Fashion Week Berlin - Das kosmopolitische Modebewusstsein

Christiane Arp träumt davon, dass „Modekreative auch bei uns geschätzt werden wie bildende Künstler, Komponisten und Architekten“. Nach dieser Fashion Week bin ich davon überzeugt, dass ihr Traum eines Tag…
Fashion Week Berlin

Das kosmopolitische Modebewusstsein

Christiane Arp träumt davon, dass „Modekreative auch bei uns geschätzt werden wie bildende Künstler, Komponisten und Architekten“. Nach dieser Fashion Week bin ich davon überzeugt, dass ihr Traum eines Tag wahr werden wird und wir der Verwirklichung nun näher stehen als je zuvor. Eines der Reichtümer, die wir der in Deutschland herrschenden Vielfalt zu verdanken haben, ist das neue Modebewusstsein in und um Berlin.

Dass Mode wichtiger wird, liegt zum einen daran, dass die Menschen, die hierher gereist sind, zum einen Mode aus einer anderen Perspektive betrachten und zum anderen den deutschen Zeitgeist mitgestalten. In Paris und Istanbul gelten Modedesigner jedenfalls als genauso wichtig wie bildende Künstler und Architekten, weil anders als in Deutschland selbst Intellektuelle an der Mode interessiert sind.

Fokussiert man sich nicht allzu sehr auf die Mode, ist sie doch eines der Dinge im Leben, die uns gut tun, unseren Sehsinn ernähren, Freude entstehen lassen, kommunizieren und die Akzeptanz in einer gleichdenkenden Gruppe erleichtern können, wenn wir an uns oder anderen Menschen schöne, bunte, interessante, aussagekräftige Farben und Schnitte sehen. Mit der Mode können wir ein Statement abgeben, uns Ort und Zeit entsprechend veredeln oder gehen lassen und in jedem Fall gut und selbstbewusst fühlen.

In vielen Ländern um uns herum sind Kulturprodukte der Mode ein großer Bestandteil in der Gestaltung des Alltags. Wer den Schauenplan zur Fashion Week, die letzte Woche stattfand, betrachtet, wird schnell erkennen, dass von den 54 Designern mehr als ein Viertel einen nicht-deutschen Namen hat. Österreich, Frankreich, Spanien, Polen, Türkei, Kanada, Italien, Griechenland – aus diesen und anderen Nationen stammen viele der Kreativen, die ihre Kollektionen in der Hauptstadt Deutschlands vorstellen. Warum das von Bedeutung ist? Eine Vielzahl dieser Menschen ist in ihrem Schaffen von ihrer ethnischen Identität beeinflusst. Issever Bahri gehört zu diesen Designern, die sich von den Traditionen ihrer griechischen und türkischen Herkunft tragen lassen und mit Gehäkeltem neue Material- und Gestaltungsformen aufzeigen.

Mode kommuniziert, lässt Dialoge entstehen, die zum Verständnis führen können. Es geht darum, das Gegenüber zu verstehen, eine andere Welt zu begreifen und die eigene zu hinterfragen. Auch mit der Mode, mit Geschmack, mit der Bewertung, ob etwas gut oder schlecht ist. Wir dürfen die Mode nicht als etwas Oberflächliches abtun und sie ablehnen. Sie kann für uns ein Tor in das Innenleben eines jeden Menschen darstellen, wenn wir bereit sind, von Äußerlichkeiten in die innere Gedankenwelt und das Menschenbild jedes Einzelnen zu dringen. Das Besondere an den Dialogen, die während der Fashion Week vergangene Woche entstanden sind, ist, dass so gegensätzliche Geschmäcker der Kulturen aufeinander getroffen sind.

Die Mode Berlins bewirkt nicht nur, dass sich immer mehr mit dem Facettenreichtum verschiedener Geschmäcker identifizieren können, sondern die Fashion Week ein als ein Gesamtkunstwerk von Menschen verschiedener Geister und Körper funktionierendes System darstellt. Die Heterogenität Deutschlands ist in der Modewelt akzeptiert, jeder Designer kann als eine Art Stellvertretung verstanden werden, was aber kein Zwang ist. Das bewirkt, dass das absolute Prinzip der Mode, nämlich eines, das keine Grenzen kennt und Toleranz als Fundament benötigt, auch stärker Akzeptanz im echten Leben schafft.

Natürlich geht es immer um das Überleben des Stärkeren, und dennoch hilft Hien Le Sissi Goetze und verteilt Traubenzucker an die Models im Studio und Vladimir Karaleev besucht Michael Sontags Show zur Unterstützung. Untereinander seien die Designer gut befreundet, erklärt mir Karaleev im Gespräch. Wir sind Menschen, die Herkunft, die Lebensorientierungen sind irrelevant, wenn Nächstenliebe eine Rolle spielt. Und dennoch wissen wir alle, dass es im echten Leben anders zugeht. Kreative kennen keine Grenzen, versuchen sich meist von dem zu lösen, in das sie hineingeboren sind, die Normen zu hinterfragen.

Doch was den einen Kreativen von vielen anderen unterscheidet, ist die Achtung vor sich selbst, das Bewusstsein, wer er ist, wie sich seine eigene Identität zusammensetzt und selbstverständlich immer das Interesse am Gegenüber, der anders ist, und den Menschen in eine andere Welt einführt, um sich das Beste aus beiden zu nehmen. Aus den Kulturen, den Idealen, den gesellschaftlichen Rollen.

Mögen Dawid Tomaszewskis Kleider nicht dem typischen deutschen Geschmack entsprechen, genauso wenig wie Miranda Konstantinidou, vermitteln sie ganz andere Frauenbilder und Lebensgefühle als Michael Sonntag. Während die Frau, die ihn trägt, elegant ist, mit zurückhaltenden Schnitten auftritt, aber ihre Reize nicht zeigt, werden in Tomaszewskis Kleidern die Sehnsucht östlicher Frauen vom Mann als funkelnder Diamant wahrgenommen zu werden projiziert oder sich nicht nur bewegen, sondern fliegen zu können.

Ein lebensbejahendes, frohes, buntes positives Lebensgefühl strahlen die bunten Prints mit auffälligem Schmuck der griechischen Designerin aus, das wir mit dem Tragen nicht nur im Sommerurlaub in südlichen Ländern erleben können. Wie die Akademiker-Frau aussehen kann, zeigen Rena Lange und Schumacher sehr gut. Alle Teilnehmer des Designer for Tomorrow schaffen mit ihren Kleidern ähnlich wie die jungen nicht-kommerziellen Weißensee-Studenten Dreidimensionalität, eines der Charakteristika des menschlichen Körpers.

Unter dem Schirmherrn Marc Jacobs brachten sie eine Show hervor, die diese Vielfalt noch einmal vereinte. Berlin-based Designer und nominierter Siddhartha Anselm Meyer machte mit seinem Konzept, alte Kleider neu zu verwerten, auf Nachhaltigkeit aufmerksam, während sich der Gewinner Leandro Cano mit den anderen Designern in Form und Farbe auslebte. Aber was kann man durch die verschiedene Perspektiven letztlich lernen?

Wenn die Studenten der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Entwürfe zeigen, die ganz frei von kommerziellen Zwecken und Geschmäckern entstehen und ein wahrhaftiges Werk ihrer selbst sind, dann kann dies auch für viele der Designer als Motivation für die Entfaltung ihres eigenen Stils wahrgenommen werden. Wenn der Kanadier Steven Tai mutig Gewicht und Körperproportionen hinterfragt und innerhalb des Materials und der Form Tiefe schafft, indem er aus mehrschichtige Lagen skulpturale Bücher hervorzaubert, dann kann er beweisen, dass Kunst nicht nur im White Cube sondern auch mit Models auf dem Catwalk präsentiert werden kann.

Und das deutsch-französische Label, das im Gegensatz zu vielen deutschen traditionellen Designern der Fashion Week mit großem Feingefühl für Ästhetik und theatralischer Inszenierung im Sinne der Pariser die eigene Kollektion in einem Blütensalon vorstellt, wie Stilkolumnist Tillmann Prüfer findet, kann vielleicht den einen oder anderen dazu hinreißen, die Kreativität auch im Raum, indem sich das Model befindet, auszuleben, und die normativen Grenzen der Mode-Designer zu überschreiten, statt sich immer nur am bloßen hauchdünnen Stoff zu versuchen.

Wie großartiges interdisziplinäres Schaffen sein kann, zeigen auch Augustin Teboul, indem sie sich von Baudelaires Dichtung oder der griechischen Mythologie inspirieren lassen. Auch mit der Möglichkeit, Istanbuler Designer zu präsentieren, werden Vorurteile abgebaut. Und türkische Frauen verstehen es, stilvoll ihren femininen Körper emanzipiert zu unterstreichen, ohne sich dabei auf das Frau-Sein zu reduzieren.

Burçe Bekrek, Günseli Türkay und Zeynep Erdogan stellen mit weißen edlen Hosenanzügen, kantigem, tiefen Ausschnitt und wallender Seide den Istanbul-Stil vor, der mit den Blick auf den Westen und dem Ästhetikverständnis des Serail-Look den Osten und Westen einzigartig verschmelzen lässt. Weil die Türken die türkisch-deutsche Schauspielerin Wilma Elles so sehr bewundern, ließen sie die wunderschöne, talentierte Blondine übrigens aus der Türkei einfliegen, um die Show von ihr eröffnen zu lassen. Und die Designerin des Labels LALA Berlin Leyla Pieyedayesh, die ihre nächste Kollektion in Paris zeigen wird, wirft mit ihren traditionellen Neuinterpretationen des Pali-Tuches Diskurse auf.

Und nicht nur innerhalb der Modewelt entsteht ein Dialog. Es fällt auch auf, dass die Models ein Spiegel der Heterogenität sind. Ob Sara Nuru, Alisar Ailabouni oder etliche andere Models, die asiatische Gesichtszüge haben und sich vom arischen Typ unterscheiden. Mit der Mode können sich immer mehr Menschen identifizieren, wenn die Präsentierenden ihnen selbst ähneln, denn so kann sich jeder Interessierte vorstellen, ob es farblich zum Typ passt. Aber auch Homo- und Transsexualität sind keine Orientierungen, die die Mode ausschließt. In der Szene tobt die sexuelle Vielfalt, alles ist erlaubt. Das Aussehen spielt keine Rolle, dass das Innere kaum Beachtung bekommt, ist die Schattenseite, eine Geschichte der Extreme.

Das Gewicht der Models, für das maßgeblich Designer und Magazine verantwortlich sind, wurde mit dem Auftritt eines nackten Plus-Size-Models ebenfalls in Frage gestellt. Entgegen dem Size-Zero Look bietet Navabi “endlich!” auch Designermode für Frauen in den Größen 42 bis 58. Es wäre wünschenswert, dass Michael Michalsky nicht nur dunkelhäutige Models, Andrej Pejic und schwangere Frauen laufen lässt, sondern vorbildhaft auch Übergewichtige. Als Abbild der Realität.

Ob Modeschaffende, Models, oder Makeup-Artisten, letztlich werden auch die Besucher immer vielfältiger. Die Ignoranz gegenüber anderen Kulturen und Menschen, die nicht der Norm entsprechen, wird abnehmen, davon bin ich überzeugt. Denn in keinem anderen Land sind wir so frei wie in Deutschland und haben ein so großes Potential. Eines Tages wird es auf Streestyle-Blogs, den Dokumentartoren des Modegeschmacks, neben den etlichen blonden, schmalen Acne-Mädchen auch stilvolle Pakistaner mit orange-farbenem Turban zu sehen geben.

Kulturen müssen zugänglicher gemacht werden, das ist auch die Pflicht der Fotografen. Denn Frauen mit Kopftuch oder Menschen im Anzug dürfen nicht auf ihre Kleidung reduziert werden und im Schatten eines Konsum-Geschmacks des Westens stehen. Um nicht weiter eine einseitige und ignorante Welt zu dokumentieren und zu manifestieren, wird schon bald der Stil der Straße dem der Realität entsprechen. Diese Fasson ist ein Feld von verschiedensten Menschen, die jeden Tag aufeinandertreffen und die Welt in Bewegung halten. Es wird Zeit, dass ehrliche Vielfalt zur Mode wird.

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