Der Stil der Konsumgesellschaft - Wir sehen aus wie Klone

Egal, was du dir aus dem Schrank nehmen wirst, es ist hässlich. Vivienne Westwood zufolge haben sich die Menschen noch nie hässlicher gekleidet als heute, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Wirklich…
Der Stil der Konsumgesellschaft

Wir sehen aus wie Klone

Egal, was du dir aus dem Schrank nehmen wirst, es ist hässlich. Vivienne Westwood zufolge haben sich die Menschen noch nie hässlicher gekleidet als heute, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Wirklich stilvoll seien nur die 70-Jährigen. Warum? Weil wir alle aussehen wie Klone. Dazu geführt hat unser Konsumverhalten, aus der eine Wegwerfkultur entstanden ist, und Konformität, also unsere Unfähigkeit, uns den bestehenden Normen in der Gesellschaft widersetzen zu können, erklärte Westwood vergange Woche lauthals, nachdem sie ihre neue Kollektion auf der London Fashion Week zeigte.

Recht hat sie ja. Ob die Kleidung von Anna della Russo, einer Vogue-Chefredakteurin, dem rotierenden Popstar Lady Gaga oder doch nur des weltweiten Hipsters in seiner Vintage-Kleidung. Wenn wir ehrlich sind: Die meisten sehen aus, als hätte man eine Mülldeponie auf ihrem Körper entleert. Entgegen dem Trend des klassisch Schönen hat sich schon immer als Gegenpol das Schrille, Bunte, Außergewöhnliche und gar nicht Schöne, sondern viel mehr das Interessante beweisen wollen.

Wir können das auch mit einem Begriff zusammenfassen, auf den alle immer gern pochen: Individualität. In Industrienationen wie Deutschland, USA oder England, in der wir uns gerne als Individuum definieren und auftreten, sind wir ebenfalls sehr freie Menschen, weil wir uns selbst entfalten können und entscheiden dürfen, wer wir sein möchten. Stimmt das wirklich? Sind wir wirklich freie Menschen?

Was von Pionieren sicher noch als Ausdruck von Freiheit galt, oder auch ein Ausdruck der Globalisierung, wird seit jeher von der Masse nachgeahmt. Individualität ist doch schon seit Sturm und Drang vollkommen im Trend und seitdem auch eigentlich nichts Neues, oder? Und dann sehen wir eben aus wie Klone, was wir selbst aber gerne unter dem Deckmäntelchen eines einzigartigen Stils allesamt kollektiv verstecken. Wir stehen unter großen Druck, beweisen zu müssen, wie einzigartig wir sind und das mit unserem Äußeren.

Aber man will es uns unter 70-jähirgen auch einfach nicht leicht machen. Und das müsste selbst Westwood zugeben, die es anders als der britische Designer Mark Fast nicht schafft, Plus-Size-Models wie Crystal Renn auf den Laufsteg zu schicken, Konformität kann nämlich nicht nur auf den Kleidungsstil, sondern auch auf Schönheitsideale übertragen werden. Und da unterscheidet sich Frau Westwood, die Individualität fordert, aber es auch nicht so Recht schafft, sich von manifestierten Idealen loszulösen, wie viele ihrer Kollegen in der Modebranche. Werden wir da nicht auch auf Kosten ihrer Mode, die wahrscheinlich an einem Kleiderbügelmodel besser präsentiert werden kann als einer echten durchschnittlichen Frau, beeinflusst, sogar herausgefordert, das Unmögliche aus unserem Körper zu holen?

Zunächst müssen wir festhalten, dass wir jung sind, und gerne Neues ausprobieren, dabei rebellieren, aber noch auf der Suche nach einer Identität sind. Dazu gehört auch, dass wir uns in verschiedenen Rollen erfinden und die dazugehörige Kleidung aussuchen. Weil wir auch ganz einfach unsicher sind. Da kann es schon mal passieren, dass wir den Stil häufiger wechseln, bis wir eben wissen, ob bewusst oder unbewusst, wer wir sind, und was wir möchten, und wie wir uns zu dieser Person auch kleiden wollen von völlig gleichgültig bis piekfein. Den eigenen Stil, meist klassisch konservativen, eignen wir uns schließlich sowieso erst im hohen Alter an. Manche Menschen können sich ein Leben lang nicht entscheiden, wer sie sein wollen, müssen sie auch gar nicht.

Und doch können wir ihr nicht widersprechen, denn der Stil der Konsumgesellschaft macht nur den Anschein, er sei individuell und global. Das Mischen verschiedener Stile, spricht das nun für Freiheit und Weltoffenheit oder doch nicht dafür, dass die Mode mit Tiefpreisen demokratisiert wurde und nun jedem versprochen wird, dass er aussehen kann, wie er möchte?

Unsere Herrschaftsform gewährleistet Freiheit, das heißt aber nicht, dass wir für unsere Freiheit nicht tagtäglich kämpfen müssen. Denn unbewusst versucht man sie uns zu rauben. Man macht es uns auch einfach nicht leicht, den Normen der Gesellschaft zu widersprechen und die gegebene Definition von schön und hässlich zu hinterfragen.

Nicht nur, dass soziale Medien wie Facebook kostspielige Datenoptimierungen durchführen, um uns mit individuellen Konsumentenprofilen mehr und mehr zum Kaufen anregen, gar foltern, Supermodels zwinkern uns von großen Werbeplakaten zu, Musikvideos entwerfen verschiedene Lifestyles, technische Fortschritte von der Chirurgie bis Photoshop, Fastfood-Fashion von Zara bis Louis Vuitton, der modische Saisonwechsel nach sechs Monaten – all diese Komponenten diktieren uns, was wir zu tragen haben, und wie wir von Kopf bis Fuß auszusehen haben. Längst gibt es keine Idole mehr, die uns zu mehr bewegen. Und wie ich bereits schrieb, fehlt uns auch ein klein wenig Mut.

Ausgenutzt wird die Charakterschwäche der jungen Menschen von den Medien, die doch meist doppelt so alt sind wie wir. Schuld daran haben also in erster Linie nicht wir. Wir jungen Menschen. Ob jung oder alt, wir wollen alle bloß wahrgenommen werden, wertgeschätzt, unseren Platz in der Gesellschaft und gefallen. Anerkennung gehört nämlich zu den Zielen im Leben, die uns zu unserem Glück verhelfen. Und Werbungen erklären uns mit Produkten, wie wir dem näher kommen, mit was sonst? Wir stecken da in einem riesigen System, indem unsere menschlichen Eigenschaften und gerade unsere Schwächen ausgenutzt und wir selbst manipuliert werden, um Produkte zu kaufen, die nicht lange anhalten.

Das Resultat dieses Systems ist also nicht nur eine Masse aus eineiigen Tausendlingen mit nur einer Seele, sondern Profit im großen Stil. Davon gewinnen können nämlich nur die höhnisch lachenden klugen Köpfe des Kapitalismus. Westwood selbst fordert als Modedesignerin, weniger zu konsumieren, besser auszuwählen und darauf zu achten, dass es länger hält.

Aber funktioniert das überhaupt noch, wenn wir nicht nur auf Funktion, sondern auch auf Design setzen? Von der Elektro- bis zur Textilindustrie fragt es sich, ob dem Konsumenten überhaupt noch Produkte angeboten werden, die auf Nachhaltigkeit setzen. Durch die Obsoleszenz zum einen, und die Internetrevolution, die uns immer stärker zur Aktualität zwingt, zum anderen, bleibt uns doch nichts anderes übrig, als zu erneuern. Ganz schön leicht gesagt von einer 71-jährigen Dame, wir Menschen von heute würden uns hässlich anziehen, was?

Aber fest steht, dass die Obsoleszenz große Konsequenzen mit sich führt. Nicht nur äußerlich, sondern auch intellektuell. Die modische Rotation, das auf menschliche Schwäche aufbauende System, die Geldmaschinerie – lange ist uns nichts anderes übrig geblieben, als stillos durch die Straßen zu laufen und uns von Streetstyle-Blogs fotografieren zu lassen, in der Hoffnung, neben all den anderen als Individuen wahrgenommen zu werden. Das soll nun ein Ende haben.

Ich fordere zu einem Neo-Luddismus ein, in der wir nicht als Arbeiter, sondern als Konsumenten unsere gesamten sozialen Umstände hinterfragen, bevor uns eine der kostbarsten Tradition verloren geht. Die Konsumgesellschaft greift nämlich eines der wichtigsten deutschen Tugenden an: Die Fähigkeit der Kritik. Es ist Zeit für ein Umdenken. Dann können wir jungen Menschen uns auch mal überlegen, ob wir wirklich mit Kleidung unsere Individualität oder Schönheit erklären müssen.

Aber sicher tun wir aber garantiert genau das, was Ms. Westwood fordert: Weniger konsumieren, besser auswählen und einen eigenen Stil entwickeln. Denn Mode macht es sich echt verdammt schwer, sich mit Stil und Langlebigkeit gleichzusetzen. Man müsste seine Kleidung wie Vivienne selbst schneidern, aber anders als sie nicht weiter verkaufen, denn sonst entwerfen wir am Ende bloß Klone.

Forever 21

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Mister Spex

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13 Kommentare

  • Thomas

    das Thema ist so alt wie die Erdbeeren aus Marokko, die mein Mitbewohner im Kühlschrank lagert. Ist genau so billig (79Cent), hat den faden Beigeschmack von schwarzafrikanischer Kinderarbeit und schmeckt echt scheiße. Ich trage was mir gefällt, was ich sehe inspiriert mich, ob ich dabei Aussehe wie ein Klon ist mir dabei Wumpe. Über manche Dinge wird einfach zu viel nachgedacht.

  • Phil

    *hust* h&m *hust*

  • Fosca

    Mode und Individualität schließen sich doch schon per Definition gegenseitig aus.

    Wikipedia;
    “Mode (aus dem Französischen mode; lat. modus “šMaß“˜ bzw. “šArt“˜, eigentlich “šGemessenes“˜ bzw. “šErfasstes“˜) bezeichnet die in einem bestimmten Zeitraum und einer bestimmten Gruppe von Menschen als zeitgemäß geltende Art, bestimmte Dinge zu tun, Dinge zu benutzen oder anzuschaffen, …”

    Individuell kann in diesem Sinne nur etwas sein, was außerhalb der Mode ist.

    Ich finde es interessant, wie wenig sich in den letzten 150 Jahren doch verändert hat.

    Schon 1854 schrieb Thoreau:

    “Wir verehren weder die Grazien noch die Parzen, dafür aber unsere Mode! Sie spinnt, webt und schneidet ab mit unumstrittener Autorität. Der Oberaffe in Paris setzt sich eine Reisemütze auf, und alle Affen Amerikas machen es ihm nach. (…)
    Wie Schiffsbrüchige ziehen sie an, was auf dem Strand zu finden ist, und machen sich, nach einem geringen Abstand, zeitlich wie räumlich, über die eigene Maskerade lustig. Jede Generation lacht über die Moden der Vergangenheit, geht jedoch treu und brav mit der neuen.”
    “Die Mode, der die Herde emsig folgt, wird von den Reichen und Verschwendern vorgeschrieben.”

    Immer wieder lesenswert, m.E. gerade heutzutage:

    http://www.gutenberg.org/files/205/205-h/205-h.htm

    Mode als Ausdruck von persönlicher Lebensfreude, als Malen mit Stoffen auf dem eigenen Körper als Leinwand, finde ich ja OK – wobei das nach obiger Definition ja keine Mode ist. Aber oft habe ich den Eindruck, dass Mode weit mehr Lebenfreude und Freiheit raubt, als sie gibt – z.B. indem Menschen stundenlang vor überquellenden Kleiderschränken stehen und sich einfach nichts zusammenfinden lässt, worin sie sich in den nächsten Stunden halbwegs wohl fühlen können.

  • Erstaunlich das dieser Artikel kaum kommentiert wird.
    Die Überschrift sagt alles. Ich stimme der Aussage voll und ganz zu.

    90% der Menschen sind dumm. Die gebissenen Hunde schienen dies nicht mal zu merken. Naja, wer sich nicht selber kleidet, der wird halt von einem fremden gekleidet. Dies ist ja auch umso einfacher.

  • Monsieur Croche

    Weshalb ist Individualität so wichtig? Warum sich nicht einfach dem Leben erfreuen, ohne sich Gedanken über sein Erscheinen zu machen? Mode und mit ihm der ganze Individualismus erscheint mir wie der Versuch des (ungläubigen) Menschen, sich unsterblich zu machen. Sein Leben erscheint ihm sinnlos und indem er seinem Leben einen individuellen Touch gibt, glaubt er ihm einen Sinn einverleiben zu können. Dass dies zu Eitelkeit und Narzissmus führt (man selbst ist ja das Zentrum des eigenen Universums und “man lebt ja nur einmal”) ist selbstredend.

    Etwas mehr Demut täte der Welt und nicht zu Letzt uns selbst gut. Wir müssten dazu bloss das Offensichtlichi akzeptieren und mit ihm Frieden schliessen.

    • Fosca

      @Monsieur Croche:

      Individualität ist doch nicht, etwas Besonderes aus sich zu machen und sich bewusst von anderen abzugrenzen. Wer individuell sein will, indem er sich gegen etwas abgrenzt (z.B. gegen die gängige Mode, nur weil er kein ‘Klon’ sein will), der ist schon nicht mehr individuell, da er abhängig ist, von dem, wogegen er sich abgrenzt.

      Individualität ist m.E. einfach das zu leben, was man in sich spürt – das ist kein ‘individueller Touch’, den man sich geben muss.

      Die einen spüren Jesus in sich, andere Mohammed oder Buddha oder den Drang ohne Sauerstoffgerät am Mount Everest zu kratzen. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

      Und ja, das hat viel mit Sinn zu tun – den suchen wir doch alle. Die einen finden Sinn in Jesus, die anderen in nackten kleinen Japanerinnen … mit Jesus hat man’s da einfacher, der kann nicht weglaufen.

      Ist mir egal, worin ein Mensch seinen Sinn findet – hauptsache er belästigt andere nicht allzu arg damit. Das Problem unserer Gesellschaft scheinen mir nicht die individuell Lebenden zu sein. Die Angepassten sind das Problem, da sich durch die erzwungene Anpassung, der sie sich ergeben haben, in ihnen ein zunehmender Hass auf alles ausbildet, was ein wenig anders ist als sie selbst. Dieser Hass drückt sich dann nicht nur in ‘Türken nach Auschwitz’ aus, sondern auch ganz banal in einem ‘Wie sieht dieeee denn aus?’.

  • Mali

    Nichts neues. Aber kann man nicht oft genug sagen.

  • mica

    sozialkritik auf oberstufen-niveau.

  • Lali

    Ich habe den Artikel nicht mal bis zu Hälfte gelesen. Wieso macht man sich über so etwas Gedanken??? Und investiert seine Zeit nicht in wichtigere Dinge?
    Ich wünsche der Welt, und euch, dass die Wichtigkeit von Klamotten und Aussehen bald endlich mal unter den Tisch gekehrt wird. Am Besten einfach alle in uniforme Funktionsanzüge aus Gummi gesteckt. “Dann sehen wir ja alle gleich aus, dann ist ja niemand mehr individuell!!” – wer auch immer das denkt, oder seine Garderobe braucht, um sich zu profilieren, tut mir Leid!
    Man sollte sich lieber mal Gedanken über erneuerbare Energien, unsere Agrarindustrie und unseren ekelhaften Lebensstil machen, der läuft nämlich auf einen tiefen tiefen Abgrund zu!!! Ist doch scheißegal wie wir dabei rumlaufen??
    Dieses ewige Gelaber von “alle sehen gleich aus” und das Herausblitzen zwischen den Zeilen von “Ich bin so unique, schaut mich an!” geht mir auf den Zeiger! Es macht mich traurig und treibt mir die Tränen in die Augen, dass alles um uns herum kaputt geht und man solch einem Thema noch so kollektiv so eine große Relevanz zu schreiben kann!
    Ich sag nicht lauft in Kartoffelsäcken rum, ich find es auch toll wenn man sich schön anzieht, aber man sollte diesbezüglich wirklich Prioritäten setzen! Macht die Augen auf, das ist die Welt in den Gitterstäben der eigenen Selbstverleugnung! Immer wird nur rumgehatet, verdammt!

  • eine aus Wien

    sehr guter artikel!
    @lali: lies erst mal zu ende..

  • Lali

    Und jetzt? Kann immer noch das gleiche sagen..

  • diebummelfee

    Also ich finde man kann auf jeden Fall seine Individualität zum Ausdruck bringen, auch wenn man den neuesten Mode-Trends folgt. Viel wichtiger ist dabei sowieso eine individuelle Persönlichkeit zu haben, dann wird man auch nicht zum Klon :)

  • Natascha

    Super Artikel! Der Individualitätswahn ist wirklich kaum noch auszuhalten! Wir wollen alle besonders sein uns sind
    doch so eintönig und konform.

    Klamottenmäßig so wie auch geistig. Eine breite, graue Masse, die krampfhaft versucht, aufzufallen und besonders zu sein.
    Aber, ein gerupftes Huhn wird auch nicht schöner wenn man ihm ein buntes Hemdchen anzieht, so ist das halt. Besonders bescheuert höchstens.

    Wir sollten uns verabschieden, von den falschen Vorstellungen, die Modekonzerne und die Industrie generell, in uns gesäht hat.
    Du bist was du trägst ist quatsch. Du bist wer du bist! Und das kannst du mit Hilfe von irgendnem Fummel nie ändern, das kannst du nur mit Hilfe von Verstand. Und der fehlt, heutzutage, leider so einigen. Kein Wunder, denn ihr Hauptaugenmerk liegt darauf, schön, und toll und individuell zu sein. Wer braucht schon Grips, in unserer Schönheitsliebenden Gesellschaft? Haste Louis Vouitton Tasche, haste Ansehen.
    Peinlich, wir Menschen!

    Abschließend, eine Frage: Seit wann sind denn die Deutschen Kritikfähig?????!!!

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