Norbert und die Guillotine - Mit einem Schaf zum Star

Das Kunstwerk DIE GUILLOTINE wurde für 2,3 Millionen US Dollar verkauft“, lautete der Betreff einer E-Mail, die ich Anfang Mai von einer PR-Agentur für Mode erhielt. Dass Künstler, ähnlich wie…
Norbert und die Guillotine

Mit einem Schaf zum Star

Das Kunstwerk DIE GUILLOTINE wurde für 2,3 Millionen US Dollar verkauft“, lautete der Betreff einer E-Mail, die ich Anfang Mai von einer PR-Agentur für Mode erhielt. Dass Künstler, ähnlich wie Unternehmen, Öffentlichkeitsarbeit in Anspruch nehmen, ist nichts Neues. Dass diese sogar Blogs wie uns kontaktieren, um gerade im Internet von sich reden zu machen, ist ebenfalls nur strategisches Vorangehen.

Die Welt lebt im Internet, so ist es auch mit der Kunst. Als ich diese E-Mail las, musste ich lachen. 2,3 Millionen US Dollar für ein Tötungsmittel eines Schafes namens Norbert, über dessen Schicksal mit einer über das Internet laufenden Abstimmung entschieden wird. Das Pop-Art-Kunstwerk der Meisterschüler der Berliner Universität der Künste Iman Rezai und Rouven Materne ist nach eigenen Angaben ein Experiment zur Darstellung einer Demokratie. Gestern wurde das Projekt beendet und das Ergebnis steht fest. 2,5 Millionen haben mit einem Nein gevotet, 1,7 sind hingegen der Meinung, Norbert solle sterben. Interessanter als Statement und Ergebnis des Projekts sind die Reaktionen.

Von Tierschützer bis Rassisten, emotional aufgeladen, wird auf der Facebook-Seite des Projekts sowas wie „Ich vergesse jetzt mal spontan meine gute Erziehung und auf Demokratie…Verpisst Euch aus Deutschland….Was ein Dreckspack…“ geschrieben. Oder „Wir sollten mal abstimmen ob diesen kranken pseudo Künstlern. Nicht die Finger abgeschnitten werden sollten. Sich an wehrlosen Tieren zu vergreifen ist das allerletzte“. Solche Worte sind Beweis der Macht, die Kunst besitzt.

Über 400 Medien weltweit haben bereits darüber berichtet und etliche Zeitungen legten auch los, als die Summe bekannt gegeben wurde, die ein amerikanischer Sammler geboten hatte. Die Linie zwischen Einfallslosigkeit und Kunst ist sehr dünn. Das Interessante am Experiment ist nicht, dass 2,5 dagegen gevotet haben, sondern dass überhaupt mehr als 4,2 Millionen Menschen sich die Mühe gemacht haben, auf die Internetseite zu gehen, und abzustimmen. Kein großer Akt könnte man meinen.

Aber dahinter steht großes Vertrauen an das Projekt der beiden Künstler. Von der Schafiis-Seite, ein Portal für Schafe, bis Focus-Online berichteten. Acht Anzeigen wurden bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Witzigerweise essen 85 Prozent der Deutschen jeden Tag Fleisch. Das sind pro Kopf in der Woche 1,1 Kilogramm. Dabei existiert Norbert nicht einmal, wie die Künstler bekannt gaben. Was soll also das Ganze? Wir können die Kunstaktion viel mehr als Kritik an die Kunst und Mediengesellschaft erkennen.

Man kann dem Projekt den Kunstwert absprechen, ob man möchte oder nicht, aber ist nicht allein die Tatsache, dass darüber in diesem Umfang gesprochen wird, schon ein Indiz dafür, dass es Kunst ist? Iman Rezai und Rouven Materne haben es geschafft, die meisten ihrer Betrachter zu verarschen. Kunst ist Kritik, das heißt aber nicht, dass vom Betrachter die Kritik ausgelassen werden sollte. Rezai und Materne haben Kunst massentauglich gemacht. Norbert, das arme Schaf, hat mitleidige 13-jährige Mädels genauso sehr erreicht, wie Professoren der Wissenschaften. Damit ist sie nicht mehr elitär, aber damit auch schon lange nicht mehr hinterfragt. Sollten Kunstwerke nun weiterhin nur für die zugänglich sein, die sich mit der Materie auseinanderzusetzen wissen? Nein, natürlich nicht.

Denn käme der künstlerische Wert der Pop-Art dem der hohen Kunst auch nicht nahe, so kann die Auseinandersetzung mit dem Trivialen selbst eine tiefgründige sein, wie ich bereits schrieb. Was für den Mensch der Gegenwart zählt, ist nicht nur Blick in den Spiegel, sondern einer, der auf die Vergangenheit gerichtet ist. Sobald der Prozess eines jeden Künstlers zur Vergangenheit wird, ist er also für uns interessant. Als ich die E-Mail las, dachte ich mir, ein reicher Dummer ist mal wieder reingefallen auf den Kunstmarkt, der meist nicht auf Qualität und Inhalt setzt, sondern den Hype, den Künstlerkult und die archetypischen Neonfarben des poppigen Pop. Wird über die Guillotine gesprochen oder nicht? Wird über den Künstler gesprochen oder nicht?

Und nun veröffentlichen auch wir einen Artikel über das Schaf Norbert und die Macher. Wie Andy Warhol schon ähnlich formulierte, Skandale werden zur Wahre. Wie leicht Medien manipulierbar sind, und wie geil die Menschheit auf solche Ereignisse ist, zeigt die Guillotine außerdem. Statt dem Projekt mit Ignoranz zu antworten, entschieden sich Medien und Tierschützer dazu, die Etikette der Kunst ernst zu nehmen. Kunst wurde auch in diesem Fall zur Ware, die der Betrachter konsumierte ohne zu hinterfragen. Heute früh gab es übrigens eine Pressekonferenz.

Aber dass man Künstlerstatements nicht glauben sollte, sagte schon mein Dozent. Die sind nämlich klug, die meisten Betrachter hingegen nicht. Um die Zukunft der beiden brauchen wir uns aber nicht sorgen. Die Künstler der Moderne können es finanziell schon zum Status eines Unternehmers schaffen. Das Fundament jedenfalls ist gelegt. Beide sind jetzt was wert, sie sind schließlich bekannt. Hirst hat es mit einer toten Kuh ja auch geschafft.

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