Du bist Ware! - Wer hat Angst vor’m Datenschutz?

Manche Dinge lernen wir ganz früh im Leben. Von der Regierung. Von den Medien. Von den Eltern. Dass man die Finger von den Drogen lassen sollte. Zum Beispiel. Die sind…
Du bist Ware!

Wer hat Angst vor’m Datenschutz?

Manche Dinge lernen wir ganz früh im Leben. Von der Regierung. Von den Medien. Von den Eltern. Dass man die Finger von den Drogen lassen sollte. Zum Beispiel. Die sind schließlich illegal. Dass man gut in der Schule sein muss. Sonst kann aus einem ja gar nichts werden. Und dass man so wenig Daten wie möglich von sich im Internet preisgeben darf. Sonst findest du dich plötzlich als gläserner Bürger wieder.

Im Laufe der Jahre beginnen wir dann aber doch, gewisse Moralvorstellungen zu hinterfragen. Sind Drogen wirklich so schlimm, nur weil irgendwelche Politiker sie verboten haben? Steve Jobs hat damit schließlich ganz tolle Dinge vollbracht. Gute Noten sind das Maß aller Dinge? Medizinstudenten fahren heute Taxi, Schulabbrecher kaufen sich dank Startup-Ideen Villen. Und die Sache mit dem Datenschutz…?

Wir hetzen regelmäßig gegen Facebook, Google und Amazon, weil wir ja bekanntermaßen nicht ihre Kunden sind, sondern deren Ware. Sie locken uns mit vermeintlichem Comfort und lustigen Spielchen und zeitsparenden Interaktionen jede noch so kleine persönliche Präferenz aus den Fingern und speichern sie dann in ellenlangen Listen und Profilen irgendwo auf einem weit entfernten Server ab.

Die Frage, die wir uns hier einmal offen stellen sollten, ist die folgende: Ist das wirklich so schlimm? Seit über zehn Jahren pumpe ich das Netz regelrecht mit meinen Daten voll. Das ist mein Lieblingsessen. Hier bin ich zur Schule gegangen. Mit der habe ich geschlafen. Dieses Lied habe ich heute Morgen gehört. Karsten und ich sind keine Freunde mehr. Ich finde die Piratenpartei ja irgendwie ganz gut.

Ich habe auf Twitter, auf Google, auf Yahoo, auf Lycos, auf MSN, auf Facebook, auf MySpace, auf StudiVZ, auf Foursquare, auf Ping, auf Instagram, auf DailyBooth, in Foren, in Mails, in Chats, in Skype-Nachrichten, in ICQ-Texten und in unzähligen privaten Blogeinträgen dank WordPress, Geocities und Tripod verewigt, was ich für gut befinde. Und was nicht. Und was ist mir bislang passiert? Gar nichts.

Die Bedenken von Datenschützern, Elternverbänden und paranoiden Internethassern kann ich durchaus nachvollziehen. Ich habe auch keine Lust darauf, dass irgendwelche Manager damit Geld verdienen, indem sie sich das Wissen aneignen, dass ich Pizza lieber als Dörrfleisch mag. Und mir ist auch mulmig zumute, wenn die Telekom für immer aufzeichnet, dass ich mir am Freitag Abend lieber zwei nackte japanische Mädchen, die kichernd in eine Tasse kacken und sich dann gourmethaft daran vergehen, angucke, anstatt sozial und analog mit meinen Mitmenschen zu interagieren.

Doch wirklichen physischen oder psychischen Schaden habe ich dadurch noch nicht genommen. Ich bin noch nicht entführt worden, weil Herbert K. aus A. wusste, dass ich gerade im St. Oberholz sitze und einen Pfefferminztee trinke. Ich bin noch nicht von Facebook erpresst worden, gefälligst mehr FarmVille zu spielen, weil sie sonst meinen Eltern verraten, dass ich Nacktfotos mit bayerischen Studentinnen austausche.

Und selbst wenn ich ein minderjähriges Mädchen wäre, das auf SchülerVZ Bikinifotos von seinem Mallorca-Urlaub im Großformat hochlädt, an denen sich dann irgendwelche Greise aus Brandenburg aufgeilen – na und? Sollen sie sich doch gepflegt in den Schlaf wichsen, das ist zwar widerlich und ein stöhnender Schrei nach Hilfe, aber es schadet auch niemandem. Der Greis stirbt eh bald.

Wir leben im Zeitalter der immer währenden Angst, dass irgendwer irgendwo mit irgendwelchen Daten von uns Schabernack treibt und sie in einem finalen Knopfdruck gegen uns verwendet. Und damit uns, unseren Freunden, unserer Familie oder unseren Kollegen in irgendeiner nicht wirklich vorhersehbaren Form schadet. Irgendwer. Irgendwo. Irgendwie. Also sitzen wir da. Und warten. Und warten. Und warten.

Ich habe wirklich intensiv darüber nachgedacht, was die schlimmsten möglichen realistischen Auswirkungen sind, wenn ich weiterhin allem und jedem ins Gesicht brülle, was ich denke, was ich mag, was ich hasse, was ich bin. Solange ich nichts Illegals mache, ist mir nicht wirklich etwas eingefallen. Personalisierte Werbung? Wirklich? Das ist euer Endgegner? Da kann ich doch nur lachen. Ich mag Käsekuchen.

Jack & Jones

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s.Oliver

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7 Kommentare

  • sigi

    genialer text. und genau dasselbe denke ich auch immer.

  • sigi

    ausserdem kommt es immer auf einen selber drauf an ob man dann beeinflusst wird von facebook, werbung und co. die leute die so mit den daten aufpassen sind meiner meinung nach dann trotzdem auch diejenigen die (nicht-wissend) der masse nachlaufen in allen lebensbereichen und komplett manipulierbar sind. ausserdem vergessen die meisten, dass jeder sowieso nur einer von millionen sind und nehmen sich auch viel zu wichtig. sich und ihre daten.

  • Knark

    Wenn Juden und Non-Konformisten erschießen wieder legal wird und mit guten Karrierechancen belohnt wird, mache ich das auch, warum auch nicht? Das System ist das System, man muss nur konform gehen, mit allem was es einem aufzwingt und schon arbeitet es für einen. Wen interessiet schon die selbstverschuldete Preisgabe der Mündigkeit oder gar der verfassungmäßig garantierten Privatssphäre?

  • icke

    Also ich muss sagen, dass du recht hast und wir uns wahrscheinlich viel zu viele Gedanken über den ganzen Rotz machen.
    Ich bin auch kein wirklicher Gegner davon. Mich regt es nur auf, dass die Regierung, irgendwelche Unternehmen und geldgeile Konzerne so viel über uns wissen und wir eigentlich so gar nichts.
    Was weiß ich denn, was unsere geliebte Frau Merkel mag, was der nette Herr Schäuble gerade in seinem Kellerchen plant.
    Ich muss schon sagen, dass mich das brennend interessieren würde, weil die beiden sich ja auch so nett um uns kümmern..
    Letztendlich geht es mir um Transperenz von beiden Seiten, wenn ihr wisst, was ich meine.

  • sigi

    letzendlich geht es immer um die eigenverantwortung. nicht immer den anderen- den eltern, den politikern, der werbung, dem staat, der geschichte die schuld geben…jeder hat alle macht, im hier und jetzt das zu tun was richtig und moralisch ist- egal ob einem zb. persönliche daten als werbung unter die nase gehalten wird oder nicht. man wird zu nichts gezwungen, ausser man lässt es mit sich machen…

  • helix46

    entweder stellst du dich blöde oder die evolution meint es gut mit uns. du weisst genau was mit datensammlungen möglich ist. dieses herabspielen im 3. abschnitt ist ja gerade zu niedlich. amy & pink würde ohne soziale netze nicht funktionieren. zu schnell würded ihr im maelström der irrelevanz versinken. logischerweises unterstützt ihr die schrumpfenden sozialen netze.

    lasst also bitte technik relevante themen.

    so, genug kritik, kleine inspiration muss her!
    top-online-autor, geht für 1 jahr offline. kein bisschen internet im alltag mehr. hier geht’s los:
    http://www.theverge.com/2012/4/30/2988798/paul-miller-year-without-internet

    das wär mal ne interessante story hier auf amy&pink. berlin, 6 monate offline.

Superdry