Steiger-Award an Erdogan - Deutschland ehrt die Falschen

Wäre der türkische Premierminister Erdogan Fußballprofi geworden, würden wir womöglich in einer etwas anderen Welt leben.. Als ob das nicht zu viel ist, verleihen die Deutschen erst den Migrationspreis an…
Steiger-Award an Erdogan

Deutschland ehrt die Falschen

Wäre der türkische Premierminister Erdogan Fußballprofi geworden, würden wir womöglich in einer etwas anderen Welt leben.. Als ob das nicht zu viel ist, verleihen die Deutschen erst den Migrationspreis an Bushido und nun den Steiger-Award für Toleranz und Offenheit dem türkischen Premier Erdogan. Erst war ich genervt, Deutschland, über die ganzen Debatten von Bushido bis zur deutschen Boulevardpresse, vom Islam bis zum Döner, vom Döner bis Angela Merkel, vom Minirock bis zum Kopftuch. Mir war nicht ganz klar, was all die Diskussionen bringen sollten, wenn keiner nicht das Verhalten an den Tag legen kann, das so vieles ändern könnte: Toleranz. Mir fehlte die Verantwortung, die Ernsthaftigkeit, die benötigt wird, um sich mit den Konflikten der Gesellschaft auseinanderzusetzen, um diese zu lösen.

Später konnte ich das Gelaber mit Humor hinnehmen und wie die deutsche Presse auch mal selbst lachen.Ganz von oben. Ich hatte also beschlossen, mich vorerst rauszuhalten, aus Bequemlichkeit. Denn aufgrund meines Äußeren, meiner Möglichkeiten, die mir eine gute Bildung erschufen, muss ich mich mit keinem dieser Schattenseiten als Enkelin eines Gastarbeiters mehr befassen. Der deutsche Staat hat mir geholfen, mir selbst zu helfen. Diskriminierung, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit – das ist Vergangenheit, glaubte ich, bis ich vom Award hörte.

Es gibt keinen Grund zum Lachen, bloß zu einem bitteren Gefühl der Enttäuschung. Da möchte ein Land, selten unkritisch und reflektiert, einem Volksvertreter einen Preis reichen, der sich darum bemüht, die Weste edelmütig weiß und rein zu halten, während es noch immer Blut und Tränen tropft. Als „Würdigung für 50 Jahre deutsch-türkische Freundschaft“ versteht Sascha Hellen die Vergabe seiner Revier-Trophäe an Recep Erdogan schreibt der Westen. Ich kann mich nicht an einen Beitrag erinnern, der diese Freundschaft hat das werden lassen, was sie heute ist.

Er bestreitet den Armenier-Völkermord, unterdrückt noch immer die Kurden im eigenen Land und zu allem Überfluss feierte er vor wenigen Tagen die Einstellung des Gerichtsverfahrens gegen die Täter des Massakers in Sivas im Jahre 1993, bei dem 34 Intellektuelle an lebendigem Leib verbrannt wurden, mit den Worten „Segensreiches Ereignis für unser Land“. Weder geht es ihm um das Wohl des Volkes, das er zu trennen versucht und gegeneinander durch starke Ausgrenzung aufzuhetzen, noch um das Beseitigen der Schwierigkeiten der Deutschtürken. Politikern wie diesen geht es um alles andere als das Wohl des Volkes, es geht einzig allein darum, die eigene Ideologie jedem einzelnen Bürger einzutrichtern und zu selektieren. Das Resultat ist ein Streben nach einem homogenen und unbefleckten Volk, das Endresultat: Weltmacht.

Das möchten 20.000 Menschen so nicht hinnehmen. Wenn am Samstag Altkanzler Gerhard Schröder Erdogan in Bochum den Preis übergeben wird, werden 20.000 Menschen auf der Straße sein, um zu demonstrieren. Der „Zentralrat der Armenier“, kurdische Migrantengruppen, ein „Bündnis gegen Antisemitismus“ wollen nicht einfach zusehen und rufen daher „zum machtvollen Widerstand“ auf wie der Westen berichtet. Neben Erdogan werden am Samstag Königin Silvia von Schweden, Alt-Bundespräsident Horst Köhler, die Schauspielerin Christiane Hörbinger, der Modeschöpfer Wolfgang Joop, Popstar Tim Bendzko und Rocker Lou Reed mit dem Award geehrt. Hat doch schon fast was vom Bambi dieser Promiauflauf bei der Verleihung des Steiger-Awards, ein Synonym für Ruhrpott-Oscar im Volksmunde.

Empörung in Deutschland seitens der Organisationen unterdrückter Minderheiten ohne Grenzen. Mit einem offenen Brief wendet sich der Zentralrat der Armenier an die Preisträger, die darüber nachdenken sollten, den Preis nicht entgegen zu nehmen oder zurückzugeben. Recep Tayyip Erdogan stehe in allen Punkten genau für das Gegenteil von Toleranz, Menschlichkeit und das Zusammenwachsen Europas heißt es in dem Brief. Anders als erwartet, begründen sie dies nicht nur an dem Genozid an die Armenier, der noch immer bestritten wird, sondern betont der armenische Zentralrat, dass Erdogan „Migranten türkischer Herkunft an einer nachhaltigen Integration in Deutschland hindert“, Christen, Juden und andern nichtmuslimischen und nichttürkischen Ethnien unterdrückt.

Vor allem die Pressefreiheit wird nicht geduldet. Intellektuelle wie Nobelpreisträger Orhan Pamuk und Hrant Dink wurden verfolgt, der armenische Journalist Dink wurde sogar von einem 17jähirgen Nationalisten nieder geschossen. Auch Amid Rabieh vom Vorstand der Linken in Bochum kritisiert die Auszeichnung, die am 17.März in Bochum stattfinden wird. „Es ist ein Akt des bodenlosen Zynismus, dass Ministerpräsident Erdogan mit einem Preis für den Einsatz für Menschenrechte und Bemühungen für einen demokratischen Wandel gewürdigt werden soll. Diese Preisverleihung ist ein Schlag ins Gesicht für all die Menschen in der Türkei, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen, für politisch Verfolgte, Gewerkschafter und Oppositionelle“ so Amid Rabieh vom Kreisvorstand DIE LINKE. Rabieh erklärt, dass er die Proteste geegen die Preisverleihung an Erdogan unterstützen wird und ruft daher die Menschen auf, sich an den Protesten zu beteiligen.

Nun hat sich auch Menschenrechtsexpertin der Unions-Bundestagsfraktion Erika Steinbach und der deutsche Journalisten-Verband (DJV) zu Wort gemeldet, wie die Zeit berichtet. Steinbach fordert eine Absage, und auch die DJV empfindet die Auszeichnung als „Missachtung des Grundrechts auf Meinungsfreiheit.“ Warum bloß ehren die Deutschen die Falschen, wenn es um Menschlichkeit und den kulturellen Beitrag geht? Ist das Unwissen des Veranstalters und Journalisten Sascha Hellen über unsere Mitbürger etwa der Spiegel der Nation? Gewiss.

Denn für den durchschnittlichen Deutschen ist ein Türke eben ein Türke, wie für manch Türken ein Deutscher eben nur ein Deutscher ist. Damit solche Demonstrationen, solche abstrusen Verleihungen erst überhaupt nicht entstehen können, bitte ich nur um eines: Interesse jedem Menschen gegenüber und ein wenig Mitgefühl. Wir wollen alle bloß verstanden und toleriert werden. Die Forderung der Absage seitens der kritischen Deutschen jedenfalls ist ein großer Schritt. Und dafür bin ich im Namen unzähliger unterdrückten Minderheiten sowohl in Deutschland als auch in der Türkei dankbar.

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10 Kommentare

  • Aysun Aksel

    :(((

  • SeksiKabus

    Ach ich find dein Artikel lustig und musste sogar kurz schmunzeln. Ich merke auch das du echt kein Plan hast über Erdogan. Du wirs dich sicher Fragen wieso ich so über dich denken kann obwohl wir uns gar nicht mal KENNEN aber “Migranten türkischer Herkunft an einer nachhaltigen Integration in Deutschland hindert” sagt mir alles. Du solltes dich mehr mit der Türkischen Politik befassen. Ich könnte jetzt noch mehr schreiben aber wie Obama immer sagt “YES WEEKEND” und somit geh ich Sonne tanken ;)

    PS: Finde die Seite trotzdem Super ;) (wenn mein Blog fertig ist, dann verlink ich die seite mal)

  • Markus

    Politik ist leider echt kein Spass. Mancher Entscheidungsträger denkt sich hoffentlich manchmal was bei seinen Entscheidungen.
    Das Wort “Integration” ist ermüdend…sobald sich jemand in der Gesellschaft falsch verhält und seine Ursprünge nicht aus Deutschland sind benutzt man dieses abgenutze Wort mit nicht “…” fähig. Aus dem Grund ist für mich ein Integrationspreis einfach nur lächerlich.

  • Sal Paradise

    Danke für den Artikel, es wäre nur nennenswert, dass in Sivas nicht einfach intelektuelle ermordet wurden sondern diese auch Aleviten waren (auch eine Minderheit) oder zumindest im Sinne des Alevitentums damals an einer alevitischen Großveranstaltung teilgenommen haben. Die Opfer sind am lebendigen Leibe verbrannt, sie befanden sich in einem Hotel welches stundenlang von ortsansässisgen Islamisten nach deren Freitagsgebet belagert und anschließend angezündet wurde. Überraschenderweise, kam die Feuerwehr ebenfalls erst nach Stunden an, Polizei und Militär gingen warum auch immer nicht gegen die Meute vor, im gegenteil.
    Das der Fall abgeschlossen ist, weil er angeblich verjährt ist, ist in so fern eine Lüge, weil das Gesetz der Verjährung nach türkischem Recht noch garnicht eingetreten ist bzw. eintreten kann, wie wahrscheinlich auch nach allen anderen Rechtssystemen der Welt.
    @ Seksi Kabus: Du solltest dich auch mal mehr mit türkischer Politik befassen bzw. nicht so ignorant sein und das alles strikt einseitig betrachten. Natürlich hat die Regierung um Erdogan der Türkei auch gewisse Vorteile gebracht und in geweisser weise weiter entwickelt, es wäre ebenfalls falsch das zu bestreiten doch das ändert nichts an der Tatsache dass er ein islamistischer, pseudodemokratischer, Machtsüchtiger ist, welcher das Land mit seinen Leuten unterläuft und im rausch seiner paranoia alles unter kontrolle haben möchte.
    Dazu abschließend noch ein nettes Zitat, welches aus seinem politischen Umkreis stammen soll:
    Erdogan glaubt an Gott, vetraut ihm aber nicht.
    ;)

  • SeksiKabus

    Hmm kling Ich den soo Ignorant?? Auf jedenfall habe Ich oft mit mein Religions Lehrer (dieser Mann hat so viel Wissen in sich, dasss ist unglaublich) darüber geredet, da ich selbst Erdogan net toll fand. Und bin seiner Meinung, Erdogan hat das Problem das zwische Ihn und der Staat noch die alten Denker sitzen, die Türkei in seinem alten Zustand sehen wollen. Und wenn Erdogan vieles umkrempeln würde wär er weg, deswegen labbert Erdogen wenn er in Deutschland, dass die Türken in Deutschland türkischen lernen sollen und blabla….

    Und welcher Politiker ist nicht Machtsüchtig/Korrupt???

    Kurz und knapp darüber kann man sich Stundenland streiten aber es lohnt sich nicht :)

  • Stego

    Wenn es sich nicht lohnt hierüber zu streiten, gibt es dann überhaupt etwas über das es sich zu streiten lohnt?

    Guter Artikel übrigens! :) Es ist schon erschreckend, wenn man bedenkt, dass diejenigen die entscheiden wer solche Preise bekommt eigentlich intelligente und gebildete Menschen sind…

  • Max

    Diese Preise sind doch eigentlich sowas von unwichtig… Hat einer davon schon viel bewegt? Eher nein, oder? Außerdem sind die ja meistens gesteuert von Interessen, die komplett undurchsichtig sind. Einfach nicht aufregen ;-)

  • pinar

    Vielleicht sollte Erdogan mit dem Preis nur dazu ermutigt werden, mehr für Menschenrechte etc. etc. zu tun…?
    Die Ganze Politik basiert doch nur auf vorraus schauenden Berechnungen

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