Auf und davon - Scheiße, sind wir frei!

Nachdem du jeden Tag deines Lebens wochen-, manchmal monate-, vielleicht sogar jahrelang fast schon zombieartig routiniert und ohne großes Mucken immer und immer wieder gleichermaßen begonnen, erduldet und abgeschlossen hast,…
Auf und davon

Scheiße, sind wir frei!

Nachdem du jeden Tag deines Lebens wochen-, manchmal monate-, vielleicht sogar jahrelang fast schon zombieartig routiniert und ohne großes Mucken immer und immer wieder gleichermaßen begonnen, erduldet und abgeschlossen hast, schreckst du eines schönen Morgens plötzlich wie aus einem Albtraum hoch und hast keinen Bock mehr darauf.

Du willst nicht mehr von 8 bis 17 Uhr an einem Bankschalter stehen und Hannelore, frisch geschieden und Tochter von vier Kindern, eine miese Altersvorsorge nach der anderen andrehen. Du willst dich nicht mehr jeden Abend von Bernd, frisch geschieden und Vater von vier Kindern, durchbumsen lassen, während er dir hoch und heilig verspricht, dass er nur noch dich liebt, bevor er auf deinem dezent geschminkten Gesicht kommt. Und auf eine Scheidung und vier Kinder hast du schon gar keine Lust.

Eines Morgens schrecken wir wie aus einem Albtraum hoch und uns fällt es wie Schuppen von den Augen: Wir sind frei! Scheiße, sind wir frei! Wir leben in einer modernen Welt, in der wir theoretisch tun und lassen können, was auch immer wir wollen. Solange wir uns dabei an gewisse Richtlinien halten, die den Fortbestand unserer noch recht jungen Spezies sichern sollen. Oder so.

Aus Filmen und Büchern und Theaterstücken haben wir gelernt, dass die Welt voller Geheimnisse steckt, die es zu entdecken gilt. Voller Menschen, voller Orte, voller Wunder, die womöglich nur wir, genau zu dieser Zeit an diesem Platz, erfahren dürfen. Weil wir uns im Himalaya in einen Sherpa verknallen. Oder auf Hawaii lernen, wie man mit einem Delphin um die Wette schwimmt. Oder weil wir auf dem Uluṟu in den Sternenhimmel gucken und plötzlich denken, alles über den Sinn und die Güte des Lebens verstanden zu haben.

Die Fesseln, die uns an Ort und Stelle halten, sind oft nur imaginär oder schnell abzulegen. Die beschissene Beziehung, in der du steckst. Der beschissene Job, den du am liebsten kündigen würdest. Die beschissene Stadt, die du einst irgendwie ganz gut fandest. Eigentlich halten dich nur drei Dinge davon ab, der Scheiße ins Gesicht zu schreien und einen filmreifen Abgang hinzulegen: Gewohnheit. Faulheit. Und Angst.

Angst davor, dass du wie diese Idioten im Fernsehen endest, die mit 500 Euro in der Tasche eine Currywurstbude auf den Philippinen eröffnen wollten und dann gemerkt haben, dass da drüben auch ein mehr oder weniger funktionierendes Wirtschaftssystem auf einen wartet. Angst davor, noch mehr allein zu sein, als du es eh schon bist. Angst davor, all das zu verlieren, was du bereits aufgebaut hast.

Aber ich spreche nicht davon, dass wir unser Leben gegen ein vollkommen neues tauschen sollen. Ich spreche davon, über den Tellerrand zu gucken, zu merken, dass dieses kleine Universum, in dem wir uns tagtäglich verlieren und das wir insgeheim schon längst hassen, nur eines von vielen ist. Und wenn wir auch nur einmal kurz etwas wagen, dann besiegen wir die Gewohnheit. Und die Faulheit. Und die Angst.

Wenn ich wollte, könnte ich mir noch heute spontan ein Ticket nach Stockholm kaufen und dort um die Häuser ziehen. Der Preis ist gering, genauso wie das Risiko. Es wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung, und zwar die Zeit, die uns noch bleibt, so unglaublich großartig wie nur irgendwie möglich zu nutzen. Weil wir es können. Und dürfen. Und uns niemand davon abhalten kann. Außer wir selbst.

Warum mache ich das nicht? Warum sitze ich lieber 20 Stunden am Tag vor diesem Bildschirm und schreibe und twittere und poste und gucke und lese und werde immer fetter und träger und nutzloser und verliere mich in einer vorgetäuschten Welt, die es gar nicht geben dürfte? Warum? Womöglich ist es ein Fehler, eine Antwort auf diese Frage zu finden, sondern es gilt sie einfach zu überspringen und endlich in Aktion zu treten.

Ich habe Angst, dass eines Tages, kurz vor meiner direkten Fahrt in die Hölle, mein Leben an mir vorbeizieht und ich nichts anderes sehe, als miese Tweets von noch mieseren Leuten, geklaute US-Serien und russische Pornos, zu denen ich mich dumm und dämlich wichste. Und dass mein letzter Gedanke eine Frage an mich selbst sein wird, ob es das wirklich wert war, dafür ein Dasein voller wirklicher Erlebnisse aufzugeben.

Wir dürfen nicht mehr zögern, nicht mehr abwägen, nicht mehr an Konsequenzen denken. Wenn wir uns selbst einen Sinn geben wollen, dann müssen wir jetzt handeln. Uns auf dem Himalaya in einen Sherpa verknallen, auf Hawaii mit Delphinen um die Wette schwimmen, auf dem Uluṟu in den Sternenhimmel gucken. Gedanken in die Tat umsetzen, von denen wir nicht einmal wussten, dass es sie gibt. Bevor wir eines schönen Morgens wie aus einem Albtraum aufschrecken und uns bewusst wird, dass es jetzt zu spät ist, diesem noch zu entfliehen.

Superdry

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