Kleinstadtgedanken - Kneipen, Fummeln, Nostalgie

Kleinstädte tragen ihren Namen nicht ohne Grund. Und jedes auch nur irgendwie erdenkliche Vorurteil über sie ist wahr. Jeder kennt jeden. Die Inzestrate ist überdurchschnittlich hoch. Die Tageszeitung, die sich…
Kleinstadtgedanken

Kneipen, Fummeln, Nostalgie

Kleinstädte tragen ihren Namen nicht ohne Grund. Und jedes auch nur irgendwie erdenkliche Vorurteil über sie ist wahr. Jeder kennt jeden. Die Inzestrate ist überdurchschnittlich hoch. Die Tageszeitung, die sich meist gleich über mehrere Dörfer und Wiesen erstreckt, berichtet bevorzugt über den 75. Geburtstag des Gartenvereins oder fotografiert kleine Kinder dabei, wie sie den 3. Platz im regionalen Taekwondo-Turnier gewonnen haben. Total exotisch und so. Und in so einer Umgebung muss sich irgendwann jeder eine Frage stellen: Bleiben – oder gehen?

Meine Kleinstadt heißt Buchloe. Sie liegt in Bayern, irgendwo zwischen Augsburg, Landsberg am Lech und Kaufbeuren. Wenn euch das etwas sagt. Und als es eigentlich schon fast zu spät war, habe ich mich dazu entschieden zu gehen. Nach Berlin. In die große weite Welt. Um etwas anderes aus meinem Leben zu machen, außer meine Freundin zu heiraten, mit ihr in ein Einfamilienhaus auf dem Acker ihres Vaters zu ziehen und danach fleißig kleine FC-Bayern-Fans zu zeugen. Ein anderer Lebensstil ist dort drüben schließlich nicht gern gesehen.

Wenn ich heute an Weihnachten oder Ostern nach Hause komme, um meine Familie zu besuchen, dann fühle ich mich überlegen. Weil ich es geschafft habe. Rede ich mir zumindest selbst ein. Raus aus dem blauweißen Einerlei, hinein in die schnelllebige Welt, bestehend aus Partys, Drogen und Z-Promis. Oder zu Hause herumsitzen und sich einen runterholen, weil man ja im Zentrum der deutschen Macht sitzt. Gleich neben dem Fernsehturm und diesem Typen, der ständig irgendwas von Ischen, Muckefuck und Jummilutscha durch den Kiez brüllt.

Es gibt gute Gründe, warum ich meine Freunde in dieser öden Idylle zurückgelassen habe. Geld ist einer. Abwechslung. Perspektive. Großstadtflair. Solche Begriffe eben. Und oft habe ich gar keine Zeit darüber nachzudenken, wie mein Leben wohl ausgesehen hätte, wenn ich damals nicht weggegangen wäre. Vor knapp fünf Jahren. Diese Frage stellt sich irgendwann jeder einmal. Und manchmal holt sie einen ein.

Dann sitze ich spät nachts mit einer Flasche Wein vor dem Facebook-Stream und klicke mich durch bekannte Gesichter, die sich für ein Leben im Einerlei entschieden haben. Oder einfach zu faul waren wegzugehen. Sie feiern Fasching zusammen, sind alle ein wenig älter und dicker geworden. Aber sie lachen und trinken und scheinen nicht zu bereuen, dass sie nicht hunderte, gar tausende Kilometer weit weg gezogen sind, um woanders ihr Glück zu suchen. Und damit womöglich das Risiko einzugehen, gebrochen und pleite zurückzukehren.

Sie gehen geduldig ihrem 8-Stunden-Beruf im Getränkemarkt oder Altenheim nach, freuen sich über den Mc Donald’s 20 Kilometer weiter und treffen sich abends für abends in der Stammkneipe. Oder wenn es mal etwas wasted zugehen soll, dann fahren sie eben in die Großraumdisco ein paar Dörfer weiter. Wo sie dann zu David Guetta abgehen oder dem Bachelor zujubeln. Denn kennt man ja von RTL.

Manchmal vermisse ich diese Menschen. Klar, das sind genau diejenigen, die jeden Tag brav auf Facebook ihre Glücksnuss öffnen. Und uns zu solch sinnlosen Apps wie dem Geburtstags-Kalender einladen. Oder Fotos von gequälten Hundebabys posten und darunter “Wen ich den erwische schneide ich ihn den Pimel ab!!” schreiben. Wie man das halt so macht. In Bayern.

Aber dann überkommt mich doch die Nostalgie und ich denke daran zurück, wie wir uns im warmen Sommerregen mit Jägermeister betranken. Vor einer dieser Holzhütten, aus der laut Groove Coverage ertönte. Wie wir in einen Wohnwagen eingebrochen und von den Besitzern heraus geprügelt worden sind, nur um am nächsten Tag als randalierende Jugendliche in der Zeitung zu stehen. Wie Jule und ich um Mitternacht auf der kleinen Holzbank am Bach saßen und sie sich auf mich drauf kniete. Um mir Sternschnuppen zu zeigen. Und zu fummeln.

Es macht mich manchmal depressiv zu sehen, dass diese Leute nach all den Jahren noch immer befreundet sind und miteinander ihre Zeit verbringen. Oder gar ein Paar sind, verheiratet, Kinder haben. Wir waren dumme Spasten mit Scheiße im Hirn, machten Straßen, Felder, Schulen, Wälder, Seen, Wohnungen, Kneipen, Keller, Zimmer und Betten unsicher. Und sie sind immer noch zusammen. Und ich bin weg. Ganz weit weg. Um vier Uhr morgens, mit einer Flasche Wein in meiner Hand, finde ich das irgendwie traurig.

Und obwohl ich die Antworten darauf eigentlich ganz genau weiß, stelle ich mir dann selbst ein paar Fragen, bevor ich endlich unruhig einschlafe. Wäre mein Leben in der Kleinstadt so schlimm gewesen? War es das alles wert, um meine Freunde für immer aufzugeben? Was würde ich heute wohl machen, wenn ich nicht nach Berlin gegangen wäre? Pizzafahrer? Lagerfacharbeiter? Hartz-IV-Empfänger?

In irgendeinem Paralleluniversum sitze ich jetzt in meiner Kleinstadt und wundere mich, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich mich damals entschieden hätte fortzugehen. Dann schlage ich die Zeitung auf und lese vom 75. Geburtstag des Gartenvereins. Und freue mich, dass die kleinen Kinder den 3. Platz im regionalen Taekwondo-Turnier gewonnen haben. Total exotisch und so.

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24 Kommentare

  • Andreas

    “Wenn” nicht Wen ;-)

  • Gero

    Andreas,soll ich dir den Witz erklären?

  • Jessy

    Same here. Nur mit München und Berlin.

  • Chris

    Traurig, dass es so wahr ist.

  • erschreckend, das es auch für den Norden zutrifft, insbesondere das mit Facebook :)

  • Stefan

    Na da spricht mir ja einer aus der seele. nur, dass meine freund (fast) alle ebenfalls nach und nach in die hauptstadt gezogen sind. aber die fragen, kommen trotzdem irgendwann auf…egal welcher alkohol diese fragen tiefgründiger werden lässt ;)

    gruß

  • Chaosfabrik

    Und die Geschichte ist deswegen so gut, weil sich viele damit identifizieren können. Ich auch. Leben.

  • Ich bin hier geblieben. Und bin trotzdem nicht so ein Spasti wie die anderen. Vielleicht liegt’s ja nicht nur an der Umgebung, sondern auch an einem selbst, hm.

  • 1. Alles hat einen Sinn.
    2. Nächste Mal trinke ich mit dir die Weinflasche
    3. Dann erzähle ich dir mal von Schweinfurt City ;)

  • Dingsda

    Ist ja echt traurig, dass du innerhalb von fünf Jahren in Berlin keine Freunde gefunden hast. Komme ebenfalls aus einem Nest (Calau). Im Brandenburgischen. Und bin froh, von dort weg zu sein. Nicht einen Tag bereue ich. Und wenn ich mal in der alten Heimat weile, bin ich froh, dass ich nicht dort bleiben muss.

  • dasmiau

    Ich wusste gar nicht, dass du auch aus einer Kleinstadt bist. Irgendwo kann ich dich schon verstehen, wie es dir geht. Aber ich fand es in der Kleinstadt oft ätzend.

    Wenn man aufm Land Freunde haben will, muss man sich der Masse anpassen. Das bedeutet Fußball/Motorräder mögen, regelmäßige Standardbesuche bei der Dorfdisse oder in der Garage vom Kumpel, Führerschein haben, denn ohne Auto kommste nicht weit.. etc etc..
    Sicherlich gibts noch paar Dönerläden, nen Italiener oder Griechen, aber das wars dann auch. Nichts mit schnell mal zu McDoof nachts um 1 Uhr. Außer du wohnst in der Nähe von einer Autobahn oder einer großen Stadt. Vielleicht gibts auch ne Bowlingbahn mit 4 Bahnen oder ein Kino mit einem Saal. Wenn man Glück hat.
    Meine Mangas bekam ich da auch nie.. >_> Das fand ich so derbst zum Kotzen. Die bekam ich nur in Berlin (damals war das Internet noch nicht so ausgebaut mit diversen Onlineshops und einfacher Bezahlung über Paypal).

    Dagegen in Berlin hast du alles, worauf du Lust hast und kannst jederzeit in eine U-Bahn oder S-Bahn hüpfen. Shishabar, Clubs, Kneipen (Irish Pub<3), Zoo, Museen, Japanshop, demnächst sogar ein Maidcafé.. ach hier gibt es einfach alles. Auch alle möglichen Persönlichkeiten. Man kann hier wirklich tolle Freunde finden mit denen man glücklich wird. Das konnt ich in meiner Kleinstadt nicht..

    Du hast mit Berlin eine super Wahl getroffen.

  • Laura

    Du hast so Recht!
    Wobei ich (Kleinstadt-)Menschen kenne, die umgezogen sind und dann sich selbst in der Großstadt verloren haben. Von Drogen und Partys bezahlt sich das Leben nicht und daher finde ich, sollte man mal den ein oder anderen Gedanken an morgen verschwenden.. Es hört sich ja alles ganz toll an – Großstadt mit oberflächlichen, aber total coolen Partykumpeln, Drogen und kaum Schlaf, aber das macht auf Dauer nicht glücklich.. Mich jedenfalls nicht.
    Ich für meinen Teil möchte auch weg, sogar ganz weit weg, aber ich bin trotzdem dankbar, in einer Kleinstadt zwischen meiner Familie und meinen Freunden meine Wurzeln zu haben.
    Das große Abenteuer will ich auch meinen 20ern haben, aber irgendwann werde ich zurückkehren. Nicht in meine Heimat, aber in eine idyllische Kleinstadt.

  • hardy

    ich (in neukölln geboren(berlin)) hätte gar nicht gedacht, dass zugezogene so ein problem damit haben. hah! da hat man ja als haupstadtkind echt glück gehabt.

  • Ja, Ira. Wunderbare Fotos. Ich habe auch schon mal über sie geschrieben. Letztes Jahr. Im April. http://pirgofabrik.org/ira-chernova/

  • Julian

    Mit am schlimsten finde ich den abstieg aus eine Großstadt zu ziehen und rein in eine Kleinstadt…mein persönliches traumatisches erlebnis von Dortmund nach Landsberg am Lech…Hey das ist gleich neben Buchloe…^^

  • Simon

    Die Großraumdisco… das PM! Würde es nicht missen wollen.

  • tim foto

    kann man so gut Nachvollziehen.

  • Landei bzw. der Ur-Bayer :-)

    Hi Marcel, anbei einmal meine Gedanken zur Stadt und zum Land ;-) Beste Grüße – Markus!

    Auch schon einmal bewusst über die Kehrseite nachgedacht? :) Das vielleicht viele überhaupt nicht in die Stadt wollen um als “Stoderer” (Stadtmensch;-) zu leben, um sich freiwillig dem dort vorherrschenden Trubel auszusetzen? Ich mache gerade meine Fenster auf, hinter dem Haus folgt eine offene Wiese zum Wald, ja nicht einmal ein Zaun steht mir im Wege um das Waldstück zu erreichen. Das einzige was ich bei dem Sonnenschein gerade höre sind die zwitschernden Vögel und eine leichte, sanfte Brise die an mir vorbei zieht und frische Landluft in die Wohnung treibt.

    Vor mir steht gerade keine triste, eckige Hausfassade wo mir ein paar aufgehängte Schlüpfer der alten Nachbarsdame von gegenüber, Satellitenschüsseln und die Jungs dort vom Stockwerk drüber mich in meiner Wohnung beobachten. Ja, in meiner Wohnung, in meinem eigenen Reich – nicht einmal dort habe ich Ruhe wenn ich nicht gerade vor geschlossenem Vorhang sitze um dem dort farblich leicht abgesetztem, eckigem Haus den Rücken zuzuwenden.

    Ja eckig ist für mich das Wort, überhaupt ist alles eckig. Eckige Häuser, eckige Fenster, eckige Türen, ja sogar eckige Menschen. Ich komme mir schon selbst vor als ob ich ein Eck zwischen diesen ganzen anderen vielen Ecken wäre, welches mein Auge mit jeder Sekunde erfasst. Wie könnte ich mich in dieses Raster nur freiwillig einfügen. Der Geist, der Verstand, der freie Wille, das Auge, ja nicht einmal der Mensch an sich selbst hat Ecken. Der Mensch und das künstlerische Auge lieben es frei sein, bunt und willkürlich zu sein, wir lieben es etwas Neues zu sehen, etwas außergewöhnlich zu entdecken, etwas nicht alltägliches zu erleben – etwas was schon gar nicht erst von Anfang bis Ende mit Ecken zugespackt ist. Alles sieht gleich aus – alles ist eckig – ich persönlich ver(r)ecke und verstumme dort in der Stadt allmählich geistig.

    Ich denke das sich die Leute ganz bewusst für ein Leben auf dem Land entscheiden, ganz egal ob Sie dort schon immer lebten oder sich in Zukunft wieder dafür entscheiden möchten auf dem Land zu leben. Ich bin, wie Ihr wahrscheinlich schon vermutet selbst aus dem tiefsten südostbayrischen Raum und wohne hier schon mein ganzes Leben. Habe dennoch einen großen Arbeitgeber, betrieblichen Rentenzuschuss und Möglichkeiten mich intern weiterzuentwickeln.. Etc. etc.. Meine Freunde sind seit unseren ersten gemeinsamen Sandkastenaktionen mein täglich Brot. Wir hatten früher „Lager“ am heimischen Hof gebaut und fahren ab dem 01.04. wieder gemeinsam mit unserem Campingbus raus in die Freiheit.

    Von den frischen blühenden Wiesen im Frühling, den Wäldern, dem halben Meter Schnee im Winter, den Bergen, den Skigebieten, den Langlaufstrecken, den Seen, den Radwegen, dem Bergwandern im Sommer oder geschweige denn der Alm die seit 100 Jahren in Familienbesitz von meinem ältesten Freund ist fang ich nun gar nicht erst an. Die Freiheit sich einfach einmal in jeglicher Form auch immer vor die Tür zu begeben und niemanden sehen und hören zu müssen ist für mich einfach das größte Lebensgefühl und ist mir mehr wert als jegliche U-bahn Verbindung um toll auszugehen, Abwechslung, Perspektive oder geschweige denn das Geld! All das ist mit Geld nicht zu bezahlen und genau diese Lebensqualität setzt sich bei mir vor all das, was die Stadt für mich an Unmengen von Überdruss und Überfluss bereithält. Das ist Konsum, Lärm und ein eckiges Ich!
    Ich seh nix, ich hör nix, und wollen bzw. brauchen tu ich von der Stadt schon überhaupt nix.!

  • Christian

    Danke für den Artikel.

    Kam vom Dorf, ging in die Stadt. Bin auf dem Dorf mittlerweile ein Alien. Ich kann es verstehen, wenn ich die in Lethargie verfallenen Dorfnasen sehe. Trotzdem habe ich langsam das Gefühl, dass die Dorfnasen glücklicher sind. Ich kann mich über beruflichen und finanziellen Erfolg wirklich nicht beschweren, fühle mich aber in vielen Bereichen eiskalt abgehängt. Bereiche. Direkt der Zeit in Geist und Körper erwachen…

    Der Point of no return ist leider schon überschritten.

  • veronika

    …da stößt man auf eine coole website und denkt sich: “WOW, was für ein abhegfahrenes Leben die Autoren doch führen”, und dann ist der Autor doch tatsächlich im gleichen konservativen Kuhkaff aufgewachsen wie man selber. Mit dem einzigen Unterschied: Er hat den Absprung schon geschafft, ich selber habe den noch vor mir. Dieses Jahr Abi, endlich weg von dem wohl sprödesten Gymnasium, raus aus Buchloe, ab in die große weite Welt!

    Obwohl ich sagen muss, dass ich froh bin auf n Land aufgewachsen zu sein und schließlich muss man auch hier nicht auf “sex, drugs and rock’n’roll” verzichten. Ach ja und zum McDonalds sinds jetzt nur noch 10 km, weil se einen in Türkheim gebaut haben.

ASOS