re:publica 2012 - Der Nerdolymp der Langweile

Gestern ging die nunmehr sechste re:publica zu Ende, auf der sich jährlich die Crème de la Crème des deutschen Internets für drei Tage in der deutschen Hauptstadt trifft. Wir waren…
re:publica 2012

Der Nerdolymp der Langweile

Gestern ging die nunmehr sechste re:publica zu Ende, auf der sich jährlich die Crème de la Crème des deutschen Internets für drei Tage in der deutschen Hauptstadt trifft. Wir waren zum dritten Mal zu Gast und können, um euch die riesige Überraschung zu versauen, gleich mal vorweg nehmen: Wenn ihr nicht da gewesen seid, dann habt ihr nicht allzu viel verpasst.

Zum ersten Mal fand das Nerdfestival nicht mehr im Friedrichstadtpalast statt, sondern musste wegen akuter Überfüllung in die sogenannte Station, einem ehemaligen Postgüterbahnhof am Gleisdreieck, verlegt werden. Was, wie ich finde, eine optimale Wahl ist, geräumig, hell, schön anzusehen. Es machte Spaß durch die großen Hallen zu hetzen. Das Essen war auch gut. Damit hatte es sich aber.

Die re:publica besitzt das größte Potential, eine wirklich herausragende Erfahrung in Sachen Aktualität, Information und Mehrwert zu sein, für jeden einzelnen Besucher. Allerdings scheitert sie seit Jahren an einem einzigen Problem, das sie nicht lösen kann. Und zwar an sich selbst. An den Menschen, die diese Veranstaltung lebendig machen, beeinflussen, für sich beanspruchen.

Wandert man so um die Stände herum und setzt sich auf einen der vielen bunten Stühle, könnte man nämlich meinen, das deutsche Internet würde ausschließlich aus einer politikversessenen, rebloggenden und journalistisch oder in der PR-Branche tätigen Möchtegernelite bestehen, die durch das Internet entweder eine Möglichkeit gefunden hat, ihr schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein mit Favs, Retweets und Likes zu füttern, anstatt das panisch benötigte Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Anschluss an eine Emo-Clique oder dem massenhaften Verzehr von Schokoladeneiscreme zu emulieren, oder schlichtweg Geld verdienen möchte, ohne den Sinn und die Seele hinter dem Ganzen überhaupt zu begreifen. Ergo vorwiegend Leute, die du schon in der 7. Klasse nicht leiden konntest und mit nassen Papierkügelchen beschossen hast.

Die Panels, also die Vorträge, die eigentlich das Herz der Veranstaltung sein sollten, sind der größte Schwachpunkt an der re:publica. Weil sie entweder von teils unsympathischen Twitter-Süchtigen gehalten werden, die man besser nicht von ihrem iPad hätte weglocken sollen, oder von Menschen, die durchaus das Potential haben, Massen zu begeistern, aber die dann Dinge erzählen, die seit neun Jahren im Internet stehen.

Kein Wunder also, dass selbst am Nachmittag, zur Hochzeit dieser Vorträge, die meisten Besucher lieber mit einem Bier in der einen und mit dem iPhone in der anderen Hand im Hof standen und sich gegenseitig zutwitterten. Viele versuchten es wenigstens und suchten eine der Hallen auf, gaben aber nach zehn Minuten leeren Gelabers auf und gingen etwas essen. Denn wie gesagt: Das Essen war ganz gut.

Die einprägsamsten Augenblicke waren dann auch nicht den Referenten zuzuschreiben, sondern entweder nur den lustigen Videos und Bildchen, die sie im Netz fanden, oder gleich den Gammelbloggern, die sich draußen bei einem Hauch von Festivalstimmung die Sonne auf den Wanst haben scheinen lassen und sich dabei eine Bratwurst oder eine dieser ekligen vegetarischen Gemüsebeutel hinein schoben.

Die re:publica hat sich zu einem selbstgefälligen Nerdolymp ohne wirklichen Einfluss entwickelt, der weit weg von der Mehrheit der deutschen und auch internationalen Internetnutzer agiert und in einer Welt voller Memes, Datentarife und Semirebellionen lebt. Abzüglich der pulsierenden Kreativität, der wirklichen Neuerungen und der magischen Momente, die einen Menschen formen, definieren, und das ganze Leben lang begleiten werden. Und ich habe Angst, dass diese professionalisierte Langeweile die Zukunft des hiesigen Netzes ist.

s.Oliver

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16 Kommentare

  • dingPong

    sorry marcel, aber jenseits von titten ist das internet auch unspannend und normal.

    ach was sag ich da: selbst titten sind normal. du nerd!

  • Andreas Weck

    Die Angst ist nicht unbegründet.

  • Meursalt

    Tipp ,die echten Nerds findest du eher beim CCC oder einem Hackathon.Bei republica hast du eben nur die ganzen Social Media Erklärer(wer erwartet ernsthaft etwas anderes von einer Veranstaltung bei der Sascha Lobo als “Star” gehandelt wird?)

  • re:publica 2012 – Flaschendrehen und Planlosigkeit | Fassbinders Frequenzen

    […] Paul, Marcel, Flo, Heike, Milena, David, Katrin, Alex, Nina, Thang, Matze“¦Â und, und, und“¦ (Ich vergesse […]

  • Udo Würgens

    @ meersalz: sascha lobo ist der dieter bohlen des netzes.

    @dingpong: du bist ja so gebildet.

  • Chris

    Ja, früher war alles besser. Sagte schon mein Großvater, muss also richtig sein.

  • e

    ….auf den punkt, dem ist nichts hinzuzufügen!

  • dingPong

    @Udo Würgens: Ja genau! Superkrass gebildet! Mega! ;-)

    ich finds halt geil: der typ, der hier nen geilen blog auf rtl2-niveau macht, regt sich über die nerds der re:publica auf. hahahaha! da muss ich halt ganz laut lachen.

    und ich war nicht mal auf der re:publica und lese amypink schon seit ein paar jahren ganz gerne.

    insofern: hoch die tassen und lachen!

  • Chris2

    würde mich mal interessieren, wie lange du auf der re:publica warst. vermute mal max. 2-3 stunden.

    als jemand der nicht blogt, hatte ich drei informative tage. allerdings muss ich zugeben, dass die themen meistens nur oberflächlich angekratzt wurden. für tiefe war wenig zeit.

    würde mich nächstes jahr über einen beitrag von amy&pink freuen z.b. “vom blog zum magazin”

    cheers

  • Just another rück:blick | quäntchen + glück

    […] glück natür­lich nicht feh­len und mach­ten sich vier quänt­chen auf den Weg nach Ber­lin. Nerdtwon. Über­be­völ­kert von andro­gy­nen Stoff­beu­tel­trä­gern. Drei Tage Nerd­witze, drei […]

  • Gelesen und gemerkt am 8.5.2012 | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin' since 2001

    […] re:publica 2012 » Der Nerdolymp der Langweile (AMY&PINK)»Wan­dert man so um die Stän­de herum und setzt sich auf einen der vie­len bun­ten Stüh­le, könn­te man näm­lich mei­nen, das deut­sche In­ter­net würde aus­schließ­lich aus einer po­li­tik­ver­ses­se­nen, reb­log­gen­den und jour­na­lis­tisch oder in der PR-Bran­che tä­ti­gen Möch­te­ger­ne­li­te be­ste­hen, die durch das In­ter­net ent­we­der eine Mög­lich­keit ge­fun­den hat, ihr schwach aus­ge­präg­tes Selbst­be­wusst­sein mit Favs, Ret­weets und Likes zu füt­tern, an­statt das pa­nisch be­nö­tig­te Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl mit dem An­schluss an eine Emo-Cli­que oder dem mas­sen­haf­ten Ver­zehr von Scho­ko­la­den­eis­creme zu emu­lie­ren, oder schlicht­weg Geld ver­die­nen möch­te, ohne den Sinn und die Seele hin­ter dem Gan­zen über­haupt zu be­grei­fen. Ergo vor­wie­gend Leute, die du schon in der 7. Klas­se nicht lei­den konn­test und mit nas­sen Pa­pier­kü­gel­chen be­schos­sen hast.« […]

  • Lucky

    100000000 % agree!!!! Diese eklige selbsternannte Internetboheme mit ihrem Gockelguru Lobo ist mehr als grauenhaft!!!!

    Ein trauriges Klassentreffen zu dem nur die Twitternerds eingeladen werden (bzw. sich angesprochen fühlen), die vor drei Jahren noch Emos waren, nach dem Abi das Physikstudium zu uncool fanden und sich jetzt mit ihren lächerlichen Apps und super innovativen Tools gegenseitig hochgeilen! Grauenhaft!!!

  • Tim

    sorry aber apple user sind nur wanna-be nerds. Echte nerds benutzen linux oder windows.

Jack & Jones