Die moderne Liebe - Von Krieg und Kennenlernen

Tatsächlich vergesse ich fremde Gesichter schneller als Postleitzahlen und Telefonnummern. Zwar freue ich mich, dich kennenzulernen, wenn du mich irgendwie seelisch berührst, mental forderst oder visuell stimulierst, aber nach dem…
Die moderne Liebe

Von Krieg und Kennenlernen

Tatsächlich vergesse ich fremde Gesichter schneller als Postleitzahlen und Telefonnummern. Zwar freue ich mich, dich kennenzulernen, wenn du mich irgendwie seelisch berührst, mental forderst oder visuell stimulierst, aber nach dem Kennenlernen und dem Abschied besteht die überdurchschnittlich große Chance, dass ich dich beim nächsten Mal weder erkenne noch in irgendeiner Weise zuordnen kann.

Vollkommen anders sieht es bei dieser einen Person aus, die dich seit Wochen, seit Monaten, womöglich sogar seit Jahren beschäftigt. Und du kommst zu keiner Lösung. Ihr Gesicht hat sich in deinen Schädel gebrannt, bei ihrem Geruch pulsiert das Adrenalin in deinen Venen, ihre Stimme will dich gleichzeitig kommen und kacken lassen. Die Schmetterlinge sind längst tot, in deinen Gedärmen herrscht das vollkommene Chaos.

Die moderne Liebe hat nichts mehr mit den Bravo-Fotolovestorys von damals zu tun. Verlieben ist kein normaler Akt mehr, der mit Eisessen und Kinobesuchen zelebriert und in einem mit Rosen bedeckten und von Teelichtern umgebenen Bett in einem Höhepunkt des verhütungsgerechten Aktes endet. Die moderne Liebe ist Krieg. Und du hast keine andere Möglichkeit, als ihn zu bestreiten. Oder daran zu zerbrechen.

Wir fühlen uns unserem Gegenüber nicht mehr nahe, sondern unsere Psyche fickt uns in jedem nur erdenklichen Weg, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, diese Obsession auf eine einigermaßen normale Ebene zu heben. Denn das ist kein Kummer, das ist keine Trauer, das ist keine Leere. Es ist ein mutiertes Konstrukt aus eigenen Fehlern, verpassten Chancen und jeder Menge gestörter Gedanken, die man besser keinem Arzt und keiner Vertrauensperson offenlegen sollte. Weil das in einer hübschen Anstalt auf dem grünen Hügel endet.

Unsere Logik schreit uns die richtigen Antworten zu, wir kennen die Spielregeln, wir wissen, wie wir uns eigentlich zu verhalten hätten, um den feinen Grat zwischen Anziehung und Antipathie gekonnt zu meistern. Uns ist klar, was wir dürfen – und was nicht. Doch wenn diese eine Person, diese verdammte eine Person, auftaucht, dann übernehmen das Herz und dieses schreckliche Empfinden von Tatendrang die Kontrolle.

Wir fühlen uns verantwortlich, wollen scheinbar nur Gutes, habe mutmaßlich aus unseren Fehlern gelernt, lieben und feiern und unterstützen, so gut wir nur können, obwohl wir insgeheim genau wissen, dass jede Aktion alles nur schlimmer macht – egal wie sehr wir uns anstrengen. Zu lange haben wir geformt und gebastelt und versucht. Unsere Hoffnungen und Träume in jemand anderes investiert.

Unser Herz bleibt stehen, wenn plötzlich ein Dritter auftaucht. Nicht vorbelastet, nicht mental abhängig, wie ein vitaler Sturm erobert er das Herz der Person, für die wir ohne Widerwort unser Leben geben würden, dringt in sie ein, in ihren Kopf und ihren Körper. Und wir können nichts anderes machen, außer zu schreien und innerlich zu sterben und endlich zu verstehen, dass es schon längst Zeit gewesen wäre, weiterzuziehen.

Aber wir konnten einfach nicht. Die moderne Liebe ist ein Hurensohn, sie verlangt Unmenschliches von uns ab, fickt uns auf jede nur erdenkliche Art und Weise, quält uns, foltert uns, bestraft jeden Versuch, ein normales Verhältnis aufzubauen. Mit Fantasien, die dir eine bessere Welt vorgaukeln. Mit Gedanken, die dir in den Kopf schießen, wenn du in der U-Bahn sitzt. Die Erinnerung daran, wie ihr Körper geschmeckt und gerochen hat. Ihr lauter Atem, der Moment, in dem sie sich fallen ließ. Und wir wollen nur eins: Diesen einen Augenblick noch einmal erleben.

Wir sind Mitglieder einer Generation, die unter Überdruss, Langeweile und Frustration leidet, die sich nur für ein paar Minuten an Dingen begeistern und erfreuen kann, bevor sie die analoge Timeline herab rutschen. Umso unverständlicher ist also der Fakt, dass wir uns so sehr dermaßen seelisch von einem anderen Menschen abhängig machen können und jeder Schritt, den wir unternehmen, um diese gleiche Fuck-off-Mentalität auch hier geltend zu machen, nur darin resultiert, dass wir uns still und leise zu Tode brüllen, weil wir uns im Kreis drehen und keinen Ausweg finden. Oder noch schlimmer: Weil wir ihn manchmal gar nicht finden wollen. Weil wir irgendwie behindert sind.

Hier scheint eine uralte Regel zu gelten, die schon so manchem von uns das Leben versaut hat: Umso mehr du etwas willst, umso weniger bekommst du es. Und umgekehrt. Umso mehr ich also versuche, mich an ein Gesicht, einen Namen, eine Begegnung zu erinnern, umso mehr schwappt eine schiere Welle an Charakteren und Geschichten über mich herein, dich ich nicht zuordnen, nicht individuell bewerten kann. Doch umso mehr ich darauf poche, dein Gesicht zu vergessen, die Erinnerungen an dich in dieses Meer aus Menschen zu drücken, damit ich mich umdrehen und befreit weitergehen kann, umso mehr verfolgt mich deine imaginäre Anwesenheit. Auf Schritt und Tritt.

Ich weiß, dass ich erst wieder aufatmen kann, wenn dein Gesicht nur noch eines von vielen ist. Die ich mag, die ich nicht mag, die mir egal sind. Aber die mich nicht zu einer psychisch gestörten Zeitbombe werden lassen. Jedes Mal, wenn mich auch nur irgendeine Kleinigkeit an dich erinnert. Ich arbeite hart an einer Lösung für dieses Phänomen. Und wenn ich eine gefunden habe, dann lasse ich es euch wissen. Bis dahin setze ich stark auf die drei As (Alkohol, Ablenkung und Analsex) und hoffe darauf, dass mich irgendwann einmal ein Stein, Klavier oder Automobil so hart am Kopf trifft, dass ich eine übermenschliche Fähigkeit erlange, meine Gedanken selbst kontrollieren zu können. Das wäre so großartig.

ASOS

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16 Kommentare

  • Wondra

    ganz ganz ganz ganz genau.

  • Jennifer

    hört sich an wie mein Tagebucheintrag vom letzten Montag! erschreckend :O

  • Monsieur Croche

    Haha meine Kollegin und ich brachten heute den halben Nachmittag damit zu, genau dieses Thema zu besprechen ^_^

  • Johanna

    stimmt schon, aber ich würd nicht sagen das liebe erst seit ein paar jahren kompliziert ist. was is hättest du zum beispiel vor so ein- zweihundert jahren gesagt wenn du eigentlich dein süßes dienstmädchen heiraten willst, deine familie aber so ne tussi von reicher kaufmannstochter für dich will?

  • Dirk

    Danke, dass es mal einer sagt. Großartig.

  • ScuzzM

    Ganz selten gibts das. Spezialisten/Innen, die das normale System Trauer und Life-goes-on aushebeln. Resultat: Mindfuck. Soul cancer. You got company.

  • dennis_104

    Hmmm guter Text, gut geschrieben, keine Frage.
    Aber warum muss man heutzutage soviel Probleme mit einer Liebe haben?
    So kompliziert muss das nicht sein.
    Vielleicht mal das Speed ne Woche weg lassen.
    Den Film im Kopf dreht man selbst….

  • Jay

    hm, vielleicht hat das nicht loslassen können weniger mit dem anderen als vielmehr mit einem selbst zu tun?

    wie auch immer…danke für den tollen text marcel!

  • julischka

    noch nie wurde beziehung und liebe derart romantisiert wie heute. ich glaube manchmal, wir stellen zu hohe ansprüche an uns selbst und an die person, die unsere pysche fickt, die uns nicht mehr loslässt, bei der sich alles im magen umdreht, wenn man mit ihr in berührung kommt…doch ist das nicht viellecht nur ein wunschtraum, von dem wir uns erhoffen, er würde uns aus unserem tristen alltagsdasein erlösen? klammern wir uns zu stark an dieses zerbrechliche gefühl, das wir für den einen moment mit dieser person hatten? liebe war schon immer schwer, nicht erst jetzt…doch heutzutage, wo wir scheinbar frei wie nie zuvor über uns selbst und unser leben und die menschen die darin vorkommen zu entscheiden, desto mehr zweifeln wir an allem. weil wir alles richtig machen wollen, weil alles perfekt sein soll. doch das gibt es auf dauer nicht. mit keiner person.

  • Anna

    du hast mir aus dem herzen geschrieben! danke.

  • Calu

    du hast mir so aus der seele geschrieben marcel, danke für diesen wahnsinnigen artikel!

  • Oinky

    Haha, Modern Love is War!

  • Lisa

    Wir sind Mitglieder einer Generation, die unter Überdruss, Langeweile und Frustration leidet, die sich nur für ein paar Minuten an Dingen begeistern und erfreuen kann, bevor sie die analoge Timeline herab rutschen.

  • Andreas

    Ich hab es auch noch nie verstanden wie man sich einmal so nahe sein kann und dann kurz darauf sich nie wieder sehen will….auf jeden Fall danke für den Text

  • Bringt es auf den Punkt… « halbwertszeiten

    […] soll ich sagen ausser: word! Share this:TwitterFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem diese(r) Artikel gefällt. […]

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