühlt, geschmeckt. Bin in eine Welt eingetaucht, die es so gar nicht geben dürfte, die der unseren so sehr ähnelt und doch weit, weit entfernt stattfindet. In der Zukunft. Auf einem anderen Planeten. Nie habe ich mich an einem anderen Ort so sehr zu Hause gefühlt wie dort.

Alles, was ihr bislang über Japan gehört habt, ist wahr. Aber Geschichten können nicht einmal annähernd diese Intensität, diese kuriose Mischung aus alter Kultur und moderner Technologie, aus allgegenwärtiger Höflichkeit und pulsierendem Aufbegehren, aus schnelllebiger Existenz und meditierender Ruhe beschreiben. Japan ist anders. Ob besser, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Ich hatte Tränen in den Augen, weil ich mich an diesem Ort so wohl fühlte, obwohl ich die Sprache nicht einmal annähernd so gut verstand, um mich wirklich auf die Tiefen des Landes einzulassen. Aber diese Masse an Kleinigkeiten, diese Erfahrung an Großartigkeiten, die erschwert einem das Leben in Berlin. Das merke ich jetzt, nachdem ich wieder da bin, ungemein.

So vieles werde ich vermissen. Die leuchtende Lebendigkeit in Shibuya. Konbinis, die die ganze Nacht geöffnet haben, und mich mit Asahi Super Dry, Reisbällen und grünem Tee versorgen. U-Bahnen, die immer pünktlich kommen. Dass an jedem Ort AKB48 läuft. Oder Shiina Ringo. Oder Ikimono Gakari. Dass sogar Alarmanlagen kleine Smileys haben. Dass jeder Manga liest, dass man in Bars Super Nintendo spielen kann.

Überall laufen sexy Schulmädchen herum und du kannst Pikachu anfassen und du bekommst Grapefruit-Crashed-Eis in Bechern und du musst nicht auf Kellner warten und das ganze Land scheint aus Spezialeditionen von Softdrinks zu bestehen und der Fluss in Kyoto ist so beruhigend und die Wüste in Tottori ist so schön und die Spielhallen in Osaka sind so bunt und die Mode in Tokio ist so aufregend.

Vor nichts fürchte ich mich mehr, als dass diese drei Monate nur zu einer grauen Erinnerung in meinem Kopf werden. Ein Traum, von dem ich nun wieder aufgewacht bin, und zu dem ich nicht mehr zurück kehren kann. Ein Gedanke, der fortwährend verblasst, dessen Bewohner nicht mehr zu existieren scheinen. Eine Entscheidung, die sich nicht auswirkt, auf das, was ich war. Was ich bin. Was ich sein werde.

Doch mich muntert etwas auf. Und das ist ein Plan, den ich vor meiner Reise geschmiedet habe, den ich auf meinem Abenteuer vergessen hatte, an den ich mich im Flugzeug wieder erinnerte. Dass diese drei Monate nur ein Testlauf waren. Für mich. Um zu sehen, wie sehr ich Japan, das echte Japan und nicht das in meinem Kopf, mögen werde, wie toll Tokio wirklich ist. Ob womöglich eine andere Stadt weitaus besser zu mir passt.

Ich habe in diesem Land keinen einzigen schlechten Moment erlebt, der nicht auf Sorgen und Problemen in Deutschland basierte. Und das allein macht mir klar, dass sich ein Leben dort lohnt, dass es noch so viel mehr zu entdecken gibt. Dass das hier nur das Ende vom Anfang ist, dass der zweite Teil schon bald bevor steht. Und nun habe ich Verbündete. Und die werden mir dabei helfen.

Dank des Visums für einen Ferienarbeitsaufenthalt von der japanischen Botschaft werde ich Anfang 2013 für ein Jahr nach Japan ziehen. Meine Arbeit im Internet kann ich schließlich auch von dort aus erledigen. Eine neu in Tokio gewonnene Freundin, die in Berlin lebt, wird mir zusätzlich zu einem Kurs dabei helfen, die Sprache zu lernen. Das ist leichter als HTML meinte sie. Also bin ich frohen Mutes.

Als die Startbahn immer schneller an mir vorbei zu rasen scheint und wir endgültig abheben, da habe ich Tränen in den Augen. Aber sie versiegen, da ich weiß, dass ich schon bald hierher zurückkehren werde. Besser vorbereitet, für eine längere Zeit, mit Menschen, die mich dort erwarten. Und eines weiß ich jetzt schon: Das nächste Mal werde ich mich auf die japanischen Inseln begeben. Doch bis lehne ich mich zurück. Und höre Utada Hikaru.

Topman

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9 Kommentare

s.Oliver