LEGO-Orgien - Bringt die Klötzchen zurück!

An so manchem grauen Wochentag sitze ich so vor dem Fenster, gucke der etwas bescheuerten Taube zu, die sich lautstark im Baum vor dem Haus verschanzt hat, und denke darüber…
LEGO-Orgien

Bringt die Klötzchen zurück!

An so manchem grauen Wochentag sitze ich so vor dem Fenster, gucke der etwas bescheuerten Taube zu, die sich lautstark im Baum vor dem Haus verschanzt hat, und denke darüber nach, wann ich eigentlich in meinem Leben am glücklichsten war. Also in welchem Augenblick. Ganz exakt. Als meine Mutter mir mein Super Nintendo aus dem Schlafzimmer holte, das ich im österreichischem Kinderfernsehen gewonnen hatte? Als ich die Zusage bekommen habe, dass ich nach Berlin ziehen werde? Als ich zum ersten Mal in einem Mädchen gekommen bin? Nein.

In der allerersten Wohnung, in der ich aufgewachsen bin, hatten wir ein leerstehendes Zimmer, in dem meine Spielsachen lagen. Irgendwelche bescheuerten Bravo- und Disney-Poster hingen an der Wand, eine große Holzkiste stand direkt neben der Tür. Und in dieser Holzkiste, die ich irgendwann einmal zum Geburtstag bekommen hatte (yeah!), war mein Leben drin. Mein. Ganzes. Leben.

Und mit meinem ganzen Leben meine ich ein Wort mit vier Buchstaben: LEGO. Wenn ich die Zeit hatte, verbrachte ich meinen Tag von morgens bis abends in diesem recht großen Zimmer, hörte mir Soundtracks oder Hörspiele an und ließ mich manchmal von meinen Freunden nach draußen zerren, um dort auf gelagerten Erdsäcken herumzuhüpfen, Doktorspielchen mit Ginos großer Schwester zu spielen oder Klempner durch digitale Abflussröhren zu schleusen. Aber dann ging’s wieder zurück auf meinen LEGO-Planeten.

Und ich hatte wirklich jede Menge davon. Jedes Weihnachten und jeder Geburtstag hatte eigentlich nur einen Höhepunkt: Wenn ich endlich eine große Box mit neuem LEGO in meinen Fingern hielt. Und damals gab’s noch keine Markenscheiße wie “Harry Potter“ oder “Star Wars“, bei uns hießen die Teile ganz einfach “Stadt“. Oder “Aliens“. Oder irgendwas mit U-Booten. Mit geilen, riesigen, gelben U-Booten. Oder Piraten.

Natürlich hielten sich nur langweilige Idioten oder Playmobil-Kinder an die Baupläne, ich war ein Klötzchendirigent, ein Kreationist, der riesige Welten erbaute, Städte und Raumschiffe von unfassbarem Ausmaß. Mit einem Goldvulkan in der Mitte und geheimen Hauptquartieren überall verteilt. Mit Restaurants und Schlafgemächern und Gefängnissen und Werkstätten und Labors und Räumen, die es gar nicht geben dürfte.

Mit Figuren, die nicht nur zufällig zusammengestöpselt waren, sondern eine Seele hatten. Eine Aufgabe. Einen Namen. Die Beziehungen untereinander pflegten, Kinder hatten, Ränge, Berufe. Irgendwas. Ich erschuf ganze Zivilisationen mit Feinden und Sozialleben und Wirtschaftssystemen. Und selbst irgendwelche Mighty-Max- oder Polly-Pocket-Viecher hatten irgendwie eine Berechtigung, mit uns gemeinsam in dieser urbanen Wunderwelt voller Fantasie, Staunen und Erfahrungen zu existieren.

Als ich dann irgendwann einmal älter wurde und mich eher für runde Brüste als für eckige Plastikteile interessierte, verkauften wir die Tonnen von zusammenpassenden Steckteilen bei eBay. Für einen Bruchteil des Einkaufspreises. Und meine längst in Trümmern liegenden Abenteuer gleich mit dazu. Ich hatte Nintendo und Internet und ‘ne Freundin. Das musste reichen. LEGO, ey. Genau.

Aber wenn man wie ich in einer Welt lebt, die von Retrogedanken fast zu platzen droht, weil man von Leuten umgeben ist, die Pixel über Polygone, Platten über CDs und Pokémon über alles andere stellen, die sich an jedem Strohhalm festhalten, um auch ja ihre Kindheit nicht zu vergessen, dann vermisst man auch die Zeit, in der Ferien-LEGO-Orgien bis spät in die Nacht alles für einen waren.

Wisst ihr, was großartig wäre? Einen Ort für alternde Kindsköpfe wie uns, in dem überall kreuz und quer LEGO in allen Varianten und Formen verteilt liegt, und für dessen Zutritt man einen monatlichen Mitgliedsbeitrag zahlen muss. In einem großen Loft. Irgendwo in Berlin. Dann können wir uns da treffen und für ein paar Stunden total bescheuert herum basteln. Das würde die Kreativität fördern. Und graue Zellen auf Trab bringen. Und das Wichtigste: Wir würden alle zusammen LEGO spielen! Äh, bauen! Wie toll das doch wäre!

Also, ihr Berliner Retro-Hipster, macht da mal was klar. 20 Euro im Monat, die ich sonst einem Fitnessstudio hinwerfen würde, in das ich eh nie gehe, würde ich dafür auf jeden Fall dafür ausgeben. Außer irgendwer von euch Trotteln macht dann mein neu gegründetes Riesenraumschiffimperium kaputt. Dann muss ich leider unglaublich zerstörerische Rache üben. Ach, ich vermisse mein LEGO… So sehr!

ASOS

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Tally Weijl

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2 Kommentare

  • Du sprichst mir aus der Seele, Legokamerad. Meine Schwester hat mich früher regelmäßig dafür verprügelt, dass ich ihr sämtliche Polly Pocket-Figuren gestohlen habe, weil meine LEGO-Männchen viel zu männlich waren um Frauen darzustellen.
    Ich habe neulich dem Sohn eines Arbeitskollegen seine LEGO-Box abgekauft. Für 180€, 12kg LEGO. Aber verrats nicht weiter.

  • Felix

    Bei Minecraft kannst du so ungefähr das selbe tun wie LEGO bauen, nur eben digital und am Computer. Mit anderen Leuten zusammen. Und es kostet nur einmal. Und wenn du Glück hast macht es auch keiner kaputt. Und das ist auch voll Retro und Pixelig.