Istanbul Fashion Week - Das stilvolle Chaos

Die Istanbul Fashion Week hat vergangene Woche zum siebten Mal stattgefunden und da ich zufälligerweise zu genau dieser Zeit in der Stadt war, wollte ich natürlich einmal hautnah miterleben, wie…
Istanbul Fashion Week

Das stilvolle Chaos

Die Istanbul Fashion Week hat vergangene Woche zum siebten Mal stattgefunden und da ich zufälligerweise zu genau dieser Zeit in der Stadt war, wollte ich natürlich einmal hautnah miterleben, wie die Türken die Mode empfinden, für sich neu entwerfen, sie präsentieren und sich einkleiden. Ganz besonders war ich neben dem Stil auf die Organisation und den Umgang der Menschen gespannt.

Es ist ziemlich einfach, in die Shows da drüben zu kommen. Auch ohne Einladung. Ich musste den Leuten am Schalter nur sagen, dass ich für ein deutsches Online-Magazin schreibe. Sie sprachen sich kurz ab, verlangen von mir die Internetadresse und gaben mir einen gültigen Presseausweis. Da in Istanbul kaum internationale Medien vertreten sind, heißt man Journalisten aus dem Ausland herzlich willkommen.

Die erste Schau, die ich mir ansah, war die von Berinza. Nach einer halben Stunde Verspätung konnte ich mich trotz einzelner Personen, die während dem Spektakel zwischen erster Reihe und Podium hin- und herliefen, auf die Kollektion besinnen. Pelz, Leder, Leopardenmuster in allen Farben und Kreationen. Was für den Deutschen als stillos empfunden wird, trifft vollkommen den Geschmack der Damen in der ersten Reihe, die in genau dem gleichen Stil von Kopf bis Fuß gekleidet waren. Die Herstellung der Teile dieser Kollektion ist nicht nur günstiger als im Ausland, sie findet auch viele Abnehmer. In der Türkei zeigt man gerne, was man besitzt. So geht es auch den unzähligen Gattinnen großer Unternehmer.

Doch der ausgebreitete Stil der Türken besteht nicht nur aus Pelz und Leder. Die türkische Frau mag es elegant und feminin, wie es der türkische Mann elegant und maskulin mag. Homo- und Transsexualität sind gerade in Istanbul stark verbreitet, doch die Rollenverteilungen in der breiten Masse bestehen noch sehr stark im klassischen Sinn. Die Erwartungen an das jeweilige Geschlecht sind stark manifestiert, sodass eine Androgynie und die Unabhängigkeit vom anderen Geschlecht kaum interveniert ist. Betrachtet werden muss dies jedoch auch jenseits der Kopftuchkultur. Die Rede ist von modernen Frauen, ob in Istanbul oder einer Stadt in Anatolien, die gerne weiblich sind.

Das spiegelt sich auch im Stil der Designer wieder. Ob Tuvana Büyükçınar, Gamze Saraçoǧlu oder eine der anderen vielen weiblichen Designerinnen. Gezeigt wurden viele Roben, körperbetonte Röcke und Hosen, romantisch, im barocken Stil. Die Farben der Unschuld, der Verführung und gleichzeitig der türkischen Flagge sind omnipräsent, genauso sehr wie die Farbe schwarz, die aber gerne mit auffälligen Schnitten und Farben kombiniert wird.

Als Highlights der Woche galten für die Besucher Elizabeth Jagger und Jermaine, der Bruder Michael Jacksons, die für den türkischen Stardesigner Atil Kutoglu, der seine Kollektionen auch in New York zeigt und aus “Austria’s Next Topmodel” bekannt ist, liefen. Adil Işık und Cengiz Abazoǧlu bestellten sich das wunderschöne Victoria’s-Secret Model Ana Beatriz Barros nach Istanbul, um ihre Kollektion mit den drei von ihr vorgeführten extravaganten kurzen Kleidern im Stil der amerikanischen Unterwäschefirma aufzuwerten.

Niyazi Erdoǧan zeigte seine Männerkollektion in Form einer lässigen und zugänglichen Installation im W Hotel in einer privaten Suite mit ausgewählten Gästen. Die renommierte Designerin Simay Bülbül widmete ihre Kollektion der am 28. Januar verstorbenen ersten türkischen Miss World Halis Keriman Ece, die durch ihren Stil und ihrer Eleganz der 20er der Türkei lange in Erinnerung bleiben wird. Studio Kaprol, eine Initiative von Coca-Cola und der international anerkannten Arzu Kaprol, zeigte die Kreationen dreier Jungdesigner, die mit Strick und Stoffhosen für den Mann im europäischen Stil und futuristischen Kleidern mit Zierauschnitten in Silberschwarz aus Seide sehr positiv aufgenommen wurden.

Für Empörung hingegen sorgte die Organisation. Es wurden viel zu viele Menschen in die Shows gestopft. Personen ohne Einladung drängelten nach vorne, manche gaben sich als Presse aus und nahmen in der ersten Reihe Platz, obwohl sie immer wieder von dort weg gewiesen wurden. Als in der ersten Reihe dann auch noch ein millionenschwerer Unternehmer und Architekt mit seiner Tochter eingequetscht neben Türkeis bekanntesten Seriendarstellern und Vogue-Redakteuren saß, entschied man sich spontan für Stühle zwischen Podium und erster Reihe.

Die Leute wurden dann auch noch vor die Modejournalisten gesetzt, worauf diese sauer den Raum verließen und später mit den Worten „Ist das hier eine Show oder ein Picknick?“ auf Twitter kommentierten, wie die Milliyet berichtet. “Das hier ist die Türkei” schreibt Çağdaş Ertuna in ihrer Kolumne. Das heißt also auch, dass man hier auf Professionalität nicht viel gibt, stattdessen aber auf finanzielle Macht und PR.

Die Fotografen hingegen haben sehr viel Spaß bei ihrer Arbeit, ließen sich sogar zusammen millionenfach fotografieren, kommentieren auch gerne mal das Aussehen der Models. Als ich bei Ana Beatriz Barros zwischen den ganzen männlichen Fotografen saß, wurde man sehr laut. Die Istanbul Fashion Week hat noch einen langen Weg vor sich. Denn es verläuft alles emotional statt professionell, die orientalische Pünktlichkeit wird ihnen zum Verhängnis, die Unfähigkeit korrekt Englisch zu sprechen ebenfalls, genauso sehr wie Models, die nicht laufen können.

In der Türkei selbst schenkt man der Fashion Week hohe Beachtung, sowohl intern als auch extern. In der Presselounge gibt es warme Küche und extra Getränke für die Vertreter, im Zelt selbst sind alle wichtigen Fernsehsender von CNN Turk bis ShowTV vertreten. Nur im Ausland schert man sich so ziemlich gar nicht darum. Während anerkannte Designer türkischer Herkunft wie Hakan Yildirim, Hussein Chalayan, Erdem, Dice Kayek und Arzu Kaprol auch außerhalb ihrer Heimatnation große Beachtung genießen, werden den jungen Kreativen im eigenen Land diese Eskapaden leider zum Verhängnis und zum Problem, die eigene Arbeit überhaupt wahrnehmen zu lassen.

Strellson

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7 Kommentare

  • Alexander

    Und wann schickt ihr mich mal, natürlich auf LSD, auf die Fashion Week?

  • DIVA

    Liebe Meltem,

    falls du bald mal wieder nach Istanbul kommen solltest dann lass es mich wissen – Istanbul ist eine Metropole und sie wird meiner Meinung nach die Weltstadt der Zukunft sein….hier gibt es so vieles wovon die Europäer nur träumen können :)

  • Dänischer Mode Fan

    Ja, Fashion Weeks all around. Und ich muss sagen, die türkischen Kollektionen für die nächste Saison und auch die Kleidung auf den anderen Shots sehen farbenprächtiger aus, als die auf der Kopenhagener Fashion Week letzte Woche….

  • Heinz

    Das geht da ja scheinbar alles ein wenig chaotischer ab, als hier in Europa ;-). Aber ich finde es eigentlich gar nicht so schlecht, so sind die Menschen dort scheinbar bei weitem nicht so verklemmt.

  • korhan kurt

    Meltem, twitter hesabın var mı?

  • Toprak trifft für die Türkei

    […] InspirationDeniz Toprak vs Aram M. Ali Toprak: Generalsekretär der Aleviten In Blogs gefunden: Istanbul Fashion Week » Das stilvolle Chaos » Mode » AMY&PINKDie Istanbul Fashion Week hat vergangene Woche zum siebten Mal stattgefunden und da ich […]

  • Berna

    ich liebe Istanbul, komme selber aus der Stadt. Niemand kann mich aus dieser Stadt wieder raus holen. Die Klamotten hier sind der warn sinn… die Menschen nicht verklemmt, immer direkt, sehr offen herzig, abenteuer lustig. ALLE ARTEN VON MENSCHEN GIBT ES HIER…das nenne ich eine fashion week wo jeder herzlich eingeladen ist :D

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